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StartseiteBüchermarktPure Lust13.02.2007

Pure Lust

André Gides "Ringeltaube"

Gide war nicht prüde. Aber einen Satz wie diesen "Oh ja, wir werden uns einen blasen!" wird man in seinem zu Lebzeiten veröffentlichten Werk an anderer Stelle vergeblich suchen.

Ein Beitrag von Alain Claude Sulzer

Kirchturm mit Tauben (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Kirchturm mit Tauben (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

Dazu kommt es allerdings nicht, da Gide, wie er schreibt, nicht sehr lasterhaft ist und es ihm widerstrebt, durch irgendeinen häßlichen Exzeß die Erinnerung zu verderben, die uns beiden von dieser Nacht bleiben würde. Er mag zwar nicht lasterhaft sein, ist aber doch abgebrüht genug, schwarz auf weiß zu benennen, wozu er sich nicht hingeben wird. Es ist kein geringer Trick, entrüstet zu tun, und es doch in die Welt zu posaunen.

Erinnerungen an Liebesnächte waren Gide ebenso wichtig wie die Nächte selbst. Gern spann er in Gedanken weiter, was womöglich gar nicht gewesen war, was er aber gern gehabt hätte. Mit dem 17-jährigen Ferdinand, erging es Gide, der glaubte, er sei 15 Jahre alt, vermutlich ähnlich wie mit dem jungen Mohammed, seinem Liebhaber in Algier. Über ihn schreibt er in "Stirb und werde":

Noch lange, nachdem er mich allein gelassen hatte, blieb ich in einem Zustand bebender Glückseligkeit, und obwohl ich an seiner Seite bereits fünfmal den Gipfel der Lust erreicht hatte, erneuerte ich meine Extase wieder und wieder und verlängerte, ins Hotelzimmer zurückgekehrt, ihre Nachklänge bis zum Morgen.

Ähnlich erging es ihm im Juli 1907, als er sich ein paar Tage bei seinem Freund Eugène Rouard auf dem Land aufhielt. Es waren wunderbare Tage. Sie muten in seiner unvollendeten Erzählung, die 2002 wiederentdeckt wurde, wie die Wiederkunft eines goldenen Zeitalters an: Die unverbrauchte Landjugend lässt ihre Heugabeln fallen und wirft sich Gide mit der größten Selbstverständlichkeit an die Brust.

Wo gibt es denn so was? In der Literatur oder in einer gut organisierten heimlichen Welt. In der Literatur immer dann, wenn man es sich wünscht, im Leben also nur dann, wenn man nachhilft. Und genau das tat Eugène Rouard für seinen älteren Freund André Gide, beide homosexuell zu einer Zeit, als Homosexualität noch strafbare Unzucht war.

Rouard arrangierte alles, und Gide sah keinen Grund, dies zu verschweigen. Das macht diese Erzählung so modern, das unterscheidet sie von den anonym veröffentlichten pornografischen Ergüssen seiner Zeitgenossen. Gide verschweigt nicht, dass diese schönen Sommertage, in deren Mittelpunkt lüsterne Knaben einen Knabenliebhaber umringen, ein wohldurchdachtes, gestelltes Genrebild sind. Nichts spricht dafür, dass diese Knaben Stricher sind, obwohl sich diese Bauernbuschen und Doktorssöhne gerade so gebärden. Gewisse, wie etwa Raymond, der um Gide herumstreicht und von ebenmäßiger Schönheit ist, lassen ihn kalt; andere nicht; etwa Baptiste, erst recht natürlich Ferdinand, der, wenn man ihn küßt, zu gurren beginnt wie eine Ringeltaube. Der sonderbare Laut gab der Erzählung den Titel.

Sie alle sind dazu abgestellt, Gide zu verwöhnen; Rouard ist der Leporello jenes Don Juan, der seine fromme Donna Elvira in Gestalt der frustrierten Kusine Madeleine längst zum Traualter geführt hat; von keiner Seite droht Gide auch nur die geringste Gefahr, weder von der guten Gesellschaft noch von der besten aller Ehefrauen, der stillen Dulderin. Komfortabler könnte seine Situation nicht sein.

Offenbar ist es der jüngere Rouard dem älteren Gide schuldig, ihn zu verwöhnen; er hat die Knaben zur Hand, die diesen stimulieren und befriedigen sollen. Wenn es hier eine Qual gibt, dann ist es bestenfalls die der Wahl. Gide, der Anspruchsvolle (sie dürfen vor allem nicht zu alt sein), muss nicht überlegen, obwohl er zunächst mit mehreren gleichzeitig kokettiert. Bald am Arm des einen, bald des anderen; im Schutz der Menge - also nicht im Schutz der Klandestinität - wagt er immer mehr. Und da wir uns im Schlaraffenland der schwulen Fantasien befinden, dort also, wo alle Männer im Grunde nur Männer begehren, scheinen die Knaben alles, was er wagt, längst zu erwarten, so bereitwillig gaben sie sich zu dem her, was schon mehr als Kühnheit war.

Dies Mehr an Kühnheit ist nur deshalb möglich, weil wir uns hier - bei aller Lockerheit - inmitten eines abgekarteten Spiels bewegen. Die Jungs gehören ausnahmslos zu Rouards "Herde", wie es wortwörtlich heißt. Wobei völlig unklar ist, wie denn die Eltern dieser Herde dazu stehen ,dass ihre Kinder verkuppelt werden. Es ist wohl keine besonders böswillige Unterstellung, wenn man davon ausgeht, dass Rouard sie dafür bezahlte, schwuler zu tun, als sie wohl waren. Jedenfalls hat, so Gide, Rouard in den vergangenen Tagen sein bestes getan, um mir zu meiner Lust zu verhelfen.

Spätestens bei diesem Satz erhält man vielleicht eine Antwort auf die Frage, warum Gide das Projekt Ringeltaube nicht weiterverfolgt hat. Hier wird nicht zuletzt auch gezeigt, wie die Erfüllung von André Gides Lust organisiert wird. Nichts hätte damals einen größeren Eindruck von Unmoral hinterlassen als dieses Eingeständnis, wenn es denn publiziert worden wäre - das Eingeständnis, dass die Verwirklichung der homosexuellen Lust eigenen Gesetzen folgen muss, wenn sie sich nicht dem Geschwätz und der Verfolgung ausliefern will.

Wie auch immer: Weiter entfernt kann man von der ehelichen Liebe, wie Gide sie praktizierte, indem er sie nicht praktizierte, nicht sein. Aber eben auch nicht näher an der puren Lust, nach der es ihn ständig verlangte, die er allerdings nie mit der wahren Liebe in Einklang zu bringen vermochte. Liebe ist das eine, Lust das andere, es führt keine Brücke hin und zurück.

Auch wenn ihm längst klar ist, wen er will, schnappt er sich zuerst noch den kleinen Lazare, die Nummer 5 im Bund der Jungs, auf einer Gartenbank

hingestreckt wie zur Siesta, aber sein Blick begehrlich, lüstern und verschlagen, drei Tage musste ich ihm hinterherlaufen. Was hätte ich nicht alles zu sagen über diesen Nichtnutz!

Er hätte es gewiss gesagt, hätte er sich dazu entschlossen, "Die Ringeltaube" zu Ende zu schreiben. Vielleicht wäre das das Buch geworden, in dem Homosexualität nicht nur Gegenstand der Auseinandersetzung mit einer zu verteidigenden Sache und ein paar konkreten Highlights gewesen wäre, sondern ein genuiner Werk, das von nichts anderem gehandelt hätte, als von der sexuellen Ausrichtung Gides, die ohnehin sein Lebensthema war.

In greifbarer Nähe des one night stands mit Ferdinand, verspürt er nur noch Freude, Trunkenheit, Begierde und Poesie. Gesteigert wird all dies angesichts der außerordentlichen Unschuld Ferdinands, die er vor mir zu verbergen suchte.

Was bleibt nach dieser Nacht? Auch diesmal, wie immer bei Gide, jedenfalls kein schaler Nachgeschmack, sondern Freude allein beim Gedanken daran. Gelebt ist gelebt, aber nicht unbedingt vorbei. Von Schuldgefühlen wird Gide nicht geplagt, er ist kein Katholik.

Ferdinand, der später auch der Liebhaber Rouards wurde, wenn er es nicht schon vorher gewesen war, starb 1910 20-jährig an derselben Krankheit, an der einst auch der junge Gide gelitten hatte und an der auch die Protagonistin im "Immoraliste" zugrunde ging: an Tuberkulose. Mit Rouard verband ihn auch weiterhin eine intensive Freundschaft, in deren Verlauf man auch immer wieder auf die "Ringeltaube" zu sprechen kam, über die übrigens auch Rouard ein Buch zu schreiben gedachte. Man sieht: man braucht kein polnischer Adelsspross zu sein, um die Fantasie gestandener Männer zum Blühen und Glühen zu bringen.

Noch eines am Rande: Wer diese Geschichte heute erzählen würde, hätte gewiss mit dem Vorwurf zu rechnen, klammheimlich der Pädophilie Vorschub zu leisten. Ginge man allerdings wie Gide vor, indem man einen tatsächlich 17-jährigen lediglich für 15-jährig hält, wäre man noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.

Wer heute - wohl mit anderen Mitteln - dieselbe Geschichte noch einmal erzählte, müßte damit rechnen, der Propagierung von Pädophilie Vorschub zu leisten.

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