• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 19:00 Uhr Nachrichten
StartseiteThemen der WochePutin und der Patriarch – eine unheilige Allianz04.08.2012

Putin und der Patriarch – eine unheilige Allianz

Prozess gegen Pussy Riot

Patriarch Kirill hatte am Dienstag einen schönen Termin. Bei strahlendem Sonnenschein weihte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau den Grundstein einer neuen Kathedrale. Nicht irgendeiner Kathedrale.

Von Gesine Dornbluth

Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) kurz vor dem Prozessauftakt in Moskau (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) kurz vor dem Prozessauftakt in Moskau (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Das Gotteshaus entsteht neben der Akademie des FSB, des russischen Inlandsgeheimdienstes, auf Initiative der Generäle und Studenten. Ranghöchste Geheimdienstler wohnten dem Festakt bei. Die Rede hielt Generaloberst Ostrouchov – sein Name bedeutet so etwas wie "der mit den gespitzten Ohren".

Und was Ostrouchow sagte, ließ aufhorchen: Die Geheimdienstler seien beunruhigt über die "immer raffinierteren" Angriffe auf die christliche Lebensart. Diesen gefährlichen Bedrohungen könne man nur gemeinsam widerstehen.

Nun ist die Allianz zwischen Kirche und Geheimdienst, einstmals KGB, so alt wie die Sowjetunion. Das unheilige Ergebnis dieses Bündnisses können wir derzeit im Chamowniki-Gericht betrachten.

Seit Anfang der Woche sitzen dort die drei jungen Frauen der Punk-Band Pussy Riot auf der Anklagebank, in einem Kasten hinter Plexiglas, bewacht wie Schwerverbrecher. Im Februar hatten sie mit einem Punk-Gebet in einer zentralen Kathedrale gegen eben diese Verbindung von Kirche und Staat protestiert. Ihr Anliegen war berechtigt, denn offiziell ist Russland ein säkularer Staat. Noch mal zur Erinnerung: Es war Wahlkampf, und Patriarch Kirill hatte den Ex-Geheimdienstchef Wladimir Putin als "Geschenk Gottes" gepriesen. "Mutter Gottes, schaff Putin fort", plärrten die Frauen dagegen. Sie trafen ins Schwarze.

Die Art und Weise, wie das System auf die Provokation reagiert, zeigt die ganze Skrupellosigkeit eines Staates, der sich von seiner unrühmlichen Geheimdienstvergangenheit nie distanziert hat. Ein knappes Dutzend Kirchenangestellte treten als Geschädigte auf. Sie sind offensichtlich instruiert worden. Staatsanwalt und Nebenkläger zitieren statt juristischer Paragrafen Auszüge aus mittelalterlichen theologischen Texten. Die Richterin polemisiert gegen die Angeklagten und ignoriert fast alle Anträge der Verteidigung.

Am Chamowniki-Gericht erleben wir einen Schauprozess.

Und kaum jemand zweifelt daran, dass Präsident Wladimir Putin dahinter steht. Offenbar erträgt er Kritik immer schwerer. Und die russisch-orthodoxe Kirche setzt seit jeher auf Gehorsam und Obrigkeitsgläubigkeit.

Die Kirche und der Kreml, Putin und der Patriarch – sie bilden eine unheilige Allianz. Das Christentum predigt Barmherzigkeit. Der Prozess gegen Pussy Riot ist das Gegenteil. Er schreit zum Himmel. Nicht, dass jemand ernsthaft an eine unabhängige Justiz unter Putin geglaubt hätte. Aber seit dieser Woche ist klar: Die Mächtigen in Russland bemühen sich nicht mal mehr, den Anschein eines Rechtsstaates zu wahren.

Anzeichen für diese Verschärfung hatte es seit dem Frühjahr gegeben. Systematisch werden all jene kaltgestellt, die öffentlichkeitswirksam gegen die Regierung aufbegehren.

So traf es in dieser Woche den populären Blogger und Putin-Kritiker Alexej Navalnyj. Vor drei Jahren soll er einen Forstbetrieb im Gebiet Kirow falsch beraten und ihm damit einen besonders großen Schaden im Wert von umgerechnet 400.000 Euro zugefügt haben. Ein Gericht hatte Navalnyj in der Angelegenheit bereits für unschuldig erklärt. Jetzt kramten Ermittler die Akte wieder hervor. Im Fall einer Verurteilung drohen Navalnyj zehn Jahre Haft.

Aber die Justiz geht nicht nur gegen Prominente vor. Etwa ein Dutzend bis dahin weitgehend unbekannte Teilnehmer einer Protestkundgebung am 6. Mai sitzen derzeit hinter Gittern. Die Botschaft ist klar: Niemand, der Putin kritisiert, kann sich sicher sein.

Zurück zu Pussy Riot. Putin hat sich am Donnerstag in London für eine milde Strafe für die Frauen ausgesprochen. Sie hätten ihre Lektion bereits gelernt. Das ist zynisch. Nadjeschda Tolokonnikow, Maria Aljochina und Ekaterina Samuzewitsch sitzen bereits fünf Monate in Untersuchungshaft, obwohl sie kein Verbrechen begangen haben. Das wird vermutlich niemand wieder gutmachen können. Doch ihnen bleibt ein Triumph: Durch den kafkaesken Prozess versteht auch der Letzte, wie eng Kirche und Kreml in Russland wirklich zusammenstehen. Die Botschaft von Pussy Riot kommt an. Und zieht viel weitere Kreise, als die Frauen ursprünglich gehofft haben dürften.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk