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Putins Nachhutgefechte

Wie Moskau den 200. Jahrestag der Schlacht von Borodino instrumentalisiert

Von Gesine Dornblüth

Schon im Wahlkampf verwies Putin im Februar auf die Schlacht von Borodino.
Schon im Wahlkampf verwies Putin im Februar auf die Schlacht von Borodino. (picture alliance / dpa / Vladimir Rodionov)

Vor den Toren Moskaus tobte die blutigste Schlacht von Napoleons Russland-Feldzug. Seine Armee, die zunächst zügig nach Osten vorgedrungen war, stieß hier auf erbitterten Widerstand. Russland hält das Gedenken an Borodino seit Jahren hoch - zum 200. Jahrestag mit besonderem Pomp, denn es fügt sich ideal in Putins aktuelle Außenpolitik.

Borodino am vergangenen Sonntag. Tausende Darsteller spielen die Schlacht zwischen der russischen und der französischen Armee nach. Kanonen, Pferde, Fahnen. Rauchschwaden ziehen über das Feld. Bis zu 300.000 Schaulustige sahen sich das Spektakel an. Auch Präsident Wladimir Putin.

"Diese Schlacht hat den Kriegsverlauf verändert und eine moralische Wende gebracht. In Borodino wurde der Krieg ein wahrhafter Volkskrieg. Nur Tote standen nicht wieder auf. Hier wurde klar, dass die Besatzer die Russen nicht besiegen konnten."

Siegen und Unbesiegbarkeit – immer wieder sind diese Worte in Putins Reden zu hören. Bereits im Wahlkampf war das so. Vor Zigtausenden Anhängern verwies Putin im Februar auf die Schlacht von Borodino, und er zitierte den russischen Dichter Lermontow, der dem Gemetzel einst ein Gedicht widmete:

"Wir kennen sie seit unserer Kindheit: Die Helden Lermontows, die vor der Schlacht um Moskau dem Vaterland die Treue schworen und davon träumten, für das Vaterland zu sterben. Die Schlacht um Russland setzt sich fort. Der Sieg ist unser!"

Zuvor hatte Putin den äußeren Feind beschworen: Westliche Mächte wollten Russland von innen zerstören – doch Russland sei ein, so wörtlich, Siegervolk und werde sich nichts aufzwingen lassen, wenn es nur geeint sei, wie einst auf dem Schlachtfeld von Borodino. Putin wurde bekanntlich gewählt, doch die Siegerrhetorik kommt bei der Bevölkerung unterschiedlich an.

Der Kutuzow-Prospekt, benannt nach dem russischen General, der die Schlacht von Borodino vor zweihundert Jahren befehligte. Gerade rauscht Putin mit seiner Eskorte vorbei. Am Kutuzow-Prospekt steht das Panorama von Borodino, eine riesige Leinwand mit dem Schlachtgetümmel. Der Unternehmer Eldar Buzykajew wartet mit seinem Sohn auf den Einlass:

"Jetzt ist doch eine Zeit, in der die Völker sich vereinigen.
Ich denke, unser Land sollte lieber nach allgemein menschlichen Idealen streben. Dass Putin vom Sieg spricht, zeigt, dass in unserer Generation bestimmte Stereotypen herrschen. Es gibt so viele Probleme auf dieser Welt: Den Hunger in Afrika, die Diktatur in Nordkorea. Wir sollten gemeinsam für das Wohl aller Völker arbeiten."

Auch Buzykajew findet die Schlacht von Borodino wichtig, aber nicht wegen des Sieges, sondern wegen der Überlegtheit des russischen Generals.

"Ich habe vier Kinder, und ich nenne ihnen die Schlacht manchmal als Beispiel: Der Klügere gibt nach. In Borodino sind zwei gleich starke Gegner aufeinander getroffen. Feldmarschall Kutuzow traf die schwere Entscheidung zum Rückzug. Und er gewann. Wenn er anders entschieden hätte, hätte er die Armee und das Ganze Land aufs Spiel gesetzt."

Das staatlich kontrollierte Fernsehen ordnet die Schlacht allerdings anders ein. Ein Kommentator während der Liveübertragung der historischen Rekonstruktion:

"Die Geschichtsschreibung hat dem russischen Soldaten nicht immer genügend Ehre erwiesen. Im Westen hieß es sogar, der russische Soldat sei unfähig zur Initiative. Diese russophobe Sichtweise überwiegt auch heute noch."

Russland sucht nach einer nationalen Idee, nach einem Zusammenhalt – und nach Anerkennung in der Welt. Da kommt Borodino gerade recht. Nikolaj Gubenko ist Mitglied der Kommunistischen Partei, stellvertretender Vorsitzender des Moskauer Stadtparlaments und hat die Feierlichkeiten in Borodino mit vorbereitet. Er wird pathetisch, wenn er über die Ereignisse vor 200 Jahren spricht.

"Die Schlacht von Borodino hat den Lebenssinn der russischen Nation ans Tageslicht gebracht: Sie war dazu berufen, Europa Freiheit, Ehre und Frieden zu schenken. Russland hat Europa zwei Mal verteidigt: 1812 und 1941 bis 45. Aber das gerät heute in Vergessenheit. Die Schlacht von Borodino gehört in die Schulbücher der ersten Klasse!"

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