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StartseiteHintergrundPutins Prestigeobjekt am Pranger17.11.2013

Putins Prestigeobjekt am Pranger

Kritik an Olympischen Winterspiele in Sotschi wird lauter

Die Vergabe der Olympischen Spiele 2014 nach Sotschi hatte in Russland für Jubel gesorgt. Doch Euphorie und Vorfreude sind mittlerweile verflogen - durch Fehlplanung, Behördenwillkür und mitunter kriminelles Vorgehen sind Mensch und Natur auf der Strecke geblieben.

Von Stephan Laack

Ein Blick auf den Olympischen Park in Sotschi (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexander Vilf)
Ein Blick auf den Olympischen Park in Sotschi (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexander Vilf)

Es war der 04. Juli 2007, als Tausende Bürger von Sotschi beim Public Viewing gebannt der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees entgegenfieberten.

"The international Olympic Comitee has the honour announcing that the 22nd Olympic Winter Games in 2014 are awarded to the city of Sochi."

Der Jubel in Russland war riesengroß. Sotschi hatte sich in einem engen Rennen gegen die Mitbewerber aus dem österreichischen Salzburg und dem südkoreanischen Pyeongchang durchgesetzt. Zum zweiten Mal nach den Olympischen Sommerspielen in Moskau 1980 werden Olympische Spiele in Russland ausgetragen. "Und wieder Mal Russland" heißt der Song von Anna Sulizina und Baleria, mit der Euphorie und Vorfreude auf das Riesenevent verbreitet werden soll.

Für die Olympischen Winterspiele in Sotschi mussten sämtliche Sportstätten neu gebaut werden. Dazu Hotels, Unterkünfte für die Athleten, Pressezentren, sogar eigene Kraftwerke für die Stromversorgung. Eine Herkulesaufgabe war auch der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Die Stadt Sotschi umfasst mehrere Orte auf einer Länge von fast 150 Kilometern. Es entstanden zwei Sportareale – eines direkt am Meer mit mehreren Stadien für die Eislaufwettbewerbe und von dort rund 40 Kilometer entfernt dann die Sportstätten in den Bergen, wo etwa die Skiwettkämpfe ausgetragen werden. Beide sogenannten Cluster sind durch eine neue Autobahn und Eisenbahnstrecke miteinander verbunden worden. Mit über 38 Milliarden Euro sind die Spiele in Sotschi teurer als alle bisherigen Winterspiele zusammengenommen.

Von Anfang an gehörte der Bürgermeister von Sotschi, Anatolij Pachomow, zu den größten Verfechtern der Winterspiele in seiner Stadt. Immer wieder versprach er seinen Bürgern eine glänzende Zukunft – Olympia in Sotschi sei ein wichtiger Impuls für die Entwicklung der Schwarzmeerstadt:

"Ein Kurort, eine Stadt, die vom Tourismus lebt, kann sich nur dann gut entwickeln, wenn große Ereignisse in der Stadt passieren. Was kann heutzutage Touristen anlocken? Große Events! Zuerst kommen die Olympischen Spiele, dann die Formel 1, danach die Fußball-WM, dann Gipfel und Konferenzen. Das sind all die Dinge, die einen wichtigen Impuls für die wirtschaftliche Entwicklung geben, die unsere Hotels bis zum Rand füllen werden, die Arbeit für Cafés, Restaurants und unser Verkehrssystem bescheren, die unseren Geschäftsleuten und Bürgern die Möglichkeit geben, gut zu verdienen und ihre Familien zu versorgen."

Umweltschäden, Baustellen, explodierende Immobilienpreise

Doch schon lange regt sich Unmut unter den Bürgern von Sotschi. Viele sind nicht mehr bereit, den Versprechungen einer goldenen Zukunft zu glauben. Sie sehen vor allem die unmittelbaren Folgen: explodierende Immobilienpreise, Umweltschäden, Baustellen, die schon seit Jahren Lärm und Dreck verursachen.

Auf einer Bürgerversammlung in der Stadtverwaltung entlädt sich der Zorn der dort anwesenden Bewohner. Für die Vertreter der Administration hagelt es Hohn und Spott. Mit einem bitterbösen Dauerklatschen quittieren die Bürger Pläne der Verwaltung, wonach in Sotschi weiteren Naturschutzgebieten - darunter auch das berühmte Dendrarium, ein alter Baumpark - der Status entzogen werden soll. Sie befürchten, dass dies nur geschehe, um die einstigen Schutzgebiete nun für die Bebauung freizugeben. Auf die drängenden Fragen der Bürger haben die Vertreter der Stadt keine Antwort – sie sind völlig unvorbereitet zu der Veranstaltung gekommen, auf der eigentlich darüber informiert werden soll, wie es mit den Landschaftsschutzgebieten weitergehen soll. Die gezielte Desinformation der Bürger und Behördenwillkür habe schon im Vorfeld der Vergabe der Winterspiele an Sotschi zugenommen, erzählt der Umweltaktivist Walerij Sutschkow, der ebenfalls an der Anhörung teilnimmt:

"Bereits im Jahr 2006, noch vor der Olympia-Entscheidung, als bekannt wurde, dass die Sportstätten direkt im Nationalpark gebaut werden sollen, kam die Frage auf, wie der Schutzstatus dieser Flächen bestehen bleiben kann. Unsere Umweltschützer kämpften sehr hart dafür und gewannen sogar einen Prozess vor Gericht in erster Instanz in Maikop. Trotzdem wurde der Status Nationalpark entzogen. Die Flächen standen nicht mehr unter Schutz. Sie werden nun genutzt, um dort künftig Sportwettbewerbe zu veranstalten, was absolut unzulässig ist! Die Olympischen Spiele waren also die Ursache, dass große Flächen in der Sotschi-Region, Hunderte von Hektar, ihren Status, wonach sie unter besonderem Schutz standen, verloren haben. Das ist natürlich eine reale Folge der Spiele."

Rund 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt der Ortsteil Adler direkt am Meer. Rostige Metallgitter sperren den Zugang zum einst beliebten Kieselstrand ab. Hier auf dem Gebiet der Imeretinskaja Bucht ist eines von zwei olympischen Sportarealen entstanden. Zutritt für Unbefugte verboten. Der Olympiapark mit den Stadien für die Eiswettbewerbe wurde auf einem Sumpfgebiet errichtet; früher war dies ein Biotop für seltene Amphibien und ein Rückzugsgebiet für Zugvögel. Gleich daran angrenzend befindet sich das, was von der Siedlung der Imeretinskaja Bucht übrig geblieben ist.

Die Straßen sind mit tiefen Schlaglöchern übersät. Nur langsam kommen Ladas, Kleinbusse und Lastwagen voran. Von der früheren Beschaulichkeit der kleinen Ortschaft, die sich nun im Schatten des hypermodernen Olympiaparks befindet, ist nicht mehr viel geblieben. An allen Ecken und Enden wird gebaut.

Ernüchterung macht sich bei den Bewohnern breit

Die 57-jährige Irina wohnt in einer der Seitenstraßen in einem Einfamilienhaus mit einem kleinen Vorgarten. Sie wird fast ein bisschen wehmütig, wenn sie an die Zeit zurückdenkt, als von Olympia in Sotschi noch keine Rede war:

"Das war mal eine saubere, akkurate Kleinsiedlung mit einer gut entwickelten Infrastruktur. Alles war hier vorhanden, obwohl es staatlich war, kein Privateigentum. Die Schule, der Kindergarten – alles war durchdacht. Lediglich die Zypressenallee ist erhalten geblieben. Hier war damals auch ein wunderschöner Park mit einer großen Vielfalt an Bäumen und Büschen. Aber das ist schon lange her."

Irina erzählt, dass sie ursprünglich Feuer und Flamme gewesen sei, als die Entscheidung gefällt wurde, in Sotschi Olympische Spiele durchzuführen. Doch über die vielen Jahre der Vorbereitung habe sich dann Ernüchterung eingestellt:

"Wir alle hatten die Entscheidung zunächst mit einer unglaublichen Begeisterung aufgenommen. Man hatte uns so viel versprochen. Es würde alles in großen Mengen und von toller Qualität geben! Es würden Abwasser, Gas- und Stromleitungen verlegt. Aber wir bekommen immer noch diese Märchen zum Frühstück geliefert. Neulich hat uns wieder mal Bürgermeister Pachomow besucht. Was die Bürger von Sotschi von ihm halten, ist Ihnen wohl bekannt. Er kommt regelmäßig hierhin, führt irgendwelche Sitzungen. Erzählt uns, dass wir noch ein ganz kleines bisschen Geduld haben sollen. Aber wir haben keine Geduld mehr. Ich sage es Ihnen ganz ehrlich."

In unmittelbarer Nachbarschaft wohnt auch Wladimir mit seiner Frau und zwei Kindern. Die Familie hat ein zweistöckiges Haus in einer Neubausiedlung bezogen. In der "Hockey-Straße" sieht jedes Haus gleich aus – kleine quadratische Ziegelbauten mit einem Giebeldach – dazu Vorgärten, die liebevoll bepflanzt wurden. Wladimir – von Beruf Kläranlagentechniker - wohnt nicht freiwillig in der Hockeystraße und doch ist er froh, hier gelandet zu sein. Sein Haus wurde wegen einer Zufahrtsstraße zum Olympiapark abgerissen – lange musste er darum kämpfen, eine halbwegs angemessene Entschädigung zu bekommen:

"Ungefähr zwei Jahre hat das gedauert. Ich hatte erst auf normalem Weg versucht, eine Entschädigung zu bekommen. Aber erst nachdem meine Geschichte öffentlich gemacht wurde, hat sich etwas getan. Beinahe hätte man uns rausgeschmissen. Die Behörden haben überhaupt nichts unternommen, die Situation irgendwie zu regeln. Erst nachdem Alarm geschlagen wurde, tat sich was. Es gab eine Gerichtsentscheidung, dass die Stadt mir ein Haus als Entschädigung für das alte abgerissene zu Verfügung stellen muss."

Auf die Frage, wie er denn generell zu den Winterspielen in Sotschi stünde, verweist Wladimir auf den amtierenden Bürgermeister der Stadt:

"Pachomow hat mal gesagt: Ihr werdet uns nicht bei der Durchführung unserer Olympischen Spiele stören. Verstehen Sie, was ich meine? Wie ich es sehe, ist das Land in zwei Lager gespalten. Es gibt ihre Olympischen Spiele und unsere. Die Zeit wird zeigen, wie sie verlaufen werden – erst dann kann man irgendwelche Rückschlüsse ziehen."

Gastarbeiter werden in großem Stil ausgebeutet

An dieser Stelle mischt sich Wladimirs Bekannte Swetlana ein. Die engagierte Bürgerrechtsaktivistin hat die Familie und andere Umsiedler tatkräftig dabei unterstützt, zu ihrem Recht zu kommen. Sie hält die Versprechen von Bürgermeister Pachomow, die Spiele würden den Menschen in Sotschi Arbeit bringen, geradezu für zynisch:

"Es wird zwar behauptet, dass man auf den Olympia-Baustellen Arbeit finden könnte. Aber weder wir noch unsere Männer werden dort angestellt. Weil man uns ja bezahlen müsste. Und den Gastarbeitern kann man bei Bedarf einfach einen Fußtritt verpassen. Für sie ist doch viel günstiger, einen Tadschiken oder Usbeken für umgerechnet 125 Euro im Monat anzuheuern. Für das Geld arbeiten die doch gerne – für sie ist das ein Haufen Geld."

Doch Swetlana weiß auch zu berichten, dass viele der Gastarbeiter auf den Olympia-Baustellen selbst bei derartig geringen Gehältern oftmals gar nicht bezahlt würden. Seit geraumer Zeit steht sie in Kontakt mit einigen der Arbeiter. Manche von Ihnen habe sie bei sich zu Hause aufgenommen:

"Wenn es sich um Tadschiken und Usbeken handelt, um Bürger anderer Staaten – sogar auch Weißrussen und Ukrainer. Wissen Sie, wie man mit denen umgeht? Am Zahltag holen die Arbeitgeber die Mitarbeiter der Migrationsbehörde, die alle Gastarbeiter ausweisen – und zwar kostenlos. Das ist der neuste Trick!"

Nur einen Steinwurf vom Olympiapark in Adler entfernt befindet sich das Büro der Menschenrechtsorganisation Memorial in einem unauffälligen mehrstöckigen Wohnhaus – in unmittelbarer Nähe des neu gebauten futuristisch anmutenden Bahnhofs. Lediglich ein kleines Schild am Eingang weist auf das Menschenrechtszentrum hin, das sich in Sotschi speziell den Problemen von Migranten widmet. Eines der häufigsten Themen, mit denen sich Büroleiter Semjon Simonow beschäftigen muss, sind in der Tat nicht gezahlte Löhne auf den Olympiabaustellen, so wie es Swetlana bereits angedeutet hatte. Migranten seien dort zunächst immer willkommen gewesen, vor allem, wenn sie auf einen offiziellen Arbeitsvertrag verzichtet hätten, berichtet Simonow:

"Viele dieser Menschen auf den Baustellen sagten mir, dass sie keine Verträge haben, in manchen Fällen sogar keine Arbeitserlaubnis oder Registrierungspapiere. Dadurch sind die Menschen sehr hilflos – oft nehmen Ihnen die Arbeitgeber auch vorhandene Dokumente ab. Das ist ein Hebel, mit dem Druck ausgeübt wird, damit der Migrant seine Arbeitsstelle nicht verlässt. Man nimmt ihm alle Papiere weg und zahlt im ersten Monat noch das versprochene Gehalt, meistens ist das noch recht gut. Danach beginnen die Komplikationen."

Während sich die offizielle Zahl von Gastarbeitern auf 16.000 bis 17.000 belaufe, geht Simonow von Memorial von der dreifachen Zahl – also 50.000 aus. Vor allem kleinere Subunternehmen wendeten die Praxis an, ihre ausländischen Arbeiter zu erpressen. In dem Moment, wo die olympischen Objekte fertiggestellt seien, würden die Migranten einfach ausgewiesen:

"Gestern haben wir mit einem Anwalt versucht, in ein Polizeirevier zu gelangen, wo im Hof bei strömendem Regen 200 Menschen festgehalten wurden. Das waren nicht nur Migranten aus Zentralasien, sondern auch aus der Türkei und anderen Teilen Russlands. Etwa Dagestan, Tschetschenien oder Astrachan. Obwohl bei allen die Papiere in Ordnung waren, wurden sie festgenommen. Man versuchte, einen Vorwand für ihre Ausweisung zu finden."

Urlauber und Bewohner sind von Lärm und Dreck genervt

Mehrere Tausend seien bereits abgeschoben worden – täglich gebe es neue Ausweisungsverfahren vor Gericht. Nur selten könne Memorial wirklich helfen, erzählt Simonow. Für ihn sei es schon ein Erfolg, wenn er sagen könne, dass er 15 Arbeitern zu dem Gehalt verholfen habe, das Ihnen zusteht. Die meisten Bürger von Sotschi berührten die Probleme der Migranten auf den Baustellen nicht wirklich. Sofern sie die staatlichen kontrollierten Fernsehkanäle konsumierten, auf denen offen gegen illegale Einwanderer gehetzt würde, begrüßten sie die massenhafte Ausweisung sogar.

So seltsam und banal es klingen mag: Da ist es für Einheimische und Besucher von Sotschi schon eher ein Grund sich aufzuregen, dass im Zuge der Olympiavorbereitungen viele Straßen täglich immer noch mit Lastwagen verstopft sind und sich lange Staus bilden. Längst sind nicht alle wichtigen Verkehrsverbindungen ausgebessert beziehungsweise ausgebaut worden. Angesichts der kurzen noch verbleibenden Zeit bis zu den Spielen ist es auch fraglich, ob dies noch rechtzeitig gelingt. Morgens und abends – zu den Hauptverkehrszeiten bilden sich lange Staus auf der parallel zur Küste verlaufenden Uliza Lenina – der Leninstraße.

Viele Urlauber sind genervt, obwohl ein Großteil von ihnen die anstehenden Winterspiele in Sotschi begrüßt. Wie etwa Swetlana und Pawel, die sich mit ihrem kleinen Sohn Igor eigentlich im Sanatorium "Goldene Ähre" – erholen wollten:

"Die Stadt gefällt uns nicht so gut. Es ist doch alles eine große Baustelle. Wir kommen noch mal wieder, wenn hier alles fertig gebaut ist. Die Spiele sind natürlich gut für die Stadt. Vieles wird erneuert – Häuser und Straßen."

Wer Sotschi und Umgebung wirklich begreifen will, sollte die umliegenden Berge – das UNESCO-Weltnaturerbe Westkaukasus - einmal zu Fuß erkunden. Erst dann erschließt sich der wahre Zauber dieser Region. Dieser Auffassung ist jedenfalls Sergej Jagupow aus Sotschi. Der Sprachlehrer mit sehr guten Deutschkenntnissen ist zwar kein ausgebildeter Bergführer, aber ein sehr guter Kenner der Region mit äußerst gutem Orientierungssinn, was in dem Waldgebiet, in dem es kaum richtige Pfade gibt, auch von Nutzen ist:

"Wir gehen jetzt zu der Grotte, die den Namen von Bariban trägt. Das war ein Partisan – mehr weiß man über ihn nicht. Dann gehen wir auf den Grat Aleg, und dann kehren wir in einen Weiler Wolniza ein, wo wir etwas zu essen bekommen."

Sportstätten werden mitten in Naturschutzgebiet gebaut

Was sich fast nach einem leichten Spaziergang anhört, entpuppt sich schnell als strapaziöser Ausflug in die Wildnis. Die Zivilisationsgeräusche der kleinen Siedlung, von der aus es losgeht, sind schon nach ein paar Minuten nicht mehr zu hören. Der anfangs lichte Wald wird zunehmend dichter.

Der weitere Weg führt noch mehrere Stunden lang durch teils dichtes Buschwerk. Vorbei an mit Moosen überzogenen Bäumen unterschiedlichster Art, vielen von ihnen mehrere Hundert Jahre alt – vorbei an meterhohen Rhododendronbüschen, Schlingpflanzen. Es ist ein wahrer Urwald - nur wenige Kilometer Luftlinie von den Sportstätten der Winterspiele in den Bergen entfernt. Hier wird letztlich klar, warum dieses Gebiet so einzigartig ist, aber auch welch heftiger Eingriff der Bau von Sportstätten, Autobahnen und Hotelanlagen in dieser Region sein muss.

Müde und erschöpft, aber glücklich, wird am Abend auf den gelungenen Ausflug angestoßen. Die Stimmung ist gut, doch Sergej wirkt ein wenig nachdenklich:

"Also die Olympischen Spiele empfindet man mit gemischten Gefühlen. Für die Stadt im Allgemeinen – die Infrastruktur – ist das positiv, aber die ganze Natur hat sich verändert. Man sagt, man hat dort Objekte gebaut, wo die Routen von Bären waren."

Wieder zurück in Sotschi am Kurortniyi Prospekt. Der Biologe Mischa Plotnikow ist einer der wenigen fest angestellten Mitarbeiter der Russisch Geographischen Gesellschaft in Sotschi. Studiert hat er längere Zeit in Oldenburg, was seine ebenfalls guten Deutschkenntnisse erklärt. Das Gebiet, in dem Sergej seine Wanderung durchgeführt hat, ist ihm sehr wohl bekannt – es sei ein Habitat für viele seltene Pflanzen, die aufgrund des besonderen Klimas die vergangenen 65 Millionen Jahre seit dem Tertiär nahezu unverändert überstanden hätten. Und der junge Wissenschaftler macht keinen Hehl daraus, dass er die Entscheidung, in Sotschi Olympische Spiele durchzuführen, für grundlegend falsch hält:

"Man hat entschieden, das Gebirgscluster im Nationalpark zu platzieren, was eigentlich sich mit Naturschutzzielen total widerspricht. Dafür hat man diese Gebiete als unwichtig für den Naturschutz erklärt und sie aus der Kernzone des Nationalparks entnommen. Ich denke heutzutage, wo wir so viele Arten verlieren und der Einfluss der Menschheit auf den Planeten so groß ist, muss diese olympische Bewegung solche Entscheidungen nicht treffen."

Mischa verweist darauf, dass zahlreiche wilde Müllkippen in den Bergen entstanden seien, Migrationswege von Bären abgeschnitten wurden, Flüsse durch die Bauarbeiten so stark verschmutzt worden seien, dass es dort kaum noch Fische gebe. Argumente, die vom Internationalen Olympischen Komitee scheinbar nicht mehr wahrgenommen werden.

Wenige Monate vor den Winterspielen kommt das IOC zu der Einschätzung, die komplette Vorbereitung sei wirklich hervorragend verlaufen. Doch wenn im kommenden Februar die Olympischen Spiele in Sotschi eröffnet werden, haben die Stadt und Russland am Ende einen hohen Preis bezahlt. Durch Fehlplanung, Behördenwillkür und mitunter kriminelles Vorgehen bei der Umsetzung der Olympia-Pläne sind Mensch und Natur in der Schwarzmeerstadt auf der Strecke geblieben.

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