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StartseiteKommentare und Themen der WocheRussland verharrt in Verantwortungslosigkeit07.05.2018

Putins vierte AmtszeitRussland verharrt in Verantwortungslosigkeit

Wladimir Putin müsse seinem Land dankbar sein, dass es ihm so einfach mache, seine Macht zu erhalten, kommentiert Thielko Grieß. Seine Landsleute verlangten ihm nicht viel ab. Verantwortungslosigkeit und Desinteresse seien eine verbreitete Haltung. Verlässlich seien auch seine treuen Freunde - darunter Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

von Thielko Grieß

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Wladimir Putin umgeben von jungen Frauen von Jugend und Freiwilligen Organisationen bei der Feier zu seinem - nunmehr vierten - Amtsantritt. (imago / ITAR / Tass)
Tausende Gäste, viel Jubel, wenig Kritik - Putin feierte den Antritt seiner vierten Amtszeit als Präsident pompös (imago / ITAR / Tass)
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Alles ist nach Plan verlaufen. Es hat drei Daten gegeben, die nacheinander von einer gut funktionierenden Machtmaschine abgearbeitet worden sind: Im Dezember verkündete Wladimir Putin seine lang erwartete neuerliche Kandidatur, im März ist er mit einem Rekordergebnis gewählt worden und nun, Anfang Mai, legt er seine linke Hand auf die Verfassung und schwört den Amtseid. Russland, eine große Mehrheit seiner Menschen und ihr Präsident: Sie bilden eine Einheit und sind zufrieden mit dem Ausblick darauf, weitere sechs Jahre miteinander verbringen zu können.

Russland wartet - worauf, weiß niemand

Der Präsident hat keinen Grund, an den Grundfesten seiner Amtsführung etwas Grundlegendes zu ändern. Das hat auch mit seinen Landsleuten zu tun. Sie verlangen ihrem Präsidenten wirklich nicht viel ab. Möge er sicherstellen, dass das größte Flächenland der Erde nicht auseinanderbreche, möge er dafür sorgen, dass die Welt beim Gedanken an Russland Respekt empfinde, möge er dazu auch das Militär in Bewegung setzen - das reicht ihnen eigentlich schon. Dass das Staatsoberhaupt überhaupt etwas mit dem lähmenden Stillstand im Land zu tun haben könnte, darauf kommen viele gar nicht.

Wer dieses Desinteresse am Gemeinwohl nur mit der tagtäglich tropfenden Propaganda erklärt, die den Präsidenten quasiheilig aus den Niederungen der Politik heraushebt, macht es sich aber viel zu einfach. Es ist Zeugnis einer massenhaften Haltung, mit der in Sonntagsreden, wie die des heute frisch Vereidigten, große Worte über die blühende Zukunft geschwungen werden können, bei der aber keine Ideen herausspringen. Ein Land verharrt in Verantwortungslosigkeit, verschleudert seine Talente. Und wartet. Worauf, weiß niemand. Wladimir Putin muss seinem Land dankbar sein, dass es ihm so einfach macht, seine Macht zu erhalten.

Nichts wird sich ändern - alles läuft nach Plan

Selbstverständlich werden Präsident und Propaganda in sechs Jahren ein anderes Bild zeichnen. Sie werden jede noch so kleine, positive Statistik zitieren und sich selbst loben. Der Präsident habe, wird es heißen, zwischen 2018 und 2024 das Land entfesselt und nach vorn gebracht. Doch wohlhabender werden vor allem diejenigen geworden sein, die jetzt schon sehr viel haben. Tausende werden das Land, das ihren Intellekt systematisch unterfordert, verlassen haben. Menschenrechtler werden weiter inhaftiert sein, Künstler verleumdet werden.

Der Präsident wird sich auch in den nächsten sechs Jahren auf das Desinteresse seines Volkes verlassen können. Verlässlich sind auch seine treuen Freunde. Drei Männer haben ihm heute nach dem Amtseid gratuliert: der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche Kyrill, der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew. Diese vier beieinander, was für ein Symbol! Der Präsident versammelt um sich herum die staatsnahe Kirche, das staatlich kontrollierte Öl- und Gas-Business und unbedingt loyale Diener. Ob da nun gerade zwei Tage vorher junge Bürger, die es gewagt haben, die Allmacht Putins infrage zu stellen, verprügelt worden sind, ist denen völlig egal. So ist es jetzt. Und so wird es in sechs Jahren sein. Alles läuft nach Plan.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

  

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