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StartseitePISAplusPutzen, Kindergarten, Parfümerie29.04.2006

Putzen, Kindergarten, Parfümerie

Erfahrungen mit dem "Boys Day"

Der eigene Sohn gab Eva Köhl den Anstoß. Weil der 12-Jährige es ungerecht fand, dass den Mädchen alljährlich beim "Girls' Day" alle Türen offen stehen und es für Jungen nichts Vergleichbares gibt, setzte sich seine Mutter in Bewegung. Seit 2002 organisiert Eva Köhl den Aachener Boys' Day, berät Aachener Jungen und vermittelt ihnen Schnupperpraktika in typischen Frauenberufe.

Von Katrin Sanders

Florist, Kindergärtner oder Buchhändler gehören nicht gerade zu den Wunschberufen von Jungen.  (AP)
Florist, Kindergärtner oder Buchhändler gehören nicht gerade zu den Wunschberufen von Jungen. (AP)
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Initiative Aachener Boys' Day

Rheder: "Ich war in RWTH, das ist eine öffentliche Bibliothek in Aachen, da haben mir Leute beigebracht, mit dem Computer zu arbeiten und Bücher, die kaputt sind oder die man da ausleihen kann, so die Nummern einzutippen. Da waren zum größten Teil nur Frauen, wenige Männer. Ja das war eigentlich voll interessant. Das wäre auch für mich: Frauen- und Männerberuf eigentlich, weil ich fand das in Ordnung auch für Männer. War für beides eigentlich in Ordnung, also Männer und Frauen. "

Roman: "Ich mach den Boys' Day in der Meurerschen Buchhandlung und ich hab mir das ausgesucht, weil das möchte ich halt auch später machen als Beruf. Und das hat dann auch was mit Einzelhandel zu tun. Verkaufen. Sachen verkaufen. Das ist ja jetzt nicht, wo sich Männer zu fein für wären. Sag ich mal so. Ich denk, dass das für beide o.k. ist, Sachen zu verkaufen."

Jungs in Mädchenberufen - Ein wenig Skepsis ist noch herauszuhören, wenn Roman und Rheder über ihre Wahl zum Boys' Day 2006 sprechen. Doch die beiden aus der neunten Klasse der Katholischen Hauptschule Frankstraße sind schon im dritten Jahr dabei und kennen längst keine Scheu mehr, über den Tellerrand der Jungsberufe zu gucken:

"Ich würde mal sagen, so typisch Männerberuf ist Dachdecker zum Beispiel und typischer Frauenberuf im DM-Markt, Frisör oder Parfümerie - da hatte ich meinen letzten Boys Day, da waren nur Frauen, Kosmetikabteilung, das ist alles mehr Frauen, denk ich mir. Also die Leute waren alle sehr nett da, nur: Die Gerüche, die überall waren, da habe ich ein bisschen Kopfschmerzen von bekommen, das habe ich nicht so gut vertragen, überall so andere Gerüche und so was, also für mich wäre das nichts, also kein Beruf, den ich später ausüben wollte."

Ohne Boys' Day aber wären Roman und seine Mitschüler nicht auf die Idee gekommen, mal die Seite zu wechseln, es muss ja nicht gleich für immer sein, meint Rheder.

"Weil ich interessiere mich eher für so männliche Berufe. Hallo, so was wie Parfümerie oder Frisör, wäre eigentlich nicht mein Ding. "

"Ich finde das auch gut mit den Frauen zu arbeiten, weil die waren auch alle sehr nett und so, das ist eigentlich gar nicht so schlimm, in einem Frauenberuf zu arbeiten... "

...hat auch der 16-jährige Semie erfahren. Sein erstes Praktikum in der Kfz-Werkstatt habe ihn dagegen gar nicht interessiert. Beim Boys' Day sind sie alle auf neue Gedanken zur Berufswahl gekommen.

"Zum Beispiel ich, ich mache Einzelhandel. Ja, weiß nicht, vielleicht wird mir das auch im Leben irgendwann weiterhelfen. Man muss halt gucken.. "

Das kann Rita Bubenzer, die zuständige Lehrerin für den Boys Day, nur bestätigen. Nur einer ihrer Hauptschüler hat bislang im Anschluss an Klasse zehn einen Ausbildungsvertrag. Auf Wunschberufe können sich die Zehntklässler nicht festlegen. Die Klaus-Hämmerle-Hauptschule hat den Boys' Day fest im Programm. Von Klasse sieben an gehen Jungs Jahr für Jahr in Kindergärten, Labors oder zum Bäcker hinter die Ladentheke – mittlerweile mit Selbstbewusstsein:

" Ja, manche machen sich halt darüber lustig. Ha, der ist jetzt im Frauenberuf drin, aber manche finden das auch o.k., sagen: Da lernt man auch was anderes, da lernt man auch Abwechselung, nicht immer so dasselbe. "

Soweit sind Djenk, Alex und Gökan noch nicht. Mittlere Qualen leiden die drei im Sekretariat des Romanistischen Instituts der RWTH. Djenk, der 15-Jährige mit heller Hose und schicken weißen Lederschuhen sieht sich beruflich eher im Blaumann. Außer Autowerkstatt komme für ihn nichts in Frage. "Ein Frauenberuf? Meine Freunde würden mich auslachen", sagt Djenk. Gökan, der den Tag mit Bibliotheksarbeiten verbringt, hält noch tapfer dagegen:

"Ja, das interessiert mich eigentlich gar nicht, was die anderen sagen: Wenn der Beruf mir gefällt, dann mach ich den auch. Ich find das gut, weil dann kann man auch gucken, ob das was für uns ist oder nicht. "

Sind Frauenberufe aber nun mal nicht, fällt Alex ihm sogleich ins Wort:

" Das bringt eigentlich gar nichts. Nach dem zehnten Schuljahr verlassen wir ja die Schule und dann machen wir sowieso eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker oder Elektriker oder Maler. "

Klärend ist so ein Boys' Day also in jedem Fall. Neue Perspektiven können nicht verordnet werden. Sie sind aber möglich, wenn ein Junge die freie Wahl hat. Alex und Görkan mussten zum Boys Day. Der 14-jährige Felix darf an seiner Schule wählen. Gleich zwei gute Argumente sprechen für seinen Boys' Day in der Buchhandlung:

"Zunächst mal ist es schulfrei und zweitens find ich es einfach spannend in andere Berufe reinzuschnuppern. Und ich les auch sehr gern. Zunächst mal musste ich hier hinten die Pakete auspacken, alles ordnen und dann wurde mir jetzt dahinten gezeigt, beim Bürojob sozusagen, wie man das ganze jetzt in Rechnung stellt. "

In Aachen können sich in den kommenden Tagen mehr als 450 Schüler in typischen Frauenberufen umzugucken. Organisiert wird das Ganze übrigens rein ehrenamtlich und ohne Budget von der Initiative Aachener Boys' Day. Was Roman, Felix und den anderen dabei mitkriegen ist für Eva Kröhl, der Initiatorin und treibenden Kraft hinter dem Boys Day, jedes Jahr Grund genug für Weitermachen:

Felix: " Erstmal macht es Spaß und zweitens kann es natürlich auch entscheiden, was man später mal werden will, wenn es einem dann gut gefällt.

Roman: "Nach dem Boys' Day dann, ich bin mir jetzt auch richtig sicher, dass ich das machen will, später einmal eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann, und dabei hat mir der Boys' Day eben auch sehr geholfen. "

Felix: " Ja, das fanden wir in unserer Klasse auch, und jetzt finden wir es eben total super, dass es den Boys' Day gibt.

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