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StartseiteRock et ceteraDie etwas andere Rockband27.08.2017

Queens Of The Stone AgeDie etwas andere Rockband

Die amerikanische Band Queens Of The Stone Age veröffentlicht ihre Alben auf winzigen Indie-Labels und erzielt trotzdem Millionenumsätze. Mastermind Josh Homme erklärt, wie er die Band seit 21 Jahren und sechs Alben auf Kurs hält - und wie die Hitmaschine zu den passionierten Anti-Stars passt.

Von Marcel Anders

4 Männer sitzen oder stehen in einem Wohnzimmer (Andreas Neumann)
Queens Of The Stone Age haben in 21 Jahren sieben Alben veröffentlicht (Andreas Neumann)

Diese Sendnung können Sie nach Auststrahlung sieben Tage nachhören. 

Nie stehen bleiben und nie berechenbar sein

München im Juni 2017: In der bayerischen Landeshauptstadt steigt das alljährliche Filmfest. Ein zweiwöchiger Event, bei dem 150 Filme aus 60 Ländern gezeigt werden und der sich offensichtlich großer Beliebtheit unter Regisseuren, Vertrieben und Medienvertretern erfreut. Der Andrang im Festivalzentrum Gasteig ist riesig und unter den Gästen tummeln sich u.a. Sofia Coppola, Fatih Akin und Josh Homme. Ein Baum von einem Kerl mit großflächigen Tattoos und roter Elvis-Tolle, der für den erkrankten Iggy Pop einspringt. In dessen Dokumentation "American Valhalla" spielt Homme eine zentrale Rolle: Er ist Co-Produzent und Co-Autor von Pops letztem Album "Post-Punk-Depression", dessen Entstehungsgeschichte in Bild und Ton festgehalten wurde - und in München Deutschland-Premiere feiert.

Normaler Weise ist Josh Homme kein Freund von Preisverleihungen und Blitzlichtgewittern. Heute schreitet er sogar über den roten Teppich, lächelt in jede Kamera und macht gute Miene zum medialen Spiel - mit Designer-Klamotten, gegeltem Haar und Hollywood-Lächeln. Im Nobelhotel Bayrischer Hof residiert er in der Thomas Gottschalk-Suite. Die Bilder des Talkmasters hängt er ab: Zwar kennt er Gottschalk nicht, aber dem Promi-Kult kann er prinzipiell nichts abgewinnen.

Nach zwei Tagen Kino-Rummel genießt er es dann umso mehr, endlich über sein neues Album "Villains" zu reden - sein mittlerweile siebtes, das wieder ganz anders klingt als seine Vorgänger. Das ist Teil von Hommes Anspruch und Konzept: Nie stehen zu bleiben und nie berechenbar zu sein.

Musik: "Feel Good Hit Of The Summer”

"Ich erinnere mich an die Veröffentlichung unseres Debüts, das sehr positive Kritiken erhielt. Als es dann an "Rated R" ging, wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, einfach das erste Album zu kopieren. Und als ich Leute hörte, die meinten: "Mann, du hast dich wirklich verändert", dachte ich nur: "Habt ihr ernsthaft geglaubt, ich würde noch mal dasselbe machen? Wie kommt ihr darauf? Und: Warum sollte ich das tun?" Um Teil einer Szene zu sein?" Ich will keinem Club beitreten, dessen Mitglieder alle gleich klingen. Sondern meine Musik soll der Soundtrack zu meinem Leben sein. Sprich: Sie muss echt rüberkommen. Insofern gebe ich alles – sonst würde es keinen Sinn machen."

Dieser Realismus zieht sich wie ein roter Faden durch seine 30-jährige Karriere – nicht nur mit Queens Of The Stone Age, sondern auch mit Nebenprojekten wie Them Crooked Vultures oder seiner ersten Band Kyuss, die längst Kultstatus genießt.

Musik: "I'm Not"

Der beste Gitarrist in Palm Desert

Kyuss mit "I'm Not", aus dem 91er Debüt "Wretch". Josh Homme ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und einer der besten Gitarristen in Palm Desert. Eine Stadt in der kalifornischen Wüste, die eher für Golfplätze, Nobelhotels und Wochenendvillen als für Subkultur oder ein vielfältiges Freizeitangebot steht. Homme und seine Schulfreunde flüchten sich in die Rockmusik und feiern laute Partys in der Wüste, wo sie niemanden stören – und nicht gestört werden. Mit Dosenbier, BBQ-Grill, Live-Musik und Strom aus Benzin betriebenen Generatoren.

"Eine der Sachen, die ich an der Wüste liebe, ist die völlige Langeweile. Dass du irgendwann so frustriert bist, dass du sagst: "Es reicht. Ich muss etwas tun." Einfach, weil du dazu gezwungen bist. Und das Tolle ist, dass Gegensätze dabei völlig egal sind - dass sie im Grunde sogar verbinden. Viel mehr als Gemeinsamkeiten. Nach dem Motto: "Natürlich sind wir uns ähnlich, aber was es zu feiern gilt, sind unsere Unterschiede." In der Wüste zu leben verlangt von dir, lebendig zu sein."

Die Auftritte im Wüstensand, auch "generator partys" genannt, machen Kyuss berühmt und werden auch im zwei Stunden entfernten Los Angeles wahrgenommen. Das Quartett besitzt einen eigenständigen Sound: Stoner-Rock in der Tradition von Black Sabbath, Stooges oder Blue Cheer. Mit entrücktem Gesang und markantem Gitarrensound, der darauf beruht, dass Homme durch einen Bassverstärker spielt.

So machen Kyuss Karriere im Schnelldurchlauf, touren mit Metallica, nehmen vier Alben und eine EP in fünf Jahren auf und trennen sich Ende 1996, weil sie ausgepowert und leer sind.

Musik: "Hurricane"

Die einzelnen Mitglieder tauchen später in Bands wie Mando Generator, Fu Manchu, Slow Burn, Hermano und Unida auf, was zeigt, welchen Stellenwert sie in der Underground-Rockszene der 90er genießen – sie haben den Ruf von Pionieren und Ausnahmetalenten.

Das gilt vor allem für Homme, der zuerst bei den Screaming Trees einsteigt und dann Queens Of The Stone Age gründet. Mit der Gruppe ist er so zufrieden, dass er alle Offerten für eine Kyuss-Reunion ausschlägt. Selbst, wenn die gebotenen Summen beachtlich und seine ehemaligen Mitstreiter mehr als willig sind.

"Ich will und kann mich nicht zurückorientieren. Denn ich bin nicht nostalgisch. Ich kenne ein paar Kollegen, die das hinkriegen und manchmal bin ich ein bisschen neidisch auf sie, aber ausschließlich alten Kram zu spielen, sorgt bei mir eher dafür, dass ich weglaufen will. Nur: Ich habe rote Haare. Da lernst du wegzulaufen oder stehenzubleiben. Und ich renne nicht weg."

Dreiviertel der Band müssen fortan ohne ihn touren – unter dem neuen Namen Kyuss Lives! Reine Nostalgie, die Homme so lange duldet, bis seine Ex-Kollegen ein Studio-Album planen. Das verhindert er per Gerichtsbeschluss – weil er das Ansehen der Kultformation wahren will. Und weil er das Kapitel als abgeschlossen erachtet. Die Zukunft, so philosophiert er, dürfe nicht die Vergangenheit sein. Mit Queens Of The Stone Age schaut er mutig nach vorne.

Musik: "Little Sister”

4 Männer auf einem schwarz-weiß Foto schauen in die Kamera. (Andreas Neumann)Queens Of The Stone Age im November live in Deutschland (Andreas Neumann)

Musik die vereinnahmt

Queens Of The Stone Age haben in den 21 Jahren seit ihrer Gründung einiges erreicht: Sieben Alben, diverse Welttourneen und Grammy-Nominierungen. Ihre Alben "Songs For The Deaf", "Lullabies To Paralyse" oder "Like Clockwork" sind zu festen Größen der Rockwelt geworden. Die Band zeichnet sich durch Konstanz und Wandlungsfähigkeit aus.

Einen Song der Queens erkennt man sofort - wegen Hommes Gesang, der an Jack Bruce bei Cream erinnert, oder seinen charakteristischen Gitarrensounds. Das Klangbild ist düster, hypnotisch, intensiv. Keine leichte Kost, sondern Musik, die den Hörer komplett vereinnahmt. Die bewusst wahrgenommen werden will – und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt, aber immer anders ist.

Das Debüt von 1998 weist starke Anleihen bei Can und Neu auf. "Songs For The Deaf" von 2002 überrascht durch Streicher und Bläser, "Era Vulgaris" von 2007 durch elektronische Momente und "Like Clockwork" von 2013 durch Blues-Einflüsse. Zudem tendiert Homme zum klassischen Konzept-Album: "Rated R" ist ein Werk über Alkohol- und Drogen-Ezesse, "Songs For The Deaf" eine Fahrt durch die kalifornische Wüste und "Era Vulgaris" eine Reflektion von Hollywood-Impressionen.

Musik: "Make it With Chu”

"Make It With You” aus dem Album "Era Vulgaris” von 2005. Ein weiteres Merkmal der Queens sind die vielen Gastmusiker, die Homme seit dem Debüt um sich schart. Mit vielen von ihnen ist er befreundet. Wie Trent Reznor von Nine Inch Nails, Dave Grohl von den Foo Fighter, Billy Gibbons von ZZ-Top und Mark Lanegan, früher bei den Screaming Trees und zwischenzeitlich zweiter Sänger bei den Queens.

"Es macht einfach Spaß, mit anderen zu spielen. Und ich habe den Luxus genossen, mit mehr Leuten zu arbeiten, als jeder, den ich kenne. Dafür bin ich dankbar, denn ich habe viel gelernt. Und es ist cool. Eben dass du eine tolle Zeit mit jemandem hast und spannende Sachen probierst, aber auch weißt, dass es nicht für immer ist. Es geht nur um den Moment. Einen, der dein Leben verändern und dein Denken auf den Kopf stellen kann. Insofern wäre es dumm, so eine Sache abzulehnen."

Wie die Offerte von Sir Elton John, ihn bei den Aufnahmen zum Album "Like Clockwork" zu begleiten. Etwa beim Stück "Fairweather Friends”.

Musik: "Fairweather Friends”

Obwohl die Queens Stammgast in den internationalen Charts sind, ihre Alben Millionenumsätze erreichen und Homme viel mediale Aufmerksamkeit erfährt: Der 44-Jährige entzieht sich dem Mainstream, wo er nur kann. Er gibt kaum Interviews, konzentriert sich auf die reine Musikpresse, veröffentlicht seine Alben beim Renommier-Indie Matador Records und hält sein Privatleben unter Verschluss.

Das Wenige, was über ihn bekannt ist: Er hat ein Haus in Palm Desert, unweit von Palm Springs. Dort wohnt er mit seiner Frau und drei Kindern. Sein Großvater Cap ist einer der Gründerväter der Wüstenmetropole, weshalb es in Palm Desert eine Straße und einen Park mit dem Familiennamen Homme gibt. Joshs Vater ist Bauunternehmer, und er selbst besitzt ein Studio namens Pink Duck in Los Angeles, das für eine klare Trennung zwischen Familie und Beruf steht. Zudem liebt er gutes Essen, sammelt Gitarren und Motorräder - und steht im Dauerclinch mit der lokalen Verkehrspolizei.

"Natürlich sind Ampeln wichtig. Aber um drei Uhr morgens, wenn keiner auf der Straße ist, sehe ich nicht ein, warum ich auf die Farbe Rot achten sollte. In den letzten Wochen bin ich fünf Mal angehalten worden, habe aber nie einen Strafzettel bekommen. Denn auch der Polizist ist ja bei Rot über die Ampel, um mich zu stoppen, und wir sind einfach zwei Typen um drei Uhr morgens, die beide nach Hause wollen."  

Musik: "Stuck In The Middle With You”

Langelebige Nebenprojekte

Wenn Queens Of The Stone Age nicht im Studio oder auf Tour sind, unterhält Homme zum Teil langlebige Nebenprojekte. Etwa mit Kumpel Jesse Hughes, für dessen Eagles Of Death Metal er in die Rolle des Schlagzeugers schlüpft – und dem Terroranschlag auf das Konzert im Pariser Bataclan vom November 2015 nur entgeht, weil er sich daheim um seine hochschwangere Frau kümmert. Bei der Neuansetzung des Gigs im Februar 2016 ist er dabei – und Teil einer emotionalen Performance.

Außerdem ist Homme Sänger und Gitarrist von Them Crooked Vultures, einer Supergroup um Dave Grohl und John Paul Jones von Led Zeppelin. Und er organisiert die sogenannten Desert Sessions. Ein Zusammenkommen von illustren Kollegen, die sich unregelmäßig im Rancho De La Luna Studio in Joshua Tree treffen, um zu jammen. Darunter: PJ Harvey, Mark Lanegan, Chris Goss und Mitglieder von Soundgarden, Marilyn Manson, Ween und vielen anderen. Ein konspiratives Spaß-Projekt.

Musik: "Dead In Love"

Der Spaß-Prämisse folgen auch Sessions mit Primal Scream, Prodigy, Peaches, Mastodon oder UNKLE – wobei sich Homme als versierter Musiker erweist, für den es keine Schubladen oder Barrieren gibt, sondern nur gute und schlechte Musik. Wenn er etwas mag, ist er mit Herz und Seele bei der Sache. Sei es als Produzent der Arctic Monkeys, Songwriter für Lady Gaga oder Sidekick von Iggy Pop.

Der steht – so Homme – schon immer auf seiner Wunschliste. Einfach, weil er ein fanatischer Stooges-Fan ist. Als sich Iggy im Sommer 2015 bei ihm meldet, ob er Lust hätte, an seinem letzten Album mitzuwirken, zögert Homme keine Sekunde – und bietet sein Studio, seine Dienste als Gitarrist und eine von ihm zusammengestellte Band an.

Das Ergebnis ist "Post-Pop Depression", ein Werk, das im März 2016 erscheint und sich als das bestverkaufte Album in Iggys Karriere erweist – und als würdiger Schlusspunkt.

"Iggy hat unmissverständlich klargemacht, dass es sein letztes Album ist. Er meinte: "Ich werde hier und da noch als Gast auftreten und kleinere Sachen machen, aber kein Album mehr. Das ist das letzte." Und das musste er nicht groß erklären. Schließlich ist er 70 und wollte der Welt noch einmal zeigen, dass er etwas zu sagen hat. Dabei hat er schnell verstanden, dass ich ihm alles gebe, was in mir steckt. Denn ich habe jahrelang davon geträumt, etwas mit Iggy zu machen. Nur musste der Impuls von ihm ausgehen, damit da gegenseitiger Respekt herrschte."

Musik: "Vulture”

Arbeiten unter völliger Geheimhaltung

Die Arbeit mit Iggy Pop und die anschließende Tournee gehen nahtlos über in die Produktion des neuen Queens Of The Stone Age-Albums, das – wie bei Homme üblich – mit etlichen Überraschungen aufwartet. Etwa dem Einsatz von Klavier- und Orchester-Arrangements, die ein ebensolches Novum darstellen wie zarte Dance-Beats. Aber auch die Verpflichtung von Produzent Mark Ronson, der eher für Pop der Marke Duran Duran, Adele oder Amy Winehouse steht als für den Klangkosmos der Queens. Doch genau das macht ihn für Homme interessant.

"Es hat etwas von: Wohin muss ich mich bewegen, damit mich dort niemand vermutet? Es ist wie ein Verwirrspiel, bei dem ich rufe: "Ich bin hier – ihr habt mich schon wieder verpasst!" Und das Bemerkenswerte ist, dass es einige Leute richtig wütend macht. Was ich genauso toll finde, wie unter völliger Geheimhaltung zu arbeiten und dann aus dem Schatten zu springen. Wenn ich als Kind auf eine Band stand und sie hat das so praktiziert, fand ich das spannend. Klar, hatte ich Momente, in denen ich mit diesem Ansatz nicht ganz glücklich war, aber es gibt nicht Cooleres, als im Nachhinein zu erkennen, dass sie richtig lagen. Und das moderne Musikgeschäft ist zwar ein bisschen abgefuckt, aber für Bands wie uns geradezu perfekt. Denn wir müssen auf niemanden hören – wir machen einfach, was wir wollen."

Dazu gehören auch sphärische Vintage-Keyboards, die an Devo oder Iggy Pop und David Bowie während ihrer Berlin-Phase erinnern – an das Klaustrophobische, Beklemmende der späten 70er/frühen 80er. Vielleicht eine Folge des Iggy-Intermezzos. Oder eine Reaktion auf eine Zeit, die an die Ära Reagan und Thatcher erinnert - an konservative Politik, kalten Krieg und den Vertrauensverlust in Demokratie und Rechtsstaat.

Musik: "Head Like A Haunted House"

Zwar richtet sich Homme nicht offen gegen Trump und die Mächtigen aus Wirtschaft, Politik und Staat, aber er lässt durchblicken, wo er steht und was er denkt. Die Menschheit bezeichnet er als "domestizierte Tiere", mahnt das allgegenwärtige Böse in der heutigen Zeit an und äußert seinen Unmut über die modernen Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit.

"Ich will die Leute packen und anbrüllen: Vergesst eure blöden Mobiltelefone – konzentriert euch auf das, was um euch herum passiert! Denn wir leben in diesem Augenblick. Und den müssen wir nutzen. Es gibt kein Gestern und kein Morgen, sondern nur das Hier und Jetzt. Was das betrifft, wähne ich mich auf einer Mission, denn ich habe das Gefühl, dass ich brenne. Ich weiß zwar nicht, was ich will, aber ich will losrennen und es finden - bis meine Lungen schmerzen. Denn ich kann aus Erfahrung sagen: Die beste Zeit habe ich immer dann, wenn ich einen Moment richtig wahrnehme."

Josh Homme ist ein Mann mit Prinzipien, mit Idealen und guten Songs. Die präsentiert er im November auch live in Deutschland.

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