Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteCampus & KarriereNach dem Crashkurs vor die Klasse08.09.2017

Quereinsteiger in SchulenNach dem Crashkurs vor die Klasse

Mehr als die Hälfte der Neueinstellungen zu Beginn des Schuljahres in Sachsen waren Seiteneinsteiger. Kultusministerin Brunhild Kurth spricht von einem geordneten Start. Eine Seiteneinsteigerin an einer Leipziger kann das bestätigen - berichtet aber auch von Vorbehalten.

Von Bastian Brandau

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Eine leere Schultafel und eine Schultasche.  (imago / Ute Grabowsky)
Weil Sachsen zu wenig Pädagogen ausgebildet hat, fehlen die Lehrer - deshalb kommen immer mehr Quereinsteiger an die Schulen (imago / Ute Grabowsky)
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Ihr Name soll nicht genannt werden, das hatte die Grundschullehrerin aus Leipzig bereits vor dem Interview klargemacht. Und am Tag selbst entscheidet sie, dass auch ihre Stimme nicht zu hören sein soll. Konkrete Befürchtungen nennt sie nicht. Aber  sie ist neu in ihrem Beruf, und steht damit anscheinend auch unter einem besonderen Druck. In sächsischen Schulen gibt es außerdem Vorbehalte gegen Seiteneinsteiger wie sie. Damit sie nicht zu identifizieren ist, sind ihre Aussagen daher nachgesprochen.

Dabei hat sie durchaus eine positive Geschichte zu erzählen. Die einer Frau, die mit Anfang 30 zum ersten Mal einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Sie habe nicht mehr nur im Büro sitzen wollen, sondern mit Menschen arbeiten, um eine Rückmeldung zu ihrer Arbeit zu erleben. Daher hat sie sich zum vergangenen Schuljahr als Lehrerin beworben:

"Wir haben zunächst erst einmal eineinhalb Wochen so einen Crashkurs gehabt, bevor wir an die Schule gekommen sind. Und haben an der Uni verschiedene Kurse besucht, zu Schulrecht, also verschiedene Themengebiete sozusagen. Und es war wirklich nur ein grober Abriss. Und dann sind wir eben an die Schule gegangen und haben da schon in den ersten zwei Wochen, das war auch Klassenleiterunterricht eben, da sind wir schon eingesprungen und haben uns da vor die Klasse gestellt. Und sind ins kalte Wasser geworfen worden."

Vertretungsunterricht aus dem Stegreif

Hospitiert habe sie, auch Vorschulunterricht gegeben. Geplant sei gewesen, vor allem im Anfangsunterricht mitzuwirken, wo planmäßig zwei Lehrkräfte bei der Klasse sind. Die angespannte Personalsituation habe aber dazu geführt, dass sie im vergangenen Schuljahr fast ausschließlich Vertretungsunterricht gegeben habe. 

"Und das ist oft schwierig, weil man das nicht so einfach aus der Hand schüttelt wie jemand, der das von Grund auf gelernt hat. Da, weiß ich, haben viele Probleme, was solche Stunden angeht. Du hast nichts vorbereitet, konntest nichts vorbereiten. Wenn es blöd läuft, hat der auch nichts geschickt, der krank ist. Meistens schicken die was, was auch nicht selbstverständlich ist, weil wenn man krank ist, ist man krank. Meistens schicken die Leute was und dann hangelt man sich dann so lang, was die geschickt haben." 

Langhangeln, durchbeißen, auch im Austausch mit anderen Berufseinsteigern. Offenbar ist das nicht so einfach: Rund 15 Prozent aller Seiteneinsteiger in Sachsen haben im vergangenen Schuljahr das Handtuch geworfen. Manche gleich in der ersten Woche. Auch die Grundschullehrerin aus Leipzig habe durchaus ans Aufhören gedacht, sich dann aber entschieden, weiterzumachen:

"Dass man es auch weiter schaffen kann und dass es dann irgendwann leichter wird, das sagen alle Kollegen, die das auch studiert haben, die sagen: Die ersten Jahre sind halt hart, und dann wird es irgendwann besser. Es wird irgendwann einfacher, dann hat man die Vorbereitung gemacht, weiß, wie man das hinkriegt, eine Klasse zu führen, die dazu zu bringen, einem zuzuhören, wie man richtig auf Unterrichtsstörungen reagiert und so weiter."

Neu eingestellte Lehrer bekommen mehr Geld

Sie wünsche sich mehr pädagogisches Rüstzeug, hoffe, dass sie bald wie vereinbart berufsbegleitend studieren könne, sagt sie. Und sie wünsche sich viel mehr Feedback. Eine Stunde steht ihrer Mentorin pro Woche zur Verfügung, um sie zu unterstützen. 

Da die Seiteneinsteiger viel zusätzliche Betreuung brauchen, bedeuten sie für das gesamte Kollegium extra Arbeit. Außerdem werden neu eingestellte Lehrer in Sachsen seit einem Jahr besser vergütet. All das führt an vielen Schulen auch zu Vorbehalten gegen die Seiteneinsteiger. 

"Man merkt halt manchmal, dass von Seiteneinsteigern gesprochen wird, dass es problematisch ist, das merkt man. Und es ist ja auch so, dass wir bestimmte Sachen nicht wissen. Aber wir wollen es ja lernen, so ist es ja nicht. Das merkt man dann manchmal, dass die das auch problematisch sehen, dass es nicht funktionieren kann." 

Rund 20 ausgebildete Lehrer stünden an ihrer Schule drei Seiteneinsteigern gegenüber. Je weiter die Schulen auf dem Land liegen, desto weniger Bewerber mit Lehramtsstudium gibt es. Im Bereich Chemnitz etwa sind drei Viertel der neuen Grundschullehrer Seiteneinsteiger. Wo ist da die Grenze?

"Es ist halt die Frage, ob so viel abpufferbar ist, sozusagen von den anderen Kollegen. Das ist eine schwierige Frage, ich weiß nicht, wie ich es beantworten soll. Also ob da die Qualität drunter leidet, das müsste die Zeit zeigen."

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