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Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteBüchermarktRabbit - eine Rückkehr15.09.2002

Rabbit - eine Rückkehr

Rowohlt, 253 S., EUR 19,90

Es sieht aus wie ein regelrechtes literarisches Besuchsprogramm: Exakt alle zehn Jahre hat John Updike nach seinem Lieblingshelden Harry Angstrom, genannt Rabbit, Ausschau gehalten. Wie geht es ihm und seiner Familie, was macht Brewer, die Kleinstadt in Pennsylvania, in der die Angstroms leben, wo liegen die aktuellen Probleme, von denen es immer reichlich gab? Mit Rabbit schritt Updike durch die Epoche: 26 Jahre alt war Harry im ersten Roman "Hasenherz", man schrieb die späten Fünfziger Jahre. 1969 und 1979 spielten die nächsten Bücher. Im September 1989 dann das Ende Harrys mit 56, was der Titel des letzten und vierten Bandes "Rabbit at Rest" schon verriet. Gleich zu Beginn jenes Buches steht schon ein verräterischer Satz: "Rabbit hat sich im Verdacht, Vater einer illegitimen Tochter zu sein, die drei Jahre jünger ist als Nelson und deren Mutter eine Frau namens Ruth ist..." Im zweiten Band der Tetralogie macht sich Rabbit sogar auf die vergebliche Suche nach dieser Tochter. Vermutlich war sich also John Updike schon damals darüber klar, dass noch nicht Schluss sein müsse. Mit dieser Tochter könnte es weitergehen. Jetzt ist die Zeitspanne wieder verstrichen, wir haben Herbst 1999, und nun steht eben eine recht attraktive, 39-jährige Dame vor dem Haus, wo Janice, Harrys Witwe, mit ihrem zweiten Mann Ronnie Harrison wohnt.

Joachim Scholl

Janice Harrison geht an die Haustür, als die Klingel die Stille zerschrammt. Jahrzehntelang hat der Rost an der alten Glocke gefressen, sie krächzt nur noch, und eines Tages wird sie überhaupt keinen Ton mehr von sich geben, weil der Klöppel festsitzt oder sie einen Kurzschluss hat oder was sonst mit diesen Dingern passiert. Jedes Mal, wenn sie sagt, sie möchte den Elektriker anrufen, sagt Ronnie ihr, er habe eine Liste, was im Haus alles in Ordnung gebracht werden muss, die Klingel sei mit drauf, er werde sich darum kümmern. Er nimmt die Dinge gern selber in die Hand. Harry war mehr dafür, andere alles machen zu lassen. Das Mädchen - eigentlich eine Frau, ungefähr in Nelsons Alter -, das auf der Veranda steht, kommt ihr irgendwie bekannt vor. Ein breites weißes Gesicht, weit auseinander liegende Augen mit ein wenig Milch im Blau und in den Winkeln die ersten Krähenfüße. Sie fragt: "Mrs. Angstrom?"

Annabelle heißt die junge Frau, und mit ihr werden die Erinnerungen wach an die frühen, wilden Zeiten von Janice und Harry. Was war er nur für ein Typ gewesen! Seinen Spitznamen hatte er schon in der Schule weg. Rabbit nannte man ihn, weil er immer so komisch mit der Nase zuckte, aber auch enorm schnell rennen konnte. Das machte ihn zu einem As im Basketball, die Mädchen flogen auf ihn, mit seinen 1,90m Größe und dem hübschen Gesicht sah er ja auch noch super aus. Was er weidlich ausnutzte, und hier kam eine weitere Dimension seines Spitznamens zur Geltung: Harry war immer heiß, ein ewig rammelndes und, wie sich schnell herausstellte, ein fruchtbares Karnickel; Sex wurde zur Droge seines Lebens, mit der er seinem langweiligen Alltag und dem steten, unbestimmten Gefühl der inneren Leere zu entfliehen suchte, meistens ohne einen Gedanken an Konsequenzen und Verantwortung zu verschwenden. Dabei war er eigentlich kein schlechter Kerl, nur seine Hormone konnte er überhaupt nicht kontrollieren. Janice wusste bald ein Liedchen davon zu singen. Während ihrer ersten Schwangerschaft brannte Harry durch, lebte eine Zeitlang bei Ruth, die als alleinstehende Frau im konservativen Kleinstadt-Klima der Fünfziger als "Flittchen" galt. Irgendwann kehrte Harry reumütig wieder zurück, aber immer wieder war er auf dem Sprung: Janices beste Freundin, die Frau seines eigenen besten Freundes Ronnie, schließlich sogar seine Schwiegertochter - die kommenden Jahrzehnte wurden hart für Janice, die Demütigungen durch Harrys sexuelle Unverfrorenheit nahmen kein Ende.

Aber wie schön er war, in den High-School-Fluren damals, denkt Janice - seine Größe, das feine Wikingerhaar nass zurückgekämmt und am Hinterkopf übereinander geschlagen, ihm aber immer wieder sexy quer über die Stirn fallend, in glatten Strähnen, wie bei Alan Ladd, und wie er die dann mit seinen großen eleganten weißen Händen zurückflippte, während er mit den anderen aus der obersten Klasse herumalberte, mit dieser Mary Ann zum Beispiel, seine Augenlider immer versnobt schläfrig auf Halbmast, die Welt jener Schulflure sein Element. Sie fingen erst was miteinander an, als sie beide bei Kroll's in Brewer arbeiteten, sie hinter dem Tresen mit den Nüssen und den Süßwaren und er gerade zurück von seinen zwei Jahren in der Army, er war in Texas gewesen, war nie zum Sterben nach Korea geschickt worden. Er redete oft von Korea, als hab er etwas verpasst. Niemand will Krieg, aber immer bloß Frieden ist Männern auch nicht recht.

Die erste Sorge, dass Harrys uneheliche Tochter finanzielle Ansprüche anmelden will, ist unbegründet. Annabelle sucht den Kontakt, sie möchte über ihren Vater reden - und sticht damit in ein Wespennest. Janice nämlich hat vom Chaos der Vergangenheit genug. Denn jetzt geht es ihr endlich gut. Der Immobilien-Lehrgang, den sie noch zu Lebzeiten Harrys und von ihm misstrauisch beäugt in Abendkursen absolvierte, hat sie zur selbstbewussten, unabhängigen Frau gemacht. Sie ist mit Ronnie verheiratet, wie aus Rache für Harrys Verhältnis mit Thelma, Ronnies verstorbene erste Frau. Jahrelang hatten Harry und Thelma heimliche Rendezvous am Nachmittag, und der Gedanke daran bringt Janice immer noch in Rage. Auch Ronnie ist selbstredend nicht gut auf Harry zu sprechen. Aber diese unerwartete Tochter bringt ihn noch mehr auf die Palme, weil nämlich auch er mit ihrer Mutter Ruth was hatte, damals in den Fünfzigern. Noch im Tod also triumphiert Harrys Männlichkeit über ihn - so empfindet es Ronnie, traditionell machomäßig. Und deshalb wird er, in der unschönsten Szene des Romans, Annabelle dreist anbaggern: diese Tochter des vermaledeiten Harry zu vögeln - das wäre eine großartige Wiedergutmachung. Aber da geht Gottseidank Nelson dazwischen. Ach, Nelson, den gibt es natürlich auch noch - Harrys Sohn. Er lebt inzwischen wieder bei seiner Mutter, nachdem ihn seine Frau Pru mit den beiden Kindern verlassen hat.

Schritte ertönen auf der hinteren, der mit Fliegengitter eingefassten Sonnenveranda. Nelson ist mit seinem Wagen, einem elfenbeinfarbenen Corolla Baujahr '94 anscheinend nach hinten in de Garage gefahren. In der Küche erzählt Janice ihm vom Besuch des fremden Mädchens. Nelson ist zweiundvierzig. Er hat zugenommen, aber nicht annähernd so stark wie Harry damals, die Lektrion hat er gelernt. Seine schütteren Haare, dunkel, aber fein wie die seines Vaters sind so kurz geschnitten, dass sein Schädel und sein Gesicht von der Seite und von vorn sträflingshaft nackt wirken. Er trägt eine Art Sozialarbeiteruniform - Khakihose, weißes Hemd mit Schlips, aber kein Jackett. Ein Jackett würde den Abstand zwischen ihm und den Klienten im ambulanten Therapiecenter "Neuer Anfang" an der Ecke Elm und Eigths Street zu sehr betonen. Nelson trägt den Titel eines therapeutischen Beraters im psychiatrischen Versorgungsdienst; sein Gehalt beläuft sich auf siebenundzwanzigtausend im Jahr.

Gut, dass sein Vater das nicht mehr mitbekommen hat. Siebenundzwanzigtausend - ein Witz. Dabei hatte der Junge das Zeug und alle Voraussetzungen, ein wohlhabender Mann zu werden, der Stolz der Familie. Mit dem Erbe von Janices Eltern hatte Harry eine Autovertretung gekauft und war erfolgreich im Trend der siebziger Jahre mitgeschwommen: preiswerte japanische Autos, die nicht so viel Benzin schlucken. Nach schwieriger Kindheit und Jugend hatte Nelson das Toyota-Outlet übernommen, aber dann kamen die Drogen. Nelson hing an Koks und Crack, am Ende stand die Pleite, und Harry und Janice hatten mehrere hunderttausend Dollar Schulden am Hals. Der Paukenschlag von Harry Seitensprung mit Nelsons Frau brachte die ganze Familie schließlich zum Kollaps. Harry floh nach Florida, die letzten Worte, die er von Janice am Telefon zu hören bekam, bevor ihn dann der Herzinfarkt ereilte, lauteten: "Das werde ich dir nie verzeihen." Der gehörnte Sohn Nelson tat es aber, versöhnte sich mit dem Vater. Nach seinem Drogenentzug sattelte Nelson um auf Sozialarbeiter, und er ist es nun, der sich rührend um seine neue Schwester bemüht, sie in die Familie zu integrieren versucht und mit ihr zusammen so etwas wie therapeutische Vergangenheitsbewältigung betreibt. Was er nicht und nur der Leser des vierten Rabbit-Romans weiß: auf dem Sterbebett hatte Harry dem herbeigeeilten Sohn noch zuraunen wollen "Du hast eine Schwester", aber das war nicht mehr zu verstehen gewesen. - Nelsons Gespräche mit Annabelle, bei gemeinsamen Essen und Unternehmungen, bilden das formale Gerüst von Updikes Roman. So kann noch einmal der gesamte Kosmos der Rabbit-Welt beschworen werden, durch Erinnerungen, Anspielungen, Familien-Anekdoten, aber auch ergänzt durch die jeweiligen individuellen Stimmungen und Sichtweisen der Protagonisten, die damals zumeist nur aus Harrys eingeschränkter Perspektive heraus deutlich wurden. Noch klarer erkennt man jetzt, wie bedeutsam das soziologische Milieu ebenfalls für alle anderen Beteiligten war und ist, über den Einfluss von Harrys Person hinaus. Die Kleinstadt-Welt von Brewer hat sich ihren geistigen Grundzügen nach nur wenig geändert: immer noch herrschen dieselbe Enge und Beschränktheit, derselbe Muff, die Ödnis und Langeweile des immer gleichen Lebens, das jeden prägt und steuert. Aus dieser Umgebung gibt es im Grunde kein Entrinnen; die häufigen Fluchten in Seitensprünge, Drogen und räumlich höchstens mal nach Florida sind nur die vage, instinkthafte Reaktion auf das zutiefst deprimierende Gefühl, mehr zu wollen und es doch nicht zu kriegen, irgendwie ständig zu scheitern. Der Traum vom Glück, der amerikanische Traum, scheint immer nur für andere reserviert, in Brewer jedenfalls ist er nur ein Witz. Selbst Janice - für Harry stets "die tumbe Nuß", weil sie nie über irgendetwas wirklich nachdenkt - ist im Alter von mittlerweile 60 an diesem Punkt nüchterner Selbsterkenntnis angekommen. Da reicht ein kurzer Lunch in einem Schnellrestaurant, um ihr das ganze Elend vor Augen zu führen.

Ein schlankes Mädchen mit dunklen Brauen bedient Janice, ein Mädchen von so bestürzender Schönheit inmitten all der anderen Kellnerinnen, älteren Frauen oder pickligen, pummeligen Teenagern, dass Janice die Augen brennen. Dunkles Haar, dunkle Augen, gerade Nase, festes rundes Kinn, weicher Mund. Janice, selbst brünett, ist empfänglich für solches Aussehen. Als das Mädchen den Mund aufmacht, kollern die Worte im behäbigen, gedehnten Tonfall des Diamond County heraus - "Na, Herzchen, was möchten wir denn?" -, und augenblicklich ist das Bild von ihrer traurigen Zukunft da: Ehe, Schwangerschaften, schweres Essen, Schönheit adieu. Das strahlende Aussehen verglommen, übrig nur noch ein schriller Funke, eine Nadel zorniger Unzufriedenheit, verloren in diesen Straßen mit den Reihenhäusern und den Aluminiummarkisen und den kleinen Vorderveranden, wo die geduldigen Bewohner in der Abendhitze schmoren und sich verwundert fragen, wohin alles entschwunden ist. Es ist ein Fehler, in der Jugend schön zu sein; Harry hat diesen Fehler gemacht, Janice nicht.

Updike hat sich in seinem Werk selten für die großen Städte interessiert, kaum ein Roman spielt in einer Metropole: "Wenn ich schreibe", hat er einmal gesagt, "denke ich nicht an New York, sondern an einen Ort irgendwo östlich von Kansas." Hier spielt für ihn das wahre amerikanische Leben, das durchschnittliche Leben des Durchschnitts-Amerikaners, aus dem man sich nicht fortbewegt. John Updike war, als er am ersten Rabbit-Band "Hasenherz" schrieb, zwei Jahre älter als sein Held und wie dieser in einer Kleinstadt in Pennsylvania aufgewachsen. Für Harry war schon Boston fernes Ausland, Updike kennt und versteht diese Mentalität, die verschreckt und zugleich sehnsuchtsvoll auf die Möglichkeiten jenseits des eigenen schmalen Horizonts blickt. Die große Welt strömt im Grunde nur durch das Fernsehen in die Provinz. Es ist ein ständiger Begleiter, Nachrichten werden diskutiert und kommentiert, selbstverständlich stets mit dem rigiden Kleinbürgerblick à la "die Verbrecher da oben, wir anständigen normalen Leute hier unten". Und natürlich ändern sich auch in Brewer die Moden und Stile - Kleidung, Haartracht. Dass Nelson in seinem früheren Job als Toyota-Händler einen Ohrring trug, hatte Papa Harry noch völlig aus der Fassung gebracht, aber schließlich gewöhnte er sich daran, wenn auch wiederwillig, genauso wie an die Vorstellung, dass Frauen unter Umständen die besseren Autoverkäufer sind. Im vierten Band ist Harry so tief beeindruckt von der selbstbewussten Elvira, einer Angestellten Nelsons, dass er sich nicht einmal traut, sie richtig anzumachen. Und brav hält er sich in der Öffentlichkeit zurück, wenn es um Schwule und Schwarze geht, gegen die man jetzt nichts mehr sagen darf.

Insofern sind die Rabbit-Romane ein perfektes Spiegelbild des "American spirit" durch die Epochen. Den ersten Band verstand Updike als Porträt der amerikanischen Seele der Eisenhower-Ära, und konsequent hat er die zehnjährigen Intervalle genutzt, um die politischen, sozialen, vor allem aber die geistigen und emotionalen Veränderungen der US-Gesellschaft darzustellen. In den 60er Jahren werden der Vietnam-Krieg und die Mondlandung zu äußeren Parametern der Geschichten: selbst in Brewer und mitten in Harrys Familie haust die Wirrnis zwischen technologischem Patriotismus und Flower Power, die sich bei Harry natürlich in sexuellen Eskapaden ausdrückt. Der zweite Roman "Bessere Verhältnisse" - im Original hieß er einschlägiger "Rabbit is Rich" - nimmt das Ende dieser Ära ins Visier: in den späten Siebzigern beginnt sie, die Gier, die ungetrübte Anbetung des Geldes und des Konsums, auch Harry macht da fröhlich mit, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Der wirtschaftliche Ruin durch den drogensüchtigen Sohn veranschaulicht den Niedergang des Yuppie-Jahrzehnts, auf Ronald Reagan folgt George Bush, dessen Wahl zum Präsidenten Harry nicht mehr erlebt. Jetzt haben wir Herbst 1999, das anstehende Millenium bringt Brewer kaum in Aufruhr, aber wie im ganzen Land herrscht helle Empörung über Bill Clinton und Monica Lewinsky. Am heiligsten amerikanischen Familientag, Thanksgiving, den Nelson als große Wiedervereinigungsfeier mit dem neuen Mitglied Annabelle organisiert, kommt es bei Tisch zum Eklat. Während des Essens - der Truthahn ist missraten, Janice kann immer noch nicht kochen - ziehen alle über den Präsidenten her, und ausgerechnet Annabelle wagt es, zu widersprechen:

"Ich halte ihn für einen ausgezeichneten Präsidenten", sagt Annabelle. Ihre Stimme ist behutsam, aber rein und klar, alarmierend. Die aufgeregte Tischrunde verstummt. Diese Person ist bloß zu Gast. Ist mit ihrem runden blassen Gesicht aus dem Nichts aufgetaucht - wer ist sie eigentlich? "Er gibt einem das Gefühl", fährt Annabelle fort, "dass er einen wahrnimmt. Er hat es am eigenen Leib erfahren, arm zu sein in einer schäbigen kleinen Stadt und einen prügelnden Stiefvater zu haben." Ron junior kann nicht an sich halten: "Er hat sich vorm Wehrdienst gedrückt! Wenn ich Soldat wär', würd' ich ihm sagen, steck dir deine Befehle sonstwohin! Mich schickst du nicht nach Bosnien." Annabelle redet weiter, obgleich es ihr zuwider ist, Reden zu halten. "Er mag Menschen, er mag sie wirklich. Und er hat Mut und Augenmaß. Er weiß, wann er etwas riskieren kann und wann er vorsichtig sein muß. Und er hat keine Ressentiments, auch nicht gegen die Kongressabgeordneten, die ihn hassen und versucht haben, ihn fertigzumachen. Ja, es ist sehr schade, dass er - dass er ein bisschen Zuneigung brauchte, aber vielleicht hat er ein Recht darauf gehabt. Geht es uns nicht allen so?" "Einem Kerl einen zu blasen ist ein bißchen Zuneigung?", fragt der Gastgeber und bedenkt sie wieder mit einem dieser Blicke, einem Hieb aus der Vergangenheit, in der es sie noch nicht gab.

Damit sind alle Aussichten Annabelles endgültig verspielt, von der Familie akzeptiert zu werden. Annabelle wird buchstäblich aus dem Haus getrieben, erzürnt geht der Bruder Nelson mit, für immer. Er wird sich schließlich mit seiner Frau Pru aussöhnen und aus Brewer wegziehen. Es ist diesmal ein zaghaft positiver Schluss, den John Updike inszeniert, auch Annabelle bleibt nicht ungetröstet, sie verliebt sich in einen Schulfreund Nelson und plant zu heiraten. Werden wir also diesen Harry-Clan nie mehr wiedersehen? In Amerika hatte Updike seinen Text in der Erzählungs-Sammlung "Licks of Love" veröffentlicht, mit knapp 260 Seiten hat jedoch die deutsche Übersetzung alles Recht, als ausgewiesener, nunmehr fünfter Rabbit-Roman zu erscheinen. Obwohl er in persona nicht anwesend ist, bleibt Harry weiterhin der starke, widersprüchliche Charakter, der eine faszinierende Lektüre garantiert. Wie Salingers Holden Caulfield aus dem "Fänger im Roggen" oder John Irvings Garp gehört Harry "Rabbit" Angstrom längst zum Kanon der großen Romanfiguren in der neueren amerikanischen Literaturgeschichte, er ist vielleicht sogar die bedeutendste, denn während die anderen Gestalten, wenn man so will, Eintagsfliegen geblieben sind, hat Harry im Wortsinn Epoche gemacht, vergleichbar vielleicht nur noch mit Sinclair Lewis legendärer Figur "Babbitt", auf den sich Updike mit Rabbit schon rein phonetisch bezieht. Der Immobilien-Makler Babbitt aus dem gleichnamigen Roman von 1922 ist in Amerika zum Synonym für den konformistischen, fortschrittsgläubigen Spießer geworden und liefert natürlich die literarhistorische Vorlage für Updikes Helden, wie auch das Kleinstadt-Milieu von Lewis schon in "Main Street" vorgezeichnet wurde.

Babitt ist übrigens 46 Jahre alt, als weitere kleine, versteckte Reverenz an den Nobelpreisträger hat Updike seinen Rabbit ebenfalls immer mit der 6 als zweiter Ziffer im jeweiligen Lebensalter versehen. Stilistisch und motivgeschichtlich geht er jedoch weit über Lewis hinaus: Schon im ersten Roman von 1960 war die meisterliche, an Joyce erinnernde Technik des inneren Monologs zu bewundern, hinzu kam ein dicht geknüpftes Netz von biblischen und mythologischen Motiven. Von Beginn an war sich der Autor jedenfalls der hohen Symbolik seiner Figur bewusst, und konsequent hat er die Themenstränge und Metaphern über die Jahrzehnte hin weiter differenziert und verfeinert. Eros und Thanatos - Sex und Tod: auch im neuen Roman bleiben diese, für das späte gesamte Updike-Werk zentralen Leitmotive von Harrys Wesen aktuell. Mit jenem typischen sarkastischen Witz, in dem immer der Schrecken mitschwingt, lässt Updike seine Roman-Familie die Ängste vor dem Ende, vor Krankheit und Sterben durchleben. Harry hat auf diese namenlose "angst", wie die Amerikaner das namenlose Entsetzen mit dem deutschen Wort bezeichnen, nur eine Antwort gekannt: Sex. Dadurch hat er sie verdrängt und behielt sie dennoch, schon allein in seinem eigenen Nachnamen. Hat sich daran in der Familie etwas verändert? Als Annabelle zum ersten Mal auftaucht und zaghaft "Mrs. Angstrom?" sagt, reagiert Janice verblüfft: "Das war mal", sagt sie. "Mein jetziger Mann heißt Harrison." Und Nelson, der geläuterte Sohn, sinniert in einem einsamen Moment: "Alles, was wir haben, ist die Familie, was immer von der zu halten ist." John Updike ist mit seinen Angstroms alt geworden, in diesem Jahr hat er den siebzigsten Geburtstag gefeiert. Vielleicht sollte er auf Nelson hören, und die Sippe nicht ganz aus den Augen verlieren. Wir haben als Leser soviel davon gehabt. Hoffen wir also, dass Updike in 10 Jahren doch noch Lust, Zeit und Kraft hat, in Brewer wieder einmal vorbeizuschauen.

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