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StartseiteBüchermarktRabos de Lagartija25.02.2003

Rabos de Lagartija

Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz

So wie der Leser von Garcia Marquez sich in den Strassen von Macondo auskennt, der von Heinrich Böll die Köln-Bonner Kleinleuteviertel beim Namen nennen kann, sind die Leser von Juan Marse in den steilen Gassen und engen Schluchten des Guinardo zu Hause, dem andalusischen Einwandererghetto an den weniger feinen Hängen des Tibidabo von Barcelona. Marse hat in seinem allein zehn Romane umfassenden Erzählwerk die graue Hinteransicht der bourgoisen Schmuckfassaden Barcelonas verewigt und dabei dem ehemaligen Stadtrand und seinen rachitischen Kindern, seinen Invaliden und Gelegenheitsarbeitern, Prostituierten und Franco-Spitzeln, ein Gesicht und einen Namen gegeben. Seine großen Romane <em>Wenn man dir sagt, ich sei gefallen</em>, <em>Ronda del Guinardo</em> und <em>Letzte Nachmittage mit Teresa</em> sind mehr als nur eine sentimentale Reise durch Kindheit und Jugend im Abseits der tristen Jahre des Frankismus. Sie sind großangelegte Fresken, Panoramaansichten, in denen die sozialrealistische Stadtchronik mit Hilfe der Phantasie und einer präzisen, bildermächtigen Sprache zum Breitwand-Film mutiert. Vor einer auf den Hund gekommenen Stadtkulisse entsteht aus der Feder des virtuosen Autodidakten Marse eine faszinierende, unverwechselbare Welt, die ihren Schöpfer in eine Reihe mit den großen Erzählern des XX. Jahrhunderts stellt.

Cecilia Dreymüller

Auch in seinem neuen Roman Stimmen in der Schlucht erweist sich Marse wieder als meisterhafter Chronist des trostlosen Nachkriegsbarcelona der vierziger Jahre, in die der Autor zurückkehrt, um aus ihnen die Stoffe zu ziehen, die ihn beschäftigen: das traurige Vemächtnis des Bürgerkriegs, die verlorene Kindheit, und das Wechselspiel von Schein und Wirklichkeit.

Ich habe keine besondere Vorliebe für diese Zeit. Es ist nur so, dass mit ihr eine Reihe von persönlichen Erinnerungen zusammenhängen. Diese Erinnerungen haben mit Geschichten zu tun, die mir in meiner Familie erzählt wurden oder die ich durch Freunde meines Vaters erführ. Im Grunde sind es Geschichten aus meinem Viertel, die zu dieser Zeit gehören, in der ich ein Junge war, ein Heranwachsender. Und diese bilden eine romanhafte Welt, die mich ganz besonders interessiert. Die Szenerie, die Atmosphäre sind die gleichen: das bedrückende Ambiente im Land während der Franco-Diktatur in jenen Jahren.

Dieses Ambiente ist im Buch überzeugend wiedergegeben, wenn auch nicht in einem umfassenden Fries, wie man das von Marse gewöhnt ist, sondern im intimen Rahmen eines Kammerspiels. Die handelnden Figuren bewegen sich hauptsächlich in oder um eine enge Mietwohnung am Rande einer Schlucht und sind nur vier: der rebellische, 14-jährige David, sein Freund Paulino in einer Nebenrolle, seine hochschwangere Mutter, die Rothaarige genannt, und ein Polizeiinspektor, der unter dem Vorwand die Spur ihres Mannes, des geflüchteten Widerstandskämpfers Victor Barta zu verfolgen, der attraktiven Strohwitwe den Hof macht. Damit ist der Konflikt schon vorgezeichnet: David hasst den Mann, der seinen Vater verfolgt und seine Mutter bedrängt und tut alles, um das sich anbahnende Verhältnis zu zerstören. Außer den drei Hauptpersonen gibt es dann noch einen ganzen Chor von Stimmen, mit denen David in seiner Einsamkeit lange Gespräche führt. Bei Marse machen die Dialoge den Text. Da erscheinen der tote ältere Bruder, der Fötus im Mutterleib, ein Spitfire-Pilot von einem Zeitungsbild, das über Davids Bett hängt und immer wieder der verschwundene Vater, dessen Erscheinung der Vorstadthamlet mit wütender Besessenheit heraufbeschwört. Diese Vaterfigur widerspricht jedoch - wie auch sein klassischer Gegenspieler, der Bulle auf Freiersfüßen -, dem geläufigen Bild des Helden. Der bewunderte Widerstandskämpfer ist ein Säufer und Schürzenjäger, bei seiner überstürzten Flucht durch die Schlucht hat er sich eine Hinterbacke aufgerissen und so erscheint er seinem Sohn blutend, mit zerissenen Hosen und einer Kognak-Flasche in der Hand.

Diese Figur ist in allen meinen Romanen, selbst im ersten, Eingesperrt mit einem einzigen Spielzeug, zu finden. Es ist der Besiegte, der Mann, der den Bürgerkrieg und deshalb alles verloren hat. Trotzdem ist es in gewisser Weise ein Held, besonders mit den Augen eines Kindes gesehen. Lassen wir einmal die Mythologie über die Gruppen des antifrankistischen Widerstands, die Stadtguerrilla usw. beiseite. Das findet sich in Wenn man dir sagt ich sei gefallen und in Eines Tages komm ich zurück, oder auch in Der Zauber von Shanghai. Denn allmählich hat die Figur an heldischer Substanz verloren. Das liegt wohl daran, dass ich seit, sagen wir, vierzig Jahren Romane schreibe und in dieser Zeit hat sie sich nach und nach zersetzt. Sie ist nicht mehr aus einem Guss, sondern komplex, zweideutig. Und es mischen sich - wenn der Polizist etwa das Böse verkörpert - und erscheinen in ihr positive Seiten, im Sinne von menschlicheren. In diesem Helden finden sich die dunklen Charakterzüge im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit, dahingehend, dass die Polizisten als Helden von der Hand in den Mund enden, als solche, die sich ihren Lebensunterhalt egal wie verdienen. Das ist in Wirklichkeit genauso passiert, mit dem Zerfäll der Ideale. Denen war jedes Mittel recht zum Überleben und in einigen Fällen artete das in regelrechte Kriminalität aus.

Tatsächlich gehört die widersprüchliche, klischeefreie Darstellung des Inspektors und der Rothaarigen zu den großen Stärken des Romans. Marse besitzt die Fähigkeit, Figuren zu erschaffen, die so etwas wie einen Leinwandschimmer abstrahlen und plastisch und lebendig wirken. Dabei sind es knochenharte Tatsachen, die das Leben von Davids Mutter bestimmen, Drohung und Folter, das tägliche Brot des Polizisten, ein Alltag von Not und Gewalt, der dem Buch zu Grunde liegt. Marse relativiert ihn mit einer satten Dosis von satirischem Humor, der ihm gelegentlich jedoch etwas aus dem Ruder läuft. Die grotesken Züge, mit denen nicht nur der Vater, sondern auch der sich spaßeshalber des öfteren travestierende Sohn, sein sodomisierter Spielkamerad und dessen brutaler Onkel charakterisiert sind - dem der gequälte Neffe schließlich aus Rache in den Hintern schießt -, sind hauptsächlich verwirrend und die entsprechenden Szenen fallen als isolierte, ungeheuer brutale und pornographische Anekdoten aus dem Zusammenhang einer Geschichte, die ohnehin eine solide Fabel vermissen lässt.

Bemerkenswerte Einzelszenen von erzählerischer Brillianz bietet Stimmen in der Schlucht dagegen viele und sie sind es, die den Roman lesenswert machen. Seine oft verzweifelt anmutenden Sprünge von einer Erzählebene zur anderen übersieht man besser, denn wo die realistische Schilderung nichts mehr hergibt, bedient sich der Autor mit vollen Händen aus der Klamottenkiste des magischen Realismus. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit, wenn auch der Kunstgriff unterhaltend wirkt. Denn Marse ist ein Profi der Suggestion. Die Geräusche und Gerüche, das wechselnde Spiel von Licht und Schatten in der Schlucht, die Ahnung des munter plätschernden Baches der seit Urzeiten versiegt ist, all dies zusammen mit den Erscheinungen von Toten, Verschollenen und längst verwesten Hunden, lassen ein greif- und fühlbares Zwischenreich erstehen, eine von der Kindheitserinnerung verzauberte Unterwelt, die nicht den Gesetzen der Wirklichkeit unterliegt.

Dass jedoch der ansonsten realistisch beschriebene, erbärmliche Alltag des Träumers Davids ebenfalls nicht immer den Gesetzen der Wirklichkeit unterliegt, macht stutzig. Wenn etwa der 14-Jährige unverdrossen die dicke Lippe riskiert im Gespräch mit dem Polizisten, der schließlich zu der gefürchteten "Brigada politica-social" gehört. Der so wunderbar schnoddrige Ton, die unvergleichlich coolen Sprüche, die der Kleine dem Inspektor mit unverhohlener Verachtung vor die Füße spuckt, sind zwar als Dialog ein wahrer Genuss, doch wenig wahrscheinlich. Genauso wie die Begeisterung des Jungen zum einen für Frauenkleider und Lippenstift und zum anderen für die Jagd nach Eidechsenschwänzen, der übrigens die spanische Originalausgabe den Titel verdankt.

Der Junge ist herausgewachsen aus den Kinderspielen, die man mit 10 oder 11, bis 12 spielt. Da spielte man Eidechsen jagen, sie am Schwanz packen und zusehen, wie er sich in der Hand bewegt. Aber natürlich ist das nur ein Bild, eine Metapher für das Überleben in jener Zeit. Die Eidechsenschwänze stehen für die Romanfiguren, die abgetrennt sind und sich eine Zeit lang noch weiterbewegen. Das ist also ein symbolisches Bild, dass man in Deutschland sicherlich genauso verstehen kann, wie überall sonst.

Reich an symbolischer Vieldeutigkeit, an kritischen Bezügen auf das Zeitgeschehen, auf das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Atombombe, an augenzwinkernden Anspielungen auf Schlager, Franco-Reden, Kinofilme, ist Stimmen in der Schlucht zweifellos. Anschauliche Anekdoten, Lokalkolorit und stilistische Raffinesse machen freilich noch keinen fesselnden Roman. Dazu fehlt ein tragender Plot, der durch Widerholung und Variation des immer Gleichen das Buch auf die unnötige Länge von 350 Seiten zieht. Noch einmal lesen wir all das, was wir an Juan Marses Romanen und Erzählungen lieben, denn Stimmen in der Schlucht ist ein Buch, das seinen Autor vor allem als Nostalgiker zeigt. Ein großer Schriftsteller darf sich das leisten. Wenn man dir sagt, ich sei gefallen und Ronda del Guinardo sind ja schon geschrieben.

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