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StartseiteBüchermarktDie schweigende Erzählerin24.08.2016

Rachel CuskDie schweigende Erzählerin

In ihrem achten Roman "Outline" perfektioniert die kanadische Schriftstellerin Rachel Cusk eine Art negatives Erzählen. Nicht das, was die Ich-Erzählerin selbst sagt, sondern das, was andere ihr erzählen, charakterisiert die Hauptfigur. Selbst den Namen der Protagonistin erfährt man erst kurz vor Schluss.

Von Ulrich Rüdenauer

Die kanadische Schriftstellerin Rachel Cusk (AFP / Leon Neal)
Die kanadische Schriftstellerin Rachel Cusk (AFP / Leon Neal)
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Viel erfährt man nicht über die Erzählerin in Rachel Cusks neuem Roman "Outline": Man lernt, dass sie eine in London lebende Autorin ist, die während des Sommers einen Schreibkurs in Athen leitet. Sie hat wohl mindestens zwei Kinder, die sich manchmal per SMS zu Wort melden. Von ihrem Mann ist sie geschieden, das Landleben hat sie hinter sich gelassen, nachdem ihr gemeinsames Haus zu einem Grab geworden war, in dem entweder die "Wirklichkeit begraben lag oder ein Traum". Und erst am Ende des Romans, eher beiläufig, erfahren wir ihren Namen: Faye.

Etwas Feenhaftes umschwebt diese Frau tatsächlich, sie ist ungreifbar und gleichwohl sehr anwesend, und in den Menschen, denen sie begegnet, löst sie wie von Zauberhand eine große Redseligkeit aus. Es ist fast, als würde sie hinter den fremden, von anderen erzählten Geschichten gänzlich verschwinden. Mehr passiert in diesem faszinierend unspektakulären, klugen und einen Sog erzeugenden Buch nicht: Zwei Tage lang treffen wir mit Faye auf ihre Schriftstellerfreunde, Schüler oder Zufallsbekanntschaften.

"Die Erzählenden scheinen sich im Erzählen zu verwandeln"

Wie eine Therapeutin lässt sie deren Geschichten durch sich hindurchgehen, und die Erzählenden scheinen sich im Erzählen zu verwandeln, sich nach und nach zu entäußern: Etwa der griechische Sitznachbar im Flugzeug, ein Geschäftsmann aus wohlhabender Familie, drei Mal geschieden, leutselig und so beruhigt von Fayes Anwesenheit, dass er selbst die Grundformen höflicher Konversation außer Acht lässt und kaum eine Frage an seine Gesprächspartnerin richtet. Faye wird ihn noch zwei weitere Male auf seinem Boot treffen, und jedes Mal scheint sich der Blick auf ihn durch seine Berichte ein wenig zu verschieben, zu vertiefen oder auch zu verkomplizieren, als würde er Schale um Schale abwerfen, wenn auch niemals seinen Kern ganz freilegen.

"Alles war auf den ersten Blick zu sehen, und doch war mir während des Fluges nichts davon aufgefallen. Unsere erste Begegnung war in einem gewissen Sinne immateriell gewesen; hoch oben über der Welt zählt das Gegenständliche nicht, treten die Unterschiede zurück. Die körperliche Präsenz meines Nachbarn, die mir dort oben so leicht vorgekommen war, gewann hier unten an Schwere, und in der Folge schien er mir fremd, als wäre Kontext auch nur eine Form von Gefangenschaft."

Die verschiedenen Orte werden für die Figuren zu einer Bühne, auf der sie ihr Leben und ihre Ansichten ausbreiten können. Die Umgebung samt Requisiten schafft einen Raum. Die Schauplätze scheinen auch dem Gesagten eine Form zu geben, scheinen die Monologe zu rahmen - oder eben zu begrenzen. Gleichwohl haben die Begegnungen für die Sprechenden etwas Kathartisches. Sie erleichtern sich, reden über Liebe und Ehe, über das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau, über Trennungen und die große Anstrengung, eigene Wünsche und Sehnsüchte nicht aus den Augen zu verlieren. Sie erzählen von Erfahrungen, von einer bereits reflektierten Vergangenheit; sie erzählen so, als würde diese Vergangenheit bereits Teil ihrer DNA sein.

"Ödnis der Anonymität"

Und die Erzählerin selbst? Sie würde am liebsten verschwinden. Sie wird unsichtbar und zugleich deutbar hinter den Geschichten der anderen. Sie möchte entkommen und kann das nur, indem sie schweigend zuhört. Einmal schwimmt sie während eines Ausflugs mit ihrem Flugzeugnachbarn weit aufs Meer hinaus, als wollte sie ihrem Leben entkommen und hineinkraulen in die "Ödnis der Anonymität". Es ist, als trage sie ein Trauma mit sich herum, sei verunsichert, sich selbst verloren gegangen und auch dem familiären Dasein, das sie so lange als die ihr gemäße Existenzform empfunden hat.

"Ich antwortete, ich sei mir nicht mehr sicher, ob es in der Ehe überhaupt möglich wäre zu erfahren, wer man ist beziehungsweise die Person, die man eigentlich ist von der Person zu trennen, zu der man durch den Partner wurde. Ich hielt die ganze Vorstellung eines 'eigentlichen' Selbst für eine Illusion; zwar konnte man den Eindruck bekommen, man verfüge über einen autonomen Kern namens Selbst, aber dieses Selbst existierte vielleicht gar nicht."

Das Selbst ist eine Erfindung

Ganz unauffällig illustriert Rachel Cusk durch die Form ihres Romans und die sich langsam entfaltenden Monologe ihrer Figuren eine These: Einen autonomen Kern namens Selbst gibt es gar nicht. Das Selbst ist eine Erfindung. Im Sprechen, vielleicht, entsteht Selbstbewusstsein. Aber das ist ein fragwürdiges Vergnügen; wankelmütig und flüchtig. Zwischen Bewusstsein vom und Entblößung des Selbst ist nur ein schmaler Grat. "Outline" ist eine Selbstvergewisserung auf Umwegen. Erst in der Spiegelung entsteht eine Skizze der Erzählerin, die Zeichnung einer nicht resignierten, aber doch von jugendlichen Illusionen geheilten Frau, die aus ihrem früheren Leben und aus der Liebe ausgestoßen ist. Die Rolle, die sie nun spielt, hat etwas Heilsames: Sie nimmt sich zurück und gesteht anderen Raum für ihre Identitätskonstruktionen zu, um eine Vorstellung des verloren gegangenen Ichs zu entwickeln. Als "Outline" - der englische Titel ließe sich übersetzen mit Entwurf oder Umriss - kann man auch gut die Struktur und Methode dieses Romans charakterisieren:

"Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, während der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal seit dem Vorfall eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte."

Nicht Faye selbst sagt das, obwohl die Worte aus ihrem Mund stammen könnten. Sondern ihre Spiegelfigur Anne, eine Schriftstellerin, die ebenfalls in Athen Schreibkurse gibt. Bei dem "Vorfall" handelt es sich im Falle von Anne um einen Überfall; wir ahnen, dass es einen Vorfall auch in Fayes Leben gegeben hat, eine Erschütterung, einen Knacks. Diese "Negativbeschreibung" macht den großen Reiz von Cusks brillanter und raffinierter Erzählung aus, die von Eva Bonné souverän ins Deutsche gebracht wurde: Ihr Zentrum, Faye, wird nur umrissen durch die vielen Gesprächspartner und deren geradezu überströmende Offenheit. Dieser Umriss aber ist so filigran gezeichnet, dass man als Leser den Linien gebannt folgt und am Ende zwar nicht ein ausgemaltes Bild der Hauptfigur vor Augen hat, aber doch das genaue Bild eines Zustands.

Rachel Cusk: "Outline"
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp Verlag. Berlin 2016. 233 Seiten. 19,95 Euro.

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