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StartseiteInterviewRaddatz: Muslimischen Gemeinschaften Grenzen klar machen26.04.2006

Raddatz: Muslimischen Gemeinschaften Grenzen klar machen

Islamwissenschaftler sieht Gewalt als Bestandteil des Koran

Nach Ansicht des Islamwissenschaftlers Hans-Peter Raddatz ist Gewalt ein integraler Bestandteil des Koran. Der Islam habe kein Gewaltmonopol, deshalb könnte jeder Moslem handeln, falls er Vorschriften des Koran verletzt sehe. Wichtig sei es, in Europa die Grenzen islamischer Gesetze deutlich zu machen. Dies betreffe vor allem das rechtsstaatliche Gewaltmonopol, Frauenrechte und die Religionsfreiheit, betonte Raddatz.

Der Islamwissenschaftler Raddatz fordert klare Grenzen gegenüber Islamisten.  (AP)
Der Islamwissenschaftler Raddatz fordert klare Grenzen gegenüber Islamisten. (AP)
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Festnahmen nach Anschlägen in Ägypten

Liminski: Der Terroranschlag im ägyptischen Ferienort Dahab ist dazu angetan, eine alte emotionale Gleichung zu beleben: Islam gleich Terror oder Islam gleich Gewalt. Stimmt diese gedankliche Verbindung, ist sie durch den Koran gedeckt und wie soll der Westen sich dazu verhalten? Zu diesen Fragen begrüße ich den Orient-Wissenschaftler und Autor mehrerer Bücher, zuletzt "Allahs Frauen", Hans-Peter Raddatz. Guten Morgen Herr Raddatz!

Raddatz: Guten Morgen Herr Liminski!

Liminski: Herr Raddatz, der französische Präsident Chirac hat erst vor einer Woche noch bei seinem Besuch in Ägypten zusammen mit seinem Amtskollegen Mubarak die Befürchtungen vor einem Ansteigen der Gewalt durch den Islamismus geäußert. Nun ist Chirac alles andere als ein Kritiker der arabischen islamischen Welt. Auch der Karikaturenstreit und die Anschläge von Madrid, London und im Nahen Osten, zuletzt eben jetzt in Ägypten, bringen immer wieder den Islam in Verbindung mit Terror und Gewalt. Ist das eine Perversion des Islam, Auswüchse einiger durchgeknallter Ideologen, oder gehört – man traut sich eigentlich gar nicht, die Frage zu stellen – die Gewalt auch wesentlich zum Islam?

Raddatz: Das ist ein Thema, das uns ja nun schon seit längerem beschäftigt, und wir müssen leider immer wieder feststellen, wenn wir den Islam in seinem Selbstverständnis ernst nehmen, dass in der Tat die Gewalt ein integraler Bestandteil der Glaubensgrundlagen ist, sprich also Koran und Tradition des Propheten. Die Grenzen sind fließend und insofern ist es sehr schwierig, nun wirklich festzulegen, wann die Gewalt anfängt und wo sie aufhört. Fest steht, dass die Islamisten sich sehr legitim auf den Koran berufen und deswegen auch die Reaktion in der islamischen Öffentlichkeit immer wieder sehr schwach ausfällt, wenn es zu Gewalttaten kommt.

Liminski: In den arabischen Staaten ist der Anschlag von Dahab jetzt aber verurteilt worden. Auch Bush und andere Politiker unterscheiden nach jedem Anschlag sicher zu Recht zwischen dem Islam, der Religion auf der einen Seite und den radikalen Islamisten auf der anderen. Wo verläuft denn da eine Grenzlinie?

Raddatz: Wie ich schon sagte: die Grenzen sind fließend. Was Bush und andere hier tun ist eine Remedur an der Oberfläche will ich mal sagen. Man wagt nicht, an die tiefer liegenden Grundlagen dieser Gewaltorientierung zu gehen. Die Grenzen sind deswegen fließend, weil es kein Gewaltmonopol im Islam gibt, wie wir es im Rechtstaat kennen. Das heißt der Muslim, jeder einzelne Moslem kann das Gesetz Allahs in seine eigenen Hände nehmen, wann und wo immer er den Eindruck hat, dass Vorschriften verletzt worden sind. Das ist das Entscheidende. Das heißt also die Islamisten, die sich auf diese oder jene Koran-Stelle berufen, haben insofern islamisch gesehen Recht im wahrsten Sinne des Wortes.

Liminski: Aber brauchen sie dafür nicht auch eine Fatwa wie zum Beispiel gegen Rushdi oder gegen andere?

Raddatz: Sie brauchen keine offizielle Fatwa. Sie können sich in aller Regel auf eine Mischung von beidem beziehen. Das heißt also sie gegen zu ihrem lokalen Imam, der sowieso zu ihrer jeweiligen Gruppe gehört und das bestätigt, was man braucht, und darüber hinaus können sie sich sehr häufig auch, insbesondere was die Aggression gegen Westen und Israel betrifft, auf die Fatwen – tatsächlich die offiziellen Fatwen – der höchsten Autoritäten im Islam beziehen, also zum Beispiel auf den Imam von Medina, wo sie was Gewaltlegitimation gegen die so genannten westlichen Verschmutzungen betrifft, was ja häufig auch gesagt wird, überhaupt gar keine Schwierigkeiten haben, sich hier die Rechtfertigung zu holen.

Liminski: Nun gibt es, Herr Raddatz, durchaus auch in Europa Islam-Gelehrte, Mullahs und Imame, die den Terror auch verurteilen, etwa in Frankreich oder jetzt wieder in Großbritannien, wo junge Islam-Studenten, also angehende Imame, öffentlich die extremistischen Texte an ihren Schulen anprangern. Ist da nicht doch eine Wende, ein Stückchen Aufklärung im Islam auszumachen?

Raddatz: Ja, das sind natürlich ermutigende Ansätze. Von einer Wende kann natürlich keine Rede sein, solange wir EU-seitig immer noch ganz massiv elitäre islamische Interessen vertreten. Aber selbstverständlich sind das Ansätze und wir sollten sie verstärken und ermutigen. Indem wir nämlich diese Personen und Imame, die dort involviert sind, aus ihrer Isoliertheit, die ja tatsächlich noch festzustellen ist, herauslösen und ihnen Rückendeckung dadurch geben, dass wir selbst auch den muslimischen Gemeinschaften in Europa klar machen, wo ihre Grenzen sind, das heißt also die Grenzen, die Sie angesprochen haben in Bezug auf Aktivierung der Gewalt innerhalb der islamischen Ideologie, haben ihrerseits natürlich auch ihr Gegenstück im europäischen Verfassungsdenken, wo wir unsererseits aufgefordert sind, den Muslimen hier Grenzen zu setzen insoweit, als wir ihnen sagen müssen, wo das islamische Gesetz aufhört und wo das rechtstaatliche Gewaltmonopol, wo die Frauenrechte und wo die Religionsfreiheit zum Beispiel anfangen.

Liminski: Der Westen hat sozusagen ein Konzept, sein eigenes, wenn er es denn befolgt, aber wer ist denn der Ansprechpartner? Wenn Sie sagen, es gibt kein Gewaltmonopol, an wen soll man sich konkret wenden?

Raddatz: Das ist ein weiteres großes Manko, was Sie hier ansprechen. Wir haben bisher uns die Sache sehr bequem gemacht, indem wir diejenigen als Gesprächspartner ausgesucht haben, die sich islamischerseits angeboten haben. Das waren in aller Regel Islamisten. Wir leben aber noch in einer Demokratie und die Demokratie lebt, steht und fällt mit der Institution. Das heißt wir sind selbst aufgefordert, eine Institution zu schaffen, die die liberalen Kräfte der Muslime anspricht und ihnen ein Sprachrohr und eine Plattform hier bei uns gibt.

Liminski: Das war der Islam-Wissenschaftler Hans-Peter Raddatz. Danke für das Gespräch, Herr Raddatz!

Raddatz: Bitte schön!

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