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StartseiteBüchermarktRadeln in die schwarze Mitte Europas06.11.2009

Radeln in die schwarze Mitte Europas

Christoph D. Brumme: "Auf einem blauen Elefanten. 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück". Dittrich Verlag

Mit einem Tourenfahrrad, ein paar Taschenbüchern - Dostojewskij, Kleist, Nietzsche, Beckett - und Musik von Rammstein, den Doors und ukrainischen Pop-Bands auf dem MP3-Player startet der Schriftsteller Christoph D. Brumme im Mai 2007 zu einer viermonatigen "Tour de Wolga": 8353 Kilometer liegen vor ihm, von Berlin quer durch Südpolen und die Ukraine ins russische Saratov und zurück.

Von Nils Kahlefendt

Christoph Brumme ist kein schreibender Radler, er ist radelnder Schriftsteller. (Stock.XCHNG / Felix Carretto)
Christoph Brumme ist kein schreibender Radler, er ist radelnder Schriftsteller. (Stock.XCHNG / Felix Carretto)

Um seinen Hals hängt ein Diktiergerät, so kann er Einfälle und Beobachtungen auch während der Fahrt festhalten. Eine "Reise in die schwarze Mitte Europas" nennt er sein reichlich verrückt anmutendes Unternehmen - schließlich liegt die geografische Mitte des Kontinents, anders als viele Deutsche glauben, in der südwestlichen Ukraine. Dem Buch, das er nach seiner Reise schreibt, gibt er den Titel "Auf einem blauen Elefanten" - eine Assoziation, die den Leser zunächst in die Irre führt.

"Also, mein Fahrrad war ein normales Tourenfahrrad und es war schwarz. Und während ich durch die Ukraine fuhr, merkte ich immer wieder: Ich werde doch wie etwas Exotisches angesehen. Und ich dachte mir: so, als ob ich auf einem Elefanten sitze. Aber nur auf einem majestätischen Elefanten, das wäre natürlich zu einfach. Ein blauer Elefant ist - man versteht nicht, warum kommt der auf einem langsamen Gefährt, warum sieht dieses Gefährt so aus? Da ist ein Widerspruch in sich, der kommt ja aus einem reichen Land, der könnte doch eigentlich mit dem Flugzeug oder Zug kommen? Warum kommt der so langsam und in solch fremder Verkleidung?"

Christoph Brumme ist kein schreibender Radler, er ist radelnder Schriftsteller - ein Umstand, der seine Aufzeichnungen von der üblichen Extremsport- und Selbsterfahrungs-Literatur so weit entfernt sein lässt wie die Marathon-Bücher Günter Herburgers oder Haruki Murakamis von Joschka Fischers "Langem Lauf". Brumme, der 1994 mit dem Roman "Nichts als das" ein aufsehenerregendes Debüt hinlegte, dem 1997 und 2002 zwei von der Kritik eher stiefmütterlich behandelte Bücher folgten, wurde 1962 in Wernigerode, in der DDR, geboren. Aufgewachsen in Sichtweite der Grenze, mit Fernweh im Kopf, hatte Brumme ein ambivalentes Verhältnis zum "sozialistischen Bruderland" im Osten, in dem, so empfand er es, auch über sein Schicksal entschieden wurde.

"Also, wir hatten ja in der Schule Russischunterricht, und das war immer sehr politisch, und sehr durchsichtig auch, und sehr primitiv eigentlich. Deswegen hat's mich abgestoßen. [...] Aber gleichzeitig habe ich ja immer wieder Bücher russischer oder sowjetischer Autoren gelesen. Also war es natürlich ein zwiespältiges Verhältnis zu dem Land. Über die Literatur ein großes Interesse - und der Sprache gegenüber eine große Abneigung, Aversion. Und das hörte eigentlich schon mit dem Mauerfall auf. Ich habe kurz nach Mauerfall in der Friedrichstraße einige Russen gehört, und war überrascht, was das für eine angenehme, interessante Sprache ist. Und dann habe ich in den 90er Jahren einen Russen beherbergt in meiner Wohnung und habe den später im Donbass, in Donezk, besucht, und von da an war ich fasziniert und habe gedacht: Ich muss den Klassiker kennenlernen, ich muss das Original, die russische Provinz, kennenlernen. Und das war, glaube ich, ein richtiger Schritt."

Wohlmeinende Freunde, die von Brummes Expedition erfuhren, glaubten ihn vor mafiösen Zuständen, Gesetzlosigkeit und Willkür, Räubern und Banditen warnen zu müssen. Der Autor erfährt in den östlichen Weiten das genaue Gegenteil: Am Schreibtisch lebt er wahrscheinlich gefährlicher als auf dem Rad.

"Ich erlebe, dass man als Medienkonsument fast gar nichts über die Wirklichkeit weiß. Und eben die wollte ich ja entdecken. Und es war auch so, dass ich diese Reise ja eigentlich gemacht habe aus einem gewissen Trotz heraus. Ich wollte mir zwei Sachen abgewöhnen: das Rauchen und das Schreiben. Nun kann ich mir nicht das Denken abgewöhnen. Deswegen auch das Diktiergerät. Na - mal kucken, was kommt. Aber an sich war ich so weit, dass ich gesagt habe: Ich will nicht mehr schreiben. Ich versuche, noch einmal ganz anders über mein Leben nachzudenken. Und die vielen Begegnungen, die vielen herzlichen Begegnungen unterwegs aber haben mich dann doch zu der Einsicht gebracht: Erstens, ich bin ein anderer Mensch geworden auf dieser Reise. Und zweitens: Für diese Menschen, die ich dort getroffen habe, müsste ich das Buch schreiben."

Zehn Stunden pro Tag sitzt er im Sattel; schon nach wenigen Tagen wird die Reise für ihn zu einem Rausch. Das Denken ändert sich, wird langsamer, Geschichten stellen sich ein. Im Tritt der Pedale verweben sich Erinnerungen, poetische Miniaturen und skurrile Alltagsbeobachtungen: Brumme arbeitet - ganz teilnehmender Beobachter - in einer Bauarbeiterbrigade, trifft auf philosophierende Grenzoffiziere, wird von einfachen Bauern eingeladen, beschenkt und bestaunt. Obratno tosche na velozipede, fragen ihn manche: Zurück auch mit dem Fahrrad? Obratno tosche. Koneschno. Es sind diese Begegnungen, von denen das Buch lebt. Brummes Aufzeichnungen sind sentimentalisch durch und durch, dabei aber ganz unmittelbar der Gegenwart, dem Augenblick zugewandt. Verglichen mit dem rhetorisch funkelnden, vor Geschichtsgefühl und Bedeutungsfülle schier berstenden Buch des Reporters Wolfgang Büscher, der die 2500 Kilometer von Berlin nach Moskau zu Fuß ging, kommt Brummes Text scheinbar simpel, ‚unliterarisch' daher. Doch er besitzt die Fähigkeit, sich selbst - und damit den Leser - zu überraschen. Brumme schreibt gleichsam mit staunend offenem Mund. Eine seiner Entdeckungen, im Bildteil des Bandes dokumentiert: die Buswartehäuschen an ukrainischen Straßen; kleine Mosaik-Kunstwerke zwischen Mythologie und Propaganda, eine "Kultur der Verschwendung inmitten des Mangels". Nicht selten kommt Brumme die Provinz zwischen Rostov am Don, Saratov und Kursk so vor, als seien all die Romane, die er über Russland gelesen hatte, nachträglich illustriert worden. Doch auch die Kontraste des mit ungeheuer Rasanz Richtung Westen strebenden Riesenreichs, in dem das 19. und 21. Jahrhundert, Holzhütten und elektronisch gesicherte Villen, oft dicht beieinanderliegen, faszinieren ihn.

"Also, den neuen, überhitzten russischen Kapitalismus sieht man natürlich vor allem in den Großstädten. Man sieht ihn auch in den Dörfern, weil ja viele Häuser in den Dörfern in den letzten 10 - 15 Jahren neu errichtet oder komplett saniert wurden. Man sieht es im Grunde an allen Ecken und Enden. Es ist aber natürlich ein ganz anderer Blick als der, den deutsche Zeitungen meist liefern: Die kucken nach Moskau, und betrachten Russland als politisches Subjekt. Ich komme als Fahrradfahrer und betrachte Russland aus der Provinz. So wie es die meisten Russen auch tun. Ich kenne keinen deutschen Zeitungsartikel, der das Verhältnis zwischen Provinz und Moskau adäquat beschreibt. Die Differenz zwischen Provinz und Machtzentrum ist so groß! Und dann erst versteht man Russland. Versteht, wie Russland funktioniert. Wenn man weiß, dass die Mehrheit der Leute von ihrer Regierung nichts erwartet. Sie sind froh, wenn von dort kein Schaden kommt, wie in den 90er Jahren unter Jelzin. Aber sie erwarten nichts von der Regierung. Sie haben auch keine Angst vor der Regierung. In Deutschland wird ja Russland manchmal fast als Diktatur dargestellt - darüber lachen sich fast alle Russen, die kenne, kaputt und krank und sagen: was für ein Quatsch! Wir haben Angst vor unseren Gasboilern in der Wohnung, weil die explodieren können und die Technik nicht sicher ist! Aber nicht vor unserer Regierung!"

"Das Radfahren ist die erste Tätigkeit in meinem Leben, die ich ohne Zweifel als sinnvoll empfinde", notiert der Schriftsteller Christoph Brumme, nachdem er, an den Füßen nur noch von Plastiktüten umwickelte Badelatschen, am 2. September 2007 die polnisch-deutsche Grenze erreicht hat. Das Motto seiner wunderbaren Expedition in die eigene Vergangenheit und mitten ins heutige Europa findet er im mitgenommenen Kafka-Bändchen: "Wie kann man sich auf die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet." Der Mann hat recht: Außergewöhnliche Reise-Bücher sind anders wohl nicht zu haben.

Christoph D. Brumme: "Auf einem blauen Elefanten. 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück". Dittrich Verlag 2009. 192 Seiten, 19.80 Euro

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