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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur "Ich ließ mich manipulieren"22.08.2016

Radikalisierte Schwedin "Ich ließ mich manipulieren"

Die Schwedin Anna Sundberg suchte nach einem Sinn in ihrem Leben - und fand ihn im Islamismus. Nacheinander war sie mit zwei gesuchten Terroristen zusammen. Mit ihren Kindern lebte sie im Terroristencamp in Georgien und in Syrien - wo sie sogar im Gefängnis landete. In ihrem Buch "Geliebter Terrorist" erzählt sie ihre fast unglaubliche Geschichte.

Von Berthold Forssman 

Eine Frau mit ihrem Kind im zerstörten Kobane (Syrien). (Sedat Suna, dpa picture-alliance)
Anna Sundberg lebte eine Zeit lang auch in Syrien - ihr drittes Kind wollte sie allerdings in Schweden bekommen und kehrte zurück. (Sedat Suna, dpa picture-alliance)
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Eigentlich hätte Anna Sundberg, Jahrgang 1971, ein ganz normales Leben führen können. Sie stammt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus und wächst behütet in Halmstad an der schwedischen Westküste auf. Von klein auf verspürt sie jedoch ein inneres Vakuum und fühlt sich orientierungslos, findet keinen Zugang zu sich selbst oder ihren wechselnden Männerbekanntschaften. Wenn sie sich aber für etwas begeistert, reagiert sie so heftig, dass andere über ihren Enthusiasmus erschrecken. Eher lustlos studiert sie Religionswissenschaften und erfährt an der Universität zum ersten Mal etwas über den Islam. 1994 erfolgt der radikale Einschnitt, als die 23-jährige Anna den Algerier Walid kennenlernt. Er schöpft seinen Lebenssinn aus dem Islam und findet dort alle Antworten. Anna ist fasziniert: 

"Wir sprachen über die Mysterien des Daseins. Für mich war es Liebe, für ihn etwas anderes. 'Dinge sind vorausbestimmt', sagte er. 'Es gibt eine Antwort auf alle Fragen, einen Sinn für alles.' Plötzlich wurde ich von einer Klarheit erfüllt, einem inneren Licht. Ich strahlte. 'So etwas habe ich noch nie erlebt, was ist das?', fragte ich. 'Das ist Gott', antwortete Walid. In diesem Augenblick war es, als öffne sich der Himmel, und ich spürte Gottes Blick. Ich wurde so froh, alles war so schön. Gott war immer da gewesen, nur hatte ich es nicht gewusst. Jetzt konnte ich ihn sehen. Zu Hause fiel ich auf die Knie und betete, ohne zu wissen, wie man das tat. Ich hoffte, dass Gott mir zuhört." 

Terroristencamp: "Glücklichste Zeit meines Lebens"

Die wahre Erleuchtung? Die große Liebe? Oder nur ein Rausch nach zu viel Haschisch-Konsum? Alle Interpretationen werden angedeutet und bleiben am Ende offen. Aber schon zwei Wochen später heiratet Anna nach muslimischem Ritual, und das Paar bekommt zwei Kinder. Bei Walid verspürt sie eine vermeintliche neue Freiheit, aber ihr weiterer Werdegang folgt dafür umso strikteren Bahnen. Innerhalb kurzer Zeit durchläuft Anna die Etappen einer Radikalisierung: den Bruch mit alten Freunden, mit ihrer Familie, und die Unterwerfung unter die neuen Regeln. Andenken an die Vergangenheit werden vernichtet, sie erhält einen neuen Namen - ihre alte Persönlichkeit wird ausgelöscht. Wo immer sich mögliche Widersprüche auftun, begegnet Anna ihnen mit Sätzen wie "So war es halt".

Keine Probleme hat sie hingegen damit, dass Walid seinen Lebensunterhalt mit Diebstählen bestreitet und die Sozialsysteme ausnutzt: Schließlich befindet man sich ja im Krieg mit dem Westen. Aber sie ertappt Walid bei Verstößen gegen Glaubensregeln und entlarvt seine Doppelmoral. Sie trennt sich von ihm und heiratet Said Arif, einen noch radikaleren Muslim, der ihrer Ansicht nach wirklich im Glauben lebt und ihr dadurch imponiert. Immer tiefer taucht Anna in immer radikalere Kreise ein, die auch zu Anschlägen bereit sind, und immer größer wird ihr Wunsch nach einem wahrhaft islamischen Staat. Die junge Familie zieht in eine konspirative Wohnung nach Berlin, wo Said einen unbekannten Auftrag erfüllen soll, und begeistert erzählt er von Bin Laden, den er in Afghanistan persönlich kennengelernt hat. Statt nach Afghanistan zieht die Familie aber zunächst ins Pankissi-Tal in Georgien an der Grenze zu Tschetschenien, das zum Rückzugsort und zur Ausbildungsstätte für Dschihadisten geworden ist. Das Leben dort bezeichnet Anna als die glücklichste Zeit ihres Lebens, und die Anschläge vom 11. September 2001 sorgen in ihrem Umfeld für Euphorie. Aber Anna ist wieder schwanger und will ihr drittes Kind statt im Terroristencamp lieber in Schweden zur Welt bringen. 

"Es war unwirklich, wieder zurück nach Halmstad zu kommen. Schweden war mir fremd geworden, diese ganze westliche Zivilisation, mit ihrer Technologie und ihrem Überfluss. Die Menschen hatten alles, aber sie waren unglücklich und undankbar gegenüber Gott, trotz aller Gaben, die sie erhalten hatten. Und weit weg lebten die demütigen gläubigen Menschen, die nichts geschenkt bekamen und trotzdem nie klagten. Ich sah die Einfamilienhäuser mit ihren kahlen Gärten und den Autos in den Einfahrten. In Afghanistan und in Tschetschenien kämpften Menschen für ihren Glauben, aber hier hatten Worte wie Opfer und Kampf keine Bedeutung, und es gab keine Brüderschaft. Ich betrachtete diese geordnete und saubere Welt. Sie fühlte sich schmutzig an." 

"Das hier ist keine Geschichte, auf die ich stolz bin"

Die Familie zieht nach Syrien weiter, wo Said wegen des inzwischen ausgebrochenen Irak-Kriegs neue Chancen für seinen Kampf sieht. Aber er wird vom Assad-Regime verhaftet, und auch Anna wird erst unter Hausarrest gestellt und schließlich ins Gefängnis geworfen. Nur mithilfe der schwedischen Behörden gelingt ihr die Ausreise, was sie wie selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt. In Schweden bleibt sie zunächst noch in schriftlichem Kontakt mit Said, bevor sie sich allmählich von ihm und von ihrem früheren Leben lossagt. 

"Die Briefe von Said aus dem Gefängnis wurden immer inhaltsleerer. Ich begann einzusehen, dass man in Schweden irgendwann arbeiten muss. 2007 begann ich eine Ausbildung und damit ein Doppelleben, und ich beschloss, als Experiment vorübergehend meinen Schleier abzulegen. Ich nahm wieder Kontakt zu alten Freunden auf und war bereit, mich von Said scheiden zu lassen. Ich äußerte Meinungen, die Sprengstoff in unseren Kreisen waren. Ich war frei, aber unglaublich einsam, ohne Brüder und Schwestern. Ein gewisser Glaube an Gott hielt sich noch ein paar Monate, wurde aber immer undeutlicher und verschwand irgendwann. Allmählich kamen mir Zweifel an meiner früheren Rolle. Das hier ist keine Geschichte, auf die ich stolz bin. Ich ließ mich zuerst manipulieren und dann in ein Weltbild hineinziehen, das von Hass, Fantasien und Mythen geprägt war. Aber ich bin froh über das, was ich hinterher in meinem Leben erreicht habe. Es fühlt sich an, als sei ich wieder ich selbst." 

Fesselnde und provozierende Lektüre

Annas Inanspruchnahme des diplomatischen Korps für ihre Freilassung und ihr Ausnutzen der Sozialsysteme sorgen in Schweden seither für Empörung, ihr Ausstieg aus der Szene für Skepsis. Kein Zweifel: Eine Sympathieträgerin ist sie nicht, und die allenfalls bescheidene Selbstkritik und der distanzierte Ton machen die Sache nicht besser. Das Buch bietet daher auch keine wirklich schlüssige oder nachvollziehbare Erklärung für Annas Entwicklung. Aber darin liegt auch eine Stärke der Erzählung. Gerade weil Anna nicht an Emotionen appelliert, besteht für den Leser die Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu machen und Widersprüche zu entlarven. So erfährt man, welch harten Wettkampf sich Anna und ihre Glaubensbrüder darum liefern, wer noch überzeugter ist, wie dann aber doch alle an sich selbst und ihren Rivalitäten scheitern. Auch das komplette Versagen der Behörden wird deutlich: Salafisten bewegen sich ungehindert quer durch Europa, obwohl sie abgehört werden und gegen sie ermittelt wird.

Das Buch wird damit eine ebenso fesselnde wie provozierende Lektüre, denn es entlarvt den Idealismus der radikalen Glaubenskämpfer immer wieder als Illusion oder als Lüge. Aber es ist keine psychologische Studie, es bietet keine Anleitung für die Eingliederung von Rückkehrern und keine Handreichung für Angehörige. Die Frage nach dem ganz großen Warum einer solchen Radikalisierung bleibt damit offen.

 

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