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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDas Gefühl, zu einer Elite zu gehören23.11.2015

Radikalisierung von JugendlichenDas Gefühl, zu einer Elite zu gehören

Nach Terroranschlägen wie in Paris werde immer nur auf die Folgen des religiösen Extremismus reagiert, kritisiert der Psychologe Ahmad Mansour. Viel wichtiger sei, dessen Ursachen auf den Grund zu gehen. In seinem Buch "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen" beklagt er provokant, dass "Salafisten derzeit wohl die besseren Sozialarbeiter" seien.

Von Ralph Gerstenberg

Mit einem Plakaten auf dem Rücken versuchen Teilnehmer der von Salafisten organisierten Koran-Verteilaktion "Lies" auf der Zeil in Frankfurt am Main die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. (dpa / Boris Roessler)
Salafisten verstehen die Welt dieser Jugendlichen besser, sagt Mansour. (dpa / Boris Roessler)
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Ahmad Mansour will sehr viel mit seinem neuen Buch. Er will die Augen öffnen, wachrütteln, sensibilisieren – und er will vor allem eines: Er will etwas verändern. Denn es existiert eine Gefahr in unserer Gesellschaft, eine Gefahr, der man sich oft erst bewusst wird, wenn etwas passiert, etwas, das so schrecklich ist wie die Anschläge von Paris. Diese Gefahr gehe nicht nur von denjenigen aus, die nach Syrien ausreisen und Gewalttaten verüben, meint Mansour, sondern vor allem von denen, die unter uns leben, jedoch unseren Wertekanon von sich weisen. Dabei handele es sich nicht um Einzelfälle, sondern um eine ganze Generation, die "Generation Allah".

"Generation Allah sind nicht die Radikalen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden sollen, sondern sind deutsche Jugendliche, die zu dieser Gesellschaft gehören mit und ohne Migrationshintergrund, die ihr Religionsverständnis aber auf eine sehr demokratiefeindliche Art und Weise interpretieren. Das sind Jugendliche, die in sich ganz viele Verschwörungstheorien und antisemitische Einstellungen tragen, das sind Jugendliche, die in sich bestimmte, sehr problematischen Geschlechterbilder haben, die zum Beispiel ihre Religion als eine alles ausschließende Ideologie verstehen, wo sie sich aufwerten und andere Menschen abwerten, nicht hinterfragen, nicht kritisch denken dürfen. Das sind keine Fälle für Sicherheitsapparate, für den Verfassungsschutz. Das sind aber Fälle, die wir pädagogisch erreichen müssen. Deshalb rede ich von Generation Allah."

Ahmad Mansour, Psychologe und Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland (dpa/picture alliance/Michael Kappeler)Ahmad Mansour, Psychologe und Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland (dpa/picture alliance/Michael Kappeler)

Ahmad Mansour weiß, wovon er spricht. Der 1976 geborene Israeli mit arabischen Wurzeln wurde von einem Imam in seiner Heimat radikalisiert. Als Sohn einfacher Bauern wuchs er in patriarchalischen Strukturen auf. Gewalt und Verachtung gehörten zum familiären Alltag. Angst und Einsamkeit bestimmten seine Kindheit und frühe Jugend. Im Islam fand der zutiefst verunsicherte Dreizehnjährige Halt und Stärke sowie den sinnstiftenden Auftrag einer gemeinsamen Mission.

"Auf einmal gehörte ich zu einer Gruppe, die sagt: Wir besitzen die Wahrheit. Gott sitzt im siebten Himmel und schaut nach unten, hat uns viel lieber als alle anderen. Gott ist stolz auf uns. Wir werden die Welt beherrschen. Wir haben die Wahrheit und wir gehen mit dieser Wahrheit nach außen missionieren und retten diese Menschen vor ihrem elenden Leben. Das ist ein Machtgefühl, das Gefühl, zu einer Elite zu gehören. Das ist unbezahlbar gewesen für einen Dreizehnjährigen."

"Zudem hatte ich nun Vorbilder und Ziele, die nicht mehr in weiter Ferne lagen oder deren Erreichen mir nicht zugetraut wurde. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn ich in die Moschee kam, traf ich dort die älteren Jungen, die die Stufen der Radikalisierung schon viel höher hinaufgestiegen waren – und ich konnte beobachten, wie parallel zu ihrer Radikalisierung ihr Erfolg und ihre Anerkennung gewachsen waren. Viele von ihnen gehörten bereits zu den lokalen Führungskräften der Muslimbrüder. Sie hatten einen vollen Terminkalender, ihr Leben erschien mir unfassbar bedeutungsvoll. Schnell war mir klar: Genau dort wollte ich hin."

"Es ist eine Jahrhundertaufgabe"

Die Passagen, in denen Ahmad Mansour von seiner eigenen Radikalisierung und seinem Lebensweg berichtet, der ihn an die Universität von Tel Aviv führte und schließlich 2004 nach Berlin, wo er sein Psychologiestudium abschloss, gehören zu den stärksten des Buches. Am eigenen Beispiel zeigt Mansour, wie Indoktrination und Radikalisierung funktionieren und wie schwer es ist, sich aus der Umklammerung einer Ideologie zu befreien, was ihm jedoch gelang. Ergänzt wird der autobiografische Teil durch konkrete Fallbeispiele aus Mansours Arbeit für Deradikalisierungsprojekte wie HEROES oder HAYAT, zu denen er stieß, als er bemerkte, dass die hiesige Gesellschaft keine geeigneten Antworten auf die Herausforderungen durch den Islamismus zu haben scheint. So formuliert Ahmad Mansour in seinem Buch die provokante These, dass Salafisten derzeit wohl die besseren Sozialarbeiter seien.

"Das bedeutet nicht, dass sie Sozialarbeiter sind. Das bedeutet aber, dass sie die Welten dieser Jugendlichen besser verstehen. Dass die Angebote, die sie machen, die Plätze, die Räume, die sie aufsuchen, näher an den Welten der Jugendlichen sind. Sie sind da, wo diese Jugendlichen ihren allerletzten Euro im Casino verloren haben, und machen ihnen Angebote, sie sind vor den Schulen, sie sind da, wo die Jugendlichen diskriminiert werden. Und sie sind vor allem im Internet, in sozialen Medien aktiv und bieten den Jugendlichen eine Ideologie, die schwarz-weiß ist, wo die Jugendlichen nicht viel nachdenken müssen, um zu wissen, wer Opfer und wer Feind ist. Und das ist natürlich ein Thema, das wir als Zivilgesellschaft erstmal bearbeiten müssen."

Ahmad Mansour spricht von einer "Jahrhundertaufgabe". Der Hang zu großen Worten ist durchaus typisch für dieses Buch. Auch der Titel "Generation Allah" klingt beinahe reißerisch. Andererseits geht es Mansour darum, sein Thema, die Radikalisierung von Jugendlichen in unserer Gesellschaft, zu popularisieren. Und dabei helfen solche Schlagworte nun einmal. Wie gesagt, Ahmad Mansour will viel. Das Problem soll so bekannt und präsent sein, dass Politiker darauf reagieren müssen - und zwar nicht nur dann, wenn Anschläge geschehen und Menschen sterben. Am Ende des vor allem in seinen Praxisberichten und Beispielanalysen lesenswerten Buches macht Ahmad Mansour Vorschläge, wie man diese "Jahrhundertaufgabe" bewältigen könnte. So fordert er unter anderem die Einsetzung eines Bundesbeauftragten zur Prävention und Bekämpfung ideologischer Radikalisierung.

"Es muss eine Stelle geben, wo alles koordiniert wird. Die Aufgabe und die Probleme sind viel größer, als manche Politiker das wahrnehmen wollen. Es ist viel einfacher, reinen Aktionismus zu betreiben, und wenn es hier einen Anschlag gibt oder in Paris einen Anschlag gibt, dann gibt man ein paar Millionen, dann macht man eine Mahnwache, dann schreibt man eine Broschüre und hofft, dass das Problem vom Tisch ist. Das Problem ist viel tiefer, das Problem ist viel verwurzelter, das Problem gehört zu uns. Und das Problem zu bekämpfen kostet unfassbar viel Geld."

Ahmad Mansour "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen"
S. Fischer, 272 Seiten, 19,99 €.

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