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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWie ein junger Mensch den Salafisten verfallen kann19.06.2017

RadikalisierungWie ein junger Mensch den Salafisten verfallen kann

Marc Trévidic ist Frankreichs bekanntester Richter. Zehn Jahre lang arbeitete er als Antiterror-Richter in Paris. Mit "Ahlam oder der Traum von Freiheit" hat er einen politischen Roman geschrieben. Die Protagonisten sind ein Geschwisterpaar in Tunesien. Ahlam schließt sich der Demokratiebewegung an, Issam gerät in den Bann der Salafisten.

Von Christiane Kaess

Ein Porträt des französischen Richters Marc Trévidic (picture alliance / dpa / Anthony Picore)
Der französische Richter Marc Trévidic: Der nächste IS-Anschlag kommt bestimmt. (picture alliance / dpa / Anthony Picore)

Ein Anti-Terror-Richter, der einen Roman schreibt. Geht das überhaupt? Marc Trévidic lacht.

"Alles, was man zum ersten Mal macht, ist unbekanntes Terrain. Weil ich Jurist bin, bin ich eher direkt. So ist das im Recht und allem, was dazu gehört. Bei Essays, wie ich sie davor geschrieben habe, gibt es einen ersten Teil, einen zweiten und eine Synthese. Da hat man sozusagen einen Fallschirm als Absicherung dabei."

Dass er sich dennoch auf das Abenteuer eingelassen hat, mit einem Roman eine ganz andere Form auszuprobieren, hat mit der zentralen Geschichte seines Buches zu tun: Trévidic schildert, wie der radikale Islam Einzug in eine Gesellschaft hält.

"Wenn man in die Psyche eines Charakters eintauchen will, zum Beispiel eines jungen Menschen, der sich radikalisiert, dann ist ein Roman dafür unendlich lehrreich. Da kann man wirklich etwas spüren und muss nicht nur trocken Mechanismen beschreiben. Ich glaube, man kann durch einen Roman viel besser verstehen, wie sich ein junger Mensch radikalisiert - durch einen Charakter, der nachdenkt, der mit den anderen Charakteren interagiert. Das geht besser als in einem Essay, in dem man diesen Prozess soziologisch oder kriminologisch erklärt."

Der Beginn einer Freundschaft

Der Anfang der Geschichte erinnert aber zunächst eher an eine Erzählung von Thomas Mann: eine weiße Gestalt im Leinenanzug geht von Bord einer Fähre - Ankunft auf den Kerkennah-Inseln vor der Ostküste Tunesiens. Eine damals - im Januar 2000 - friedliche, fast schläfrige Touristengegend. Erst nach und nach bekommt der Franzose Paul Arezzo ein Gesicht. Er ist ein gefragter Maler, der nach einer gescheiterten Liebesbeziehung Paris entflieht und hofft, weit weg von zuhause die Inspiration für seine Kunst wieder zu finden. Dabei freundet er sich mit der Familie des tunesischen Fischers Farhat an. Paul unterrichtet dessen Kinder Ahlam und Issam in Musik und Malerei. Das Mädchen und der Junge sind nicht nur talentiert, sie gehen ganz und gar darin auf. Für den Jungen Issam wird die Malerei zum sinnlichen Erlebnis:

"Er ertastete das Papier, die zarte Körnung, auf der die Pigmente gut hafteten, die sensible Textur. Und er liebte das Pastell, dieses samtweiche Gebrösel, diese Mischung aus Härte und Geschmeidigkeit, den hauchfeinen Puder, der sich der wechselnden Intensität seiner Wünsche in all ihren Abstufungen so fabelhaft anpasste."

Erst nach und nach brechen die gesellschaftlichen Spannungen in die Künstler-Idylle von Paul und Farhats Familie.

"Unter der Obhut des Franzosen wurden aus Issam und Ahlam Kinder, die 'anders' waren. In Kerkennah begann man zu tuscheln. […] Der Imam der Altstadtmoschee von Remla suchte Farhat auf. Er müsse aufpassen. Paul sei Franzose, mit anderen Worten, Paul sei Christ. Farhat pfiff darauf. Paul war ein guter Mensch. Er tat den Kindern gut. Er brachte Schönheit in ihr Leben, gab ihnen Hoffnung für die Zukunft."

Die bringt unruhige Zeiten. Mit dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali und dem Beginn des arabischen Frühlings fängt in Tunesien auch der Kampf zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen um Macht und Einfluss an.

Kunst versus Religion

Marc Trévidic schildert ihn in seinem Buch auch als Kampf zwischen der Kunst, die für den Liberalismus steht, und dem religiösen Fanatismus. Tunesiens Künstler leiden besonders unter den Islamisten. Sie werden bedroht oder Opfer von Gewalttaten. Auf der anderen Seite steht die noch junge Demokratiebewegung. Ihr schließt sich Ahlam als junge Frau begeistert an.

"Das Wahlergebnis von 2011 löste bei Ahlam blankes Entsetzen aus. Die Ennahda hatte zwar nicht die absolute Mehrheit bekommen, doch die Islamisten hatten die Wahlen gewonnen. Was hatten die Tunesier sich nur dabei gedacht, ausgerechnet die Islamisten mit der Ausarbeitung der neuen Verfassung zu betrauen, in deren Augen Frauen bloß Untermenschen sind und die Demokratie lediglich das Sprungbrett für die Scharia ist?"

Ahlam wird wie zum Trotz aktiv und engagiert sich für Frauenrechte und Demokratie. Es ist die Zeit, in der Tunesien an den Rand eines Bürgerkrieges gleitet, die Spannungen immer weiter zunehmen.

Die Radikalisierung

In den politischen und gesellschaftlichen Wirren gerät Ahlams Bruder Issam unter den Einfluss von Salafisten. Seine Radikalisierung vollzieht sich schnell und doch schrittweise. Wie sollte es auch anders sein - bei jemandem, der eine bürgerliche und sogar künstlerische Erziehung genossen hat? Dass der Wandel zum Fundamentalisten dennoch möglich ist, weiß Autor Marc Trévidic aus seinen praktischen Erfahrungen.

"Ich habe Intellektuelle gesehen - 30-, 35 Jährige - keine typischen Leute für so etwas. Die Ideologie kommt bei allen an. Der Schlüssel ist dabei, dass einer den anderen radikalisiert. Wir sind alles Menschen mit unseren Schwächen, unseren Verwerfungen. Und es gibt Leute, die schaffen es, die Schwächen auszunutzen und bringen einen anderen dahin, wohin sie ihn haben wollen. Bei Issam ist interessant, wie andere diese Schwächen ausnutzen, um ihn zu radikalisieren - trotz seiner Bildung oder seiner Liebe zur Kunst. Er wird dazu gebracht, das zu hassen, was sein Leben ausgemacht hat: die Malerei. Wir reden viel über das Internet bei der Radikalisierung. Aber es gibt immer einen Menschen, der den anderen radikalisiert. Es ist immer die falsche Begegnung, der schlechte Einfluss."

So beginnt auch Issams Radikalisierung nicht mit unmittelbarer Gewalt. Er trifft auf Ayman, der so etwas wie sein Mentor bei seinem Weg in den Dschihad wird und der lehrt ihn zunächst:

"Nutzlose Gewalt sei schlimmer als Nichtstun. Gewiss müsse man auf dem Pfade Allahs kämpfen, aber alleroberste Priorität habe die Effizienz. Allah brauche keine Idioten, sondern Mudschaheddin, die sich korrekt benähmen und planvoll überlegt zu Werke gingen. Wer sich nur austobe, im Glauben, der gerechten Sache zu dienen, sei in Wahrheit ein schlimmer Feind."

Was nicht heißt dass die Islamisten nicht auch einfache Charaktere rekrutierten, die genau zu diesen Gewalttaten bereit sind. Und auch Issam entwickelt sich zum Schluss dahin. Nur ist sein Weg länger.

Marc Trévidic setzt auf die Frauen

Aber auch in einem ganz anderen Kontext, zum Beispiel in Frankreich, - so glaubt Trévidic - vollzieht sich Radikalisierung so wie er es in seinem Buch beschreibt. Der Jurist greift dabei auf einen großen Erfahrungsschatz und eingehende Recherche zurück. Es gelingt ihm, eine politisch hoch aktuelle gesellschaftliche Entwicklung in eine literarische, unterhaltsame, zum Teil fast blumige Erzählung einzubauen. Er selbst sieht sein Buch als Würdigung der Frauen in Tunesien.

"Es sind die Frauen, die das Schlimmste verhindern können. Die Männer können immer an einem strengen Islam interessiert sein. Da sind sie die Helden. Sie können ihren Frauen sagen, was sie zu tun haben, sie können mehrere heiraten, die Frau ist zuhause mit den Kindern, völlig abhängig von ihrem Mann. Die Frauen wiederum können daran kein Interesse haben. Wenn sie nicht gegen eine fundamentalistische Auslegung ihrer Religion kämpfen, dann ist es vorbei. Dann haben die Fundamentalisten gewonnen."

In Trévidics Buch wird dies erschreckend deutlich.

Marc Trévidic: "Ahlam oder der Traum von Freiheit"
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 288 Seiten, 9,99 Euro

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