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StartseiteEssay und DiskursEine öffentliche Plattform für Whistleblower01.11.2015

RadioleaksEine öffentliche Plattform für Whistleblower

Rolf Stengård, 1949 geboren, hat 40 Jahre das schnelle und harte Geschäft der Nachrichten betrieben. 2011 gründete er "Radioleaks", den ersten Enthüllungsdienst in den schwedischen Medien, der es Bürgern ermöglicht, brisante Missstände anonym zu übermitteln.

Der schwedische Journalist Rolf Stengård im Gespräch mit Barbara Schäfer

Der Journalist Rolf Stengård (Annika Erichsen)
Der Journalist Rolf Stengård (Annika Erichsen)

Die Sprengkraft dieser Plattform erregte auch international Aufmerksamkeit und fand nicht nur in der schwedischen Medienlandschaft zahlreiche Nachahmer. Am 23. Oktober 2015 wurde Rolf Stengård in Berlin der PRIX EUROPA Lifetime Achievement Award verliehen. Mit diesem Preis ehrt das internationale renommierte Berliner Festival für Radio, Fernsehen und Online einmal im Jahr das Lebenswerk einer herausragenden Persönlichkeit der europäischen Medienwelt.

Seine Laufbahn begann Rolf Stengård bei Schwedens größter Tageszeitung, dem Dagens Nyheter, wo er auch für die Berichterstattung über die Ermordung des schwedischen Premierministers Olof Palme im Jahr 1986 zuständig war. Der Wechsel zur Nachrichtenredaktion von Sveriges Radio brachte ihm den Chefposten einer neu gegründeten Abteilung für Radioinvestigation.

Mit Stengård an der Spitze enthüllte diese den Plan schwedischer Politiker, den Bau einer Waffenfabrik in Saudi-Arabien zu unterstützen, deckte unerbittlich die Vergewaltigung einer 17-jährigen durch einen hochrangigen ehemaligen Polizeikommissar auf und brachte einen Korruptionsskandal von internationaler Tragweite ans Tageslicht: Seine Journalisten konnten nachweisen, dass Bestechungsgelder im Wert von über 10 Millionen Euro aus einem schwedischen Waffen-Konzern auf geschickten Umwegen über Afrika und Monte-Carlo bis zu ihrem Bestimmungsziel in Griechenland geflossen waren.


Das Gespräch in voller Länge:

Barbara Schäfer: Der Prix Europa ist das größte internationale Medienfestival des öffentlichen Rundfunks für Radio-Features und Fernseh-Dokumentationen, Hörspiele und Fernsehspiele sowie online-Projekte. Beim Prix Europa wird jährlich der "Lifetime Achievement Award" verliehen, ein Preis für das Lebenswerk einer herausragenden Persönlichkeit der europäischen Medienwelt. Die Auszeichnung ging bislang an die BBC-Legende Sir David Attenborough, die deutsche Filmproduzentin Regina Ziegler und an den Dänen Ingolf Gabold, Mastermind hinter dem Welterfolg dänischer Fernsehserien wie "Borgen" und "Kommissarin Lund".

In diesem Jahr erhielt der schwedische Journalist Rolf Stengård diese Auszeichnung für sein Lebenswerk. Stengård gründete 2011 beim Schwedischen Rundfunk die Internetplattform Radioleaks, auf der schwedische Bürger Informationen verschlüsselt hinterlassen und Dokumente hinterlegen können, ohne Angaben zur Person machen zu müssen. Auch können die Informationen von der Radioleaks-Internetseite aus nicht zurückverfolgt werden.

Die Preisverleihung fand am 23. Oktober im Rahmen der Prix Europa Awards im Großen Sendesaal des Berliner Haus des Rundfunks statt.

Ich habe Rolf Stengård am Tag der Preisverleihung zu einem Gespräch getroffen. Er ist 1949 geboren und arbeitete 40 Jahre als Nachrichtenjournalist bei schwedischen Zeitungen und beim Schwedischen Radio. Anfang des Jahres ging er in den Ruhestand.

Mr. Stengård, Sie haben den Prix Europa 2015 gewonnen für Ihr Lebenswerk, herzlichen Glückwunsch! 2011 haben Sie beim Schwedischen Rundfunk die Internet-Plattform Radioleaks gegründet - eine Plattform der Aktuellen Nachrichten, bei der jeder, der möchte, verschlüsselt Informationen hinterlassen kann - erstmal soweit. Was war damals der Anlass, Radioleaks einzurichten?

Rolf Stengård: Der ausschlaggebende Grund war, dass wir wussten, es gibt viele Informationen von Bürgern, ganz normalen Bürgern, die sich nicht an die nationalen Medien wenden können, weil sie einfach nicht wissen, wen sie dort ansprechen können. Aber es gab solche, die interessante Informationen hatten und irgendwo hinterlegen wollten, und dann haben wir die Plattform eingerichtet als Service für diese Bürger, zu der sie einfachen Zugang haben und die Information dort gesichert hinterlassen können.

Schäfer: Können Sie beschreiben, wie Radioleaks funktioniert?

Stengård: Ich will nicht beschreiben wie es aufgebaut ist, das bleibt besser ein Geheimnis. Es ist alles einfach - es gibt eine Radioleaks-Webseite mit einem Formular, in das man seine Informationen hineinschreiben kann. Man kann Dokumente anhängen, und wenn man möchte, gibt man seinen Namen an. Aber wenn man das nicht will, kann man auch absolut anonym bleiben.

Diese Informationen, die uns da zugesandt werden, landen auf einem Server, der nichts mit dem Schwedischen Radio-Computersystem zu tun hat. Dieser Server steht ganz woanders. Nur einige wenige Journalisten des schwedischen Radios haben Zugang dazu, mit einer komplizierten Log-In-Prozedur zu den dort hingeschickten Informationen, die dann journalistisch bearbeitet werden können.

Schäfer: Als Sie Radioleaks 2011 aufbauten, gab es damals irgendeinen Bedarf, eine Notwendigkeit in der schwedischen Gesellschaft für eine solche Plattform für Informanten?  

Stengård: Ja, wir waren natürlich inspiriert von Wikileaks, Wikileaks lieferte uns die Idee, so etwas in Schweden zu machen, also - warum nicht unser eigenes Leaks-System starten?

Schäfer: Wie reagieren Sie auf das, was die Menschen dort an Informationen hinterlassen? Sie können lesen, überprüfen, entscheiden, ob Sie das Material näher verfolgen - aber wie reagieren Sie auf die Informanten selbst?

Stengård: Wie ich sagte, sie können komplett anonym bleiben, also dann können wir niemanden fragen, ob wir mehr von diesen Informationen bekommen könnten. Wenn sie ihre Namen hinterlassen, können wir sie kontaktieren, soweit wir das wollen. Aber wichtig ist: Wikileaks sammelt eine große Menge an Informationen und streut sie an möglichst viele Medienunternehmen. Wir nehmen die an uns gelieferten Informationen und arbeiten direkt selbst damit, auf journalistische Weise. Wir recherchieren damit, dann kann das Ergebnis sein, dass wir die Sache nicht weiter verfolgen. Aber es kann auch sein, dass darin Potenzial steckt für eine gute Geschichte im Radio. Wichtig war bei Radioleaks jedenfalls von Anfang an, jeder der Informationen hinterlegt, kann sich absolut sicher sein, dass er keine Spuren hinterlässt, die zurückverfolgt werden können. Natürlich, ich bin sicher, ein Geheimdienst wie die NSA oder auch wahrscheinlich der schwedische Nachrichtendienst FRA könnten so ein Sicherheitssystem knacken.

Schäfer: Was ich mit der Frage nach der Notwendigkeit von Radioleaks intendiert hatte, war: Normalerweise gibt es Journalisten, die sich auskennen. Die lokale Kompetenz haben, die Netzwerke haben, die Kontakte haben und wenn es Missstände gibt, findet man das als Journalist heraus - ohne Radioleaks. Was war der konkrete Grund für dieses digitale, sehr anonyme, Hochsicherheitssystem?

Stengård: Weil wir an empfindliche Informationen herankommen wollten. Wir wollten, dass Menschen, die in der Regierung arbeiten, im Staatsdienst oder in Firmen, uns kontaktieren, wenn sie etwas wissen, zum Beispiel bei Fällen von Bestechung oder so. Und lassen Sie mich das sagen: Die Eingabe von Informationen schwedischer Bürger an das Nationale Radio ist nicht besonders hoch. Es sollte ein einfacher Zugang geschaffen werden, um mit uns Radiomachern in Kontakt zu treten. Im ersten Jahr bekamen wir eine Menge Tipps, die wir nicht bekommen hätten, wenn wir Radioleaks nicht eingerichtet hätten.

Schäfer: Was denken Sie, warum haben die Schweden so viel Respekt oder eben keinen Respekt vor den Journalisten des schwedischen Rundfunks?

Stengård: Ich weiß es nicht, ich glaube… ich weiß, dass die Informationen des schwedischen Rundfunks sehr vertrauenswürdig sind. Es ist eher so, dass der Rundfunk wie eine Behörde, eine Autorität ist. Niemand weiß, wen er dort ansprechen soll, wem er Informationen weiterreichen kann.

Schäfer: Lassen Sie uns konkret werden, was hinterließen die Informanten, die schwedischen Bürger, dort in Radioleaks? Können Sie uns ein Beispiel geben?

Stengård: Ein Beispiel aus dem ersten halben Jahr von Radioleaks ist das von einem prominenten Vorsitzenden einer bekannten Versicherungsgesellschaft. Er war verstrickt in fortgeschrittene Steuerhinterziehung, sogar in anderen Ländern, da lief auch was in Südamerika. Diese Information kam über Radioleaks und wir recherchierten und arbeiteten ziemlich lange daran. Als wir dann die Geschichte veröffentlichten über diesen sehr bekannten Mann, trat er zurück. Das war eine gute Information. Aber lassen Sie mich nochmal betonen: Ich bin sicher, ohne Radioleaks wären wir an diese Informationen nicht drangekommen.

Schäfer: Die klassischen Themen des investigativen Journalismus sind Bestechung, organisiertes Verbrechen, Korruption, vielleicht Ungleichheiten in der Arbeitsentlohnung - was davon kam bei Radioleaks an und wieviele Spuren überhaupt konnten Sie zu Geschichten machen in den ersten drei Jahren?

Stengård: Ok - wir haben sehr viele Spuren verfolgt, ich glaube in den ersten beiden Jahren haben wir ungefähr 50 eigenproduzierte News-Stories gemacht, die von Radioleaks angestoßen worden sind - von unterschiedlicher Qualität natürlich. Manche waren richtig groß, manche sehr ortsgebunden, regional.

Es gibt etwas, das mir große Sorgen macht in der Medienberichterstattung von heute. Ich glaube, die Sozialen Medien sind inzwischen das "Original", der Ursprung, es verbreitet sich dann Richtung visuelle Medien und dann entsteht das, was ich als "Meinungsjournalismus" bezeichne. Es gibt überall Meinungen, Leute sitzen und denken, denken unterschiedliche Dinge über die Gesellschaft und über das Gemeinwesen und überall gibt es Ansichten, und das hat dann dem sachbezogenen Faktenjournalismus Marktanteile weggenommen.

Also ich sage - irgendwer muss bei den Fakten bleiben, muss herausfinden, was wirklich passiert. Anstatt herumzusitzen und zu denken, darüber nachzudenken, was passiert.

Unter diesem Aspekt ist investigativer Journalismus sehr wichtig, irgendjemand muss den Zuhörern sagen, was tatsächlich passiert, dort, wo jemand anderer versucht, Informationen zu verbergen. In diesem Zusammenhang wird investigativer Journalismus immer wichtiger. Und dieser Flut von Meinungen überall wird das Publikum überdrüssig werden.

Schäfer: Noch einmal zurück zu Radioleaks: Wenn dort jemand konkret Informationen hinterlassen hat, wie behandeln Sie Verleumdungen, üble Nachrede und Leute, die jemanden unter falschen Verdacht bringen wollen? Und auf der anderen Seite - wie schützen Sie Ihre Informanten, wenn Sie ihr Material benutzen?

Stengård: Als wir Radioleaks an den Start brachten, hatte ich Sorgen, dass es Leute geben würde, die irgendwelchen Unsinn dort abliefern würden, üble Nachrede und solches Zeug. Aber ich lag falsch - es gab nicht so viele, die Radioleaks zu diesem Zweck missbrauchten. Das hat mich selbst überrascht. Aber so war es. Und der andere Teil der Frage: Wie schützen wir unsere Quellen? So wie in Radioleaks und allen anderen journalistischen Bereichen, die mit Quellen arbeiten: Wir halten es für sehr sehr sehr wichtig, alle Kräfte daran zu setzen, die Quellen zu schützen. Und wir besprechen das jeden Tag und vor jeder Art der Veröffentlichung. Das ist sehr wichtig. Und das Schwedische Radio hat noch nie eine Quelle offenbart - soweit ich weiß.

Schäfer: Und Sie müssen es auch nicht, weil es ein Gesetz gibt in Schweden, das die Quelle schützt?

Stengård: Es gibt ein Gesetz zum Schutz der Quelle. Es ist sogar Verfassungsrecht in Schweden, dass jeder das Recht hat, die Medien über Missstände am Arbeitsplatz zu informieren. Die Firma oder Behörde und deren Chefs dürfen nicht nachfassen, wer die Informationen herausgegeben hat - im Bereich der Öffentlichkeit, nicht im Privatbereich -  mit der Ausnahme, dass man keine klassifizierten Staatsgeheimnisse herausgeben darf.

Schäfer: Verbunden mit dem Recht auf Anonymität? Das ist in Deutschland anders, hier gibt es einen Gesetzentwurf, und der gilt bislang mehr dem Schutz des Journalisten, als dem der Quelle, des Informanten. Wie steht es in Schweden um die Rechte des Journalisten?

Stengård: Ja, in Schweden kann man ohne Risiko recherchieren und die Informationen einer Quelle nutzen. Und publizieren. Solange es sich nicht um klassifizierte Staatsgeheimnisse und entsprechende Dokumente handelt. Auf der anderen Seite ist es sogar so - wenn ich als Journalist eine Quelle preisgebe, begehe ich ein Verbrechen, ich kann dafür ins Gefängnis gehen.

Schäfer: Wenn Sie zurückblicken auf Ihre eigene Karriere, Sie waren lange Jahre Nachrichtenjournalist bei der schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter", haben dort eine investigative Redaktionseinheit aufgebaut, und das lange bevor eine Sache wie die Internetplattform Radioleaks überhaupt möglich gewesen ist. Mit Blick auf Ihren eigenen Werdegang - was waren die bemerkenswerten Momente für investigativen Journalismus - mit und ohne Internet-Unterstützung?

Stengård: Als ich Journalist wurde, da sah die Gesellschaft noch ganz anders aus. Da gab es kein Internet, wir hatten normale Schreibmaschinen, keine Computer. Und: Die Gesellschaft war offener. Wir konnten damals nicht im Newsroom sitzen und warten bis die News zu uns auf den Bildschirm kamen. Also mussten wir rausgehen. Unsere Quellen draußen treffen, auf der Polizeiwache, im Regierungssitz, Rathaus, sowas. Man konnte einfach reingehen. Sich hinsetzen, mit den Informationsgebern reden. So ist das heute nicht mehr möglich.

Schäfer: Warum ist das heute nicht mehr möglich?

Stengård: Weil jede Behörde, Organisation, heute nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Sie können da nicht mehr reingehen ohne eine Verabredung, einen Termin mit jemandem. Mit dem Internet kam eine Recherchemöglichkeit, die viel einfacher ist als alles vorher - das ist richtig. Aber auf der anderen Seite gibt es so viel Desinformation im Internet, die sich von Plattform zu Plattform, von Webseite zu Webseite weiterdreht. Als Journalist kann man grundsätzlich keine Informationen des Internets nutzen, ohne sie genau zu prüfen.

Schäfer: Also war Ihre Erfindung von Radioleaks auch so gemeint, dass Sie die Journalisten wieder zurück zur Basis, auf die Straße und zu den Menschen bringen wollten?

Stengård: Ja - so könnte man das sagen, das ist eine mögliche Formulierung. Journalisten brauchen dringend Quellen und Informanten. Ohne sie wäre unsere Berichterstattung oberflächlich und langweilig. Wir brauchen Quellen also müssen wir uns um die Quellen kümmern, so wie wir das taten, als das Internet noch nicht existierte. Also ja, Radioleaks könnte ein Schritt zurück in diese gute alten Zeiten sein.

Schäfer: Zurück in Ihre Zeit als Zeitungsjournalist - was war für Sie die größte Story?

Stengård: Ja, meine größte Geschichte war die zum Attentat auf den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme. Ich war damals Kriminalreporter bei Dagens Nyheter. Und für einen Monat war ich so gut wie nie zuhause - nur zum Schlafen. Wir recherchierten Tag und Nacht zu den Hintergründen des Anschlags. Das war die größte Geschichte auf jeden Fall. Und dann der Anschlag auf unsere Außenministerin Anna Lindh, da war ich schon beim Schwedischen Radio.

Schäfer: Beim Mord an Olof Palme 1986 gab es noch kein Internet in den Redaktionen, beim Mord an Anna Lindh 2003 dann schon, - Sie waren beim Radio - was waren die Unterschiede in der Recherchearbeit, soweit Sie sich erinnern?

Stengård: Nach dem Mord an Olof Palme mussten wir erst einmal einen Informationspool in der zuständigen Polizeibehörde aufbauen, um überhaupt herauszubekommen, was sie taten und ob sie das Richtige taten. Meine Kollegen und ich schafften ein Netzwerk des gegenseitigen Vertrauens mit unseren Informanten von der Polizei. Dafür zollten uns viele andere Zeitungen große Anerkennung. Als Anna Lindh ermordet wurde, war das anders. Die Polizei hatte ihren eigenen Pressesprecher, der nicht in die Untersuchung des Falls involviert, aber dennoch für die Fragen der Reporter zuständig war. Und es gab das Internet, wo augenblicklich eine Menge falscher Informationen verbreitet wurde. Insofern war es viel schwieriger, im Fall Anna Lindh zu arbeiten als im Fall Olof Palme.

Schäfer: Der Schwedische Rundfunk hat hier beim Prix Europa bereits 2012 einen Preis gewonnen für eine investigative Recherchesendung. Worum ging es da? Und was kann eine Radiosendung besser als eine Zeitung?

Stengård: Die Sendung, von der Sie sprechen, heißt Project Simoom - darin ging es um geheime schwedische Pläne, in Saudi-Arabien, einer der schlimmsten Diktaturen der Welt, eine Waffenfabrik zu bauen. Das war natürlich top secret. Die gesamte öffentliche Diskussion, die in Schweden entstand um Waffenexporte, beruhte auf dieser Recherche, dieser Sendung von uns. Und heraus kam dabei, dass der Verteidigungsminister zurücktrat und das ganze Projekt gestoppt wurde. Es hat also viel ausgelöst.

Aber warum war das so gut geeignet im Radio? Weil die beiden Reporter [Daniel Öhman und Bo-Göran Bodin, Anm. der Redaktion], die das gemacht haben, sehr talentierte Radiomacher sind. Wer ihren längeren Geschichten zuhört, hört einen Thriller. In einem Teil der Sendung interviewen sie den Chef der involvierten Behörde: Er streitet alles ab, alles. Wir aber wussten, dass er lügt und fragten ihn warum. "Ich lüge nicht, ich sage es Ihnen, Herrgott nochmal". Später kam es dann heraus, dass er gelogen hat, und das hatte gewaltige Auswirkungen in der Öffentlichkeit. Natürlich, das könnte eine Zeitung auch abbilden, aber im Radio hört man die Fragen, die Antwort, man hört, wie er lügt.

Schäfer: Entstand diese Geschichte aus dem Material eines Whistleblowers?

Stengård: Eigentlich kommentieren wir das nicht so gerne. Denn als wir das im Radio sendeten, veröffentlichten wir gleichzeitig Dokumente auf unserer Webseite. Das führte zu  Ermittlungen des Staatsanwaltes, der herauszufinden versuchte, wer uns diese Dokumente gegeben hatte. Es führte nirgendwohin, es wurde niemand angeklagt dafür, uns diese Dokumente übergeben zu haben. Aber es wurden uns Dokumente übergeben, also muss es eine Quelle gegeben haben. Oder fanden wir sie einfach in der Stockholmer U‑Bahn, wo jemand sie für uns liegen ließ? Aber: Ja, es gab einen Whistleblower.

Schäfer: Also was denken Sie über Whistleblower wie Edward Snowden?

Stengård: Ich finde, was Edward Snowden getan hat, ist sehr mutig. Ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde, das zu tun, was er tat. Aber was er der Öffentlichkeit gezeigt hat, würden wir nie verstanden haben, hätten wir uns nie vorstellen können, wenn er es nicht gesagt hätte. Es ist nun weltweit bekannt, in einer Menge Länder. Ich finde das sehr mutig.

Schäfer: Wie ist sein Ruf in Schweden, was denkt die schwedische Gesellschaft über Whistleblower?

Stengård: Offiziell denken sogar Politiker in Schweden, dass Whistleblowing wichtig ist für die Gesellschaft, für die Demokratie. Ich bin nicht sicher, ob sie dabei blieben, wenn ihr eigener Name von einem Whistleblower genannt würde. Aber offiziell ist es so: Whistleblower werden in einer Demokratie gebraucht.

Schäfer: Und das ist ein wichtiger Punkt für den Prix Europa-Preis für das Lebenswerk: Es heißt, dass Ihre Gründung von Radioleaks den internationalen Diskurs über investigativen Journalismus entscheidend beeinflusst hat. Kennen Sie journalistische Projekte, die Ihrer Idee gefolgt sind?

Stengård: Als wir mit Radioleaks begonnen haben, gab es viel Interesse insbesondere von deutschen Zeitungen, die gern etwas ähnliches aufmachen wollten. In Schweden gab es einige Nachahmer, das schwedische Fernsehen startete "TV-Leaks", sehr originell oder? Und ein paar Zeitungen versuchten auch was, Dagens Nyheter, eine der größten Tageszeitungen Schwedens, machte das auch.

Schäfer: Und von Schweden noch mal in die Welt geschaut - gibt es Regionen in der Welt, in der investigativer Journalismus gefördert werden sollte - was ist Ihre Meinung zur osteuropäischen Presse beispielsweise?

Stengård: Ich bin nicht so vertraut mit der dortigen Presse, aber es gibt keine Region der Welt, die investigativen Journalismus nicht braucht.

Schäfer: Also es gibt Nachfolgeprojekte zu Radioleaks, aber wie könnten erfahrene Journalisten dabei helfen, so etwas aufzubauen - haben Sie da Erfahrungen?

Stengård: Es gibt schon Organisationen, die dabei helfen. Die größte ist die IRE, die "Investigative Reporters and Editors" in den Vereinigten Staaten, sehr viele Leute gehen zu den Seminaren dort. Und das ist auch eine Möglichkeit, Netzwerke zwischen Journalisten zu bilden, Hilfe aus anderen Ländern in Anspruch zu nehmen. Journalist sein ist heute eine globale Angelegenheit, etwas, das in einem Land passiert, hat immer Auswirkungen in einem anderen Land.

Also denke ich, Netzwerke zwischen Journalisten aus aller Welt sind sehr wichtig. Auch im baltischen Lettland gibt es ein Netzwerk von Journalisten, die einmal im Jahr eine große Versammlung abhalten, das ist meines Erachtens ein guter Ausgangspunkt.

Aber was mir besonders wichtig zu sagen ist - in Schweden, sicher auch in anderen Ländern - leiden die Zeitungen gerade unter einer schlechten wirtschaftlichen Situation. Und daraus folgen Kürzungen. Wenn die Medien sparen müssen, kürzen sie die Etats für die Arbeit der investigativen Journalisten, das ist sehr schlecht. Ich halte das für falsch - investigativer Journalismus kann nicht gewinnträchtig sein für die Medienhäuser. Das macht mir Sorgen, zumindest in Schweden sinkt die Anzahl dieser investigativen Journalisten.

Schäfer: Und weniger investigative Journalisten heißt weniger Recherche, aber auch weniger Mut?

Stengård: So würde ich sagen. Auch wenn die Medienunternehmen eine angestrengte Wirtschaftslage haben, müssen sie den Platz zwischen den Anzeigen füllen. Das sollten sie mit gut recherchiertem Journalismus tun. Sie sollten die Ressourcen anders nutzen.

Schäfer: Was ist die Vision, die Sie den Journalisten hier beim Prix Europa 2015 mit auf den Weg geben wollen?

Stengård: Vision oder nicht - ich möchte an alle Medienbosse, Halb-Bosse, Viertel-Bosse appellieren, an alle, die für die Arbeit in den Newsrooms verantwortlich sind: Achten Sie auf ihre Reporter, geben Sie ihnen Zeit, geben Sie ihnen Raum, erhöhen Sie ihre Honorare. Ohne Ihre Reporter sind Sie nichts. Es sind die Reporter, die den Job machen. Sie können sie ungestört arbeiten lassen und ihnen von Zeit zu Zeit eine Flasche Champagner spendieren. 

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