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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Baldrian13.10.2009

Radiolexikon: Baldrian

Das wohl bekannteste Beruhigungsmittel der Welt im Porträt

Bei den Namen "Phu" oder "Stinkwurz" kommt man vielleicht noch nicht drauf, und auch nicht bei "wilde Narde" oder "Augenwurzel"– aber spätestens bei "Katzenkraut" wissen wohl die meisten Bescheid: Es geht um Baldrian.

Von Andrea J. Westhoff

Katzen lieben Baldrian (Science/Ewan MacDonald)
Katzen lieben Baldrian (Science/Ewan MacDonald)
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Radiolexikon Gesundheit

Eine Pflanzengattung, die über 150 Arten umfasst, wovon die bekannteste der "echte Arznei-Baldrian" ist: Valeriana officinalis. Eine der beliebtesten, schon in der Antike genutzten Heilpflanzen und deshalb natürlich auch im "Arzneipflanzengarten" des Berliner Botanischen Gartens zu finden:

"Der Baldrian kann auf den ersten Blick ein kleines bisschen an eine Möhre oder an einen Dill erinnern, eine ausdauernde Staudenpflanze, kommt also jedes Jahr wieder und bildet dann eben einen Spross aus, der bis 1,50 Meter in die Höhe gehen kann, und an der Spitze entfaltet sich dann ein Blütenstand, so ab Juni meistens dann bis zum späten Sommer zu sehen, und es sind ganz viele kleine Blüten, die weiß gefärbt sind, rosafarben, wenn wir den wirksamen Teil der Pflanze haben wollen, dann müssen wir tief in die Erde gehen, wir müssen nämlich die Wurzel ausbuddeln","

... erklärt die Botanikerin Dr. Gesche Hohlstein. Darüber, was der deutsche Name "Baldrian", aber auch die wissenschaftliche Gattungsbezeichnung "Valeriana" bedeuten, rätselt man bis heute:

""Baldrian wird häufig in Verbindung gebracht mit dem Lichtgott Baldur, der also Gutes gebracht hat, und genauso der Gattungsname "Valeriana": Es wird häufig angenommen, dass es zurückgeht auf einen mittellateinischen Bestandteil "valeria", das heißt also die "Heilwirkung der Pflanze, heilen", aber es ist bisher noch überhaupt nicht abschließend geklärt."

"Baldrian zählt zu den 'pflanzlichen Hypnotika' und ist immer noch das am häufigsten eingesetzte Naturheilmittel mit psychischer Wirkung. Charakteristisch ist der Geruch, der aber erst beim Trocknen der Wurzel entsteht – und der eben Katzen anlockt, den viele Menschen aber eher als unangenehm 'ranzig' empfinden."

Die medizinische Verwendung von Baldrian hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert: Von der Antike bis ins Mittelalter galt er eher als ein Universalheilmittel, natürlich mit viel Aberglauben verbunden. Im Volksmund wurde er auch "Hexenkraut" genannt, vermutlich, weil Baldrian "menstruationsfördernd" und wohl auch als Aphrodisiakum eingesetzt wurde. Auf die heute bekannte Wirkung ist man erst im 17. Jahrhundert gekommen:

"Na das sind insbesondere nervöse Zustände, also Unruhegefühl, leichte Ängste, und dann natürlich als eine sehr wichtige Indikation Einschlafstörungen."

Dr. Reiner Stange, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde der Berliner Charité, arbeitet viel mit Baldrian, denn die beruhigende Wirkung ist in mehreren Studien - vor allem in den USA – nachgewiesen worden. Aber die Forschungen haben auch gezeigt: Baldrian ist kein Schlafmittel! Er kann zwar auch bei Schlafstörungen helfen, weil diese oft auf innere "Unruhe" zurückzuführen sind. Trotzdem sind viele Schlaflose vom Baldrian erst einmal enttäuscht:

"Die meisten Bürger sind ja chemisch definierte Einschlafhilfen, also sprich Tranquilizer, irgendwo gewöhnt und wissen, dass das sehr gut funktioniert, und damit kann man vor allen Dingen beim erstmaligen Gebrauch den Baldrian nicht unbedingt vergleichen."

Ein Effekt tritt in der Regel erst nach einigen Tagen oder sogar Wochen auf. Was genau die Baldrian-Wirkung ausmacht, ist bis heute noch nicht klar. Die Pflanze enthält fast 100 Einzelsubstanzen, von denen man ein paar näher untersucht hat. Dabei hat sich gezeigt, dass sie nicht isoliert wirken, sondern dass die Effekte des Baldrians im Gehirn eher von der Kombination der einzelnen Inhaltsstoffe ausgehen. Wichtig ist auch die Dosierung und Art der Anwendung.

Man kann Baldrian in Lösung bringen und dann als Tee trinken, als Fußbad nehmen, als Vollbad, das ist alles möglich, und dann gibt es eine Reihe von Formen, in denen es eingenommen wird: als Lösung oder zum Beispiel in Kapselform. Die Kapselform ist deshalb auf den Markt gebracht worden, weil sie in der Regel doch die Passage durch den Magen unbeschadet übersteht. Wichtig ist aber auch, dass man ein qualitätsgesichertes und ausreichend dosiertes Präparat verschreibt, die sind ja leider nicht mehr erstattungspflichtig, aber hier muss auch eine gewisse Expertise angebracht werden, denn es existieren eine ganze Reihe von Präparaten am Markt, von denen ein Teil aus unserer heutigen Sicht unterdosiert ist.

Auch bei Baldrian also ruhig mal den Arzt oder Apotheker fragen. Die Einzeldosis sollte auch unterschiedlich sein, je nachdem ob man Baldrian tagsüber - als mildes Beruhigungsmittel – oder für die Nacht nimmt. Als Einschlafhilfe wird empfohlen, höher dosierte Kapseln mindestens eine halbe bis eine Stunde vor dem Schlafengehen einzunehmen, besser schon am frühen Abend.
Und natürlich stellt sich auch beim Baldrian die Frage nach den "unerwünschten Wirkungen" – dazu Dr. Rainer Stange:

"Es gibt bei allen Phytopharmaka immer das Problem, dass sie relativ aktiv im Magen-Darm-Trakt sein können, oft mehr als chemisch definierte Medikamente, also zu Blähungen, Völlegefühl, Durchfall, Bauchschmerzen und allem Möglichen führen können, die Wirkungen sind in der Regel relativ rasch reversibel, also sie klingen ab, wenn ich dann zum Beispiel keinen Baldrian mehr zu mir nehme, alle pflanzlichen Inhaltsstoffe können Allergien, also insbesondere Hautallergien hervorrufen, ansonsten ist der Baldrian eigentlich hervorragend verträglich, insbesondere auch für die Leber, nach allem, was wir wissen; darüber hinaus gibt es dann die paradoxe Wirkung, die gibt es gerade bei Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen, auch bei chemisch definierten Substanzen, es gibt immer die paradoxe Wirkung, etwas, was beruhigt, putscht auf einmal auf und umgekehrt."

Außerdem kann es auch bei pflanzlichen Mitteln, die auf das Gehirn einwirken, zu "Absetzerscheinungen" kommen, wenn man sie lange, regelmäßig und in größeren Mengen eingenommen hat: zu starker Unruhe zum Beispiel, zu Schwindel oder Schweißausbrüchen, ganz selten sogar zu Herzrhythmusstörungen. Diese Erscheinungen verschwinden allerdings sehr schnell wieder, denn einen großen Vorteil gegenüber chemischen Beruhigungs- und Schlafmitteln hat Baldrian auf jeden Fall: Er macht nicht "süchtig". Und von Kennern wird Baldrian heute nicht nur in der Medizin, sondern auch in der "Kräuterküche" verwendet werden:

"Es können die frischen Blätter im Salat verwendet werden, die Blüten können in Kräuterlimonade einfach eingestreut werden und über Salat, Fruchtsalat, gestreut verwendet","

... sagt Gesche Hohlstein. Allerdings bedeutet das nun nicht, dass man sich beim Sonntagsspaziergang mal eben eine Portion Baldriansalat oder gar die Gute-Nacht-Medizin selbst besorgen kann, warnt die Pressesprecherin des Berliner Botanischen Gartens:

""Bei dem Baldrian sind hohe Mengen schwach giftig bis giftig, und ich persönlich möchte nicht empfehlen, den Baldrian aus der Natur zu suchen, denn wie bei allen Heilpflanzen oder Arzneipflanzen kommt es auch immer darauf an, wirklich zu wissen, ist es die richtige Pflanze, und zweitens, der Zeitpunkt, wann ich die Pflanze ernte, ist auch ganz entscheidend."

... und der liegt zwischen Ende September und Oktober. Aber, fügt die Botanikerin hinzu, in manchen Gegenden Deutschlands steht "Valeriana officinalis" auf der Liste der gefährdeten Arten.

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