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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Beipackzettel28.08.2007

Radiolexikon Beipackzettel

Bei Medikamenten ist die Gebrauchsinformation oft nicht zu gebrauchen. Jedenfalls nicht ohne zusätzlichen Rat und ohne eine gute Lesebrille. Zu viel Text in Mini-Schrift, x-mal gefaltet, zu viel Kauderwelsch. Doch schlechte Packungsbeilagen sind ein Risiko für die Gesundheit des Patienten.

Von Justin Westhoff

Immer erst den Beipackzettel lesen! (AP)
Immer erst den Beipackzettel lesen! (AP)

"Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage …"

"Die Substanz hemmt den Einstrom von Calcium-Ionen in glatte Gefäßmuskelzellen."

"… und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker."

Das ist auch notwendig. Denn bei Medikamenten ist die Gebrauchsinformation oft nicht zu gebrauchen. Jedenfalls nicht ohne zusätzlichen Rat und ohne eine gute Lesebrille. Zu viel Text in Mini-Schrift, x-mal gefaltet, zu viel Kauderwelsch. Schon Theodor Fontane machte sich Gedanken über Fachchinesisch in der Medizin:

"Eigentlich kann ich Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind sie ein Segen. Wenn ich etwa zwischen 'Hydropsie' und 'Wassersucht' zu entscheiden habe, bin ich für Hydropsie. Wassersucht ist mir zu anschaulich."

Doch Anschaulichkeit ist bei Informationen über Medikamente im Wortsinn lebenswichtig, betont Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft:

"Schlechte Packungsbeilagen sind ein Risiko für die Gesundheit des Patienten, weil er nicht über die Risiken vernünftig informiert wird, weil er möglicherweise aus falscher Angst vor sehr, sehr seltenen unerwünschten Arzneimittelwirkungen das Mittel nicht einnimmt, sie sind auch ein Risiko für die Gesundheit, weil viele wichtige Dinge zum Teil mit Fremdwörtern dargestellt werden, die der Patient gar nicht verstehen kann. "

Manche Beipackzettel sind mittlerweile besser verständlich. Aber selbst einfach erscheinende Begriffe wie "Zusammensetzung" bedürfen der Erläuterung. Hier sind die Wirkstoffe aufgeführt, deren Namen den meisten Laien nichts sagen. Achten sollte man trotzdem darauf, dass nicht 40 Milligramm drin sind, wenn der Arzt 20 verordnet hat. Die "sonstigen Bestandteile" hingegen sind nur für Wenige, etwa Allergiker, manchmal von Belang.

Indikationen – wogegen hilft das Mittel – und Kontraindikationen: Absolute Gegenanzeigen sind jene Grunderkrankungen oder Zustände – beispielsweise Schwangerschaft – bei denen es keinesfalls angewendet werden darf. Es gibt auch relative Kontraindikationen: Hier muss der Arzt Vor- und Nachteile abwägen.
Viele Anwender schauen wohl zuerst auf die oft unverständlich formulierten – Nebenwirkungen …

Zudem kommt es darauf an, ob unerwünschte Effekte so selten sind, dass man sich darüber kaum Sorgen machen muss, oder ob sie viele Menschen treffen. Für den Pharmakologen Professor Ludwig sind die Häufigkeitsangaben allerdings oft …

"… vollkommen nutzlos für den Patienten. Das heißt, sie müssen zumindest tabellarisch mit Zahlen hinterlegt werden, so dass der Patient eine Vorstellung hat bei einer häufigen unerwünschten Arzneimittelwirkung, wie viele Patienten von 100 davon betroffen sind."

Sehr seltene Nebenwirkungen kommen nur bei einem von hunderttausend Patienten vor, sehr häufige schon bei einem oder mehr von hundert – die übrigen Mengenbezeichnungen liegen dazwischen.

Besonders bedeutsam sind die Wechselwirkungen: Manche Arznei-Kombinationen sind schädlich, in anderen Fällen kann die eine Substanz die Wirkung einer anderen gefährlich vermindern oder erhöhen.

CYP3A4-Inhibitoren, Beta-Adrenozeptor-Blocker, Trizyklika…"


Ganz offensichtlich sollte Ihr Arzt oder Apotheker wissen, was Sie sonst noch einnehmen.

Der Begriff Darreichungsform sagt aus, ob die Wirkstoffe zum Beispiel in Tabletten oder Kapseln, Spritzen oder Salben "verpackt" sind. Und übrigens: "oral" heißt über den Mund aufzunehmen, also schlucken, Suppositorien kommen weiter unten herein – nicht umgekehrt.

Und die Dosierung in Beipackzetteln ist nur eine generelle Mengenangabe. Entscheidend ist die Verordnung des Arztes. Hier gilt: Weder weniger nehmen noch nach dem falschen Prinzip handeln: "Viel hilft viel". Oft fehlt aber leider ein besonders wichtiger Hinweis, ob man nämlich Tabletten teilen darf. Wenn dies unzulässigerweise geschieht …

"… dann wird der Wirkstoff zum Teil freigesetzt, und dann ist nicht die Menge drin ist, die eigentlich eingenommen werden sollte, die zum Teil verkapselt ist, und das führt auch zu einer Fehlmedikation. "

Zur Art der Einnahme gehört nicht nur die Häufigkeit pro Tag, sondern auch, ob man die Mittel nur so lange verwendet, bis die Symptome vorbei sind, oder ob es – wie bei Antibiotika – unabdingbar ist, die Packung aufzubrauchen.

Wichtig ist ferner, ob die Pillen vor, zum oder nach dem Essen geschluckt werden sollen.

"Es gibt Arzneimittel, die, wenn man sie zusammen mit fettreichen Mahlzeiten einnimmt, unkalkulierbare Spiegel erzeugen; das heißt, die müssen unbedingt vor oder nach den Mahlzeiten eingenommen werden. "

Zu den Mängeln der Beipackzettel gehört für Professor Ludwig auch, dass Medikamente nur an "Durchschnittspatienten" getestet werden. Es fehlen oft Hinweise darauf, dass über Wirkung und Dosierung bei Kindern oder alten Menschen kaum etwas bekannt ist.

"Wir wissen, dass ältere Leute eine eingeschränkte Nierenfunktion haben, und es leicht zu Überdosierungen kommen kann."

"Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker."

Wenn eben weder der eine noch der andere gefragt wird, kann es zu ernsten Problemen kommen. Und Selbstmedikation ist in Deutschland sehr verbreitet.

"Das bedeutet, dass auch Arzneimittel, die zu Missbrauch führen können wie Schmerzmittel zum Beispiel oder Abführmittel selbst verordnet werden, ohne dass je ein Gespräch zwischen Arzt und Patient stattfindet. Das birgt enorme Risiken in sich, und gerade in diesen Situationen sind Beipackzettel, die den Patienten vernünftig informieren, extrem wichtig."

Aus Studien geht hervor, dass mindestens ein Drittel aller Patienten die "Waschzettel" nicht verstehen kann. Seit Jahrzehnten wird dies beklagt. Zitat aus einem älteren Bericht der Deutschen Presseagentur:

"Bedauert wurde zum Beispiel, dass kein Mensch den Begriff 'Gravidität' kenne – was schlicht 'Übergewicht' heißt."

Lustig nur: In Wirklichkeit bedeutet dieses Wort: Schwangerschaft. Gut gemeinte Aufklärung durch Medien ist eben nicht zwangsläufig gut. Fremdwörter und alleine schon aus Haftungsgründen vorgeschriebene Warnungen schrecken viele Patienten ab, dem Rat ihres Arztes dauerhaft zu folgen.

"Wenn es mir wieder besser geht, dann kommt auch meine Aversion gegen medikamentöse Behandlungsweisen hoch und ich überlege mir sehr genau, also, nehme ich nun das Zeug, vor allen Dingen, wenn ich den Beipackzettel sehe, oder nehme ich es nicht. In der Regel nehme ich's nicht."

Wie diese Frau verfahren laut einer Untersuchung des wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen und der Verbraucherzentralen etwa 30 Prozent aller Patienten. Neben den damit verbundenen Gefahren für die Gesundheit sieht Wolf-Dieter Ludwig eine weitere Folge:

"Man kann davon ausgehen, dass durch Arzneimittel, die im Müll landen, Millionen vergeudet werden, die natürlich an anderer Stelle in unserem Gesundheitssystem besser eingesetzt werden könnten. "

Einer, wenn auch nicht der wichtigste Grund, warum sich Ärztinnen und Ärzte nicht auf schriftliches Informationsmaterial verlassen dürfen. Sie müssen sich die Zeit nehmen, Nutzen und Risiken von Arzneien sehr genau zu erläutern.

Eigentlich gibt es in Deutschland und in der Europäischen Gemeinschaft Gesetze, wie Beipackzettel so zu gestalten sind, dass sie dem sicheren Umgang mit Medikamenten dienen.

"Nur: sie müssen kontrolliert und umgesetzt werden. Was nicht ausreichend passiert, ist dass ausgeschlossen wird, dass der Hersteller sie durchaus auch mal für Werbezwecke benutzt, die Packungsbeilagen, was strikt verboten ist, und was nicht in ausreichendem Umfang geschieht, ist, dass der Verbraucher zunächst diese Packungsbeilagen testet, und sagt, er versteht sie oder er versteht sie nicht. "

Patientenorganisationen und Krankenkassen fordern deshalb:

"Die Zulassung eines Medikamentes sollte nur in Kombination mit einem verständlichen und lesbaren Beipackzettel möglich werden."

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