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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Durchfall08.09.2009

Radiolexikon Durchfall

Jeder hatte ihn schon einmal, mal schwächer, mal stärker: Durchfall. Mal meldet er sich zu Hause an, mal auf Reisen, fast immer kommt er aus heiterem Himmel. So unangenehm eine solche Diarrhoe auch sein mag, nach zwei bis drei Tagen ist sie in der Regel verschwunden.

Von Mirko Smiljanic

Nach einigen Tagen hat sich das Problem meist gelöst.  (Stock.XCHNG / Nick Leong)
Nach einigen Tagen hat sich das Problem meist gelöst. (Stock.XCHNG / Nick Leong)
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Radiolexikon Gesundheit

Acapulco am Pazifik, Sonne satt, Mariachi-Musik und gutes Essen – was will man mehr?! Ein Traum von Urlaub, bis zum fünften Tag. War es das Eis an der Strandbude? Oder der Salat im Hotel? Auf jeden Fall war es die Hölle!

Eine Magen-Darm-Infektion der Extraklasse verwässerte binnen weniger Stunden im Darm alles, was mal fest war. Die Toilette mehr als drei Meter verlassen? Wahnsinn! Montezumas Rache heißt das Leiden unter Betroffenen, eine der häufigsten Erkrankung bei Fernreisen überhaupt: Immerhin erwischt die Diarrhoe jeden Dritten in den schönsten Wochen des Jahres. Dabei ist alles so einfach, man muss sich nur an die Grundregel Nummer eins halten: Cook it, boil it, peel it or leave it – koch es, siede es, schäl es oder lass die Finger davon!

Durchfall – nicht nur die Montezuma-Version – ist ein Allerweltsleiden. Jeder hatte ihn schon mal, mache haben fürchterlich gelitten, dritte werden ihn kaum noch los.

"Der Durchfall definiert sich zum einen über die Frequenz der Stuhlentleerung, bis zu drei Entleerungen pro Tag ist noch im Normbereich, über drei Entleerungen pro Tag ist Durchfall; es definiert sich über die Menge, mehr als 300 Gramm pro Tag, die abgesetzt werden, sind Durchfall; und es definiert sich natürlich über die Konsistenz, also nicht mehr geformter Stuhlgang, sondern breiiger Stuhlgang oder flüssiger Stuhlgang."

... sagt Dr. Jürgen von Schönfeld, Chefarzt der Internistischen Klinik des Marien-Krankenhauses in Bergisch Gladbach. Zwei unterschiedliche Mechanismen lösen Diarrhoe aus. Erstens: Eine gesteigerte Peristaltik, also eine höhere Beweglichkeit des Darmes, beschleunigt die Darmpassage. Und zweitens: Im Darm befindet sich zu viel Flüssigkeit. Ausgelöst werden diese Mechanismen von einem Bündel unterschiedlicher Ursachen. Beim akuten Durchfall sind es fast immer Bakterien – in der Regel Staphylokokken – oder Salmonellen, die über verunreinigte Lebensmittel den Magen-Darm-Trakt angreifen, beim Reisedurchfall dagegen überwiegen Escherichia-coli-Stämme.

"Wir untersuchen in der Klinik und in den Praxen draußen in der Regel nicht alle Keime, die infrage kommen als Auslöser, sondern nur die Keime, die bedeutend sind für den Patienten oder für seine Umgebung. Das sind zum Beispiel auch Noro-Viren, das sind dann sehr infektiöse Erkrankungen, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen (lacht), die einen wirklich hinsemmeln. Das hat mich in diesem Jahr einmal erwischt, da ist man innerhalb von wenigen Stunden also richtig krank, aber nach zwei Tagen ist es eben auch wieder vorbei."

Vorausgesetzt der Patient ist insgesamt gesund. Für alte und geschwächte Menschen kann eine Norovirus-Infektion aber durchaus lebensbedrohlich Formen annehmen.

"Das Brisante an den Noro-Viren liegt darin, dass sie sehr leicht übertragen werden, dass sie auch durch eine einfache Händedesinfektion wie Waschen nicht unbedingt beseitigt werden können, sondern durch Virus abtötende spezielle Reinigungsmittel nur beseitigt werden können, dass sie sich enorm rasch in Gemeinschaftsunterkünften verbreiten, dass sie besonders Kleinkinder und Erwachsene betreffen und eben in der Vielzahl, die wir jetzt in der letzten Zeit haben, ... "

... sagt Dr. Norbert Krappitz, Leiter des Kölner Instituts für Reisemedizin. Die Infektionszahlen mit Noro-Viren sind in den letzten Jahren dramatisch angestiegen – rechtzeitig und richtig behandelt enden sie aber nicht dramatisch! Nun sind Krankheitskeime wie Bakterien, Viren oder Salmonellen zwar die häufigsten Auslöser der Diarrhoe, aber nicht die Einzigen. Jürgen von Schönfeld bietet eine Auswahl.

"Es gibt Erkrankungen der Hormone, zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen, sie führen dazu, dass der Darm sich schneller bewegt, ein völlig anderer Mechanismus. Es gibt Erkrankungen im oberen Dünndarm, zum Beispiel auch Kinderkrankheiten, wie Glutenunverträglichkeit, wo über eine mangelnde Aufnahme von Nahrungsmittel Durchfall zustande kommt und die Schleimhaut einfach zu flach und atroph ist, sodass die normalen Veränderungsprozesse nicht funktionieren. Es gibt Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, wo Verdauungsenzyme fehlen, das führt dann zu einer mangelnden Verdauung und zu Durchfall."

Im ersten Moment mögen sich für Patienten die Symptome bei den meisten Ursachen ähnlich anfühlen. Für den Arzt bedeuten die unterschiedlichen Ursachen aber unterschiedliche Therapien. Zunächst einmal muss er abklären, ob eine akuter oder ein chronischer Durchfall vorliegt. Von chronischem Durchfall sprechen Mediziner, wenn die Symptome länger als 14 Tage anhalten. Diagnostiziert er eine akute Diarrhoe, ist die Behandlung vergleichsweise einfach. Sie zählt zu den Erkrankungen, ...

" ... die von selber wieder aufhören, die tragen den großspurigen Namen "selbstlimitierend". Da kennen die meisten ja die entsprechenden Hausmittelchen: Da bleibt man einen Tag zuhause oder zwei, sorgt dafür, dass man genug trinkt, dass der Salzhaushalt in Ordnung bleibt. Das ist die berühmte Kombination von Cola und Salzstangen, damit kann man sich sicher in der Mehrzahl der Fälle von Durchfall, der infektiös ist, gut über die Runden helfen."

Medikamente gegen den akuten Durchfall gibt es zwar, allerdings sollten sie nur in Ausnahmefällen genommen werden. Sie beruhigen die Darmtätigkeit, die Ursache der Diarrhoe verschwindet aber nicht. Ungeeignet sind auch Kohletabletten, um schädliche Stoffe zu binden. Hat sich der Patient mit Escherichia-coli-Bakterien – kurz ETEC – infiziert, was häufig auf Reisen passiert, lohnt aber der Einsatz eines speziellen Antibiotikums. Norbert Krappitz.

"Das wirkt praktisch nur im Darm und wird nicht in den Körper aufgenommen, das ist der große Vorteil dabei. Es wird hier also ein Antibiotikum angewendet, was nicht systemisch, also nicht im Körper wirkt und damit ist das Problem von Nebenwirkungen weitestgehend aus der Welt geschaffen."

Mittlerweile gibt es sogar eine Impfung gegen ETEC-Erkrankungen und gegen Cholera.

"Das ist eine Abwägungssache, denn immerhin kostet die Impfung Geld. Sie hat einen minimalen Nebenwirkungsteil, der ist aber zu vernachlässigen, sie ist sicher für solche Personen wertvoll, die unbedingt jeden Tag des Urlaubs genießen wollen, man sollte aber niemals eine solche Impfung durchführen in dem absoluten Bewusstsein, man würde jetzt nicht mehr krank werden, denn es kann ja nur ein Teil der genannten Erkrankungen damit erfasst und vermieden werden."

Ganz anders sieht die Situation bei der chronischen Diarrhoe aus, bei der aufwendige apparative Untersuchungen notwendig sind. Eine Darmspiegelung mit Entnahme von Gewebeproben etwa, der Arzt schaut sich den Bauchraum mit Ultraschall oder einem Computertomografen an, mitunter spiegelt er auch Magen und Dünndarm. Aber auch das kommt vor: Trotz aller Untersuchungen finden Mediziner einfach keine Ursache. In solchen Fällen – sagt Jürgen von Schönfeld – lohnt ein Blick auf die psychische Situation des Patienten.

Über einen Punkt müssen sich Diarrhoe-Patienten übrigens keine Gedanken machen. So heftig der Durchfall auch zuschlagen mag, der lebenswichtigen Darmflora macht das kaum etwas aus.

"Die Darmflora reagiert sehr schnell, es gibt da auch harte Daten und Untersuchungen dazu: Mitarbeiter im Krankenhaus haben nach drei Tagen im Krankenhaus die Darmflora des Krankenhauses, wenn sie in Urlaub gehen und dann untersuchen, haben sie nach drei Tagen die Darmflora des Urlaubortes, wenn sie zurückkommen, haben sie nach drei Tagen die Darmflora des Krankenhauses. Der Darm reagiert sehr schnell, auf das, was ihm angeboten wird ... "

... manchmal aber einfach zu schnell, der Darm ist ein sehr sensibles Organ!

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