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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Flugreisen16.02.2010

Radiolexikon Flugreisen

Wenn die Urlaubsreise mit dem Flugzeug beginnt, dann bedeutet das oft Stress für den Körper: Die Luft ist trocken im Flugzeug, man sitzt stundenlang recht unbequem. Das allein sorgt bei vielen schon für Unbehagen und Verkrampfung.

Von Renate Rutta

Blick aus einem Flugzeug. (Stock.XCHNG / Mike Thorn)
Blick aus einem Flugzeug. (Stock.XCHNG / Mike Thorn)
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"Ich hatte immer schon entspannte Flüge."

"Ich empfind das immer als relativ relaxed, muss ich sagen."

So problemlos gestalten sich Flugreisen nicht für alle Passagiere. Wenn die Urlaubsreise mit dem Flugzeug beginnt, dann bedeutet das oft Stress für den Körper: Die Luft ist trocken im Flugzeug, man sitzt stundenlang recht unbequem. Das allein sorgt bei vielen schon für Unbehagen und Verkrampfung.

"Also Stress direkt beim Fliegen nicht. Einschränkungen insofern, wenn eine korpulente Person den Sitz weiter zurückfährt, dann die Beinfreiheit sehr eingeschränkt ist. Dicke Füße irgendwie schon, ich bin ja recht groß, insofern war das nicht angenehm, dass es absolut eng war und ungemütlich, das war nicht berauschend."

Bei manchen Reisenden beginnt die gefühlte Pein schon bei der Anreise zum Flughafen mit der S-Bahn:

"Beim Starten und Landen. Wenn ich oben bin, ist gut, aber während der Zeit, das spür ich dann im Kopf, so ein Druck, unangenehm, ich hab einfach Angst und die nimmt jetzt zu auf dem Weg dorthin."

Vielen Menschen schlägt Hektik bei der Anreise, das Einchecken und die strengere Kontrolle am Flughafen buchstäblich auf den Magen. Und das hat seine Gründe, so Dr. Michael Sand von der Medizinischen Fakultät der Ruhruniversität Bochum:

"Bakterien, die im Magen-Darm-Trakt leben, produzieren ganz normal Luft bei jedem Menschen, und diese Luft, die dehnt sich aus, weil der Luftdruck abnimmt, wenn sie hochsteigen. Sie haben in der Kabine dasselbe Luftdruckmilieu wie zwischen 1800 und 2300 Meter. Und sie haben so gut wie keine Adaptationszeit, das heißt der Körper kann sich nicht gut anpassen, wenn die Luft sich ausdehnt. Das kann dazu führen, dass es Unwohlsein im Magen-Darm-Trakt gibt."

Gase in Körperhöhlen, wie etwa im Bauchraum, können sich um bis zu 30 Prozent ausdehnen. Manche Menschen reagieren dann mit Bauchkrämpfen. Diese Ausdehnung von Gasen kann auch Druckverletzungen in den Ohren auslösen - viele verspüren beim Starten und Landen zumindest einen unangenehmen Druck auf den Ohren.

"Weil auch im Mittelohr Sie Luft haben und es ein abgeschlossenes System ist. Wenn der Luftdruck sinkt, kommt es zu einer Ausdehnung dieser Luft. Dann spürt man den Druck im Ohr."

"Es kann dann sein, wenn Sie eine starke Erkältung haben und die Schleimhaut dort geschwollen ist, dass der Ausgleich mit der Umgebungsluft nicht stattfindet, dass es dann dazu kommt, dass das Trommelfell platzt im Extremfall. Deswegen sollte man vorbeugen, wenn man erkältet ist, Nasentropfen dabei haben und auch Kaugummi kauen, damit die Verbindung zwischen Ohr und Mund offen bleibt."

Wenn im Flugzeug auf Reiseflughöhe von rund 10.000 Metern derselbe Druck herrscht wie im Gebirge auf etwa 2000 Meter Höhe, dann ist klar, das belastet Herz und Kreislauf.

Manchmal so stark, dass man ärztliche Hilfe benötigt. Bei einigen Fluglinien gibt es für diese Fälle Kooperationen mit Ärzten im Vielfliegerprogramm. Sie erscheinen mit ihrer Fachrichtung auf der Passagierliste. So kann das Kabinenpersonal sich im Notfall direkt an den Arzt wenden.

"Das hab ich nur am Rande mitgekriegt, weil das alles im hinteren Teil des Fliegers ablief. Aber es war Hektik angesagt und es dauerte ne Weile, bis sich die Wogen geglättet haben. Also ich glaube, der hatte irgendwie einen Herzkasper oder sowas. Es waren mehrere Ärzte an Bord und dann ist das irgendwie geregelt worden. Aber wir mussten nicht zurückfliegen, es ist alles glimpflich abgelaufen."

"Der Sauerstoffpartialdruck, das ist der Druck des Sauerstoffs, ist natürlich im Flugzeug, wenn es in der Luft ist auf Reiseflughöhe, wesentlich geringer als auf dem Boden. Und Menschen, die schon auf dem Boden schlecht Luft kriegen oder kurzatmig sind, bei denen ist davon auszugehen, dass sie an Bord, wenn sie auf Reiseflughöhe sind, Probleme mit der Luft bekommen."

Diejenigen, die bereits an einer Herz- oder Lungenerkrankung leiden, sind dann besonders gefährdet. Manche müssen sogar extra Sauerstoff bekommen. Sie benötigen dann eine Bescheinigung eines Arztes, wenn sie ein tragbares Gerät mitnehmen möchten.

"Das Herz schlägt schneller, weil es den Sauerstoffverbrauch der Organe decken muss und das kann mit eine Ursache dafür sein, dass es zu einer Ohnmacht kommt. Wir haben ja relativ viele Ohnmachtsanfälle in unserer Studie gehabt."

Dr. Michael Sand wertete Daten von etwa 10.200 medizinischen Notfällen an Bord zweier Fluglinien aus und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis über die häufigsten medizinischen Notfälle über den Wolken.

"Das häufigste war in über 50 Prozent der Fälle kurze Bewusstlosigkeiten. Wenn der Blutdruck absackt, kann es häufig dazu kommen, dass die Leute kurzzeitig nicht ansprechbar sind. Dann an zweiter Stelle waren Magen-Darm-Probleme, Durchfall, Unwohlsein im Magen-Darm-Bereich und an dritter Stelle waren Herzprobleme aller Art, also Herzstolpern, solche Sachen."

Überhaupt ist es besonders für chronisch Kranke ratsam, vor einer Flugreise mit ihrem Arzt zu sprechen.

"Bei Menschen, die Medikamente einnehmen müssen, wäre wichtig, wenn sie mit dem Hausarzt absprechen, wie die Einnahme zu erfolgen hat. Vor allem bei Diabetikern, die regelmäßig Insulin spritzen, da ist es zum Beispiel wichtig, dass man das Schema, wie man Insulin spritzt auch an die Zeitverschiebung anpasst."

Menschen, die erst kürzlich operiert wurden, aber auch Gesunde sollten sich beraten lassen, beispielsweise wenn sie einen Tauchurlaub planen.

"Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass man 12 bis 24 Stunden nach Tauchgängen keinen Flug machen sollte, da es dazu kommen kann, dass sich Luftembolien bilden. Und die Zweiwochenfrist nach einer größeren Operation sollte man verstreichen lassen, bis man sich in ein Flugzeug begibt, weil auch der Magen-Darm-Bereich, wenn man da ne Operation hatte, anfälliger ist für die Luftausdehnung, die im Magen-Darm-Trakt passieren können."

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