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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Amnesie11.09.2012

Radiolexikon Gesundheit: Amnesie

Der Gedächtnisverlust ist der Stoff aus dem gerne Krimis gemacht werden. Denn wenn ein Mensch nicht mehr weiß, wer er ist oder was er getan hat, scheint alles möglich. In der Realität dagegen ist die Amnesie eine neuropsychologische Störung, die nicht nur den Betroffenen selbst das Leben schwer macht.

Von Andrea Westhoff

Manche Art der Amnesie bildet sich oft innerhalb von 24 Stunden zurück.  (dradio.de/Andreas Lemke)
Manche Art der Amnesie bildet sich oft innerhalb von 24 Stunden zurück. (dradio.de/Andreas Lemke)
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Radiolexikon Gesundheit

"Mithilfe der Polizei sucht ein Mann nach seiner Identität: Der circa 50-Jährige ist seit gut zwei Wochen im Krankenhaus und kann sich weder an seinen Namen noch an seine Herkunft erinnern. Nach eigenen Angaben erwachte er am 4. Juni am Hauptbahnhof aus einer Bewusstlosigkeit. Der Mann ist..."

Eine Art Suchmeldung in einem lokalen Berliner TV-Sender. Amnesie oder Gedächtnisverlust – Das ist der Stoff, aus dem gerne Krimis gemacht werden. Denn alles scheint möglich, wenn ein Mensch nicht mehr weiß, wer er ist oder was er getan hat. Das Vergessen kann in unterschiedlicher Weise auftreten, erklärt Professor Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité:

"Es gibt zum Beispiel typischerweise retrograde Amnesien nach einem Schädel-Hirn-Trauma. Wenn man stürzt und auf den Kopf fällt und hat sich eine schwere Gehirnerschütterung oder gar eine Gehirnquetschung, contusio, zugezogen, dann kann es auftreten, dass die Menschen die Ereignisse vor dem Umfall nicht mehr erinnern, also rückwirkend bestimmte Erinnerungen nicht zugänglich haben."

Oder der berühmte Fall des Clive Wearing: Bei dem Musiker löschte eine Herpesvirusinfektion im Gehirn nicht nur seine gesamte Vergangenheit aus, sondern auch die Fähigkeit, neue Erinnerungen zu speichern. Hier spricht man von anterograder Amnesie: Alles, was Wearing von da an tat, fühlte, dachte, hörte oder sah, vergaß er innerhalb von wenigen Augenblicken wieder. Sein Leben war wie eine einzige Momentaufnahme. Und es gibt tatsächlich auch diese "globale", plötzlich und ohne äußere Einwirkung auftretende Amnesie:

"Ich hab's selber erlebt: eine Frau, so Mitte 40, Anfang 50, und beim Blumenschneiden hat sie auf einmal ihre Tochter ratlos angeschaut, und hat nicht verstanden, wo sie ist und hatte wirklich keinerlei Gedächtnis mehr verfügbar, wer sie ist, wo sie ist, was sie gerade tat, warum sie in dieser Situation ist, und hat auch ihre Verwandten nicht mehr erkannt, ja. So was bildet sich meist innerhalb von 24 Stunden zurück."

Amnesien gehören zu den neuropsychologischen Störungen und haben verschiedene, in den allermeisten Fällen organische Ursachen: Kopfverletzungen, epileptische Krampfanfälle oder schwere Beeinträchtigungen wie bei einem Schlaganfall; aber auch eine infektionsbedingte Hirnhautentzündung oder ein Tumor können einen Gedächtnisverlust bewirken, ebenso wie Vergiftungen durch Alkohol oder Drogen – der berühmte "Filmriss". Nicht ganz geklärt ist die Ursache bei den angesprochenen "globalen", plötzlichen Amnesien:

"Man geht davon aus, es könnte eine plötzliche Durchblutungsstörung sein von Hirnarterien, die eher aus dem Nackenbereich aufsteigen und dann für das Gedächtnis relevante Regionen wie den Hippocampus mit Blut versorgen."

Das kann ausgelöst werden durch extreme körperliche Anstrengung oder Anspannung, also Stress, und auch durch eine plötzlich auftretende seelische Belastung. Schwere traumatische Erlebnisse können ebenfalls zu einem teilweisen Gedächtnisverlust führen. Der Kölner Traumaforscher Professor Gottfried Fischer beschreibt, welche komplizierten Vorgänge im Gehirn dabei ablaufen:

"Man kann Trauma auch bezeichnen als einen transmarginalen Stress, so hat Pawlow das bezeichnet, eine Art von Stress, der eine gewisse Toleranzschwelle einfach überschreitet. Und dann werden bestimmte Abläufe der Informationsverarbeitung im Gehirn definitiv verändert. Die Informationsweitergabe zwischen Zwischenhirn und Frontalhirn wird in einer ganz bestimmten Weise unterbrochen, und es entsteht eine recht-links-hemisphärische Dysregulation, in der Weise, dass das Trauma vor allem rechtshemisphärisch prozessiert wird, während die bewusste Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und vor allem die Sprache in der linken Hemisphäre untergebracht sind."

Das heißt: Die traumatischen Erlebnisse und alles, was daran irgendwie erinnert, sind zwar noch "da", aber eben nicht mehr bewusst und in Worte fassbar. "Erinnern" ist ein sehr komplexer Prozess und wird vor allem vom "lymbischen System" im Gehirn gesteuert, auch "Gefühlszentrum" genannt. Und dort wiederum spielt ein Bereich namens "Hippocampus" die wichtigste Rolle. Professor Andreas Heinz:

"Der Hippocampus ist eben wahrscheinlich nicht einfach ein Speicher, in dem alles drinsteckt, was wir so erlebt haben, sondern man muss sich das eher so vorstellen wie eine Steuerzentrale."

Hier werden alle Informationen "emotional bewertet" – und das meiste dabei gleich wieder verworfen, also vergessen – der Rest wird mit bereits gespeichertem Wissen verglichen und erst jetzt im Langzeitgedächtnis "abgelegt". Aber auch das ist nicht ein Ort im Gehirn, sondern es gibt mehrere "Gedächtnisse", die vor allem in zwei große Gruppen unterschieden werden:

"Es gibt tatsächlich ein autobiografisches Gedächtnis oder ein deklaratives eher, was quasi alles Wissen, was man in Sprache fassen kann, bezeichnet, und es gibt das, was man prozedural nennt, also das Durchführen von Handlungen, Türen öffnen oder wie man isst, das vergisst man dann in der Regel nicht so leicht."

Dieses ganze komplexe Gedächtnissystem ist sehr anfällig für Störungen, und dann fehlen den Betroffenen eben nicht nur ein paar Erinnerungen, die ganze Person gerät ins Wanken: Fehlende Selbstwahrnehmung verunsichert, macht misstrauisch, löst Ängste und oft auch Depressionen aus. Zum Glück verschwinden viele Amnesien von alleine wieder, denn die therapeutischen Möglichkeiten sind begrenzt.

"Eigentlich kann man nur bei Amnesien im Rahmen von traumatischen Erlebnissen und Dissoziationen einiges machen, und im wesentlichen scheint die wichtigste Therapie tatsächlich die Exposition zu sein, in Begleitung eines Therapeuten, der einen auch hält, also wirklich bei den Händen hält oder mit dem Menschen in die Situation reingeht und der versucht, das mit ihm auszuhalten."

Bei schweren Erkrankungen oder Kopfverletzungen kann man nur darauf hoffen, dass sich das Gehirn von der Verletzung erholt und die Erinnerungen teilweise oder vollständig zurückkommen. Oft fehlen allerdings die dafür notwendigen Reha-Einrichtungen, und mitunter, beklagen Amnesie-Betroffene, fehle es auch an Verständnis. Misstrauen schlägt ihnen nicht selten entgegen. Dazu der Psychiater Professor Andreas Heinz von der Berliner Charité:

"Natürlich kann man simulieren, das ist so, aber eigentlich ist es ein typisches klinisches Bild, und die Amnesie betrifft nicht einen einzelnen Bereich: 'Ich bin gestern zu schnell gefahren, aber komischerweise habe ich genau dafür eine Amnesie, ansonsten weiß ich aber, wer ich bin, wo ich wohne, was ich tue und wie ich mich jetzt am besten um die Bestrafung drücke', das ist keine Amnesie."

Und im Zweifelsfall wird die Öffentlichkeit mit Fotos und Suchaufrufen um Mithilfe gebeten. Denn im Zeitalter globaler Medien erinnert sich immer irgendjemand...

"...hat eine Narbe am Hals und spricht akzentfrei deutsch. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen."

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