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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Betablocker06.11.2012

Radiolexikon Gesundheit: Betablocker

Betablocker ist der Oberbegriff für eine Reihe ähnlich wirkender Medikamente. Sie reduzieren die Wirkung des Stresshormons Adrenalin und des Neurotransmitters Noradrenalin. Als Folge sinkt die Ruhefrequenz des Herzens und damit der Blutdruck. Deshalb sind Betablocker ein beliebtes Medikament bei Herzerkrankungen.

Von Mirko Smiljanic

Betablocker senken die Ruheherzrfrequenz  und damit den Blutdruck (picture alliance / dpa /Tobias Hase)
Betablocker senken die Ruheherzrfrequenz und damit den Blutdruck (picture alliance / dpa /Tobias Hase)
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Radiolexikon Gesundheit

Das Herz des Menschen pumpt, abhängig von der körperlichen Belastung, vom Alter und von der Fitness zwischen 50 und 120 Mal pro Minute Blut durch den Körper. Neugeborene haben eine Herzschlagfrequenz von 120 pro Minute, 70-jährige kommen auf 70 – vorausgesetzt das Herz ist gesund.

Manchmal aber schlägt es schneller, rast und stolpert, vielleicht vor Aufregung, vielleicht weil das Herz krank ist. Auslöser sind Stresshormone, so Dr. Dagmar Hartmann, niedergelassene Internistin, in Köln:

"Es gibt an den Gefäßen, insbesondere an den Herz-Muskel-Zellen, dem Myokard, sogenannte Betarezeptoren, das sind Bindungsstellen, an denen Stresshormone wie zum Beispiel Katecholamine, Adrenalin, Noradrenalin, was in der Nebennierenrinde des Körpers gebildet wird, als Stresshormon direkt an Gefäßen und an der Herz-Muskel-Zelle wirkt und dann zu einem Herzfrequenzanstieg führt und damit ein erhöhter Sauerstoffverbrauch ausgelöst wird, und das ist halt schädlich insgesamt und macht die Situation am Herzen noch schlechter."

Stresshormone wie Katecholamine und Adrenalin lösen an den Betarezeptoren der Herz-Muskel-Zellen einen komplizierten biochemischen Prozess aus, der letztendlich den Herzschlag und damit den Blutdruck erhöht. Um das zu verhindern, müsste man doch einfach nur die Bindungsstellen der Rezeptoren blockieren, und schon sinken Herzfrequenz und Blutdruck?! Richtig! Genau so funktionieren Betablocker, deren Einsatzfelder mittlerweile erstaunlich breit sind: Betablocker senken nicht nur den Blutdruck, indem sie die Herzschlag nach unten regeln; sie reduzieren bei Herzinfarkten den Sauerstoffbedarf des Pumpmuskels; bei Herzrhythmusstörungen wirken Betablocker erregungshemmend und stabilisieren so den Herzschlag.

In gewisser Weise schützen Betablocker das Herz vor sich selbst, wobei – sagt Dr. Frank Diet, Oberarzt in den Kliniken für Innere Medizin am Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln – zwei Funktionen im Mittelpunkt stehen:

"Zum einen regelt er mit die Herzfrequenz, das heißt, wie oft ein Herz pro Minute schlägt; zum andern regelt er die Herzkraft, er stimuliert die Herzkraft, so kann man über den Betablocker zum einen die Herzfrequenz vermindern und zum anderen das Herz vor einer Überstimulation in krankhaften Situationen schützen."

Unbehandelt gerät der Patient rasch in einen Teufelskreis.

"Das Problem, was jetzt hier mittel- und langfristig auftritt, ist, dass durch diese chronische Stimulation des Herzens mit den Stresshormonen es zu einer sogenannten Herabregulation, Verminderung der Betarezeptoren kommt, und das führt dazu, dass ein krankes Herz noch kränker wird durch dieses Situation."

Selbst bei der Herzinsuffizienz, wenn der Pumpmuskel nicht mehr in der Lage ist, ausreichend Blut in die Vorhöfe zu transportieren, helfen Betablocker, indem sie das kranke Herz ökonomisch arbeiten lassen. Betablocker bei einer Herzmuskelschwäche zu verabreichen, erstaunt im ersten Moment deshalb, weil der Blutdruck dieser Patienten in der Regel ohnehin niedrig ist. Würde er weiter gesenkt, können Schwindel bis hin zu Ohnmachtsanfällen die Folge sein. Also verabreicht der Arzt den Betablocker in winzigen Schritten, bis er die für den Patienten richtige Dosis erreicht hat.

"Ich kann jetzt nicht eine volle übliche Dosis nehmen, die ich normalerweise nähme bei einem hohen Blutdruck, wenn ich nur den zu behandeln hätte, man muss es einschleichend dosieren und das über Wochen hinaus sozusagen, man fängt in Minidosen an und dann wird es zweiwöchentlich erhöht bis man eine individuelle Zieldosis bei dem Patienten erreicht hat, das ist von Patient zu Patient unterschiedlich, je nach dem wie er anspricht und je nach dem wir stark die stark die Pumpfunktion des Herzens eingeschränkt ist."

Betablocker werden übrigens nicht nur bei Herzleiden verschrieben, es gibt eine breite Palette weiterer Indikationen.

"Zum Beispiel die Überfunktion der Schilddrüse, Morbus Basedow zum Beispiel, da kommt es ja auch zu einem hohen Pulsschlag begleitend, auch da setzt man Betablocker ein, man setzt sie auch ein in der Migräneprophylaxe, also wenn ich häufige Migräneanfälle habe, auch Kinder leiden darunter durchaus, auch da wird es eingesetzt, da aber entsprechend in gewichtsadaptierter Dosis bei den Kindern."

Immer wieder berichten Patienten nach der Einnahme von Betablockern über unerwünschte Nebenwirkungen, und wer sich den Beipackzettel der Präparate durchliest, gerät in arge Zweifel, ob man das Medikament überhaupt einnehmen sollte. Man sollte, rät der Kölner Internist Frank Diet, seiner Meinung nach seien die Befürchtungen übertrieben. Im Rahmen einer Metastudie, die 15 Einzelstudien mit 35.000 Patienten zusammenfasst, wurden drei häufig beschriebene Nebenwirkungen von Betablockern unter die Lupe genommen: Depressionen, Müdigkeit und die sexuelle Dysfunktion. Dabei kam heraus,

"dass zumindest unter diesen Studienbedingungen man nur einen sehr schwachen Zusammenhang zwischen dem Betablocker und den Depressionen nachweisen konnte, dass man, was die Müdigkeit anbelangt, diese bei etwa 18 Patienten pro Tausend untersuchten finden konnte, das heißt, wenn man 57 Patienten behandelt, dann tritt dieses Symptom bei einem Patienten auf, und die sexuelle Dysfunktion, die trat nur bei fünf Patienten von Tausend behandelten Patienten auf."

Bezüglich der sexuellen Dysfunktion weist die Kölner Internistin Dagmar Hartmann noch auf andere Zusammenhänge hin:

"Wenn der Blutdruck längere Zeit hoch ist, unbehandelt ist, dann gibt es Gefäßschäden, dann gibt es auch Gefäßschäden gerade in dieser Region, das kann man auch messen, dann kommt es zu solchen Dysfunktionen, sodass der hohe Blutdruck selber, der unbehandelt bleibt, die erektile Dysfunktion verursacht."

Ein Freibrief sei das nicht, Betablocker haben Nebenwirkungen, die aber nach dem Absetzen wieder verschwänden. Außerdem müsse man die Nebenwirkungen immer in Relation zur erwünschten Wirkung sehen – und die sei erstaunlich gut. Etwa bei Patienten mit einer Herzinsuffizienz.

"Das sind Leute, die vorher nur noch im Sessel sitzen konnten und da schon hechelten und zwei Jahre später nach konsequenter Behandlung, da kommen andere Medikamente natürlich noch hinzu, wirklich wieder leistungsfähig sind, wieder Spazieren gehen können, Wandern gehen können, die schon auf Transplantationslisten für eine Herztransplantation standen und dann wieder heruntergenommen wurde, ganz einfach, weil der Herzmuskel sich erholen konnte, das ist wirklich ein ganz fantastisches Medikament, muss man sagen."

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