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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Blutegel17.04.2007

Radiolexikon Gesundheit: Blutegel

Sie leben im Süßwasser, sind bis zu 15 Zentimeter lang und schwarz-braun oder olivgrün. "Egel", abgeleitet vom Griechischen "echis", bedeutet: "kleine Schlange".

Von Andrea Westhoff

Blutegel: Bei den Medizinern stehen die kleinen Sauger hoch im Kurs. (AP Archiv)
Blutegel: Bei den Medizinern stehen die kleinen Sauger hoch im Kurs. (AP Archiv)

"Blutegel, die gehören zu den Würmern, zu den Ringelwürmern, sie sind nahe Verwandte unseres normalen Tauwurms oder Regenwurms. Er gehört zur Gattung der Zahnegel, er ist dazu verdammt, sich von proteinhaltigen Körperflüssigkeiten zu ernähren, unter anderem ist dort Säugetierblut zu nennen"

und deshalb assoziieren viele mit "Egel" vor allem "Ekel"!

Dabei hat der kleine Blutsauger große therapeutische Wirkung: Der "Hirudo medicinalis" wird von Heilpraktikern, Ärzten für Naturheilkunde, aber zunehmend auch von Gynäkologen, Orthopäden und Chirurgen eingesetzt. Dr. Rainer Stange von der Berliner Charité nennt als wichtigste Anwendungsgebiete für eine Blutegeltherapie venöse Durchblutungsstörungen, Arthrosen der Knie-, Fuß- und Handgelenke sowie plastische Operationen:

"Nehmen Sie mal eine durchtrennte Hand durch einen Arbeitsunfall, die kann man heute wunderschön wieder anbauen, Knochen, Nerven, Gefäße, Sehnen, das geht ganz toll, und dann heilt das zu, und dann gibt es auf dem Handrücken so dicke Lymphödempolster, weil die Lymphflüssigkeit nicht abfließt, und hier tun Blutegel eine ganz phantastische Wirkung. Wir haben darüber hinaus noch so etwas ausgefallenere Indikationen, die überhaupt nicht geprüft sind, zum Beispiel Tinnitus oder andere funktionelle Störungen der Durchblutung im Kopf, ich persönlich bin bei aller Liebe zur Blutegeltherapie da etwas skeptisch."

Nun sind Blutegel kein "Arzneimittel", das man an jeder Ecke in der Apotheke kaufen kann. In Deutschland gibt es nur zwei Bezugsquellen, eine davon ist die "Blutegelfarm" von Detlef Menzel. In dem kleinen Dörfchen Paaren bei Potsdam besitzt er ein etwas verwildertes Gelände, mit einem größeren Teich und dahinter drei kleinen Tümpeln. Hier leben die Egel - nur sehen kann man sie im Moment nicht, weil sie sich eingegraben haben im sumpfigen Teichboden...

"Wenn jetzt die Temperaturen die 20-Gradmarke knacken, und man klatscht aufs Wasser oder macht Wellenbewegungen, dann kommen die von allen Seiten angeschwommen und suchen den Herd des Geräusches in der Hoffnung, dort Beute zu finden oder Wirtstiere zu finden, an denen sie saugen können,"

Der Blutegel-Handel findet deshalb zur Zeit nur mit Import-Tieren aus Naturschutzgebieten der Türkei statt. Menzel verkauft sie "vom Lager", das aus vielen großen, in Regalen aufgereihten Einweckgläsern besteht. Die Tiere sind genügsam und pflegeleicht:

"Auf einen Liter Wasser kann man etwa 10 - 15 Egel halten, und damit ergibt sich für so ein Glas, wie wir das hier sehen, etwa 40 Tiere pro Glas. Wobei diese Gläser natürlich nicht voll gefüllt sind, sondern oben ist immer Luft, so dass die Egel auch, da sie Hautatmer sind, in die freie Luft gehen können am Glas und denn - rumhängen."

Blutegel müssen auch nicht gefüttert werden, sie kommen bis zu eineinhalb Jahre ohne Nahrung aus...

"Umso länger ein Egel hungert, um so besser beißt er.
"

Und das ist wichtig, zum Beispiel für die naturheilkundliche Abteilung der Charité, in der Chefarzt Rainer Stange und seine Team pro Jahr etwa 150 Patienten mit Blutegeln behandeln. Die Anwendung ist sehr einfach:

"An dem Tag dürfen keine Duftstoffe verwandt werden, weil die Tiere da sehr empfindlich sind und dann eventuell nicht angehen könnten, und sie werden mit Hilfsgeräten, an das Hautareal über dieser Hautfläche gebracht, wo sie beißen sollen, und dann wenn sie sich einmal gut festgebissen haben, machen sie die Arbeit von selbst, sie saugen sich allmählich voll, etwa drei bis fünf Milliliter Blut plus Lymphe, also Flüssigkeit pro Blutegel, und dann übersteigt, das Eigengewicht sozusagen die Saugfähigkeit, dann ploppt der Blutegel ab und fällt nach unten, man sollte ihn nicht ziehen aus der Wunde, und anschließend blutet es aus der Wunde noch eine ganze Weile nach."

Weshalb er nichts davon hält, die Blutegeltherapie allein und ohne ärztliche Beratung durchzuführen - auch wegen der Kontraindikationen. Und das sind:

"Natürlich Anämie, Blutarmut, immerhin rechnen wir, wenn die Wunde gut blutet, dass ein Blutverlust von etwa 35 - 40 Milliliter pro Stelle entstehen kann, wenn sie acht Blutegel nehmen, zum Beispiel für zwei Beine geht das sehr schnell bei uns, dann können sie also bis 300 Milliliter Blut verlieren, das ist schon in der Nähe einer Blutspende, ein weiteres Problem sind angeborene Gerinnungsstörungen, und natürlich zunehmend die Medikamente, die die Blutgerinnung künstlich hemmen, mit denen muss man entsprechend umgehen."

Die Tiere dürfen natürlich nur einmal verwendet werden! Trotzdem kann es kann als Nebenwirkung ganz selten eine Wundinfektion durch den Egel selbst geben. Wirklich schmerzhaft ist diese Therapie nicht, auch wenn es hier um ein beißendes Tier geht. Aber einen gewissen Ekel muss man schon überwinden, meint Rainer Stange:

"Das einfachste ist eigentlich immer, wenn ein Mitpatient, der es gerade gehabt hat, mit dem anderen Patienten spricht und sagt, das war gar nicht so schlimm, das überzeugt viel mehr, als wenn wir das erzählen."

Überzeugend ist wohl auch, dass die Blutegeltherapie vielfach sehr gut hilft; für Gelenkarthrosen wurde das in zwei klinischen Studien jetzt nachgewiesen.

Blutegel werden auf der ganzen Welt schon seit über 3000 Jahren eingesetzt. In Europa sind sie in Verruf geraten, weil die frühe Schulmedizin - nicht die Naturheilkundler! - mit den ausleitenden Verfahren wie Schröpfen, Aderlass und Blutegeln exzessiv und völlig unsinnig umgegangen sind.

Inzwischen weiß man, dass die Wirkung der Egel nicht nur auf dem Blutabfluss beruht, sondern vor allem auf dem, was das Tier beim Beißen abgibt:

"Der Blutegel hat ja ein sehr kompliziertes Sekret, da sind inzwischen etwa 200 verschiedene Stoffe identifiziert worden, das führende ist das Hirudin, das schon seit langer Zeit in der Medizin als gerinnungshemmender Stoff bekannt ist, im Gemisch des Sekrets des Blutegels sind noch viele andere biologisch interessante Substanzen, die z.T. entzündungshemmend sind, zum Teil auch thrombusauflösend, sie werden vermutlich nicht allzu tief kommen, aber ihre Wirkung ist größer, weil unter anderem auch das körpereigene Entzündungssystem durch diesen Reiz einen Anziehungspunkt erhält. Das ist m.E. die Hauptwirkung, aber wir sind weit davon entfernt, das zu verstehen."

Trotzdem werden Blutegel immer häufiger, für immer neue Indikationen angewandt. Um hier mehr Sicherheit für die Patienten zu bekommen, hat der Gesetzgeber nun den Blutegel - wie eine Tablette! - zum "Fertigarzneimittel" erklärt. Ab 2009 dürfen nur noch unter strengen arzneimittelrechtlichen Auflagen gezüchtete und geprüfte Blutegel zur Humantherapie verwendet werden.

Detlef Menzel findet das richtig und hat auch schon begonnen, eine Retortenzucht aufzubauen. Er ist selbst begeisterter Anhänger der Egeltherapie und sieht die kleinen Blutsauger als wunderbare Helfer für Körper - und Seele...

"Ja, na sicher! Wenn ich zum Beispiel Gelenkschmerzen habe im Arm oder meine Frau, ihr irgendein Finger wehtut oder so, dann nutzen wir selbstverständlich die Blutegel, Sie überwinden ihre Scheu und anschließend, wie sag ich immer, werden sie süchtig, weil das eine Gelegenheit ist, in seinem tiefsten Innern sich mal zu entspannen, weil man eben diese Tiere an seinem Körper hat. Man kann dann nicht mehr herum rennen oder saubermachen oder abwaschen oder kochen, sondern man muss mal in sich selber reinhören, und das ist auch der Reiz, den diese Tiere in ihrem Fressakt auf den Menschen ausüben."

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