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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Gerstenkorn - Hagelkorn24.07.2007

Radiolexikon Gesundheit: Gerstenkorn - Hagelkorn

Einen Trost immerhin gibt es: Gerstenkörner sehen schlimmer aus, als sie tatsächlich sind. Die eitrigen und druckempfindlichen Entzündungen der Drüsen in den Augenlidern erwecken den Eindruck, als sei das gesamte Auge in Mitleidenschaft gezogen. Ist es aber nicht.

Von Mirko Smiljanic

Das Auge ist empfindlich. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)
Das Auge ist empfindlich. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)

Damit hatte die 27-jährige Kölnerin nun wirklich nicht gerechnet. Mitte in einer Besprechung mit ihrem Chef spürte sie plötzlich das rechte Auge. Genauer: ihr rechtes Oberlid.

"Es begann mit einem kleinen Punkt am Auge, es hat sich angefühlt, ich sage mal, wie ein leichtes Druckgefühl, es ging dann so weiter, dass es gerötet war, es wurde dick und wurde dann so unangenehm, dass es eine Belästigung dargestellt hat."

Innerhalb von zwei Tagen entwickelte sich am Lidrand ein prächtiger Pickel - anfangs rot geschwollen, dann dick mit einem gelben Punkt in der Mitte. Das Mitleid von Freunden und Kollegen war ihr sicher, das Auge sah alles andere als schön aus. Hinzu kamen Schmerzen und schlechte Sicht.

"Das waren durchaus Schmerzen, aber nicht so, dass man es nicht aushalten konnte, aber am Auge ist es sehr unangenehm, und es hat auch die Sicht etwas eingeschränkt, weil das ja alles sehr filigran ist."

Für den Augenarzt stand die Diagnose schnell fest: Die Patientin hatte eine Gerstenkorn.

"Ein Gerstenkorn ist eine akute Entzündung einer so genannten akzessorischen Lidranddrüse. Also, die Tränen sind sehr kompliziert, es gibt eine große Tränendrüse, die produziert das Wasser, und dann gibt es an den Lidrändern mehrere kleinere Drüsen, die sind nach Namen benannt, nach Herrn Moll, nach Herrn Meibom, nach Herrn Zeis, und die produzieren Fett, Wachs und Talg. Und die haben so ganz gewundene Ausgänge, und die können schon mal verstopfen, und wenn die verstopft sind, und drinnen sind Bakterien gefangen, dann gibt es eine akute Entzündung, so etwas wie einen Eiterpickel","

sagt Matthias Maus, Leiter des Augenzentrums Köln.

""Das schwillt an, ist gerötet, es gibt einen Druckschmerz und verhält sich wie ein Eiterpickel, bekommt irgendwann so ein gelbes Pünktchen, wenn man daran rumdrückt, fließt auch ein bisschen Eiter raus. Die Lider können auch anschwellen, die Lymphknoten von den Ohren können anschwellen, je nach dem, wie stark das entzündet ist."

Gerstenkörner werden von Eitererregern ausgelöst: In 90 Prozent aller Fälle sind es Staphylokokken, selten Streptokokken. Bei tiefliegenden Infektionen wölbt sich häufig der Lidrand vor, mitunter ist auch die Bindehaut geschwollen und leicht gerötet. Das Auge selbst wird aber nur sehr selten in Mitleidenschaft gezogen.

"Das Auge ist unter anderem geschützt durch die Tränenflüssigkeit, die leicht antibiotisch wirkt, also das Auge kann sich dagegen wehren, aber es kann sein, dass in dem gegenüberliegenden Lid ebenfalls ein Gerstenkorn entsteht."

Dann ist die Sicht massiv eingeschränkt und eine rasche Behandlung erforderlich, sagt Matthias Maus.

"Es werden üblicherweise antibiotische Augentropfen oder Salben verschrieben, was sehr gut hilft, ist Rotlicht, trockene Wärme, Mikrowelle, Bestrahlung, um die Entzündungsreaktionen des Körpers zu fördern. Der Körper wird mit dem Gerstenkorn sehr gut selber fertig, das schmilzt ein und entleert sich dann durch das gelbe Eiterpünktchen. Es geht umso schneller, je mehr Wärme man zuführt, das fördert die Durchblutung. Und im Blut sind die Abwehrstoffe, die sich dann um das Hordeolum kümmern."

Normalerweise bildet sich unterstützt durch diese Therapie das Gerstenkorn binnen weniger Tage zurück. Es ist eine harmlose und gut behandelbare Infektion. Zwei Dinge vorausgesetzt: Gerstenkörner dürfen nicht selbst ausgedrückt werden, weil sonst Erreger über die ableitenden Venen ins Gehirn gelangen können. Und zweitens: Der Patient verfügt über eine intakte Immunabwehr.

"In ganz seltenen Fällen kann ein Gerstenkorn, wenn die Abwehrlage des Körpers geschwächt ist, sich ausbreiten, dann kann es zu einer großflächigen Infektion des Lidgewebes kommen, dann müssen auch Antibiotika geschluckt werden."

Augenärzte sprechen dann von Lidabszessen, die das ganze Auge in Mitleidenschaft ziehen können. Allerdings ist dies eine sehr seltene Komplikation. Auch unbehandelt entwickelt sich ein Gerstenkorn übrigens zurück, hinterlässt aber einen kleinen festen abgekapselten Pickel: Das Gerstenkorn wird zum Hagelkorn.

"Das Hagelkorn ist nicht mehr schmerzhaft, ist auch eng umschrieben und geht meist nicht selber weg. Dann zückt der Augenarzt das kleine Skalpell und eröffnet das Hagelkorn, dann entleert es sich und ist auch dann verschwunden."

Ein Eingriff, der übrigens keine Narben hinterlässt.

"Er eröffnet diese Talgzyste, wie das dann heißt, von der Innenseite des Lides her, es gibt also außen keine sichtbare Narbe, das wird natürlich betäubt mit einer kleinen Spritze, und dann wird es von der Innenseite des Lides geöffnet und, wie wir das nennen, ausgeräumt."

Risikofaktoren für Gerstenkörner sind mangelnde Hygiene, das Tragen von Kontaktlinsen und Make-up. Allerdings weist Mathias Maus darauf hin, dass es keine wirklich wirksame Prophylaxe gibt. Der eine leidet häufig unter Gerstenkörnern, der andere bekommt sie nie.

"Natürlich ist die Lidrandhygiene eine wichtige Sache, wenn sie häufig eine Lidrandrötung haben, also wenn diese kleinen Drüsen immer etwas entzündet sind, ohne dass es zum Gerstenkorn kommt, dann kann man mit einem Q-Tip und warmem Wasser morgens die Kruste entfernen, aber es gibt manchmal Phasen im Leben, da bekommt man vier Gerstenkörner hintereinander, ohne dass man die Ursache findet, und das verschwindet dann auch wieder, aber so richtig schützen kann man sich dagegen nicht."

Trotzdem: Wer häufig unter Gerstenkörnern leidet, wie die Managerin der Kölner Arztpraxis, sucht dann aber doch nach individuellen Lösungen.

"Bei mir ist so, dass ich trockene Augen habe, und die Tränenkanäle, wenn die trocken sind, ist es dann so, dass auch häufiger Gerstenkörner vorkommen. Jetzt als Erwachsene weiß ich, dass ich häufig künstliche Tränenflüssigkeit nachtropfen muss, wenn ich merke, mein Auge ist trocken, um einfach dem entgegenzutreten."

Im Übrigen gilt: Gerstenkörner stören und müssen weg!

"Als Kind störte es, als Erwachsener stört das, das möchte man möglichst schnell wieder weg haben."

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