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StartseiteSprechstundeMünchhausen-Syndrom08.04.2014

Radiolexikon GesundheitMünchhausen-Syndrom

Der Name der psychischen Störung verdeutlicht das Krankheitsbild: Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen war ein deutscher Adliger, der unglaubliche Geschichten erfand und deshalb Lügenbaron genannt wurde. Beim Münchhausen-Syndrom erfinden die Betroffenen Krankheiten, die sie gar nicht haben.

Von Ulrike Burgwinkel

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Gottfried August Bürger schrieb zu Beginn des 18. Jahrhunderts die unglaublichen  Abenteuer des Baron Münchhausen auf. 

"Der General pflegte von Zeit zu Zeit, seinen Hut etwas aufzuheben. Dies hatte ich oft gesehen, ohne daraus nur Arg zu haben. Endlich aber sah ich, dass er zugleich mit seinem Hute ein mit demselben befestigte silberne Platte aufhob, die ihm statt des Hirnschädels diente und dass alsdann immer der Dunst aller geistigen Getränke, die er zu sich genommen hatte, in einer leichten Wolke in die Höhe stieg. Ich trat mit meiner Pfeife hinter den General und zündete mit etwas Papier die aufsteigenden Dünste an. Ich hatte in einem Augenblicke die Wolkensäule über dem Haupte unseres Helden in eine Feuersäule verwandelt!"

Unter dem Münchhausensyndrom versteht man eine Untergruppe der sogenannten artifiziellen Krankheiten oder Artefaktkrankheiten

Professor Annegret Eckhardt-Henn vom Uniklinikum Stuttgart: "Es handelt sich um eine schwere Persönlichkeitsstörung; im Vordergrund der Symptomatik steht die Selbstmanipulation, also das künstliche Hervorrufen von Krankheitssymptomen, meistens körperlichen Krankheitssymptomen, manchmal auch psychischen, psychiatrischen."

Seit fast 40 Jahren beschäftigt sich die Leiterin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit dem Münchhausen-Syndrom. Es ist keine sehr häufig vorkommende Störung, allerdings liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Die Patienten suchen ständig neue Kliniken und Arztpraxen auf, sie reisen sogar ins Ausland und  verändern ihre Identität. Das zeuge von ausgeprägten Störungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, so Eckhardt-Henn.

"Ganz wichtig dabei ist die sogenannte Pseudologia Phantasica – das ist eine Art zwanghaftes Lügen, das heißt, sie lügen nicht nur in Bezug auf ihre körperlichen Krankheitssymptome, sondern auch was ihre berufliche Identität, ihre Lebenssituation angeht.    

Patienten haben keine mutmachenden Prognosen

1951 von dem Internisten Richard Asher eingeführt, beschreibt schon der Name ganz genau das Krankheitsbild. Das Motiv dieser ganz speziellen Sorte Hochstapler ist hingegen schwieriger zu ergründen.

"Man könnte es vielleicht als Zwang, die eigene Identität permanent zu verleugnen und zu wechseln, verstehen. Es ist eine Art Versuch, das eigene Selbstgefühl aufrecht zu erhalten. Sie haben auch eine ausgeprägte Störung im Bereich der Bindungsfähigkeit, also diese Patienten sind im Verlauf ihrer Krankheit völlig sozial entwurzelt, weil sie keine zwischenmenschlichen Beziehungen irgendwelcher Art aufrecht erhalten können."

Darüber hinaus, so Annegret Eckhardt-Henn,  sei es aber auch eine Art Spiel, das die Erkrankten antreibe, der Thrill dabei sei die Frage: Wie gut spiele ich, wird man mir meine Geschichte abkaufen oder wird man mich entlarven als Falschspieler.

Grundsätzlich wirkten die Patienten zwar sehr bizarr in ihrem Verhalten, aber die behandelnden Ärzte dächten einfach zu wenig an ein solch ungewöhnliches Krankheitsbild. Wenn sie es vermuteten und dann ansprächen, verschwänden die Patienten einfach wieder; mitunter sogar nach einer erfolgten Operation mit noch laufenden Infusionen, berichtet die  Psychiaterin. Sie liessen sich dann irgendwo anders wieder aufnehmen. Das erschwert eine erfolgreiche Therapie.

"Sie sind leider kaum zugänglich einer guten Behandlung. Ich beschäftige mich jetzt mit dieser Erkrankung seit, man glaubt es kaum, fast 40 Jahren  und es ist tatsächlich so, dass in der Literatur nicht wirklich Berichte beschrieben werden, wo man in der Behandlung dieser Störung weitergekommen ist. Im Grunde genommen muss man versuchen, diese Patienten  zu motivieren, sich in psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung zu begeben, man kann da nicht mit einem Medikament behandeln, das unterbricht das Verhalten in der Regel nicht. Aber es ist wirklich ganz schwierig, weil die Patienten auch hier immer wieder die Beziehung abbrechen."

Betreuer für den Patienten, die Entscheidungen für ihn treffen, erwiesen sich als ebenso wenig erfolgversprechend wie ein längerer stationärer Aufenthalt. Das sei keine mutmachende Prognose, entspräche aber der Realität.

Beim Münchhausen-Stellvertretersyndrom schadet man anderen

Eine Spezialform des Münchhausen-Syndroms  ist das Münchhausen-Stellvertretersyndrom.  Der an der artifiziellen Störung Erkrankte schadet dann nicht sich selbst, indem er sich künstlich krank macht oder sich Verletzungen zufügt, sondern anderen, in diesem Fall seinem Kind. Das können zum Beispiel künstlich erzeugte Beschwerden durch Nahrung, die mit aufgelösten Tabletten versetzt ist sein oder gequetsche oder verbrühte Gliedmaßen.

Kennzeichnend ist bei diesen Erkrankungen des Kindes, dass es entweder plausible Erklärungen für die Verletzungen gibt, oder aber es handelt sich um unspezifische Beschwerden wie ständige Müdigkeit, Magenschmerzen oder Hautausschläge, die als normal angesehen werden. In beiden Fällen ist es für den behandelnden Arzt kaum möglich, das Münchhausen-Stellvertretersyndrom  zu erkennen. Sind in der Regel mehr Männer am Münchhausensyndrom erkrankt, sind es beim Stellvertretersyndrom in erster Linie Frauen, Mütter. Oft mit tödlichen Folgen.

"Es gilt heute als eine Sonderform des Kindesmissbrauchs; da ist es schwierig, dass diese Mütter erstmal als besonders fürsorglich auffallen. Die fallen eher als normale Mütter auf, die sind nicht bizarr oder dramatisierend in ihrem Verhalten, sondern man hat zunächst mal überhaupt keinen Verdacht. Das ist eine sehr schwerwiegende Störung."

Auch wenn es zum Stellvertreter- wie zum Münchhausen-Syndrom selbst - keine verlässlichen Studien gibt, so kommt es laut Einschätzung der Expertin nur äußerst selten vor. 

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