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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Ohrenschmalz14.08.2007

Radiolexikon Gesundheit: Ohrenschmalz

Mitunter sind es unscheinbare Dinge, die über das Wohl und Wehe eines Menschen entscheiden. Manchmal sind sie so unscheinbar, dass Mann und Frau sie sogar wegputzen möchten. Zum Beispiel Ohrenschmalz, eine gelblich-bräunliche pastenähnliche Substanz, die hin und wieder aus den Ohren quillt.

Von Mirko Smiljanic

Das menschliche Ohr in Nahaufnahme (Stock.XCHNG)
Das menschliche Ohr in Nahaufnahme (Stock.XCHNG)

Samstagabend, die Disko wartet. Und vor der Disko die Dusche. Wer geht schon ungewaschen auf die Piste. Die Haare, das Gesicht, die Ohren…

…und schon ist es geschehen. Das Ohr ist dicht! Ein Hörsturz? Ein Ohrinfarkt? Das Trommelfell gerissen? Panik bricht aus, der Abend ist gelaufen, wenn nicht das halbe Leben. Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität zu Köln, kennt das Phänomen: Samstagabend, junge Leute, fast taubes Ohr.

"Wenn sie in die Disko gehen wollen, dann wird vorher noch geduscht, dann läuft Wasser in die Ohren beim Haare waschen, dann quillt dieser Ohrenpfropf auf, und dann ist das Ohr zu, und dann kommt der Patient zum Ohrenarzt und sagen, ich kann nicht mehr hören!"

Wie auch, denn das Ohr ist ja zu. Ein aufgequollener Pfropf aus Ohrenschmalz – Mediziner sprechen von Cerumen – verschließt den ohnehin schmalen Gehörgang und hat sich vor das Trommelfell gesetzt.

" Ohrenschmalz, das sind größtenteils abgeschilferte Hautepithelien, also Hautzellen, das ist verhornende Haut, und das sind Sekrete von den Talgdrüsen, die da drin sind, und natürlich Staub und Fremdkörper, die sich auf diese etwas feuchte Substanz niederlassen, und das hat die Natur natürlich wunderbar eingerichtet. Zu Zeiten als es noch keine Ohrenärzte gab oder bei Tieren, mussten sich diese Körperöffnungen selbst reinigen, denn es kam ja im Laufe des Lebens etwas rein und wenn sich das verstopfte, konnte man nichts mehr hören und das Tier war tot, weil es seinen Feind nicht mehr hörte. Also musste sich die Natur etwas einfallen lassen, damit sich das von selber reinigte, und das geht so: Die Haut in dem Gehör, die hat eine Wachstumstendenz, sie wächst langsam nach außen, und durch dieses auswärts Wachstum nimmt sie die darunter liegende Schicht Schmalz mit dem Fremdstoffen mit und stößt sich dann außen ab, das ist das, was wir manchmal am Finger haben."

Das hat die Natur wirklich wunderbar eingerichtet: Wie auf einem winzigen Fließband werden Hautpartikel, Talg und Schmutz nach außen transportiert. Sehr langsam, aber kontinuierlich und immer exakt von der Mitte des Ohres aus.

"Der Beginn des Wachstums ist die Mitte des Trommelfells, der Umbo, der Nabel des Trommelfells, da wo der Hammer in der Mitte des Trommelfells ist. Von dort – das kann man sehr schön zeigen, in dem man so farbige Punkte auf das Trommelfell drauf bringt – von dort wächst die Haut zentrifugal vom Trommelfell auf den Gehörgang und vom Gehörgang von innen nach außen dann."

Wer glaubt, das sei alles nur Schmutz, der da viel zu langsam entsorgt würde, täuscht sich. Ohrenschmalz enthält unter anderem Lysozym, ein Enzym, das auch in Tränen vorkommt, im Speichel, im Schweiß und in den Nasen- und Darmschleimhäuten. Lysozym hält Insekten davon ab, in den Gehörgang vorzudringen, außerdem bekämpft es Bakterien und Pilze.

"Man hat da auch Untersuchungen zu gemacht, dass die Bakterien gehemmt werden im Wachstum, aber auch Pilze, das ist ganz wichtig im Gehörgang, Ohrenschmalz ist ein sehr gutes antibakterizides Mittel."

Ohrenschmalz hat aggressive Inhaltsstoffe, die sich aber nur gegen Bakterien und Pilze richten, nicht gegen die Haut. Aber, und hier beginnt ein ernsthaftes Problem, diese Inhaltsstoffe greifen auch Hörgeräte an. In-Ohr-Systeme werden tief in den Gehörgang bis zum Trommelfell geschoben. Dabei kommt die Außenhülle mit dem Cerumen in Kontakt. Für Hörgerätehersteller war das viele Jahre der schlimmste anzunehmende Fall: Ohrenschmalz zersetzt ohne Unterlass die Kunststoffschalen, erst seit kurzem gibt es einen halbwegs sicheren Schutz. Dabei behandeln zum Beispiel Siemens-Ingenieure die Oberflächen der Hörgeräte mit einer Nanotechnologie. Dadurch wird sie extrem glatt und verhindert,…

"…dass Wasser oder Schweiß in das Gerät eindringen kann über Kapillarwirkung und wir habe unser C-Guard-System, das ist ein Cerumenschutz, den wir auf den Hörer, auf den Lautsprecher stecken können, das verhindert, dass Cerumen in das Hörgerät eindringt,..."

…sagt Uwe Rass von der Siemens AG. Genau genommen ist das C-Guard-System eine Schutzschicht zwischen dem eigentlichen Hörgerät und der Gehörgangswand.

"Das ist eine gasdichte Membran, das heißt ich habe keinen Luftaustausch zwischen dem Äußeren und dem Inneren des Hörgerätehörers. Diese Membran ist austauschbar, das heißt, wenn Cerumen sich auf der Außenseite sammelt, dann wird natürlich die Dämpfung akustisch zunehmen und ich muss diese Membran austauschen, das ist so eine Clipverbindung, das ist so ein Tool, mit dem eine alte herauszunehmen und eine neue einzusetzen ist."

Obwohl Hörgeräte gegen Ohrenschmalz aufwändig geschützt werden müssen, gilt der Grundsatz: Cerumen ist nicht schädlich, im Gegenteil: Es ist die Voraussetzung für gesunde und saubere Ohren! Wer Ohrenschmalz entfernt, schadet seiner Gesundheit, sagt der Kölner HNO-Arzt Karl-Bernd Hüttenbrink. Mal abgesehen davon, dass sich die gelb-braune Paste nur schwer entfernen lässt. Üblicherweise schie-ben und drehen vermeintlich Hygienebewusste Q-Tipps in die engen Gehörgänge.

"Man schiebt das Ohrenschmalz vor sich her, da ist natürlich auch ein bisschen Schmalz an dem Stäbchen dran, aber den großen Teil schiebt man vor sich her, und zwar gegen die Wachstumsrichtung. Das geht ein paar Mal gut, denn die Wachstumskraft ist natürlich nicht sehr stark, und je höher der Wulst dann da drauf ist von dem Ohrenschmalz, es wird ja von innen weiterproduziert, ist irgendwann ist das Ohr zu."

Eine zweite Variante falsch verstandener Ohrhygiene sind aufgebogene Büroklammern, mit denen mancher Zeitgenosse im Gehör-gang herumstochert.

"Wenn man sich damit kratzt im Ohr, braucht man sich nicht zu wundern, dass man sich wund kratzt, dann hat man die Haut zerstört und geöffnet und dann können die Bakterien erst recht rein und dann entsteht eine Gehörgangsentzündung und die ist sehr, sehr schmerzhaft, das kann man daran merken, wenn man da dran fasst, dann tut es extrem weh."

Weder Q-Tipps noch Büroklammern haben im Gehörgang etwas zu suchen! Wenn jemand Cerumen entfernt, dann der HNO-Arzt.

"Ich frage die Patienten, die dann kommen, ob sie auch Bürsten für andere Körperöffnungen haben, die sie dann von innen sauber bürsten…"

Wenn das Ohr zu ist, ein Cerumenwulst also den Gehörgang verschlossen hat, hilft nur noch ein Besuch beim Arzt. Aber selbst die machen beim Reinigen des Gehörs hin und wieder Fehler.

"Also, er sollte nicht spülen, das machen leider viele niedergelassene Ärzte, denn man weiß ja nie, wenn man spült, wie sieht das Trommelfell dahinter aus, wenn ich nicht den Patienten kenne. Wir Ohrenärzte machen das mit Saugern, mit kleinen Pyretten, um eben schauen zu können, was ist in der Tiefe los. Wenn ich spüle, drücke ich Wasser mit Druck da rein und wenn hinter dem Pfropf das Trommelfell defekt ist, wenn es ein Loch zum Beispiel hat oder es nur ein zartes Häutchen, weil da früher mal ein Loch war und es sich nicht stabil vernarbt hat, kann es passieren, dass durch den Wasserspüldruck das Trommelfell einreißt und das ist natürlich nicht so schön, die ganzen Fremdkörper werden dann da reingesprengt ins Mittelohr, dann hat man eine Entzündung und, und, und."

Vorsichtig saugt der Arzt das überflüssige Ohrenschmalz heraus,…und schon funktioniert das Gehör.

"Dann haben die irgendwo gehört Hörsturz, Hilfe, Infarkt des Ohres, und dann kommen sie und macht den Ohrenschmalz raus und dann gehen sie und sagen ich bin geheilt, das sind dann natürlich Erfolgserlebnisse, die der Arzt hat, obwohl es natürlich auch ein bisschen banal ist…"

…am Samstagabend, kurz vor der Disko…

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