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StartseiteSprechstundeTripper bleibt häufig unerkannt07.01.2014

Radiolexikon GesundheitTripper bleibt häufig unerkannt

Die Gonorrhoe ist eine der häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Oft wird die umgangssprachliche auch "Tripper" genannte Infektion erst spät erkannt, da sie lange ohne Symptome bleibt. Therapierbar ist sie nur mit zwei Antibiotika.

Von Ulrike Burgwinkel

Blaue Pünktchen auf weißem Hintergrund, mikroskopische Aufnahme von Bakterien (dpa/picture alliance/Aribert Jung)
Mikroskopische Aufnahme von Gonokokken im Maßstab 1700:1 (dpa/picture alliance/Aribert Jung)
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Wir wünschen Blüte der Vollkommenheit,
Auf daß der Schönheit Rose nie verdorrt,
Doch ist dem Tod die reife Frucht geweiht,
So pflanz' ein Erbe ihr Gedächtnis fort.
Du lebst nur dir, der Schönheit Selbstgenuß,
Schürst eignen Glanz, der dich verzehrend scheint,
Schaffst Hungersnot aus reichem Überfluß,
Grausam dir selbst gesinnt, dein eigner Feind.

- William Shakespeare

"Die Gonorrhoe ist eine sehr alte und lang bekannte Erkrankung..."

Professor Norbert Brockmeyer vom Uniklinikum Bochum ist spezialisiert auf sexuell übertragbare Krankheiten und deren Prävention.

"...und es war früher so, nachdem die Syphilis in Europa auftrat, dass diskutiert wurde, ob nicht beide Erkrankungen oder beide Ausdrucksformen zu einem Erreger gehörten. Das ist dann im 19. Jahrhundert klargestellt worden, dass die Gonorrhoe eine eigenständige Erkrankung ist mit auch ganz eigenständigen Symptomen."

Böse Geister als Ursache im 19. Jahrhundert

Der in seinen Sonetten die Liebe preisende große britische Barde William Shakespeare litt an verschieden interpretierbaren Krankheiten, Historiker vermuten darunter auch eine "Lustseuche", deren Ursache allerdings unklar war.

"Früher gab es viele Theorien, was diese Krankheit auslösen kann: böse Geister, sonstige giftige Säfte, die im Körper sind und erst im 19. Jahrhundert wurde klar, dass es sich um Erreger handeln muss und Neisser hat dann auch die Gonokokken nachweisen können. Das sind im Präparat, unter dem Mikroskop, sichtbare aneinanderliegende semmelförmig, wie man so schön sagt, Bakterien und sehr leicht nachweisbar. Damit war dann eineindeutig geklärt, um welchen Erreger es sich handelt und wir haben viele nach Neisser benannten Neisserien."

Therapie mit Giftpotenz

Der deutsche Dermatologe und Sozialhygieniker Albert Neisser beschäftigte sich nicht nur mit der Diagnostik, sondern ebenfalls mit möglichen Therapieformen.

"Die Therapieform bei der Gonorrhoe war wie bei allen Erkrankungen immer von der Zeit abhängig und von den Möglichkeiten, die man in dem jeweiligen Zeitabschnitt hatte und in dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurden teilweise Stoffe eingesetzt wie Arsen und andere Stoffe, die mit einer hohen Giftpotenz versehen waren."

Heut bist du noch der frische Schmuck der Welt,
Der einz'ge Herold für des Frühlings Reiz,
Doch wenn dein Schatz in einer Blüte fällt,
Wird zur Verschwendung, süßer Filz, dein Geiz.
Hab' Mitleid, birg nicht überreiche Gabe,
Der Welt Anrecht, in dir und in dem Grabe.

Arsen, Blei, Quecksilber: Wie auch bei der Syphilis konnte man bei der Gonorrhoetherapie nicht unterscheiden, woran der Patient gestorben war, an der Erkrankung oder an der Therapie. Allerdings war und ist die Gonorrhoe treffsicherer zu diagnostizieren als die "Geschwisterkrankheit" mit ihren unspezifischen Symptomen wie Hautausschlag oder Geschwüren, die zudem nach einigen Wochen auch unbehandelt wieder verschwinden.

"Beim Mann fast am besten auch zu diagnostizieren, weil es da häufig zu Reizungen, zu Entzündungen beim Wasserlassen und in der Harnröhre kommt, teilweise mit Schmerzen. Und morgens ganz typisch bei vielen so ein Eitertropfen als Erstes sichtbar wird, der sogenannte "Bonjourtropfen"  oder "Guten-Morgen-Tropfen" . Nichtsdestotrotz ist auch die Gonorrhoe vielfach symptomarm, dass man nur wenig bemerkt und wenig Schmerzen hat."

In der Regel sind eher Männer betroffen. Bei Frauen träte zwar die Gonorrhoe ebenfalls auf, allerdings nahezu symptomlos, zumal dann, so Norbert Brockmeyer, wenn sie im Mund- oder Analbereich angesiedelt sei.

"Deshalb ist es ganz wichtig und das gilt für alle sexuell übertragbaren Erkrankungen, dass wir in der Lage sind, nicht nur abhängig von Symptomen, also Krankheitsbeschwerden diagnostizieren und therapieren zu können, sondern dass wir nach Risikoexposition diagnostizieren können."

Kontrolluntersuchung nicht möglich

Risikoexposition bedeutet: Kontakte mit Partnern, die ihrerseits häufig wechselnde Geschlechtspartner haben, zum Beispiel Prostituierte. Eine Kontrolluntersuchung nach einer Risikoexposition sei allerdings in Deutschland nicht möglich, als genehmigtes Verfahren gelte ausschließlich die symptomgesteuerte Diagnostik mit anschließender Therapie, so Brockmeyer. Das sei in vielen Fällen der Grund nicht nur für die weitere Verbreitung der Erkrankung, sondern auch für die Folgeschäden.

"Die Gonorrhoe ist, wenn man sie schnell behandelt, eine sehr leicht zu behandelnde Erkrankung, die auch keine bleibenden Schäden verursacht. Wenn sie aber länger bestehen bleibt, kann sie dazu führen, dass es eine Blutvergiftung gibt, eine Ausbreitung in den gesamten Körper, dass das Herz betroffen wird, dass die Frauen und auch der Mann keine Kinder mehr zeugen können. Es kann eine wirklich den gesamten Körper betreffende Infektionserkrankung sein, die an allen Organen vielfältige Schäden auslösen kann."

Nur Kombination von zwei Antibiotika hilft

Das Mittel der Wahl sei Penicillin gewesen, es habe zu Anfang auch zuverlässig gewirkt.

"Leider sind die Gonokken in der Lage, sehr schnell Resistenzmechanismen zu entwickeln, das heißt, das entsprechende Antibiotikum verliert seine Wirksamkeit, sodass wir jetzt in der Situation sind, dass fast alle gängigen Antibiotika nicht mehr wirken und wir deshalb unsere Leitlinien zur Behandlung der Gonorrhoe dahin gehend geändert haben, dass nicht immer eine Therapie mit einem Antibiotikum gemacht werden soll, sondern mit zwei Antibiotika, die aus unterschiedlichen Antibiotikaklassen kommen."

Prävention und Aufklärung sind demgemäß immer noch die wirksamsten Waffen gegen eine Infektion mit sexuell übertragbaren Krankheiten, sei es Gonorrhoe, Syphilis oder Aids.

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