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Radiolexikon GesundheitUrin

Die beiden Nieren des Menschen produzieren täglich etwa 1,5 Liter Urin. Seine Farbe schwankt zischen wasserklar und dunkel, manchmal riecht er streng, manchmal nach fast nichts. Wirklich giftig ist der gelbe Saft nicht - viele glauben gar, mit der Eigenurintherapie ließen sich äußere und innere Beschwerden bekämpfen.

Von Mirko Smiljanic

Urintest: Damit lässt sich auch der pH-Wert des Urins feststellen. (imago stock&people)
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"Hallo, verehrte Hörerinnen und Hörer, hier meldet sich der Ü-Wagen, hier meldet sich Carmen Thomas."

Carmen Thomas, Moderatorinnenlegende des Westdeutschen Rundfunks, trat in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit ihrem Engagement rund um den "ganz besonderen Saft Urin" eine mediale Lawine los. Sie schrieb ein Buch, hielt und hält Vorträge, besucht Talkshows und hat so "Urin" einem breiten Publikum geöffnet. Viele mögen dem Thema mit einer Mischung aus Ekel und Esoterik begegnen, tatsächlich ist Urin schon etwas Besonderes - einerseits. Andererseits ist er ziemlich alltäglich. Ein paar Fakten.

"Der Urin wird in den Nieren gebildet. Die Nieren pressen aus dem Blut, das durch die Nieren fließt, den Urin ab und konzentrieren ihn dann. Das sind zunächst mal 180 Liter, die da abgepresst werden, das wird dann weiter rückresorbiert, sodass letztlich ein bis zwei Liter ausgeschieden werden. Das heißt, eine Frau oder ein Mann sollte auch ein bis zwei Liter trinken, weil, ein halber Liter verdunstet, sodass man auf diese Ausscheidungsmenge von 1,5 bis zwei Liter pro Tag kommt," sagt Professor Herbert Rübben, Direktor der Urologischen Klinik am Universitätsklinikum Essen.

pH-Wert sinkt bei eiweißreicher Nahrung

Wer wenig trinkt, hat einen dunklen, möglicherweise nicht gut riechenden Urin, wer viel trinkt, einen hellen, kaum riechenden Urin. Daraus zu schließen, die Nieren arbeiten im ersten Fall intensiver, ist aber falsch. Steht nur wenig Flüssigkeit zur Verfügung, konzentrieren die Nieren alle Ausscheidungsprodukte auf weniger Urin, der dann eine dunkle Färbung annimmt. Die Gesamtmenge der gelösten Substanzen bleibt gleich.

"Im Urin sind unterschiedliche Sachen gelöst. Zum einen sind die Dinge gelöst, die der Körper wieder loswerden will. Das sind zum Beispiel die sogenannten harnpflichtigen Substanzen, für uns Urologen steht das Kreatinin im Vordergrund, aber es gibt auch anderes, es können Medikamentenabbauprodukte sein, es kann im Krankheitsfall auch Zucker sein, es können bei Steinleiden auch Steinkristalle oder Kristallisationsprodukte sein, alles das kann man im Urin nachweisen," erklärt Dr. Jochen Hess, Oberarzt an der Urologischen Universitätsklinik Essen.

Der pH-Wert des Urins schwankt zwischen 4,6 und 7,5. Bei eiweißreicher Ernährung sinkt er, verschiebt er sich also in Richtung eines sauren Milieus; wer viel Gemüse isst, bekommt dagegen einen hohen pH-Wert, hat also ein basisches Milieu. Die Urin-Produktion und Urin-Ausscheidung folgt bei gesunden Menschen einem genauen Stufenplan. Zunächst einmal wird frisch erzeugter Urin in den Nierenbecken zwischengelagert:

"Im Nierenbecken, wenn sich das füllt, gibt es einen Schrittmacher, genau wie im Herzen, dann zieht sich das zusammen und melkt über die Peristaltik den Urin sozusagen in die Blase. Und beim gesunden Menschen wird das dann da gespeichert, und wenn die Blase voll ist, kriegt man Harndrang, dann geht man zur Toilette. Dann öffnet sich der äußere Schließmuskel, der Blasenaustreibermuskel zieht sich zusammen, dann macht man Pipi, und dann sollte die Blase ganz leer sein."

Viele Ursachen für Schmerzen beim Wasserlassen

Bei gesunden Menschen ist Urin in den Nieren und in der Blase keimfrei. Da die untere Harnröhre jedoch nicht keimfrei ist, enthält Urin beim Austritt bis zu 10.000 Keime pro Milliliter. Normalerweise ist das kein Problem, problematisch wird es, wenn sich Schmerzen beim Wasserlassen einstellen, so der Essener Urologe Herbert Rübben:

"Schmerzen beim Wasserlassen können ganz viele Ursachen haben. Die häufigste - trifft auch sehr häufig auf jüngere und ältere Damen - ist die Blasenentzündung. Das führt dazu, dass es beim Wasserlassen schmerzt, aber auch danach, man muss sehr häufig Wasserlassen. Das ist sehr einfach zu prüfen, man gibt den Urin ins Labor, man weist weiße Blutkörperchen nach, und wenn weiße Blutkörperchen im Urin sind, dann weiß man, dass eine Entzündung vorliegt. Dann kann man das noch mikrobiologisch untersuchen, die Keime bestimmen, das Antibiotikum testen und dann die Patienten adäquat behandeln."

Der Grund, warum Frauen für Blasenentzündungen anfälliger sind, liegt in ihrer vergleichsweise kurzen Harnröhre: Sie misst knappe vier Zentimeter, während die Harnröhre bei Männer bis zu 25 Zentimeter lang sein kann. Je kürzer die Harnröhre, desto schneller wandern Keime in die Blase.

"Wenn das keine Entzündung ist, dann muss man besonders aufmerksam sein, dann kann sich auch ein Tumor dahinter verbergen, und das muss man dann gesondert und sehr sorgfältig abklären. Beim älteren Mann kann auch mal dadurch bedingt sein, dass die Prostata gewachsen ist, die Harnröhre zusammendrückt, dann muss die Blase mehr arbeiten, kommt in einen Reizzustand, zieht sich dann zusammen, obwohl sie es gar nicht soll, und dann gehen diese Männer auch gehäuft zur Toilette."

Skepsis gegenüber Eigenurintherapie

Bleibt zum Schluss die Frage nach der Eigenurintherapie. Der Klassiker ist die äußere Behandlung, viele Menschen trinken aber auch ihren Urin. Durchaus möglich, dass es dem einen oder anderen hilft, trotzdem überwiegt beim Essener Urologe Jochen Hess die Skepsis:

"Es gibt immer wieder Menschen, die das propagieren. Wir sind hier nun mal an der Universitätsklinik und halten uns lieber an die beweisbaren Fakten, insofern haben wir da nicht so ganz das Vertrauen in die Therapie."

Vielleicht reicht Urin ja auch als Hausmittelchen. Diese Anwendung hat Carmen Thomas im Gespräch mit Alfred Biolek verraten:

"Neue Schuhe zum Beispiel, reinpinkeln, ausschütten, reinschlüpfen, keine Blasen mehr. Ja, das ist eine tolle Sache…"

 

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