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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Wadenkrämpfe05.06.2007

Radiolexikon Gesundheit: Wadenkrämpfe

Wiederkehrende Wadenkrämpfe können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Wenn sie aber ohne besondere körperliche Belastung sehr häufig auftreten, dann kann dies ein Hinweis auf zu Grunde liegende Krankheiten sein, von denen man unter Umständen noch gar nichts weiß.

Von Justin Westhoff

Unter Leistungssportlern sind Wadenkrämpfe verbreitet. (AP)
Unter Leistungssportlern sind Wadenkrämpfe verbreitet. (AP)

" Die so genannte Wade der Nation ist bedenkenlos belastbar. Ballack konnte heute beide Trainingseinheiten absolvieren."

Fußballstar Michael Ballack hat häufiger Wadenkrämpfe. Bei der WM 2006 konnte er erst zum zweiten Spiel eingesetzt werden. Bei Leistungssportlern generell kommen solche Krämpfe immer wieder vor.

Das aber, was viele Menschen kennen, besonders nachts, hat mit Überlastung nichts zu tun.

" Wadenkrämpfe sind eigentlich nichts anderes als das Zusammenziehen von Muskulatur."

Professor Dieter Felsenberg ist Physiologe an der Berliner Charité. Zu seinen Spezialgebieten gehören Knochen und Muskeln. Das "Krampus-Syndrom", wie Wadenkrämpfe früher genannt wurden, ist nur eine besonders häufige Form der Muskelverkrampfung.

" Bei den gewöhnlichen Wadenkrämpfen ist das sehr schmerzhaft, halten aber nur kurze Zeit an, und Wadenkrämpfe sind sogar selbst limitierend, das heißt, nach einer gewissen Zeit hören die auf."

Also aus medizinischer Sicht in der Regel "harmlos", wenn auch äußerst unangenehm. Was steckt dahinter?

" Häufig sind es Mineralstoffwechselstörungen, das heißt, es fehlt häufig das Magnesium, das immer in der Konkurrenz ist mit dem Kalzium, an den Schaltstellen der Nervenübertragung vom Nerven halt auf den Muskel, und wenn da zu wenig Magnesium ist, dann hat das Kalzium die Überhand, und dann werden halt in ganz kurzer Zeit ganz viele Signale abgegeben, und dann kommt es zu einem Zusammenziehen der Muskel."

Eine zweite, immer noch nicht so schlimme Ursache kann Flüssigkeitsmangel sein, etwa bei Neigung zu starkem Schwitzen. Auch der Missbrauch von Abführmitteln hat ähnliche Effekte. Und es kann zum Beispiel Menschen treffen, die Diuretika gegen Bluthochdruck nehmen müssen, also entwässernde Mittel.

" Auch bei Zuständen, wo zu wenig Mineral im Gewebe ist, kommt es zu einer Problematik, dass es hier in Folge des verminderten Flüssigkeitsvolumens auch zu einer Störung der Nerven innerhalb des Muskels kommt, und damit auch zu Krämpfen führen kann."

Hinzu kann eben der Muskelschmerz bei Anstrengung kommen, von Professor Felsenberg im Unterschied zu den allgemeinen Wadenkrämpfen "symptomatisch" nennt.

" Die symptomatischen Wadenkrämpfe sind ausgelöst durch ganz definierte Bedingungen, also zum Beispiel beim Sportler, der ganz besonders bei hoher Hitze sich ganz toll anstrengt, wir kennen das vom Fußball, gegen Ende des Spiels liegen gelegentlich auf dem Boden und sind dann schmerzverzerrt mit ihren Wadenkrämpfen."

Wenn aber Wadenkrämpfe ohne besondere körperliche Belastung sehr häufig auftreten, dann kann dies ein Hinweis auf zu Grunde liegende Krankheiten sein, von denen man unter Umständen noch gar nichts weiß.

" Diese Erkrankungen können im Gehirn liegen, zum Beispiel bei der Epilepsie, da kommt es zu einer Fehlsteuerung der hemmenden Signale vom Gehirn, Auch Krankheiten wie Diabetes spielen eine Rolle, wobei da der Zusammenhang wahrscheinlich auch eher in der Fehlleitung der Nerven zu suchen ist, durch die Gefäßerkrankungen im Rahmen des Diabetes kann es zu einer Minderversorgung der Muskulatur kommen, und möglicherweise auch zum Auslösen der Krämpfe."


Weitere mögliche Ursachen sind Muskelverletzungen, Thrombosen - also Verengung von Blutgefäßen - oder Schilddrüsenerkrankungen. Doch muss wahrlich nicht Jede und Jeder gleich Angst bekommen, der mitunter morgens von starken Muskelschmerzen geweckt wird.

" Wenn Sie gelegentlich mal einen Wadenkrampf haben, ist das kein Problem, bloß, wenn die Krämpfe wiederholt auftreten dann muss man zu einem Neurologen, denn häufig ist die Ursache zentral im Gehirn gelegen, oder im Gebiet von dem Rückenmark, wo die Nerven dann zum Muskel gehen und das kann man gut diagnostizieren. Also zum Beispiel eine chronische Polyneuropathie, also eine Entzündung der peripheren Nerven kann Ursache für eine solche Krampfbildung sein."

Eine solche, mehrere Nerven betreffende Polyneuropathie kann aufgrund einer schlecht behandelten Zuckerkrankheit entstehen, aber zum Beispiel auch durch fieberhafte Infektionskrankheiten wie etwa der Borreliose, die von bestimmten Läusen oder Zecken übertragen wird. Häufig sind die Nervenbahnen auch bei Alkoholkranken angegriffen. Warnzeichen für eine Polyneuropathie sind zusätzliche Symptome wie Kribbeln in den Füßen oder Gefühlsstörungen in den Beinen.

Um krankhafte Wadenkrämpfe gezielt zu behandeln, mindestens einzudämmen, ist - wie gesagt - eine genaue Diagnostik durch Nervenärzte notwendig. Aber kann man die Häufigkeit ganz "normaler" Krämpfe verringern? Dazu werden viele Tipps gehandelt wie Massagen, Ernährungsumstellung oder Schlafen mit einem Kissen unter dem Knie. Dieter Felsenberg ist da skeptischer:

" Sie können natürlich versuchen, diese Muskulatur immer beweglich zu halten, die sich verkrampft, das heißt, Zehen rotieren, Fuß rotieren, insbesondere, wenn Sie die Muskulatur kurz vor dem Einschlafen noch mal einer etwas stärkeren Durchblutung zuführen, aber sonst gibt es eigentlich nicht viele Möglichkeiten, dort vorbeugend zu arbeiten."

Wenn die Wade krampft, will und muss man natürlich erst einmal etwas gegen die biestigen Schmerzen tun.

" Beim akuten Auftreten eines Wadenkrampfes ist die Dehnung des verkrampften Muskels notwendig - man zieht die Zehenspitze in Richtung des Körpers, des Knies, und dadurch dehnt man diesen Muskel, oder man kann es auch ohne diese Dehnung machen, indem man einfach den Gegenspieler dieses Muskels zusammenzieht. Man kann auch durch leichtes Massieren diese Krämpfe lösen, man darf dabei nicht drücken. Nach Beendigung eines Krampfes sind auch warme Bäder sehr hilfreich. Wärme ist ein sehr gutes Mittel gegen die Krämpfe ob das nun am Fuß an der Wade stattfindet oder auch im Oberschenkel, die Krämpfe an anderen Stellen sind alle ähnlich zu behandeln, es sei denn, es sind symptomatische Krämpfe, die einen ganz spezifischen Auslöser haben."

Längerfristig hilft Magnesium aus der Apotheke, um die Störung im Mineralstoffwechsel auszugleichen. Aber eben nicht immer.

" Wenn die Einnahme von Magnesium nicht hilft, dann ist es schon mal klar, es war kein Defizit an Magnesium, das ist dann schon mal eine wichtige Botschaft. Als weitere Möglichkeit gibt es das Chinin, das wirkt krampflösend und fiebersenkend. Chinin führt aber zu Nebenwirkungen, in seltenen Fällen, aber wenn Nebenwirkungen auftreten, dann sind sie schon schwer. In ganz schwerwiegenden Fällen geht man dann auch zu Psychopharmaka über, das heißt, der gesamte Muskelreiz wird reduziert, aber in diesen Fällen kommen wir schon in die Nähe von Antiepileptika, die dann schon den spezifischen Krampf therapieren."

Bevor Dieter Felsenberg Professor für Physiologie wurde, war er Apotheker. Und aus dieser Zeit erinnert er sich zum Schluss an einen preiswerten, wirksamen Tipp:

" Es gibt eine ganz einfache Kur. Da hilft zwei Teelöffel Apfelessig in ein Glas am Tag, und das über vier Wochen, richtige Kur, damit können Sie die Krämpfe wunderbar lösen. Im Grunde ist das auch nichts anderes als eine Regulierung des Mineralstoffwechsels, man kann auch Apfelschorle trinken, auch das hat einen sehr guten Einfluss auf die Krampfbildung. "

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