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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Grüner Star13.05.2008

Radiolexikon: Grüner Star

Der Berufsverband der Augenärzte geht davon aus, dass rund sechs Prozent der deutschen Bevölkerung an einem Glaukom leiden, allerdings nur die Hälfte der Betroffene dies weiß. Das Erkrankungsrisiko steigt vom 50. Lebensjahr an rapide.

Von Mirko Smiljanic

Ein Mann blickt in die Kamera. (Stock.XCHNG / Nic Kilby)
Ein Mann blickt in die Kamera. (Stock.XCHNG / Nic Kilby)
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Radiolexikon Gesundheit

Universität Heidelberg, Augenklinik. Im Halbdunkel des Untersuchungsraums nimmt eine Patientin Platz. Sie ist hier,…

"Weil mich der Augenarzt hergeschickt hat,... "

…weil er abklären will, ob die 72-jährige unter einem Grüner Star leidet.

"Der Druck sei zu hoch, ja…. "

…weshalb eine genaue Diagnose erforderlich ist! Und zwar mit dem Heidelberg-Retina-Tomographen, einem bildgebendem Verfahren der Sonderklasse.

"Wir sehen hier ein Gerät, das nennt sich Heidelberg-Retina-Tomograph der zweiten Generation, das ist ein Gerät, das in der Lage ist, über einen niedrigenergetischen Laserstrahl am Augenhintergrund ein dreidimensionales Bild des Sehnervkopfes zu erstellen, ..."

…sagt Dr. Alexander Scheuerle von der Universitätsklinik Heidelberg. Der Berufsverband der Augenärzte geht davon aus, dass rund sechs Prozent der deutschen Bevölkerung an einem Glaukom leiden, allerdings nur die Hälfte der Betroffene dies weiß. Das Erkrankungsrisiko steigt vom 50. Lebensjahr an rapide. Bei 75-jährigen liegt die Häufigkeit zwischen sieben und acht Prozent, bei 80-jährigen zwischen zehn bis 15 Prozent.

"So, jetzt müssten Sie mal den Kopf hier auf die Kinnstütze aufstützen, etwas tiefer, kommen Sie mit der Stirn ans Band?
Ja.
So, und jetzt sehen Sie gleich so ein rotes Feld."

Üblicherweise fassen Mediziner unter dem Glaukom Augenleiden zusammen, die durch einen erhöhten Augeninnendruck den Sehnerv schädigen. Besonders häufig tritt das "Offenwinkel-Glaukom" auf, bei dem die Patienten farbige Ringe sehen, wenn sie in Lichtquellen schauen. Weitere Formen sind das "Akute Glaukom" – es zeichnet sich durch ein hartes, rotes Auge mit lichtstarrer Pupille aus – und das "Primäre kongenitale Glaukom", bei dem der Patient lichtscheue, tränende Augen hat und unter Lidkrämpfen leidet – eine Variante, die übrigens auch bei Kindern und Säuglingen auftritt.

"Sehen Sie schon ein rotes Feld?
Ja.
Und rechts von dem roten Feld ist ein grüner Punkt, sehen Sie den auch,…
Ja?
Da schauen Sie bitte mal hin."

"Der Laserstrahl geht ins Auge rein, die Lichtinformation wird reflektiert und die unterschiedlichen Eindringtiefen des Laserstrahls werden dann über fokussierte Schichten zu einem dreidimensionalen Ergebnis verrechnet, Sie kennen sicherlich die Computer-Tomographie, da funktioniert es ähnlich, nur mit Röntgenstrahlen, hier ist es mit Licht."

"Wir haben ja gesagt, dass die ganze Untersuchung nur zwei bis drei Sekunden in Anspruch nimmt, mit der Positionierung und Instruktion des Patienten sind es dann doch wenige Minuten, aber es ist immer noch sehr schnell und für die meisten Patienten eine immer noch sehr viel angenehmere Untersuchung als zum Beispiel die Gesichtsfeldprüfung, die ja auch für die Diagnose des Grünen Stars verwendet wird."

Ein hoher Augeninnendruck ist fast immer die Ursache für das Glaukom. Der hohe Druck baut sich auf, wenn das Kammerwasser im Auge nicht schnell genug abfließen kann. Es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen der ständigen Wasserproduktion im Auge und dem Abfluss des Wassers. Folge: Die Flüssigkeit staut sich im Auge, der Druck steigt an und schädigt so die empfindlichen Sehnerven. Weil beschädigte Nerven aber nicht mehr alle optischen Eindrücke an das Gehirn weiterleiten, kommt es zum Gesichtsfeldausfall. Allerdings gibt es ab und zu auch Glaukom-Patienten mit einem normalen Augeninnendruck. Ursache dafür könnten Durchblutungsstörungen am Sehnerven und der Netzhaut sein, die etwa ein zu hoher oder zu niedriger Blutdruck auslöst.

"So, und das gleiche mit dem linken Auge,… ganz ruhig halten,... "

Der Grüne Star wird zunächst medikamentös mit Augentropfen behandelt, wobei diese Therapie fast immer lebenslang angewandt werden muss. Drei Ziele haben die Ärzte im Visier: Erstens wollen sie den Augeninnendruck senken, um den Sehnerv mechanisch zu entlasten. Zweitens sollen Netzhaut und Sehnerven besser durchblutet werden. Und drittens möchten sie das Absterben der Nervenzellen verhindern oder zumindest verlangsamen. Dieses Therapieziel erreichen sie bisher aber nur im Tierversuch. 80 Prozent aller Patienten werden mit Betablockern behandelt – sie gelten als Goldstandard der Glaukomtherapie. Ein-, bis zweimal pro Tag als Augentropfen verabreicht, senken sie zuverlässig den Augeninnendruck, indem sie die Produktion des Kammerwassers drosseln.

"Noch mal bitte blinzeln, das Auge jetzt ganz ruhig halten, so perfekt, Sie können sich jetzt zurücklehnen."

Eine zunehmend wichtige Rolle spielen aber auch neue Medikamente wie Prostaglandine und sogenannte Alpha Agonisten. Allerdings haben alle einen entscheidenden Nachteil: Da sie lebenslang genommen werden müssen, ist die Gefahr von Nebenwirkungen sehr hoch. Prostaglandine etwa können die Farbe der Regenbogenhaut und die Form der Wimpern verändern und Alpha-2-Agonisten führen zur Blutdrucksenkung. Ist die medikamentöse Therapie erfolglos, empfehlen Mediziner mitunter einen chirurgischen Eingriff. Die sogenannt Trabekulektomie zählt dabei zur erfolgreichsten Methode. Dabei wird ein kleines Stück der Lederhaut – sie umschließt das Auge als schützende Hülle – entfernt. Über diese Öffnung kann nun das Kammerwasser aus der vorderen Augenkammer nach außen zur Bindehaut abfließen. Diese Filtrationschirurgie ist ein sicherer und erfolgreicher Eingriff.

"Ich werde jetzt mal auf 3-D umschalten, das sieht man den Sehnerv dreidimensional."

Ein paar Klicks und auf dem Bildschirm erscheinen gestochen scharfe Farbbilder vom Inneren des Auges. Bei dieser Qualität kann sich jeder Laie vorstellen.

"Was unter Aushöhlung zu verstehen ist, das wird dann sehr plastisch, dass eben dieser Druck, der über Jahre auf das Auge einwirkt, zu dieser prominenten Vertiefung führt."

Am Sehnerv sind kleine Kavernen zu sehen, wobei klein eigentlich das falsche Wort ist: Es sind winzige Aushöhlungen, die schon deshalb große Anforderungen an das Diagnoseverfahren stellen. Ein Blick des erfahrenen Augenarztes reicht aber: Die Patientin leidet tatsächlich an einem Grüner Star.

"Wir sehen zum einen den morphologischen Aspekt, dass nämlich die Excavation, die Aushöhlung an diesem Sehnervenkopf vergrößert ist, das heißt, es liegt sehr wahrscheinlich ein Grüner Star vor; wir sehen auch, dass der Computer der Meinung ist, da gibt es diese grünen Häkchen mit dem roten Kreuz, dass bereits an einer Stelle ein krankhafter Befund unzweifelhaft festgestellt werden kann."

Der Heidelberg-Retina-Tomograph hat ganze Arbeit geleistet, allerdings – sagt Alexander Scheuerle – wäre die Situation noch besser, wenn das Hightech-Gerät auch zur Früherkennung genutzt würde.

"Es ist so, dass das Glaukom, der Grüne Star, immer noch zu den häufigsten Erblindungsursachen zählt, dass aber die Erkrankung häufig zu spät entdeckt wird, weil sie keinerlei Schmerzen oder Sehbeeinträchtigungen im Anfangsstadium für den Patienten hat. Der Patient muss dringend zum Augenarzt gehen, um überhaupt Anzeichen für diese Krankheit finden zu können, sobald er das tut, sobald wir diese Technik auch einsetzen können, ist sehr gut geeignet für die Früherkennung und Verlaufskontrolle!"

Probleme macht allerdings ein anderer Punkt: Viele Augenärzte klagen über eine mangelnde "Compliance" ihrer Patienten. Mit anderen Worten: Glaukom-Patienten nehmen nach kurzer Zeit die Augentropfen nicht mehr regelmäßig oder aber sie dosieren falsch. Manchen ist das Tropfen lästig, außerdem treten immer wieder geringe Nebenwirkungen auf. Damit verbunden ist allerdings ein hohes Risiko, das sich in einem Satz festmachen lässt: "Der Patient tropft nicht für den Arzt, sondern damit er nicht erblindet!

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