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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Halluzinationen28.02.2012

Radiolexikon: Halluzinationen

Sinnestäuschungen und Trugbilder, das Hören von Stimmen: Manche Menschen werden ganz unvermittelt von solchen Erscheinungen geplagt. Nicht immer liegt eine organische Erkrankung vor, oft steckt dahinter eine natürliche Erklärung. Dennoch lohnt ein Besuch beim Arzt.

Von Andrea Westhoff

Manche Menschen hören Stimmen - das kann in vielen Fällen normal sein. Ihr Arzt kann Ihnen helfen. (Stock.XCHNG / George Georgiades)
Manche Menschen hören Stimmen - das kann in vielen Fällen normal sein. Ihr Arzt kann Ihnen helfen. (Stock.XCHNG / George Georgiades)

"Also Stimmen, die den Betroffenen beschimpfen, die Befehle geben, die sagen 'Steh auf, setz dich hin, spring aus dem Fenster', das gibt es leider auch, solche Stimmen, Stimmen, die alles kommentieren, was derjenige tut, ja: 'Jetzt macht er den Kühlschrank auf, jetzt nimmt er die Milchflasche raus, jetzt macht er die Milchflasche auf, jetzt trinkt er daraus', also es wird etwas wahrgenommen, was in der Umwelt so eigentlich gar nicht vorhanden ist."

Sinnestäuschungen, Trugbilder – damit hat die Psychologin Dr. Yehonala Gudlowski täglich zu tun. Sie leitet das Früherkennungs- und Therapiezentrum für Psychosen an der Berliner Charité, und akustische Halluzinationen sind das häufigste Symptom dieser seelischen Erkrankungen.

"Dann können das auch visuelle Halluzinationen sein, aber das sind dann eher hirnorganische Erkrankungen, dann haben wir taktile, also die Berührung betreffende Halluzinationen, dass die Betroffenen das Gefühl haben, dass zum Beispiel Strom durch ihren Körper fließt, weil sie Wärmegefühle auf der Haut wahrnehmen, und wir haben bei Psychosen häufig auch Geruchshalluzinationen, die sehr unangenehm sind, also Geruch von Verwesung, von Fäulnis, und das kann dann auch eine Geschmackshalluzination werden, also da haben wir ein ganz buntes Gemisch an Halluzinationen."

Zum Glück sind aber nicht alle Halluzinationen so furchtbar und erschreckend – und auch nicht immer sind sie Zeichen einer beginnenden Psychose. Professor Friedel Reischies, Ärztlicher Direktor der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik für Psychiatrie in Berlin, weiß, dass vor allem bei älteren Menschen Sinnestäuschungen gar nichts ungewöhnliches sind.

"Äußerst typisch ist es, eine Stimme zu vernehmen, beispielsweise, die Stimme des verstorbenen Partners. Das kommt in über 50 Prozent der Fälle vor, dass verwitwete Personen nach 30, 40 Jahren Ehe so ab und zu im Alltag die Sätze, die sie auch früher gehört haben von ihrem Partner, wieder hören in dem typischen Stimmklang, hier kann es also etwas ganz Normales sein, etwas wieder zu hören."

Das Gehirn hat gewissermaßen die Erinnerung gespeichert, und ruft sie gelegentlich wieder ab, vor allem bei Einsamkeit, die ja eine Armut an echten Sinnesreizen bedeutet. Deshalb kann es auch zu Halluzinationen bei älteren Menschen kommen, wenn sie nur noch sehr schlecht oder gar nichts mehr hören oder sehen.

"Dann ist ein grundlegender Mechanismus unseres Gehirns, das zu ergänzen, was fehlt. So kennen Sie vielleicht die Phänomene der Phantomglieder. Und so ist auch mit dem Sinneseinstrom: Wenn von außen zu wenig Sinnesinformation in das Gehirn hineingelangt, dann ergänzt gewissermaßen das Gehirn mit Vorstellungen, so nehmen wir an, und so kommt es vor, dass alte Menschen Melodien oder Musik hören, das kann also auch sehr angenehm sein oder eben auch Stimmen, die durchaus auch mal beängstigenden Charakter annehmen können."

Der Mechanismus im Gehirn ist bei Psychosen ganz ähnlich, aber warum das so ist, weiß man noch nicht. Bei der Diagnostik konzentriert man sich deshalb vor allem darauf, andere Ursachen für die Sinnestäuschungen auszuschließen. Dr. Yehonala Gudlowksi:

"Es gibt noch viele andere Gründe zu halluzinieren: Natürlich zählt ein Drogenrausch dazu, also das kann sogar unter so vermeintlich harmlosen Substanzen wie Cannabis passieren, dass die Betroffenen im Rausch anfangen, Stimmen zu hören, manchmal auch noch einige Tage, nachdem der Rausch abgeklungen ist, dann ist das ein ganz wichtiges Zeichen, dass man aufhören sollte, Cannabis zu konsumieren, natürlich gibt es auch Drogen, die darauf ausgerichtet sind, Halluzinationen auszulösen, wie zum Beispiel LSD, das muss man dann immer von Psychosen unterscheiden."

Auch einige neurologische Erkrankungen, vor allem Demenzen, Hirntumore oder -entzündungen können zu – meist optischen – Halluzinationen führen. Professor Friedel Reischies:

"Da wird ein Lichtblitz im einfachsten Falle gesehen, aber häufig Gestalten, Personen in der Wohnung oder huschende Bewegungen, manchmal auch so etwas wie Tiere an der Wand oder auf der Bettdecke – und dann natürlich besonders eklig und angsterregend."

Auch beim sogenannten Delir kommt es zu akustischen oder optischen Halluzinationen. Menschen im Alkoholentzug vor allem berichten immer wieder von "Weißen Elefanten", die sie gesehen haben. Nach einer Narkose kann das auch passieren. Und schließlich können Halluzinationen bei bestimmten Medikamenten auftreten.

"Beim Parkinson besonders, weil das Substanzen sind, die den Dopaminspiegel erhöhen, und wenn diese Medikamente irgendwie überdosiert werden, zum Beispiel bei einem ganz schweren Parkinson kann das passieren, dann kann das kurzfristig psychotische Symptome auslösen. Oder was auch passiert, leider immer häufiger, ist, dass Jugendliche, die angeblich ein ADHS haben, also dieses Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, die werden ja häufig mit Methyphenidat behandelt, und das steigert auch den Dopaminspiegel, und da sind manche Hausärzte manchmal leider sehr fahrlässig und dosieren das bis zum geht nicht mehr, dann kann das auch psychotisch machen. "

Ganz wichtig ist es auch zu unterscheiden, ob jemand halluziniert oder Wahnvorstellungen hat. Für den Laien geht das oft durcheinander. Halluzinationen sind – wie schon gesagt – Sinneswahrnehmungen, ohne dass der entsprechende äußere Reiz vorhanden ist.

"Der Wahn ist eher so eine inhaltliche Uminterpretation dessen, was man wahrnimmt, die aber durchaus auf realen Sinneswahrnehmungen beruhen kann. Ich kann also zum Beispiel eine Dachantenne sehen, die halluziniere ich nicht, die ist wirklich da, und die kann ich aber uminterpretieren als Spionageantenne, die mich verfolgen soll - das wäre dann Wahn."

Beides kann aber auch zusammen gehen: Aus einer Halluzination, zum Beispiel einem – nicht realen – Wärmegefühl auf der Haut, kann die Wahnidee entstehen, vom Nachbarn "bestrahlt" zu werden.
Die Behandlung fast aller Arten von Halluzinationen ist äußerst schwierig. Für die auslösenden neurologischen Erkrankungen, die Demenzen etwa, gibt es – noch – keine heilenden Therapien, und bei Psychotikern fehlt die "Krankheitseinsicht". Angehörige sollten deshalb auch nie versuchen, den Betroffenen Halluzinationen auszureden, rät Dr. Yehonala Gudlowski vom Früherkennungs- und Therapiezentrum für Psychosen:

"Man kann nicht sagen, das stimmt nicht, sonst wird man eher auch noch zum Verschwörer oder zum Feind erklärt, sondern eher sagen, 'Du ich hab das Gefühl, es geht dir sehr schlecht, ich mach mit ein bisschen Sorgen um dich, gibt's irgendwas, was wir gemeinsam tun können, damit das besser wird'. Also jemandem eine Brücke bauen und jemanden da abholen, wo er selbst Leidensdruck verspürt, aber nicht über die Brücke rüberpreschen, sonst kann es sein, dass die Kommunikation mit dem Betroffenen ganz abreißt."

Immerhin gibt es einige antipsychotische Medikamente, sogenannte Neuroleptika, die heute sehr viel weniger schwere Nebenwirkungen haben als früher:

"Je stärker sie wirksam sein müssen, also je resistenter auch die Halluzinationen sind, desto stärker sind häufig auch die Nebenwirkungen, das muss man ausprobieren, es gibt auch Patienten, die sagen, 'Ich geh lieber durch den Wald und unterhalte mich mit den Bäumen, als Medikamente zu nehmen', ich bin da relativ tolerant, aber trotzdem ist es mir immer wichtig zu sagen, das, was heute auf dem Markt ist, ist weitaus besser verträglich, als das, was man noch so von früheren Generationen kennt."

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