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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Hodenhochstand25.01.2011

Radiolexikon: Hodenhochstand

Bis zu fünf Prozent aller männlichen reifen Neugeborenen und bis zu 30 Prozent aller männlichen Frühgeborenen leiden an einer Lageanomalie des Hodens: Sie lassen sich nicht ertasten. Manchmal ist nur ein Hoden betroffen, manchmal beide. Kinderärzte diagnostizieren dann einen Hodenhochstand, der unbehandelt schwerwiegende Folgen haben kann.

Von Mirko Smiljanic

Drei bis fünf Prozent der neugeborenen Jungen haben einen Hodenhochstand.  (AP)
Drei bis fünf Prozent der neugeborenen Jungen haben einen Hodenhochstand. (AP)

Was gibt es Schöneres, als mit einem Baby zu baden: Es ist warm, das Kind fühlt sich wohl, es kann strampeln und planschen wie es will. So hat es auch eine Kölnerin mit ihrem Jungen gemacht – und dabei ein wenig irritiert festgestellt, dass mit dem Hoden des drei Monate jungen Säuglings etwas nicht stimmte,

"...und dann wurde bei der U4 entdeckt, dass der Hoden nicht unten im Sack bleibt, und dann wurde ich zur Urologin geschickt und da wurde das dann behandelt."

Hodenhochstand hieß die Diagnose, was für die Mutter zunächst einmal ein Schock war: Natürlich hatte sie den Begriff "Hodenhochstand" schon gehört, was er genau bedeutet, war ihr aber nicht klar.

"Ich wusste, dass man da guckt, das hatte mir die Kinderärztin auch erklärt, aber dass da jetzt was mit Hodenhochstand ist, das wusste ich nicht."

Bei drei bis fünf Prozent aller reifen männlichen Neugeborenen und bei rund 30 Prozent aller männlichen Frühgeborenen diagnostizieren Kinderärzte einen Hodenhochstand. Die Lageanomalie des Hodens ist damit die häufigste urologische Krankheit bei Kindern überhaupt!

"Zum Zeitpunkt der embryonalen Entwicklung sind die Hodenanlagen im Bauchraum und wandern dann, je reifer das Kind wird, aus dem Leistenkanal in den Hodensack und sind dort an einem Bindegewebe locker aufgehängt. Sie haben einen Samenstrang, an diesem Samenstrang laufen die Blutgefäße lang, und an diesem Samenstrang sind auch Muskelfasern zu sehen, und durch diese Muskelfasern wird der Hoden in die Leiste beziehungsweise bei Kälte auch normal nach oben in den Hodensack gezogen."

Bei einigen Säuglingen – fährt die Kölner Urologin Dr. Christina Grund fort – ist nur ein Hoden betroffen, manchmal aber auch beide. Sind die Hoden in den Hodensack gewandert, bedeutet dies übrigens nicht, dass alles in Ordnung ist.

"Es gibt den sogenannten Pendelhoden, der pendelt zwischen der Leiste und dem Hoden, ist aber die meiste Zeit des Lebens im Hodensack; es gibt den Gleithoden, der gleitet, obwohl man ihn in den Hodensack ziehen kann mit den Händen, wieder zurück in die Leiste, bleibt dort die meiste Zeit in der Leiste liegen; und es gibt die sogenannten nichttastbaren Hoden, das sind die Leistenhoden oder die Bauchhoden."

Ein Hodenhochstand kann unterschiedliche Ursachen haben. Möglich sind anatomische Anomalien, die den Weg zum Hodensack blockieren, sodass die Hoden nicht herabwandern können. Weitaus häufiger stellen Ärzte allerdings hormonelle Störungen während der Schwangerschaft fest, ...

"...das heißt, die Achse zwischen Hirnanhangsdrüse, Hypothalamus und Hoden scheint nicht ausreichend zu funktionieren, das heißt, dass die Strukturen im Gehirn dem Hoden nicht ausreichend Impulse geben zur Hormonproduktion."

Er entwickelt sich nicht richtig und bleibt, wo er während der Schwangerschaft war: Im Bauchraum beziehungsweise in der Leiste. Obwohl der Hodenhochstand eine sehr häufige Anomalie ist, wird er übrigens nicht vererbt. Die Eltern bekommen durch die Diagnose fast immer einen gehörigen Schrecken.

"Ich war am Anfang schon sehr ängstlich, ich hatte Angst, dass das was Schlimmes ist und dass man das nicht hinkriegt. Als Mutter ist man ja immer sehr ängstlich, also es war schon komisch."

Was zum Glück die Familie etwas auffangen konnte, ...

" ... also meine Mutter hat mich ein bisschen beruhigt, die bringt mich immer ein bisschen auf den Boden, hat dann gesagt, das ist nichts Schlimmes, und meine Freunde eigentlich auch, die haben gesagt, dass man das schon hinkriegt, dass das ja einige Kinder haben und dass zur heutigen Zeit die Medizin ja doch schon so weit ist, dass man das gut behandeln kann."

Bei der Therapie gilt der Grundsatz: Je früher ein Hodenhochstand beim Säugling festgestellt wird, desto besser! Wird er beim Neugeborenen diagnostiziert, heißt die Devise zunächst einmal: Abwarten! Manchmal reifen die Hoden nach und wandern nach ein paar Wochen selbstständig in den Hodensack. Mehr als drei, vier Monate sollte diese Phase aber nicht dauern. Spätestens dann beginnt die Behandlung mit einem Hormonpräparat, das die Produktion von Testosteron anregt – Testosteron sorgt dafür, dass die Hoden sich senken. Leider ist diese Behandlung aber nur bei 20 Prozent aller kleinen Patienten erfolgreich, sodass Urologen als nächsten Schritt eine Operation ins Auge fassen, ...

" ...das heißt, wir wollen sehen, ist er überhaupt vorhanden, ist er gar nicht vorhanden, und man sollte ihn dann, wenn er noch ausreichend groß ist, außerhalb des Bauchraumes in den Hodensack bringen, wenn er aber zu klein ist und keine Funktion mehr hat, wird er heutzutage entfernt."

Spätestens beim ersten Geburtstag sollten die Hoden ihre korrekte Lage erreicht haben; die bisherige Lehrmeinung, man könne sich damit zwei Jahre Zeit lassen, hat ausgedient! Hintergrund für die Eile sind neue Erkenntnisse über die Folgen eines unbehandelten Hodenhochstandes. Dr. Christina Grund.

"Wir wissen, dass durch den Hodenhochstand ein Fruchtbarkeitsschaden auftreten kann, da ist es entscheidend, ob der Hoden vor der Pubertät, also vor dem zehnten Lebensjahr, behandelt wird. Wir haben ausreichend Daten, dass auch Männer mit einseitigem und auch beidseitigem Hodenhochstand noch Kinder zeugen können, nur, es wäre schön, wenn wir die Fruchtbarkeit verbessern können, sodass der Kinderwunsch auch dann eintreten kann, wenn das Paar das will; und wir wissen, dass durch den Hodenhochstand das Risiko einer Entartung des Hodens, ein bösartiger Hodentumor, erhöht ist."

Eine durchgehende Kontrolle bei männlichen Säuglingen sei entscheidend, sagt Christian Grund. Sie würde zwar weitgehend durch die Vorsorgeuntersuchungen gewährleistet, allerdings trügen auch Eltern Verantwortung. Wichtiger noch als die Kontrolle durch den Arzt sei die Kontrolle ...

"... der Eltern beim Baden und beim Windeln, weil die Eltern das ja sehr viel häufiger sehen. Wichtig ist auch, dass die Kinder in der Wärme untersucht werden, weil bei Wärme die Hoden gut zu untersuchen sind, bei Kälte ziehen sie sich immer physiologischerweise immer ein bisschen nach oben und dann kann es doch schon mal zu Fehleinschätzungen kommen."


Also, immer schön baden mit dem Kind, ... und allzu viel Angst vor der Diagnose "Hodenhochstand" muss man auch nicht haben. Beim nächsten Kind kann alles ganz anders sein.

"Drei bis fünf Prozent der Neugeborenen haben einen Hodenhochstand, also der reif geborenen Neugeborenen, aber es ist nicht gesagt, dass ihr nächstes Kind wieder einen Hodenhochstand hat!"

Dem Jungen, er ist heute 20 Monate alt, geht es nach der Operation übrigens gut – und der Mutter auch.

"Dem geht es sehr gut, der merkt gar nichts mehr, es ist alles bestens. Also wenn ich noch mal einen Jungen kriege und es sollte noch mal so sein, dann ist die Angst doch nicht mehr so groß, erstens bin ich hier gut aufgehoben und zweitens weiß ich jetzt, dass es gar nicht so schlimm ist."


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