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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Hörscreening bei Neugeborenen06.07.2010

Radiolexikon: Hörscreening bei Neugeborenen

Der Hörtest bei Neugeborenen ist noch relativ neu. Und doch gehört er zu einem wichtigen Instrument der Früherkennung, um spätere Schäden in der kindlichen Entwicklung rechtzeitig zu behandeln.

Von Justin Westhoff

Ein Hörscreening bei Babys verhindert Verzögerungen in der Sprachentwicklung. (AP)
Ein Hörscreening bei Babys verhindert Verzögerungen in der Sprachentwicklung. (AP)
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Hörtest für Neugeborene
Radiolexikon Gesundheit

"Kinder, die taub geboren wurden und die früher nicht als solche identifiziert worden sind, die haben sich auch intellektuell nicht entwickelt. Und auch heute noch kann es passieren, dass die Schwerhörigkeit nicht entdeckt wird und dass sie als intellektuell minderbegabt eingestuft werden, obwohl sie das gar nicht sind","

mahnt der Psychologe und Lärmforscher Professor Jürgen Hellbrück von der Universität Eichstätt. Vor Januar 2009 gehörte ein genereller Test auf angeborene Hörstörungen bis hin zur Taubheit nicht zu den vorgeschriebenen Untersuchungen für Neugeborene. Lange war sogar umstritten, ob ein solches Screening überhaupt sinnvoll sei, weil auch manche Fachleute meinten, man könne ja ohnehin nichts machen. Das ist falsch, betont Professor Manfred Gross, Pädaudiologe, also Spezialist für kindliche Hörprobleme an der Charité:

""Man kann sie behandeln, es gibt sehr eindrucksvolle Studien, dass die Sprachentwicklung praktisch einer normalen Sprachentwicklung entspricht, wenn die Diagnose vor dem sechsten Lebensmonat gestellt wurde und eine entsprechende Therapie unmittelbar aufgenommen wurde."

Inzwischen haben alle Neugeborenen ein Anrecht, auf ihre Hörfähigkeit hin untersucht zu werden. Alle Geburtskliniken bieten ihn an, und bei Hausgeburten sind Hebammen verpflichtet, entsprechende Kontakte herzustellen.


"Wir erhoffen uns davon, dass das Sprachlernen dieser Kinder schneller geht und dass damit auch die intellektuelle Entwicklung dieser Kinder besser verläuft","

sagt Professor Rainer Rossi, Neugeborenen-Mediziner am Vivantes-Klinikum Berlin-Neukölln.

Mit mindestens zwei Fällen auf 1.000 Neugeborene gehört die Hörstörung zu den häufigsten Geburtsfehlern.

""Die häufigste Ursache ist genetisch bedingt, dass beide Eltern eine Erbinformation vererben, die zu einer Hörstörung führt; Weitere Ursachen sind Fehlbildungen, weitere Ursachen sind Durchblutungsstörungen, Hirnblutungen, sind Infektionen während der Schwangerschaft, beispielsweise Herpesinfektion."

Wenn ein Baby von Geburt an gar nichts hört und auch nicht rechtzeitig behandelt wird, dann führt dies in der Folge zur Taubstummheit, weil die Sprache nicht nachgeahmt, erlernt, ausgebildet werden kann. Aber auch "nur" eine wesentliche Hörminderung bedeutet Ausgrenzung von einer normalen sozialen und emotionalen Entwicklung.

Erwachsene können und sollen bei einem Hörtest aktiv mitwirken – Babys sind dazu natürlich nicht in der Lage. Für die Kleinen verwenden Ärzte zwei Methoden, um angeborene Störungen festzustellen, erläutert Kinder-Audiologe Manfred Gross:

"Das eine ist die Messung otoakustischer Emissionen, und das kann man sich so vorstellen, dass wir im Innenohr Haarzellen haben. Der entscheidende Punkt an diesem Verfahren liegt darin, dass durch das Zusammenziehen der Haarzellen selbst ein Geräusch entsteht. Und im Gehörgang kann man mit empfindlichen Mikrophonen diese Geräusche messen."

Also die unhörbaren Signale, die das gesunde Innenohr auch des Neugeborenen aussendet. Dieser OAE abgekürzte Test ist völlig schmerzlos, das Baby schläft dabei sogar meist.

"Eine zweite Methode besteht in der Ableitung akustisch evozierter Potenziale, von kleinen Hirnströmen, die als Reaktion auf einen gehörten Reiz an der Schädeloberfläche gut messbar sind."

Hierzu werden verschiedene Töne ausgesendet. Mit dieser auch "Hirnstammaudiometrie" genannten, ebenfalls harmlosen Methode wird gemessen, ob die Übertragung der Schallsignale ins Gehirn richtig funktioniert.

Beide genannten Tests zusammen liefern Hinweise sowohl auf eine eventuelle Schädigung im Innenohr als auch auf eine Beeinträchtigung der Hörbahn. Sie sind zuverlässig, stellen aber noch keine endgültige Diagnose dar. Zum einen erkennt man zwar die meisten, aber nicht alle Hörstörungen des Säuglings, …

"… weil es solche gibt, die in den ersten Lebenswochen- und Monaten sich erst entscheidend verschlechtern, so dass es darauf ankommt, bei unzureichender Sprachentwicklung auch später noch die Möglichkeit einer Hörstörung in Betracht zu ziehen."

Der Neugeborenenmediziner Rainer Rossi weist zudem darauf hin, dass es auch falschen Alarm geben kann.

"Ein Problem ist tatsächlich, dass mindestens vier Prozent aller Mütter beunruhigt werden müssen, weil gesagt wird nach der ersten Untersuchung: "Ihr Kind könnte eine Hörstörung haben". Das kann einige Tage später wieder normal sein, aber diese sehr frühe Untersuchung führt häufig zu Wiederholungsuntersuchungen wegen unklarer Ergebnisse zuvor."

Das, wohlgemerkt, ist kein Grund, den Neugeborenen-Hörtest zu unterlassen.

"Das Ziel des Neugeborenen-Hörscreenings ist es, die Entdeckungsrate früh zu verbessern, damit man mit einer Therapie früh anfangen kann."

Falls dabei Verdachtsmomente auftauchen, kümmern sich spezialisierten Einrichtungen und Ärzte um die Behandlung. Dazu gehört ein sehr frühes Training des Babys mit Hilfe von ausgebildeten Fachleuten, damit es die Sprechbewegungen des Mundes lesen und nachahmen kann.

"Dann gibt es Hörgeräte, die auch für junge Säuglinge und Kleinkinder geeignet sind; Und wenn das Hörvermögen durch die Fehlbildung der Hörschnecke selber gestört ist gibt es die Möglichkeit, dort ein so genanntes Cochlea-Implantat einzusetzen, das ist letztlich ein kleiner Sprachcomputer, der direkt Sprachsignale in das Innenohr hinein sendet."

Die Cochlea, also die Innenohrschnecke, kann künstlich durch ein Implantat ersetzt werden – möglichst in beide Ohren, um auch das räumliche Hören zu ermöglichen. Eine Elektrode gibt dabei kleine Impulse an die Hörnerven. Hinzu kommt ein Sprachprozessor, bestehend aus einem Mini-Mikrophon und Regelmechanismen, die dafür sorgen, dass das Gesprochene in Nervenimpulse umgewandelt wird. Diese Apparaturen sind in den letzten Jahren immer besser geworden. Die winzigen Implantate müssen auch nicht mitwachsen und somit nicht ausgetauscht werden, wenn das Kind älter wird.

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