• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 05:05 Uhr Auftakt
StartseiteSprechstundeRadiolexikon Husten21.10.2008

Radiolexikon Husten

Wieso eigentlich überfällt viele Menschen im Konzert oder Theater nachgerade ein Zwang zum Räuspern und Husten? Das nervt nicht nur andere Besucher, sondern auch Künstler. Der Dirigent Sir Simon Rattle hat einmal versucht, sich dagegen zu wehren:

Von Justin Westhoff

Will nicht vom Husten der Konzertbesucher gestört werden: Sir Simon Rattle  (AP Archiv)
Will nicht vom Husten der Konzertbesucher gestört werden: Sir Simon Rattle (AP Archiv)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Radiolexikon Gesundheit

"Diese Musik kommt aus der Stille und geht in die Stille. Bitte machen sie das möglich."

Eben gerade dann, wenn es ruhig sein soll, scheint der Husten-Reflex nicht beherrschbar. Ist er also ein Ausdruck von Nervosität oder Anspannung, ein psychologisches Phänomen?

Die Frage ist nicht geklärt. Husten läuft jedenfalls unwillkürlich ab, in der Regel kaum kontrollierbar.

Braun: "Es ist praktisch ein plötzlicher Atemstoß durch die Stimmritze, mit dem Zweck, übermäßigen Schleim oder einen Fremdkörper aus den Bronchien, aus der Luftröhre oder aus dem Kehlkopf zu treiben. Um dann die Luftwege zu befreien."

Wenn er nicht vereinzelt, sondern regelmäßig oder sogar dauerhaft auftritt, ist der Husten keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, mit dem Hausärzte es besonders häufig zu tun haben, sagt Professorin Vittoria Braun vom Institut für Allgemeinmedizin der Berliner Charité:

"Es ist im Kindesalter beispielsweise als Symptom zusammen mit dem Fieber die häufigste Ursache, in die Sprechstunde zu kommen. Aber auch im Erwachsenenalter zählt Husten mit zu den am meisten vorgebrachten Beschwerden, und man kann auch nicht vernachlässigen, dass es volkswirtschaftlich bedeutsam ist. Mit dem Leitsymptom Husten sind die meisten Arbeitsunfähigkeiten zu verzeichnen."

Die Ursachen können sehr verschieden sein, und sowohl in der Selbstbehandlung als auch bei Ärzten wird Vieles falsch gemacht. Deshalb hat Vittoria Braun im Auftrag der Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin die "Leitlinie: Husten" erstellt. Darin wird nur noch zwischen akutem und chronischem Husten - der länger als drei Wochen andauert - unterschieden. Die Aufteilung in "trockenen" und "produktiven" Husten hingegen hat sich als unzulänglich erwiesen, will man den Auslösern auf die Spur kommen. Oft genug sind es äußere Reize wie Zigarettenqualm, der eben den typischen, morgendlichen Raucherhusten auslöst. Ebenfalls sehr häufig reizt eine bakterielle oder virale Entzündung die Schleimhäute in den Atemwegen. Aber auch ganz andere Krankheiten können hinter einem Husten stecken.

"Es kann auch insgesamt mit schwerwiegenden Erkrankungen, zum Beispiel Herzerkrankungen oder Speiseröhrenerkrankungen zusammenhängen, und andere Ursachen können natürlich auch schwerwiegende sein, dass man einen Tumor in den Bronchien oder in der Lunge haben kann, das ist etwas, wo man immer hinterher sein soll, wenn ein Mensch länger als drei Wochen hustet, dass da eine ordentliche Diagnostik fährt."

Auch einige Medikamente haben die unangenehme Nebenwirkung, Husten auszulösen, etwa bestimmte Blutdruckpräparate oder Schmerzmittel.
Woran Ärzte bei uns heutzutage zu wenig denken, ist ferner die Tuberkulose.

"Symptome sind zum Beispiel Gewichtsabnahme, Müdigkeit, Nachtschweiß, und typisches Symptom bei der Lungentuberkulose ist der Husten, im Extremfall auch mal blutiger Auswurf, es ist Atemnot und es können Thoraxschmerzen sein. Also eigentlich alles Symptome, die bei allen anderen Lungenkrankheiten auch vorkommen und überhaupt nicht typisch für die Tuberkulose alleine sind."

TBC-Spezialist Professor Robert Loddenkemper aus Berlin verweist darauf, dass diese Krankheit in Deutschland zwar selten geworden ist, durch Fernreisen und Migration jedoch eine gewisse Renaissance erlebt. Hinzu kommt, dass sich die Erreger zwar abkapseln, aber wieder ausbrechen können.

"Am Anfang entsteht ein kleines Tuberkulose-Granulom, oft heilt das ja auch so ab, und ruht dann für die nächsten Jahrzehnte, kann eventuell noch mal aktiv werden bei irgendeiner Krankheit im Alter, zum Beispiel Diabetes mellitus, oder bei Tumorerkrankungen, deswegen ist ja grade bei uns Deutschen die Tuberkulose vorwiegend eine Erkrankung der älteren Menschen, die sich früher infiziert haben, - als die Tuberkulose noch weiter verbreitet war - und dann später eine Aktivierung der Tuberkulose bekommen."

Grundsätzlich verlangt das "Leitsymptom Husten" eine gründliche hausärztliche Diagnostik, einschließlich der Befragung des Patienten: "Wie lange dauert der Husten schon, wann tritt er auf, in welchen Situationen, welche Begleiterscheinungen gibt es sonst?" Charité-Professorin Vittoria Braun, die selbst auch eine hausärztliche Praxis hat:

"Wenn man die ordentlich macht, dann hat man zu 70 Prozent auch die entsprechende Diagnose. Wenn ich jetzt den Verdacht habe auf eine Lungenentzündung und typische Geräusche höre über der Lunge, dann ist es in der Regel notwendig, eine Röntgenaufnahme durchzuführen. Ja, und wenn ich den Verdacht auf ein Asthma habe, dann mache ich eine Lungenfunktion."

Bei Verdacht auf andere ursächliche Erkrankungen kommen Blutuntersuchungen, Allergietests, ein EKG oder auch eine Magenspiegelung hinzu.

Behandelt werden muss im Prinzip nicht das Symptom, sondern die zugrunde liegende Krankheit. Dabei sind auch manchmal Antibiotika notwendig, aber:

"Antibiotika gebe ich nur Patienten mit einer schweren Bronchitis, insbesondere wenn sie länger dauert oder wenn die Patienten alt sind und multimorbide also viele Krankheiten haben."

Ansonsten können "Hustenlöser" den quälenden Reiz lindern. Hingegen sind "Hustenstiller" problematisch.

"Also Hustenstiller kriegen Sie bei mir in der Praxis nahezu nicht. Es sei denn, sie möchten morgen gerade ins Theater gehen. Man kriegt einen Husten sehr gut ohne solche Codeinpräparate behandelt, die haben auch - können schwerwiegende Auswirkungen haben, es ist auch nicht notwendig."

Codeinhaltige Hustenblocker können unerwünschte Effekte von Kopfschmerzen und Übelkeit über Verstopfung bis hin zu Herz-Kreislauf-Krankheiten bewirken, sie verlieren rasch an Wirkung und können schnell abhängig machen.

"Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker."

Die unzähligen Mittel und Methoden gegen Husten - von A wie Atemgymnastik bis Z wie Zwiebelsaft - waren bisher kaum überprüft.
Die "Leitlinie Husten" bringt nun ein wenig Ordnung in das Wirrwarr, wie deren Hauptautorin Vittoria Braun berichtet:

"Beispielsweise habe ich einen hochevidenten Wirkungsnachweis für diese Wasserdampfinhalation, ja. Da hat es die große Studie gegeben, dass also bei 43 Grad eine Wasserdampfinhalation Viren abtöten kann und dass das also wirklich einen Sinn macht, das Patienten zu empfehlen."

Umgekehrt fallen einige gewinnträchtige Produkte durch die wissenschaftliche Prüfung. Dazu gehören sprudelnde Hustenlöser, bekannt als "ACC".

"Nach dem Schreiben meiner Leitlinie ist es mir wesentlich leichter gefallen, beispielsweise auch Patienten davon abzuhalten, die viel gepriesenen Präparate wie Acetylzystein oder Ambroxol dann zu kaufen, weil die Kassen bezahlen sie ja nicht, weil ich jetzt sagen kann: "ich habe keine Literatur dazu, die es beweist, dass euch das auch hilft"."

Sogar manche Pflanzenprodukte wie Thymian oder Eukalyptus haben da besser abgeschnitten. Ansonsten wird zwar immer noch empfohlen, bei Husten besonders viel zu trinken, allerdings gilt dies nicht für schwer Herz- oder Nierenkranke.

Vorbeugen kann man gegen Husten oft auch. Mit dem Rauchen aufzuhören etwa, ist nicht wirklich eine schlechte Idee. Und wenn es denn geht, sollten Infektionen vermieden werden. Nur wie man die nervöse Husterei im Konzert vermeidet - dazu gibt es noch keine Leitlinie.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk