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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Hypochondrie02.07.2013

Radiolexikon: Hypochondrie

Quälende Gesundheitsängste

Wenn das saure Aufstoßen nach zu reichlicher Mahlzeit zum Magenkrebs mutiert oder der Wespenstich Todesgefahr bedeutet: Dann sind das häufig übertriebene Annahmen. Doch es gibt auch das echte Krankheitsbild Hypochondrie.

Von Ulrike Burgwinkel

Wenn die Angst vor Krankheiten zur Belastung wird. (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
Wenn die Angst vor Krankheiten zur Belastung wird. (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
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"Hand aufs Herz: Seid Ihr denn wirklich krank?"

Beim eingebildeten Kranken, dem Moliereschen Lustspiel, ist das nun wirklich keine Frage. Aber die eingebildete kann durchaus zur echten Krankheit werden.

"Immer dann, wenn die Gesundheitsängste, die Hypochonder haben, die typischen Ängste, dass sie erkrankt sein könnten, wenn diese Gesundheitsängste so quälend und so ausgeprägt sind, dass sie signifikant in ihr Leben eingreifen."

Professor Volker Arolt, Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie am Universitätsklinikum Münster. Es sei schwierig, die Diagnose Hypochondrie zu stellen, jedoch habe man sich international auf einen Zeitfaktor geeinigt: Die Krankheitsbefürchtungen des Patienten müssen mindestens über einen Zeitraum von sechs Monaten bestanden haben. Außerdem sei bei den Untersuchungen ein Ausschlussverfahren anzuwenden.

"Es ist aus medizinischer Sicht zunächst notwendig, die Körperbeschwerden vom Patienten sorgfältig zu untersuchen und somatisch abzuklären und zu schauen, ob zum Beispiel, wenn jemand permanent über Unwohlsein oder Magenschmerzen klagt, ob bei dem Betreffenden tatsächlich eine organische Magenerkrankung zugrunde liegt: ein Magenulkus oder sogar Magenkrebs."

"Am 26. ein karminatives Klistier, um das Abgehen der Winde des gnädigen Herrn zu erleichtern."

"Das Charakteristikum der Hypochondrie ist weniger der Schmerz oder das Körpersymptom als solches als vielmehr die Sorge darum, an einer schweren Erkrankung erkrankt zu sein. Und typischerweise handelt es sich hier um Krebserkrankungen oder um potenziell zum Tode führende Entzündungen oder Infektionen."

Banale oder degenerative Erkrankungen kommen nicht vor.

"Auf einer mehr deskriptiven Ebene ist die innere Dramatik des Patienten dadurch geprägt, dass der Betreffende dazu neigt, bestimmte Körperstörungen, Körperempfindungen, Missempfindungen, die tatsächlich da sind, die wir alle haben, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Übelkeit, Rückenschmerzen verstärkt wahrzunehmen und diese Wahrnehmung dann immer weiter zu intensivieren, weil die Wahrnehmung angstbesetzt ist."

" Und schau ich mich im Spiegel an, wer schaut zurück? Ein kranker Mann!"

Verstärkte Körperwahrnehmung und Angst greifen ineinander und verselbstständigen sich. Aus einer leichten wird eine starke Beschwerde, die sich zu einer Katastrophe auswächst. Der Kranke findet ständig weitere Beweise für die todbringende Krankheit. Diese subjektiv empfundene Evidenz führt in einem weiteren Schritt dazu, dass der Betroffene Ärzte aufsucht, Verwandte und Bekannte befragt, um sich abzusichern. Allerdings neigt er dazu, den Befragten keinen Glauben zu schenken. Diese "innerseelische Dramatik" wird je nach therapeutischer Perspektive unterschiedlich erklärt und behandelt.

"Eher verhaltenstherapeutisch orientierte Therapeuten setzen weniger bei der Ursache von Erkrankungen an, sondern vielmehr dabei, wie sich eine Erkrankung einschleift, wie jemand darauf kommt, dass er von einer bestimmten Körperwahrnehmung zu einer abnormen und angstbesetzten Körperwahrnehmung kommt und wie dann diese angstbesetzte Körperwahrnehmung sich immer weiter verstärkt.
Hierauf baut die Verhaltenstherapie auf, übrigens sehr erfolgreich."

Die wenigen Studien, die es zur Hypochondrie und deren Behandlung gibt, beziehen sich ausschließlich auf verhaltenstherapeutische Ansätze. Volker Arolt schildert dennoch auch die Sicht der tiefenpsychologisch orientierten Kollegen.

"Aus Sicht der psychodynamischen Psychotherapie, also der Psychoanalyse, geht es eher darum, dass die Hypochondrie als eine Art von Angsterkrankung verstanden wird, dass eine starke Beziehung gesehen wird und zu einem unsicheren Verhalten in Beziehungen und damit auch zu einem unsicheren Selbstbild."

Es reicht aber nicht, zu diesen biografisch verankerten Ursachen vorzudringen, sie auszugraben. Es stellt sich darüber hinaus die Frage, ob und wie die Krankheit dem Patienten auch Nutzen bringt.

"Natürlich muss man analysieren, welche Finalität besteht, also das heisst, welche innere unbewusste Zielsetzungen mit der Ausbildung dieser Symptomatik besteht, so zum Beispiel eine zielsetzende Entlastung von täglichen Aufgaben. Eine Zielsetzung kann aber auch sein, Manipulation signifikanter Beziehungspersonen oder was auch immer."

Eindeutig klassifizieren lässt sich die Hypochondrie nicht; sie gehört zur großen Gruppe der GAS, der generalisierten Angststörungen. Ihre Verbreitung in der Bevölkerung zeigt keine überzufällige Häufung nach Geschlecht oder Alter. Der typische Hypochonder auf Zeit sei der Medizinstudent, so Arolt, der im Studium plötzlich allerlei Symptome an sich feststellt, wenn er mit den diversen Krankheitsbildern konfrontiert wird.

"Wer noch gesund ist, ist nicht genau genug untersucht."

Das kläre sich allerdings zügig auf. Der echte Hypochonder hingegen sei nur sehr schwer davon zu überzeugen, trotz mehrfacher Abklärung medizinischer Diagnosen und negativer Befunde, dass er an einer psychischen und nicht an einer körperlichen Erkrankung leide. Wenn jemand also schließlich den Weg in die Münsteraner Sorgenambulanz der Uniklinik gefunden hat, dann ist der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg in die Gesundung schon getan.

Leiterin Dr. Tanja Andor und ihr Team bemühen sich dort basierend auf der kognitiven Verhaltentherapie zunächst um Grundsätzliches im Gespräch mit dem Patienten.

"Wie kann es zu körperlichen Reaktionen kommen aufgrund von Angst, aufgrund von Emotionen, aufgrund von Stress und wie variieren meine körperlichen Missempfindungen mit dem, was ich erlebe im Alltag, und so ein psychosomatisches Krankheitsbild zu entwickeln."

Die Bedeutung des ständigen In-sich-Hineinhorchen auf die Bewertung des Befindens, das Hinlenken auf andere Sichtweisen und das Aufzeigen gänzlich unproblematischer Erklärungen zum Beispiel für ein Stechen in der Brust, das für den Patienten als lebensbedrohlich empfunden wird, gehören zentral zur Therapie. Eine Patientin ist zum Beispiel fest davon überzeugt, an Brustkrebs zu leiden und hat ein typisches Verhaltensmuster entwickelt.

"Zum einen hat sie sich immer wieder untersucht, zum anderen hat sie immer wieder Ärzte aufgesucht. Sie hat angefangen, Dinge zu vermeiden, von denen sie dachte, es könnte Brustkrebs fördern, sie hat sich sehr stark geschont, zurückgezogen. Das führt immer stärker zur Beeinträchtigung des Lebens, zu Leiden, zu sozialen Konflikten."

Zu Anfang sind Angehörige und Freunde oft sehr verständnisvoll und zugewandt, aber irgendwann ist deren Geduld erschöpft. Dazu kommt ein weiteres Problem: die Patientin sucht ständig die Rückversicherung nicht nur im Bekanntenkreis, im Internet oder in Zeitschriften, sondern in der für das Gesundheitssystem kostspieligen Variante eben auch immer wieder bei Ärzten. Tanja Andor.

"Diese Rückversicherung führt dazu, dass sie sich kurzfristig besser fühlt, die Angst sinkt, wenn ihr jemand sagt: nein, es gibt kein Problem, Du kannst dich entspannen, aber langfristig ändert es nichts an der Befürchtung und die Patienten werden immer abhängiger von dieser Rückversicherung, geraten in einen Kreislauf."

Teil der Therapie sei es, diese eingeschliffenen Verhaltensmuster aufzuzeigen und aufzubrechen. Auch das Selbstkonzept von Hypochondern benötige oft Korrektur: Sie sähen sich in der Mehrzahl als nicht belastbar, sehr fragil, sehr verletzbar an. Ganz konkret wird darüber hinaus das Gesundheitskonzept infrage gestellt. Gesundheit bedeutet eben nicht die Freiheit von jedwedem Missempfinden.

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