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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Insektenstiche17.06.2008

Radiolexikon Insektenstiche

Fast jeder ist schon einmal von einer Biene oder einer Wespe gestochen worden. An der Einstichstelle bildet sich dann normalerweise eine gerötete Schwellung und es juckt - wenn es glimpflich abläuft. Doch etwa vier Prozent der deutschen Bevölkerung sind von einer Insektengiftallergie betroffen.

Von Renate Rutta

Insektenstiche können sich lange hinziehen.  (AP Archiv)
Insektenstiche können sich lange hinziehen. (AP Archiv)
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"Im Garten, bei uns im Schrebergarten bin ich von einer Wespe gestochen worden. Das wusst ich aber erst im Nachhinein. Bin dann umgekippt. Meine Frau kam dann zufällig kurze Zeit später, hat mich gefunden, ich war ohnmächtig."

Peter Hundenborn, 60 Jahre alt, ist mit der Familie oft in seinem Schrebergarten in Köln. Da passiert es natürlich immer mal wieder, dass er von einem Insekt gestochen wird.

Außer dem normalen Juckreiz, Rötung, Schwellung war noch nie was und deswegen war ich jetzt verwundert, dass bei mir plötzlich so ne Reaktion kam.

Er wollte im Gartenhaus gerade ein paar Bretter sägen als er etwas am Hals spürte.

"So in dem Moment wie ich dann die Säge von der Wand nehmen wollte, merkte ich am linken Hals, da ist was, konnte aber nix sehen, wollte mit der Hand mal nachfassen, was da war, aber ganz vorsichtig und dann merkte ich nur noch einen Stich."

Kurze Zeit später wird ihm ganz schummerig, er will sich hinsetzen, nimmt sein Handy, um seine Frau anzurufen.

"Dann hab ich nur noch gemerkt, wies Handy aus der Hand gefallen war und wolllte es aufheben, da wußte ich nix mehr."

Seine Frau findet ihn schließlich, doch er kann nicht sprechen.

"Ich konnt nix sagen, mir war schlecht, ich zitterte am ganzen Körper, Schweißausbrüche hatt ich, ja und dann kam auch schon der Notarzt und dem konnt ich zeigen, hier am Hals auf den Stich, sagen konnt ich ja nix."

"So wie der Patient gerade es geschildert hat, relativ charakteristisch, dass wenn es relativ schnell verläuft, innerhalb weniger Minuten die Patienten eben Beschwerden bekommen, die über die lokale Stichsituation hinausgehen."

Prof. Nicolas Hunzelmann, Dermatologe und Allergologe von der Kölner Universitätsklinik.

"Dass sie zum Beispiel eine Quaddelsucht entwickeln, die über den ganzen Körper sich ausbreitet, generalisierter Juckreiz, dass sie Beschwerden bekommen können mit einer Lippenschwellung, Zungenschwellung, dass sie zunehmend Atemnot, Kreislaufprobleme entwickeln, das sind so charakteristische Beschwerden, die sich nicht erklären lassen durch einen kleinen Bienen- oder Wespenstich."

Fast jeder ist schon einmal von einer Biene oder einer Wespe gestochen worden. An der Einstichstelle bildet sich dann normalerweise eine gerötete Schwellung und es juckt dort - wenn es glimpflich abläuft. Doch etwa vier Prozent der deutschen Bevölkerung sind von einer Insektengiftallergie betroffen. Werden sie von einer Biene oder Wespe gestochen, reagieren sie am ganzen Körper. Sie können durch den Stich einen lebensgefährlichen allergischen Schock erleiden, auch anaphylaktischer Schock genannt. Alarmsignale sind Atemnot, Schwindel, Übelkeit, Juckreiz am ganzen Körper und Kreislaufversagen - Reaktionen wie sie auch Peter Hundenborn erlebte.

"Er hatte eine schwere anaphylaktische Reaktion infolge einer Insektengiftallergie. Das ist eine ganz typische Reaktion bei sehr stark sensibilisierten Patienten und führt eben auch dazu, dass jedes Jahr sicherlich mehrere Menschen in Deutschland sterben infolge einer solchen schweren Insektengiftreaktion."

Es gibt aber Möglichkeiten, sich die Plagegeister vom Leib zu halten. Frühstück mit Marmeladebrötchen und Schinken auf dem Balkon sollte ausfallen. Sein Bierglas kann man mit dem Bierdeckel erfolgreich vor Wespenbesuch schützen.

Nächster Tipp: Kein starkes Parfüm benutzen, auf der Wiese nicht barfuß laufen, die Nähe von Abfallkörben meiden und - Ruhe bewahren in der Nähe der Insekten und heftige Bewegungen vermeiden. Wespen sind in der Nähe ihrer Nester und Futterplätze zur Verteidigung bereit und reagieren auf schnelle Bewegungen mit Angriffen. Wird man doch einmal gestochen, sollte man auf keinen Fall die juckende Stelle aufkratzen.

"Wenn Sie kratzen, ist das im Prinzip eher, dass Sie mit einem Teufelskreis die Entzündungsreaktion, die ja dort stattfindet, praktisch verstärken, sodass man da sich eher zurückhalten sollte. Und man schafft natürlich einen Eintrittspfad für eine Infektion."

Stattdessen wird empfohlen, die juckende Stelle zu kühlen oder mit einer Salbe einzucremen. Selbst Stiche in den Mund sind für Nichtallergiker kaum gefährlich: hier hilft Eis lutschen.
Wer als Kind häufig Bienen- oder Wespenstiche hatte, ist deshalb im Alter nicht vor einer Insektengiftallergie gefeit. Prinzipiell kann jede Stichstelle in jedem Alter Ausgangspunkt für eine Allergie sein. Allergiauslösende Gifte sind bei Bienen und Wespen hauptsächlich Eiweißsubtanzen.

"Der Mechanismus dieser Allergiebildung ist bisher noch unbekannt. Was der Schalter ist, der sozusagen umgelegt wird, damit ein Patient zum Beispiel plötzlich allergisch reagiert, ist bisher nicht erklärt. Man hat vielleicht bestimmte Risikofaktoren in den Immunzellen, aber letztlich ist es immer noch nicht verstanden, was dazu führt, dass dieser Schalter umgelegt wird."

Jeder Mensch kann also potentiell eine Insektengiftallergie gegen die Stiche von Bienen, Wespen, Hornissen oder Hummeln entwickeln. Stechmücken und Bremsen dagegen können keine schweren Reaktionen auslösen, die von der Stichstelle auf den gesamten Körper übergreifen. Ob wirklich eine Insektengiftallergie vorliegt, kann man testen.

"Wir prüfen zum einen, inwieweit die Sensibilisierung nachweisbar ist durch einen Hauttest, wo wir geringe Mengen des Insektengiftes auf die Haut aufgeben und dann schauen, ob man eine Reaktion nachweisen kann und man kann zusätzlich auch die Antikörper, die diese Reaktion machen auch im Blut des Patienten nachweisen."

Behandeln kann man eine Insektengiftallergie mit einer Hyposensibilisierung, einer spezifischen Immuntherapie. Der Erfolg liegt inzwischen bei etwa 90 Prozent. Doch die Behandlung, die man über sich ergehen lassen muss, ist sehr aufwändig. Bei Peter Hundenborn hat der Test ergeben, dass er speziell auf Wespengift allergisch reagiert. Auf Anraten der Ärzte kam er in die Kölner Uniklinik und wird fünf Jahre lang mit gereinigtem Gift behandelt. Es beginnt mit einem stationären Aufenthalt von fünf Tagen. Die Dosis wird gesteigert, bis sie einer Menge von mehreren Insektenstichen entspricht. Heute ist der letzte Tag der stationären Behandlung für Peter Hundenborn:

"Haben Sie heute Nacht noch Beschwerden gehabt?

Heute Nacht nicht, aber gestern. Da war der Arm relativ dick angeschwollen, besonders der rechte und seitdem geht's, ist also kein Problem mehr

Darf ich mal sehen?

Ja, gerne

Ok, da würd ich vorschlagen übers Wochenende, dass Sie noch mal kühlen und ansonsten wünsch ich ein schönes Wochenende und dann sehen wir uns nächste Woche wieder - ja, vielen Dank - Wiedersehen."

Anschließend bekommt er alle vier Wochen eine Erhaltungsdosis des Giftes in den Oberarm gespritzt. So wird das Immunsystem langfristig weniger empfindlich gemacht. Trotzdem hat er ein Notfallset zuhause. Es wird allen Menschen empfohlen, die schon einmal am ganzen Körper heftig auf einen Bienen- oder Wespenstich reagiert haben. Während der Flugzeit der Insekten sollten sie das Set ständig dabei haben.

"Also zweimal Tropfen hab ich drin, einmal Tabletten und eine Spritze, die dann im schlimmsten Fall, die man sogar durch die Hose durchstechen kann, also wenn einem plötzlich so schlecht wird, wies mir mal passiert ist. Erstmal soll man das mit Tabletten und Tropfen machen. Wenns dann nicht funktioniert, dann die Spritze einsetzen und dann natürlich zum Arzt oder einen Arzt holen."

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