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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Misteltherapie27.12.2011

Radiolexikon: Misteltherapie

Wenn bei einem Patienten Krebs diagnostiziert wird, steht er schnell vor der Wahl: Welche Therapie hilft jetzt? Die Mistel soll zumindest die Nebenwirkungen der Chemo- und Strahlentherapie mindern – ist aber nicht immer sinnvoll.

Von Thomas Liesen

Halbschmarotzer: Mistelzweige in den Ästen eines kahlen Baums. (picture alliance / dpa)
Halbschmarotzer: Mistelzweige in den Ästen eines kahlen Baums. (picture alliance / dpa)

Besonders im Winter fallen sie auf, hoch oben in Laubbäumen, wenn die Blätter abgefallen sind. Misteln sind kleine, buschförmige Gewächse, die etwas Geheimnisvolles umgibt. Denn Misteln sind botanisch gesehen Halbschmarotzer. Sie wachsen ausschließlich auf anderen Pflanzen und ernähren sich teilweise von ihnen. Der Volksmund nannte sie früher daher auch Hexenkraut oder Donnerbesen und sprach ihnen Heilkraft zu. Anfang des vorigen Jahrhunderts kam dann erstmals die Idee auf, Misteln in der Krebstherapie einzusetzen, erklärt Professor Josef Beuth, Experte für Naturheilverfahren an der Uniklinik Köln:

"Die Mistel ist ein Parasit, der im Baum lebt, der Tumor ist ein Parasit, der im Menschen lebt. Möglicherweise könnte man den einen Parasiten mit dem anderen bekämpfen – ähnlich wie in der Homöopathie. Das heißt also Gleiches mit Gleichem bekämpfen – wenn man das in einer niedrigen Dosierung macht, dann könnte man den Krebs möglicherweise besiegen."

Doch erst vor rund 20 Jahren begann die systematische wissenschaftliche Erforschung der Mistel als Krebsmittel. Josef Beuth selbst hat dazu Studien durchgeführt. Zunächst untersuchte er die Wirkung von Mistelextrakten auf Tumorzellen und auf Mäuse.

"In diesen experimentellen Ansätzen, also sowohl im Reagenzglas als auch in Tiermodellen, also in Mausmodellen hauptsächlich, funktionierte es fantastisch."


Die Mistelextrakte bewirkten, dass Krebszellen im Reagenzglas abstarben und dass Tumore in Mäusen schrumpften. Hoffnungsvoll folgten daher Studien an Krebspatienten.

"Ich habe selbst einige Studien gemacht und muss sagen: Was wir immer wieder gesehen haben bei der Misteltherapie war, dass, wenn ein Immunsystem durch bestimmte Therapieabfolgen, durch Strahlen, durch Chemotherapie, geschwächt war, dass man das immer ganz gut in den Normbereich heben konnte. Das ist ja schon ein Erfolg."

Mithilfe einer Misteltherapie lässt sich also das Immunsystem stabilisieren. Aber viel wichtiger ist die Frage: Kann die Mistel Krebs heilen? Hat sie einen Einfluss auf Metastasen oder auf wieder zurückkehrenden Krebs, die sogenannten Rezidive?

"Was wir eigentlich nie gesehen haben: Dass man eine Metastasierung, eine Rezidivierung verhindern kann oder zeitlich verzögern kann oder dass man irgendeinen Effekt auf das Überleben hat. Das haben wir nie gesehen."


Weitere Studien folgten, doch unterm Strich konnte niemand bisher wissenschaftlich überzeugend belegen: Mistelextrakt kann Krebs heilen oder wenigstens einen Rückfall verhindern - auch wenn die ersten Mäuseexperimente so vielversprechend aussahen. Ein ernüchterndes Ergebnis also. Doch erstaunlicherweise ist die Misteltherapie bei Krebspatienten nach wie vor ungeheuer beliebt. Bis zu 80 Prozent der Brustkrebspatientinnen zum Beispiel nehmen Mistelpräparate ein, wie Untersuchungen zeigen. Und auch bei anderen Krebsarten ist die Nachfrage groß. So auch in der urologischen Praxis von Dr. Marc König im Remscheid. Unzählige Male hat er Patienten schon erklärt, wie sie sich korrekt die Mistel verabreichen:

"Mistelpräparate sind in einer Spritzenform verfügbar, das sind kleine Ampullen mit einer Tagesdosis drin. Man nimmt die Spritze, zieht dieses Präparat auf. Man nimmt dann an der Bauchhaut eine Falte und spritzt dann in einem 30- bis 45-Grad-Winkel die Spritze unter die Haut und spritzt diesen knappen Milliliter unter die Haut, zieht die Spritze wieder raus und klebt ein Pflaster drauf."


Zweimal pro Woche muss jeder Patient sich spritzen. Die Kosten liegen pro Injektion bei rund 15 Euro, die der Patient selbst bezahlen muss. Es sei denn, er befindet sich bereits im sogenannten palliativen Stadium, wenn Heilung nicht mehr möglich ist. Dann zahlt die Krankenkasse.

Bei Dr. Marc König sind es vor allem Patienten mit Prostatakrebs, die nach Mistelpräparaten fragen. Der Urologe bietet das Naturheilmittel zur Stimulierung des Immunsystems an - eine Wirkung, die die Mistel nachweislich hat. Viele Patienten wünschen sich obendrein eine Art begleitende, sanfte Naturtherapie, die gegen die starken Nebenwirkungen der Chemotherapeutika hilft.

"Was relativ häufig auftritt, ist eine allgemeine Abgeschlagenheit, Niedergeschlagenheit, körperliche Schwäche. Dann kommt es relativ häufig zu Schleimhautveränderungen im Mundbereich, es kann zu Hautveränderungen an den Händen und Füßen kommen. Und da gibt es zwar auf der einen Seite die Möglichkeit, gezielt lokal tätig zu werden mit Spüllösungen und Cremes, aber man kann eben auch alternativ Mistelpräparate einsetzen. Aber das ist alles nicht strengen wissenschaftlichen Kriterien entsprechend. Aber das Entscheidende ist auch, dass der Patient mir irgendwann signalisiert, dass man ihm was Gutes tut und was Unterstützendes machen kann."

Doch nicht immer gelingt es, die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu lindern, im Gegenteil. Viele Chemotherapeutika greifen zum Beispiel die Haut an. Und auch Mistelpräparate lösen unter Umständen Hautreaktionen aus, sagt Josef Beuth von der Uniklinik Köln:

"Wenn sie sich jetzt vorstellen, dass sie über eine Misteltherapie die Haut vorher sensibilisieren, dann noch eine hautaktive Chemotherapie dazugeben, dann hat man viel mehr Nebenwirkungen, als ohne Misteltherapie. Das haben wir hier schon gesehen und ganz gut dokumentiert. Also, es gibt einige Nebenwirkungen, die richtig gravierend sind."

Prof. Josef Beuth warnt daher: Der Einsatz von Mistelpräparaten muss gut überlegt sein.

"Zum Beispiel Rheuma: Wenn man da eine Misteltherapie macht, heizt man das Immunsystem an, das bedeutet, man kann unkontrolliert einen Schub verursachen, das gilt für Multiple Sklerose, das gilt für Rheuma, also großes Problem."

In der Krebstherapie ist es eben nur ein schmaler Grad, der zwischen einer erwünschten, leichten Förderung des Immunsystems und einer überschießenden, gefährlichen Immunreaktion liegt. Die Mistel kann beides auslösen. Ihrem Image als sanftes, verträgliches Naturheilmittel wird sie daher nicht immer gerecht. Tatsache ist auch: Sie wird viel zu häufig eingesetzt. Laut einer Studie der Uni Köln ist nur bei rund fünf bis acht Prozent aller Brustkrebspatientinnen das Immunsystem tatsächlich über Gebühr geschwächt. Nur bei diesen Patientinnen macht eine Immunstärkung mithilfe der Mistel Sinn, streng schulmedizinisch gesehen. Doch Ärzte wie Josef Beuth wissen: Heilen ist auch eine Sache des Glaubens. Und daher ist es für ihn durchaus in Ordnung, wenn deutlich mehr Krebspatienten ihre Hoffnung in die Mistel setzen, zumindest als begleitende Krebstherapie und nach sorgfältiger Abwägung.

"Placebowirkung sollten wir ja auch ausnutzen. Das macht etwa 30 Prozent aus und wir wären als Ärzte ja dumm, wenn wir diese Wirkung nicht ausnutzen würden."

Die hoch oben in den Bäumen wachsende Mistel, früher auch genannt Donnerbesen oder Hexenkraut, bleibt also eine Pflanze, die Heilkraft für Patienten entwickeln kann. Und sei es nur, weil sie daran glauben.

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