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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Phantomschmerz28.07.2009

Radiolexikon: Phantomschmerz

Es ist kaum vorstellbar: Nach einer Amputation einer Gliedmaße spüren manche Betroffene den nicht mehr vorhandenen Körperteil weiterhin. So, als wäre er noch vorhanden. Neben der physischen bedeutet das auch eine psychische Belastung - gegen beides versuchen Mediziner vorzugehen.

Von Justin Westhoff

Wo eigentlich eine Prothese ist, spüren Betroffene oft den ursprünglichen Körperteil (www.mcgs.ch)
Wo eigentlich eine Prothese ist, spüren Betroffene oft den ursprünglichen Körperteil (www.mcgs.ch)

"Man merkt ja, wenn die Beine auch nicht mehr da sind, Schmerzen bis in den kleinen Zeh, sehr extrem, aber trotz alledem, wenn er nicht so vorhanden ist, hat man doch immer wieder das Gefühl, dass irgendwo was kitzelt, dass es juckt, dass man versucht, selber auch zu kratzen, aber jedes Mal natürlich ins Leere greift, weil da nichts mehr ist, und diese Empfindungen sind so punktgenau, dass ich also genau sagen kann, dass ist jetzt zwischen dem großen und kleinen Zeh, ich kann also genau beschreiben, wo jetzt der Schmerz vorhanden ist."

Werner Grunholz wurde bei der Bundeswehr durch einen Flugzeugabsturz so schwer verletzt, dass ihm – nach vielen anderen Eingriffen – schlussendlich beide Beine amputiert werden mussten.
Auch wenn die Zahlen schwanken: Jedenfalls deutlich über 50 Prozent der Menschen leiden nach Amputationen unter leichteren Missempfindungen bis hin zu schweren Schmerzen an den doch gar nicht mehr vorhandenen Gliedmaßen. Phantomschmerzen sind keine Spinnerei.

"Sie können tatsächlich messen und nachweisen, dass elektrische Impulse in diesem Nervenstumpf entstehen, wo die Amputation stattgefunden hat. Dazu gibt es aber andere Komponenten, nämlich auch zum Beispiel psychologische Komponenten."

Dass auch die seelische Belastung durch den Verlust von Armen oder Beinen eine Rolle spielt, ist für Professor Christoph Stein, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Schmerztherapie an der Berliner Charité, schon nachvollziehbar. Die Hauptursache aber liegt in der Neurophysiologie: Phantomschmerzen sind Ausdruck einer Neu-Verdrahtung der jetzt gewissermaßen arbeitslosen Hirnzellen.

"Das kann dadurch entstehen, dass im Gehirn ein Gebiet – da gibt es ja tatsächlich Gehirngebiete, die einzelnen Körperregionen zugeteilt werden – nun nicht mehr erregt wird, weil der Fuß nicht mehr da ist, dafür aber andere Gebiete sich ausweiten. Das heißt also Gebiete, die im Gehirn erregt werden zum Beispiel durch Impulse, die aus dem Arm kommen oder die aus dem gegenüber liegenden Fuß kommen, sich im Gehirn tatsächlich ausweiten."

Die für das fehlende Glied zuständigen Nervenzellen im Gehirn sind ja noch da – aber bei ihnen kommt nichts mehr an. Also übernehmen sie Impulse aus benachbarten Regionen und senden Signale an die im Stumpf endenden Nerven. Dieses "Remapping", also die Neu-Einteilung der Landkarte im Kopf, führt zu der Illusion, man spüre die fehlenden Körperteile.

"Ich bin aus der Narkose aufgewacht und hatte Phantomschmerzen."

Der Übertragungsfehler kann aber auch erst Jahre nach der Operation auftreten. Auch die Heftigkeit der Phantomschmerzen unterscheidet sich von Patient zu Patient. Den mittlerweile 66-jährigen Werner Grunholz hat es besonders schwer getroffen.

"Das ging also los mit extremen Stromstößen, das war einfach so, dass wenn ich zwei Finger in die Steckdose stecke, so einen Stromschlag kriege. Ich hatte aber auch bohrende Schmerzen, als wenn mir einer mit der Axt ins Bein haut, oder das abhaut, oder die Zehen, oder ein Messer rein sticht und das umdreht – es war einfach tierisch, muss ich sagen."

Der ehemalige Bundeswehr-Angehörige stieß wie viele seiner Schicksalsgenossen auf Unverständnis, den welcher Außenstehende kann sich schon vorstellen, dass Beine schmerzen, die gar nicht mehr da sind. Unterstützung durch Freunde und Familie, gegebenenfalls eine Selbsthilfegruppe, Aktivität, soweit dies möglich ist, – das alles kann Betroffenen helfen. Besonders wichtig aber ist es, die richtigen Ärzte zu finden, etwa in einer spezialisierten Schmerzambulanz. Christoph Stein schildert die grundlegenden Therapiemöglichkeiten, die über reine Schmerzmittelgabe hinausgehen.

"Es gibt eine große Gruppe von Medikamenten, Antiepileptika, da wird direkt die Erregbarkeit von Nervenfasern herabgesetzt. Das reicht aber meistens nicht aus, das heißt, man kombiniert hier – wie bei allen anderen chronischen Schmerzzuständen auch – immer mit psychologischen und auch mit physikalischen Ansätzen; eine physikalische Therapie ist insbesondere bei Patienten notwendig, die Prothesen tragen; und es gibt auch Ansätze der Verhaltenstherapie, wo dem Patienten per Lernverfahren beigebracht wird, wie er besser mit diesem Schmerz umgehen kann und ihn auch herabsetzen kann."

Patient Grunholz musste mehrere Behandlungsstadien durchleben. Es begann mit einem Katheter ...

"...und den konnte ich dann mit diesem Anästhetikum selbst bedienen. Wenn ich also extreme Schmerzen hatte, konnte ich mir dieses Medikament selbst verabreichen, das brachte auch in der ersten Zeit relativ viel, aber das ging vielleicht ein dreiviertel Jahr gut."

Also verschrieben die Ärzte als nächstes eine Mischung verschiedener Medikamente.

Und dieser Cocktail hatte an und für sich den Vorteil, dass ich also gut zwei Jahre Ruhe hatte. Aber leider – nach diesen zwei Jahren fing das gleiche Martyrium wieder an.

Und so mussten die Spezialisten eine weitere Methode ausprobieren, einen Gehirnstimulator.

"Und da hatte ich ein Schaltgerät, und das wurde über einen Computer programmiert, so dass ich mit Stromstößen versuchen konnte, dass die Rezeptoren zum Gehirn hin unterbrochen werden. Und das, muss ich sagen, hat wunderbar geholfen, drei Jahre lang."

Als auch diese Wirkung nachließ, blieb nichts anderes übrig, als Werner Grunholz dauerhaft auf Opiate einzustellen. Dass hierdurch eine Medikamenten-Abhängigkeit entstehen kann, weiß auch Professor Stein:

"Die Gefahr, die ist bei den Opiaten immer gegeben,"

... aber bei derart starken Schmerzen überwiegen die Vorteile dieser Mittel, richtig dosiert, deren Nachteile.
.

"Die habe ich bis heute noch und jetzt mittlerweile fast sechs Jahre; ich habe zwischendurch 'mal Phantomschmerzen noch, aber eben halt für mich im erträglichen Rahmen, und ich muss sagen: toi toi, da komme an und für sich super mit über die Runden, so dass ich wieder normal am Leben teilnehmen kann und wirklich gut drauf bin, sehr gut drauf bin.""

Neben den wenigstens meistens erfolgreichen Behandlungsmethoden werden auch eher obskure Mittel propagiert, so etwa über den Stumpf gezogene Folien oder Stützstrümpfe, die elektromagnetische Einflüsse abschirmen sollen – obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass künstliche Strahlen Phantomschmerzen verursachen.
Interessant hingegen scheint die ziemlich neue "Spiegeltherapie" zu sein, entwickelt von einem indischen, in den USA arbeitenden Neurologen. Der Patient stellt einen Spiegel so neben das noch vorhandene Bein, dass er meinen kann, es wäre das amputierte. So trickst er die entsprechenden Hirnregionen aus. Christoph Stein:

""Das ist eine Methode, die in den Bereich der physikalischen und psychologischen Ansätze geht, da geht's eben letztendlich um die Übungstherapie, wo gelernt wird, die nicht vorhandene Gliedmaße mit einer Prothese wieder so gut es geht verwenden zu können, und da kann man ganz gute Fortschritte erzielen."

Bleibt die Frage, ob dem Phantomschmerz mit modernen Narkose- und Operationstechniken nicht vorgebeugt werden kann.

""Man kann den Amputationsschmerz nicht ganz verhindern, aber die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass starke Schmerzen auftreten; während der Operation wird bereits der Nervenimpuls, der von der Peripherie zum Rückenmark oder zum Gehirn später geht, soweit unterbrochen, dass plastische Veränderungen am Gehirn zumindest verringert werden.""

Insgesamt jedoch ist das Phänomen nicht gänzlich zu verhindern.
Eher anekdotisch hingegen dürfte das noch seltsamere Gegenstück zum Phantomschmerz sein: Fachleute berichteten kürzlich zum Beispiel über eine Frau, die nach einem Schlaganfall überzeugt war, einen dritten Arm zu haben und diesen sogar sehen und benutzen zu können.

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