• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteSprechstundeRadiolexikon Pille01.04.2008

Radiolexikon Pille

Seit 1961 gibt es die Empfängnisverhütung mittels einer täglich einzunehmenden "Pille", medizinisch heißt das "orale Kontrazeption". Sie ist - abgesehen von der Sterilisation - die sicherste Methode, um eine Schwangerschaft zu vermeiden.

Von Andrea J. Westhoff

Eine Apothekerin sortiert Medikamente (AP)
Eine Apothekerin sortiert Medikamente (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Radiolexikon Gesundheit

"Ich war ja auch sehr lange in einer Firma mit vielen Frauen zusammen und ich kann mich erinnern, dass 2,3 Mal im Monat wir sozusagen mit den Frauen mitgezittert haben: So ganz sicher waren wir auch mit der Pille zu Anfang nicht."

Hanna, 72 Jahre alt.

"Ich hab die so genommen wie Smarties. Und - also genug Frauen liefen rum und hatten so einen Beutelchen dabei und da war ihre Zahnbürste drin - und die Pille. Falls, just in case, ja, falls man halt mal irgendwo anders übernachtet."

Sabine, Ende 30 - und die 19-jährige Inga...

"Ich hab angefangen, da war ich 16- weil ich meinen ersten langjährigen festen Freund hatte, und dann das einfacher und bequemer war mit der Pille."

Drei Frauengenerationen - drei Erfahrungen mit der "Anti-Baby-Pille" aus den letzten 46 Jahren.

Seit 1961 gibt es die Empfängnisverhütung mittels einer täglich einzunehmenden "Pille", medizinisch: die "orale Kontrazeption". Sie ist - abgesehen von der Sterilisation - die sicherste Methode, um eine Schwangerschaft zu vermeiden, indem sie in den weiblichen Zyklus eingreift. Wie, das beschreibt der Gynäkologe Dr. Albrecht Scheffler:

"Der Körper produziert im Eierstock zwei Hormone: das eine das Östradiol oder das Östrogen, und das andere ist das Gestagen, das Schwangerschaftsschutzhormon. Und diese beide Hormone werden so gebildet in einem Zyklus von 28 Tagen, dass daraus ein Eisprung entstehen kann. Nun hat die Medizin sich diese beiden Hormone vorgenommen, hat sie so kombiniert in einer Pille, dass ein Eisprung verhindert wird. "

Die heutigen Pillen variieren vor allem in der Gestagen-Komponente. Außerdem unterscheidet man Einphasenpräparate, die für jeden Tag die gleiche Hormondosierung enthalten und Zwei- oder Dreistufenpräparaten, die den schwankenden Mengen im weiblichen Zyklus angepasst sind. Daneben gibt es die "Minipille", die nur Gestagene enthält. Sie verhindert nicht den Eisprung, sondern verändert lediglich die Gebärmutterschleimhaut so, dass sich kein Ei einnisten kann. Nachteil: Die Minipille muss pünktlich immer zur selben Stunde eingenommen werden.

Die meisten Präparate werden 21 Tage lang geschluckt, dann folgen sieben Tage Pause. In dieser Zeit fällt der Hormonspiegel ab, es kommt zu einer Abbruchblutung. Manche Frauen bevorzugen Packungen mit 28 Pillen, so dass sie gar keine Blutungen mehr haben.

Aber was ist, wenn man, also "frau", irgendwann doch schwanger werden will?

"Es gibt Statistiken, die besagen, dass die Frauen, wenn sie die Pille absetzen, im nächsten Monat zu 80 Prozent schwanger werden. "

... zerstreut Gynäkologe Scheffler Befürchtungen, eine längere Pillen-Einnahme könnte unfruchtbar machen. Allerdings:

"Wenn eine Frau oder ein Mädchen vor der Einnahme der Pille unregelmäßige Blutungen von Hause aus mitbringt, wird sie, wenn sie die Pille absetzt, oft wieder in dieses unregelmäßige Blutungsverhalten führen. Und diese Frauen sind diejenigen, die dann nachher sagen, "ja ich hab die Pille genommen und jetzt krieg ich kein Kind." "Ein historischer Tag und ein gewaltiger Schritt nach vorn", schrieb Der Stern, als die erste Anti-Baby-Pille auf den deutschen Markt kam - "Anovlar" von Schering. Sie hat zweifellos gewaltige gesellschaftliche Umwälzungen mit sich gebracht, die "sexuelle Revolution" angestoßen. Frauen mussten beim Sex keine Angst mehr vor ungewollter Schwangerschaft haben, junge Paare konnten wirklich "Familienplanung" betreiben. Doch Anfang der sechziger Jahre mochte man dies nicht an die große Glocke hängen. Und so wurde die Pille in der Bundesrepublik eher als Mittel zum Beispiel gegen Menstruationsbeschwerden vermarktet, erzählt Gerd Wlasich, Unternehmenshistoriker bei Schering.
.
"Es war ja fast das Präparat des "allerdings": In diesen ersten Informationen stand alles mögliche: "Ruhigstellung des Ovariums", einzusetzen bei diesen und jenen Geschichten und der Schlusssatz in einer dieser Packungen lautete: "Allerdings ist eine Empfängnis unter regelmäßiger Einnahme von Anovlar nicht möglich."

In der DDR wurden, ab 1965, orale Kontrazeptiva viel offensiver als "Wunschkindpille" dargeboten. Originalton von damals: Professor Karl-Heinz Mehlan von der "Arbeitsgemeinschaft Ehe und Familie

"Familienplanung unter sozialistischen Bedingungen ist nicht nur Empfängnisverhütung, sondern sie beinhaltet auch die Förderung des Willens zum Kind. Und wir sind für das Kind, aber wir sind für das Kind zur gewünschten Zeit."

Nach der anfänglichen Begeisterung jedoch kamen vor allem im Westen bald auch erste Bedenken.

"ch habe öfter darüber nachgedacht, dass ich also meinem Körper laufend was zugeführt habe. Und dann hörte man auch ab und an "oh, mir ist übel, das muss ja von der Pille sein." Auch die Gewichtszunahme, ich kann mich erinnern, dass wir dann immer mehr über Nutzen und Risiko auch gesprochen haben."

Tatsächlich hat die hormonelle Verhütung - wie jedes Medikament - auch unerwünschte Wirkungen: Unbestritten erhöht sich das Risiko für eine Thrombose bei älteren Raucherinnen, die die Pille nehmen. Andere Nebenwirkungen wie Migräne, Gewichtszunahme oder Verringerung der sexuellen Lust tauchten in den Anfangsjahren noch sehr häufig auf, allerdings nicht bei allen Frauen. Dazu Dr. Martina Rauchfuß, Spezialistin für psychosomatische Frauenheilkunde, an der Berliner Charité:

"Die Nebenwirkungen können nicht nur somatisch verursacht sein, sondern, wenn eine Frau über Libidoverlust oder bestimmte Nebenwirkungen spricht, dann kann das ganz stark überlagert sein auch von psychosozialen Ursachen, in dieser sicheren Kontrazeption steckt ja irgendwo auch drin, ich hab damit die Möglichkeit, immer sicher zu verhüten und damit stehe ich auch als Sexualpartnerin immer zur Verfügung, das könnte ein Thema sein, warum man so was problematisiert. "

Entscheidenden Einfluss auf die Nebenwirkungen hat außerdem die Hormondosis, die heute insgesamt etwa 200mal niedriger ist als in den ersten Präparaten. Das ist auch wichtig für das immer wieder kehrende Thema "Krebsrisiko" durch die Anti-Baby-Pille. Hier gibt es allerdings selbst fast 50 Jahre nach Einführung keine letztgültigen Antworten: Bei langjähriger Einnahme ist wahrscheinlich die Brustkrebsrate etwas erhöht. Umgekehrt zeigen Studien, dass die Pille das Risiko für Darm-, Gebärmutterhals- und Eierstockkrebs sogar verringert.

Nutzen und Risiken müssen wie bei anderen Medikamenten sorgsam abgewogen werden - auch, weil die Pille inzwischen direkt in der medikamentösen Therapie hormonell bedingter Leiden eingesetzt wird. Dr. Albrecht Scheffler:

"Zum Beispiel eine übermäßig starke Monatblutung, eine Brustspannung, einen migränehaften Zustand vor der Blutung, also sie ist medizinisch oft auch ein Hilfsmittel für bestimmte Beschwerden, die die Frauen haben."

Als Verhütungsmittel ist die Pille in Deutschland nach wie vor die Nummer 1. Mehr als die Hälfte aller Frauen schluckt sie täglich. Und eine "Pille für den Mann" ist nicht in Sicht, im Gegenteil wurden 2007 alle Forschungen dazu eingestellt. Allerdings sind die Männer in Sachen Verantwortung damit nicht "aus dem Schneider". Denn in den Zeiten von HIV und AIDS gilt es beim unbeschwerten Sex nicht nur, ungewollte Schwangerschaften zu verhüten:

"Also wenn ich einen langjährigen Freund hab oder eine längere Beziehung, dann ist klar, dann macht man vielleicht irgendwann einen Aidstest und dann reicht die Pille alleine, aber sonst, wenn es eine kurzfristige Sache ist oder einfach nur jemand, den man nicht gut kennt, dann ist auf jeden Fall Thema Kondome gar keine Frage, weil eben klar ist, dass da die Pille nicht reicht."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk