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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: TBC13.04.2010

Radiolexikon: TBC

Sie ist eine der ältesten Plagen der Menschheit, schon bei den ägyptischen Mumien entdeckte man Spuren der Tuberkulose. Aber bis zum 19. Jahrhundert war sie nicht so häufig und galt als "romantische Krankheit", Ausdruck eines "kreativen Seelenfeuers".

Von Andrea Westhoff

Der Erreger der Tuberkulose stellt immer noch eine Gefahr dar (Southern Illinois University)
Der Erreger der Tuberkulose stellt immer noch eine Gefahr dar (Southern Illinois University)

Tatsächlich litten viele Künstler an TBC: Schiller, Kafka, Tschechov, Chopin oder Camus, und andere haben sie zum Thema ihrer Kunst gemacht: Alexandre Dumas etwa in dem Roman "Die Kameliendame" oder Verdi mit seiner Oper "La Traviata".

Tatsächlich aber ist nichts "Erhabenes" an dieser auch als "Schwindsucht" bekannten Krankheit. Vielmehr bedeutet sie einen leidvollen Verfall des Körpers, meint Professor Robert Loddenkemper, Chefarzt der altehrwürdigen Lungenklinik "Heckeshorn" in Berlin:

"Allgemeine Symptome sind zum Beispiel Gewichtsabnahme, Müdigkeit, Nachtschweiß, typische Symptome bei der Lungentuberkulose ist der Husten, das ist der Auswurf, im Extremfall auch mal blutiger Auswurf, es ist Atemnot, und es können Thoraxschmerzen sein."

Die Tuberkulose ist eine bakterielle Infektion hauptsächlich der Lunge, kann prinzipiell aber alle Organe und auch die Haut befallen, die dann regelrecht zersetzt werden. Deshalb hieß sie im Volksmund früher "die Motten".

"Sie entsteht durch Einatmung von Tröpfchen, in denen Tuberkulosebakterien sind, die von Patienten in der Regel ausgehustet werden, und eben sehr ansteckend dann, aber bei der Ansteckung kommt es darauf an auf die Dauer und auch auf die Intensität des Kontaktes."

Die Bakterien verursachen zunächst kleine Entzündungsherde, "Knötchen" oder "Tuberkel", die relativ schnell abgekapselt werden. Erst wenn sie aufbrechen, entsteht die "offene Tuberkulose", die so ansteckend ist. Das passiert aber nur bei fünf bis zehn Prozent der Infizierten.

Verantwortlich dafür sind weniger die Bakterien selbst als die Lebensumstände: Wo viele Menschen auf engem Raum oder in feuchten Wohnungen zusammenleben, wo Hunger und schlechte Hygiene herrschen, sind die Abwehrkräfte gegen Krankheitserreger geschwächt. Deshalb betont Dr. Walter Haas vom Robert-Koch-Institut:

"Die Tuberkulose ist auch heute noch eine der wichtigsten bakteriellen Infektionskrankheiten, weltweit erkranken etwa neun Millionen Menschen jedes Jahr neu an Tuberkulose; Die Schwerpunkte liegen heute im Südlichen Afrika, in Asien, Südamerika, insbesondere in den Ländern, in denen auch HIV eine Rolle spielt, weil sich diese beiden Erkrankungen gegenseitig begünstigen."

Auch in Osteuropa, vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion steigt die Zahl der Tuberkulosefälle seit Jahren massiv an.
In Deutschland ist die TBC als klassische Armenkrankheit dagegen selten geworden. Allerdings sind hierzulande inzwischen nicht mehr nur obdachlose Menschen mit Alkohol- oder Drogenproblemen betroffen, denn die Bakterien können "heimtückische Schläfer" sein. Robert Loddenkemper:

"Die Tuberkulose kann eventuell nochmal aktiv werden, bei irgendeiner Krankheit im Alter, z.B. Diabetes mellitus, wenn also die Resistenzsituation sich beim Patienten verschlechtert, oder bei Tumorerkrankungen, deswegen ist ja gerade bei uns Deutschen die Tuberkulose vorwiegend eine Erkrankung der älteren Menschen, die sich früher infiziert haben, als die Tuberkulose noch weiter verbreitet war und dann später eine Aktivierung der Tuberkulose bekommen."

Zur genauen Feststellung reicht nicht der altbekannte Tuberkulin-Test, bei dem abgetötete Erreger unter die Haut gespritzt werden. Denn eine Rötung als positive Reaktion zeigt nur, dass der Betreffende schon mal Kontakt mit den Bakterien hatte, nicht, ob er krank ist. Der eindeutige Nachweis gelingt nur über eine Analyse des Bronchialsekrets oder eine CT-Aufnahme der Lunge. Hier allerdings sieht TBC oft aus wie andere Lungenkrankheiten auch. Eine kritische Situation, meint Walter Haas:

"Die Tuberkulose ist heute in Deutschland nicht mehr in allen Köpfen auch der Fachkollegen als Differenzialdiagnose im Vordergrund, und da diese Erkrankung sehr vielgestaltig auftreten kann und häufig auch einen schleichenden Beginn hat, kommt es leider immer wieder zu deutlichen Verzögerungen, bis die Diagnose gestellt wird, und das leistet natürlich auch Ansteckungen in diesem Zeitraum Vorschub."

Schwierig ist auch die Tuberkulose-Behandlung: Obwohl Robert Koch die "Stäbchenbakterien" schon vor mehr als 100 Jahren entdeckt hat, gibt es bis heute keine wirksame Impfung. Auch die zahlreichen "Lungen-Heilstätten" brachten nicht den erhofften therapeutischen Durchbruch:

"Gültig bis zur Heilung" lautete der Aufdruck auf den Fahrkarten der Schweizer Bundesbahnen nach Davos, zu dem Sanatorium, das Thomas Mann in einem Roman weltberühmt gemacht hat. Wer Geld hatte, versuchte es Monate oder Jahre mit frischer Luft und Liegekur, aber mehr als die Hälfte der Patienten verließ den "Zauberberg" nie mehr.

Denn eine wirkliche Heilungsmöglichkeit der Tuberkulose zeichnete sich erst nach dem 2. Weltkrieg ab:

"Es ist die antibiotische Therapie, die bei der Tuberkulose den Durchbruch gebracht hatte, das erste Medikament war Streptomicin, und da kamen dann einige andere noch dazu, und man hat dann sehr schnell festgestellt, dass, wenn man ein Medikament nur gibt, dass dann rasch Resistenzen entstehen, weil die Tuberkulosebakterien mutieren, also: Man gibt drei Medikamente die ersten beiden Monate und dann zwei weitere Medikamente die nächsten vier Monate."

Die Therapie ist also langwierig und auch unangenehm: Über einen so langen Zeitraum können Antibiotika zu Leber-, Nieren- und Augenschäden führen. Das alles hat eine gefährliche Resistenzentwicklung begünstigt. Dr. Walter Haas:

"Ein wichtiger Faktor ist eine nicht adäquate Therapie, in der Tuberkulose muss über viele Monate mit einer Kombination von Medikamenten behandelt werden. Nun kann es sein, dass diese Medikamente nicht verfügbar sind, es kann aber auch sein, dass Patienten, wenn sie nicht gut genug aufgeklärt werden, aus eigenem Antrieb, zum Beispiel weil sie glauben, dass sie eines der Medikamente schlechter vertragen, es absetzen und es dann zu einer unbewussten Monotherapie kommt, diese Monotherapie führt dann schrittweise zur Ausbildung von weiterer Resistenz."

Seit den 80er-Jahren treten immer mehr "Multi-Drug-Resistenzen" auf (kurz "MDR"), das heißt, es gibt Tuberkulosestämme, die gegen mindestens zwei der Antibiotika unempfindlich sind. WHO-Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit bereits 50 Millionen Menschen mit multiresistenten Tuberkulosebakterien infiziert sind.

Und so kann man sich nicht zurücklehnen, auch wenn die Fallzahlen hier derzeit noch gering sind. Die Tuberkulose ist auf dem Rückweg zu uns: Vor allem unter den Aussiedler aus Osteuropa sind heute schon viele an TBC erkrankt, ein Großteil davon bereits mit resistenten Erregern:

"Das kann natürlich eine Zeitbombe sein, die irgendwann explodiert, wir wollen das nicht dramatisieren, aber die Aufmerksamkeit muss darauf gerichtet werden, in diesen Ländern zu helfen, dort die Situation zu verbessern, denn sie kann auf uns noch in stärkerem Ausmaß zukommen, als sie es im Augenblick tut."

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