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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Tränen19.10.2010

Radiolexikon: Tränen

Altbundeskanzler Helmut Schmidt tat es beim Gedenkgottesdienst anlässlich der Terroranschläge in Amerika; Tour-de-France-Fahrer Erik Zabel bei seinem Dopinggeständnis; Tausende taten es vor Freude als die Mauer fiel und bestürzt beim Tod von Lady Di, Michael Jackson oder Robert Enke – sie weinten.

Von Andrea Westhoff

Emotionaler Stress kann Tränen fließen lassen. (AP)
Emotionaler Stress kann Tränen fließen lassen. (AP)
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Radiolexikon Gesundheit

Durchschnittlich fast 100 Liter Tränenflüssigkeit vergießt ein Mensch in seinem Leben und auch wer niemals weint, hat immer Tränen in den Augen, sagt Dr. Ulrich Dietze, ärztlicher Direktor der Augenklinik-Berlin:

"Die Tränendrüse befindet sich zur Schläfe hin oberhalb des Auges, die Hauptfunktion der Tränenflüssigkeit besteht darin, die Oberfläche des Auges, die Hornhaut, aber auch die Bindehaut, anzufeuchten, die Tränen werden durch den Lidschlag, der im Durchschnitt 15 bis 20 Mal in der Minute unwillkürlich erfolgt, gleichmäßig über das Auge verteilt; die Tränen enthalten im Wesentlichen Wasser, aber auch natürlich Elektrolyte also Salze und teilweise Lipide, wodurch die Oberfläche des Auges gepflegt und geschützt wird."

Diesen permanenten Tränenfilm muss man unterscheiden vom gelegentlichen Tränenfluss. Das viele Wasser, das dann in dicken Tropfen über die Wangen rinnt, wird auch von der Tränendrüse produziert, angeregt durch den Tränennerv, der mit dem zentralen Nervensystem verbunden ist.

"Die Überproduktion ist häufig gebunden an einen Reizzustand des Auges, bei einer Bindehautentzündung, bei einem Fremdkörper, der ins Auge gelangt ist, tränt das Auge; jeder weiß natürlich, wenn er Zwiebeln schneidet, dass das Auge auch tränt, Pfeffer, Pfefferspray, aber auch andere Dinge, die natürlich die Tränensekretion fördern."

Aber es kann auch ein "Gefühlsreiz" sein, der die Tränendrüse aktiviert. Wie das genau geschieht, kann die Wissenschaft bis heute nicht erklären. Vermutlich ist Weinen eine Art "gelernter Reflex", meint Professor Michael Niedeggen, Neuropsychologe an der FU Berlin:

"Das Gehirn muss erst einmal interpretieren: Das ist eine Situation, die erinnert mich vielleicht an irgendetwas oder die setzt in mir unmittelbar eine bestimmte Emotion voraus, die entweder so traurig oder auch so lustig ist, dass ich eben anfange zu weinen. Und gerade auch wenn man individuelle Unterschiede aufklären will – weshalb weinen manche Leute eher, weshalb manche gar nicht – ob man es gelernt hat in diesen Situationen, das ist der entscheidende Punkt."

Deshalb drücken wohl auch so viele und sehr verschiedene Gefühle auf die Tränendrüse. Umfragen zeigen: Menschen weinen vor allem beim Tod von Angehörigen und Freunden, aus Liebeskummer, bei traurigen Filme oder Musik, aber auch bei Hochzeiten, unverhofften Begegnungen oder wenn sie streiten!

Unklar bleibt dennoch, warum beim Mensch – und vermutlich nur bei ihm – in all diesen Situationen Tränen fließen?

"Deswegen gab es eben diese ganzen Theorien, die dann gesagt haben: dass es eine reinigende Wirkung haben sollte, bis hin, dass da irgendwelche Fremdkörper ausgeschieden werden müssen, es gibt sogar die Vorstellung, da müssen jetzt bestimmte Stresshormone freigesetzt werden – das ist noch nicht alles verstanden."

Die Katharsis-, also Reinigungs-Theorie stammt schon von Hippokrates. Inzwischen konnte man aber nachweisen, dass mit dem Weinen keine giftigen Stoffe aus dem Körper "gespült" werden. Und auch die Psycho-Hygiene-Theorie vom Ausschwemmen negativer Gefühle ist wohl nicht haltbar, auch wenn Weinen immer noch von vielen Therapeuten empfohlen wird, um seelische Verspannungen und Blockaden zu lösen. Versuche haben aber gezeigt, dass es tatsächlich eher anstrengend für Körper und Seele ist: Atmung und Puls gehen schneller, der Stresshormonspiegel und der Blutdruck steigen. Erleichterung bringt Weinen nur dann, wenn sich die auslösende Situation dadurch verändert oder man irgendeinen Trost gefunden hat.

Inzwischen geht man davon aus, dass Weinen vor allem ein Kommunikationsmittel ist. Michael Niedeggen:

"Bei Babys ist es unbestritten, dass das eine Signalwirkung eben hat, und mittlerweile könnte man am ehesten sagen, es hat auch beim Erwachsenen natürlich Signalwirkung, ich möchte damit eine eindeutige Botschaft aussenden: "Komm her und hilf mir."

Oft vermitteln nicht nur Tränen diese Botschaft, sondern zusätzlich akustische Signale. Babys weinen fast immer schreiend oder wimmernd, und auch Kinder und Erwachsenen schluchzen manchmal dazu, jammern oder klagen, weshalb Weinen umgangssprachlich "heulen" oder "plärren" heißt. Das weintypische Schniefen wiederum kommt daher, dass ein zu heftiger Tränenfluss über den inneren Augenrand in die Nase geleitet wird. So heult man gelegentlich wirklich "Rotz und Wasser".

Das heftige Weinen Erwachsener fordert aber nicht nur zur Hilfe auf, sondern kann das Gegenüber auch "auf Abstand halten" und hemmen. Deshalb wird Weinen bisweilen gezielt eingesetzt. Dennoch sind das keine "falschen Tränen":


"Das kann man sich ganz gut bei Schauspielern vorstellen, wenn die versuchen, auf Knopfdruck Tränen zu produzieren, dann machen die es ja auch so, dass sie sich zurückziehen, an bestimmte Situationen versuchen zu erinnern, die sie so traurig machen, dass sie eben auch echte Tränen dann produzieren können."

Aber das Weinen ist dann "falsch", weil es nicht den Gefühlen in der aktuellen Situation entspricht.

Diese Technik beherrschen Frauen besonders gut – meinen jedenfalls viele Männer. Tatsächlich sind Unterschiede nicht von der Hand zu weisen: Fließen bis zum 13. Lebensjahr bei beiden Geschlechtern die Tränen noch ungefähr gleich oft, weinen Männer sechs bis 17mal pro Jahr, Frauen dagegen 30 bis 64mal – und auch ausdauernder.

Dabei neigen Frauen medizinisch gesehen eher zum "trockenen Auge", sagt Dr. Ulrich Dietze von der Augenklinik Berlin:

"Der Betroffene hat immer das Gefühl, als hat er Sand im Auge, was eben einfach was mit der nachlassenden Produktion an Tränenflüssigkeit in der Tränendrüse zu tun hat."

Sprin: Das Alter, Luftverschmutzung, Bildschirmarbeit, aber auch zum Beispiel rheumatische Erkrankungen können die Ursache dieser häufigen Störung sein. Dann müssen immer wieder künstliche Tränen ins Auge geträufelt werden.

Umgekehrt gibt es das Phänomen des dauerhaft tränenden oder "triefenden" Auges, das weder mit Gefühlen noch mit Reizungen zu erklären ist – damit sollte man rasch zum Arzt gehen:

"Wenn der Abfluss der Tränen gestört ist, kann dadurch die überall auf der Haut vorhandene Bakterienflora aus dem Gleichgewicht geraten, und es kann sich eine Tränensackentzündung entwickeln, die sehr ernst ist, und wenn es dort zu einer Entzündung kommt, kann dieses sehr gefährlich sein, weil von hier ein Blutgefäß, eine Vene, direkt ins Gehirn geht, und hier muss man immer massiv antibiotisch behandeln, die Leute haben Fieber oftmals, und das muss auch immer im Krankenhaus gemacht werden, und wenn diese Entzündung abgeheilt ist, dann muss man dafür sorgen, dass es keinen gestörten Abfluss mehr gibt."

Das heißt, es muss der Chirurg 'ran. Aber zum Glück kommt diese Augenerkrankung nur selten vor.

So sind doch meistens die Gefühle schuld, wenn jemandem unvermittelt Tränen in die Augen steigen. Und das muss auch nicht mehr schamhaft versteckt werden. Öffentliches Weinen ist – sogar bei Männern – gesellschaftlich akzeptiert.

Und im Halbdunkel eines Kinos zelebrieren es Viele von Zeit zu Zeit sogar fast genüsslich. Vielleicht weil es so – anonym, aber gemeinsam – dann doch eine seelisch reinigende, entlastende Wirkung hat.

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