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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Vergiftungen12.02.2008

Radiolexikon: Vergiftungen

Von Medikamenten, Pilzen und Geschirrspültabs

Vergiftungen können schon von scheinbar harmlosen Mitteln, von pflanzlichen Extrakten oder Vitaminen, ausgelöst werden. Sie können jedoch auch von Substanzen herrühren, die bereits in geringsten Dosen tödlich sind. So vielfältig wie die Art der Vergiftung sein kann, sind auch die Symptome und die notwendigen Behandlungsmethoden.

Von Justin Westhoff

Pilzvergiftungen sind in den vergangenen Jahren seltener geworden.  (AP)
Pilzvergiftungen sind in den vergangenen Jahren seltener geworden. (AP)
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"Ein ganz typischer Fall: eine aufgeregte Mutter ruft bei uns an, sie hat gerade ihrem Kind, zwei Jahre alt circa, den Rücken zugedreht, und schwupps war es an der Geschirrspülmaschine und hat die Reste, die in diesem Schächtelchen, wo der Tabs reinkommt, verblieben sind, den Finger hineingesteckt und den Finger abgeleckt. Jetzt ist große Aufregung, kann da was passieren? Was geschieht mit meinem Kind? Was soll ich jetzt tun?"

""Also wir haben ja hier viele tausend Patienten pro Jahr und da sehen wir Lebensmittel-vergiftungen, oder gerade in der Rauschmittelszene tut sich eine ganze Menge; wobei allerdings die Hauptklientel, was Vergiftungen anbelangt, das sind eigentlich Patienten, die sich versucht haben, mit Medikamenten das Leben zu nehmen, da haben wir häufig Tablettenvergiftungen, die intensiv medizinisch dann versorgt werden müssen.""

Absichtlich oder aus Versehen: Natürliche und künstliche Stoffe können Vergiftungen auslösen. Dr. Rajan Somasundaram, leitender Oberarzt in einer Rettungsstelle der Berliner Charité:

"Eine Vergiftung ist ein Krankheitsbild, das sehr mannigfaltig ist. Das kann bei scheinbar harmlosen Mitteln anfangen, wie etwa pflanzliche Extrakte, Vitamine, und das kann hingehen bis zu Substanzen, die in geringsten Dosen schon tödlich sein können. Und die Vergiftungs-erscheinungen können akut sein, können chronisch sein, also sich über lange Zeit hinziehen, das ist ganz unterschiedlich, das ist auch für die Mediziner nicht immer gleich erkennbar."

Fast immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Und so wie die Ursachen vielfältig sind, sind auch die Krankheitsanzeichen nicht eindeutig, weiß Dr. Ingrid Koch vom Giftnotruf Berlin:

"Wir werden häufig gefragt, ob Vergiftungen typische Symptome bieten. Eindeutig nein, so viele Substanzen es gibt, fast so viele unterschiedliche Symptome gibt es auch."

Ziemlich eindeutig aber liegt eine Vergiftung vor, wenn Beschwerden ganz plötzlich auftreten oder wenn mehrere Personen die gleichen Symptome haben. Bei lebensbedrohlichen Zuständen wie Atemnot, Krämpfen oder Bewusstlosigkeit muss sofort die 112 gerufen werden. Der Notarztwagen bringt den Patienten sicherer und schneller zur richtigen Stelle als zum Beispiel Eltern, die mit dem eigenen Auto zum Krankenhaus rasen.

Kleine Kinder erleiden am häufigsten Vergiftungen. Ihr "Forscherdrang" ist mitunter gefährlich, denn sie probieren alles aus, nehmen Haushaltsprodukte in den Mund und schlucken Stoffe, die manchmal "lecker" riechen oder wie Bonbons aussehen. Hier ist es sogar besser, noch vor dem Arzt den örtlichen Giftnotruf zu wählen.

"Ja, und zwar sofort und nicht erst warten, ob das Kind Symptome entwickelt, dass der Kinderarzt oder die Kinderärztin die Praxis öffnet, oder der Vater nach Hause kommt, der Mutter und Kind in die nächste Klinik bringen kann."

Denn Sicherheit geht vor Schnelligkeit, sagt Ingrid Koch, selbst Kinderärztin. Die Aufgabe aller Mediziner im Giftnotruf liegt vor allem in der Einschätzung, um welche Vergiftung es sich handelt. Nicht nur Laien, auch die Behandler wenden sich deshalb an diese Spezialisten - es gibt sie überall in Deutschland. Dr. Rajan Somasundaram:

"Bei uns gibt es die Regel, dass wir sofort mit dem Giftnotruf Kontakt aufnehmen, um allerneueste Informationen zu bekommen, da ist der Giftnotruf immer auf dem neuesten Stand."

Besonders häufig rufen besorgte Eltern an. Im Berliner Giftnotruf zum Beispiel klingelt es mehr als 100 Mal am Tag, er ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr besetzt. Sehr häufig ist es nicht so schlimm, und einfache Tipps am Telefon reichen aus. Insgesamt kann und sollte man den Ratschlägen der Experten zur ersten Hilfe bei Vergiftungen trauen - keinesfalls "Omas Rezepten". Dr. Ingrid Koch:

"Da geistern die unterschiedlichsten Sachen, nicht nur bei den Laien, herum, eine davon ist Milch trinken - macht man nicht mehr, weil die Milch kann unter Umständen das Erbrechen fördern, zum Beispiel bei ätzenden Substanzen sollte das, was im Magen angekommen ist, nicht nochmal durch die Speiseröhre gehen. Und was man auf keinen Fall noch machen soll, ist dem Kind Salzwasser zu trinken geben, im Zweifelsfall hat’s dann eine Salzvergiftung, und auch der Finger in den Hals, das sollte man lassen, vor lauter Aufregung sticht man dann vielleicht hinten in die Gaumenplatte, blutet dann ganz schrecklich und bringt keinerlei Nutzen."

Das oberste Gebot ist: Ruhe bewahren. Die Fachleute helfen dabei. Sobald sich aber herausstellt, dass die Vergiftung nicht mit einfachen Mitteln zu bekämpfen ist, muss der Notarztwagen gerufen werden. Was dann als erstes in Krankenhaus-Rettungsstellen gemacht wird, schildert Rajan Somasundaram:

"Wenn ein Patient mit einer akuten oder mutmaßlich akuten Vergiftung kommt, dann ist das erste, dass wir das einschätzen, wie lebensbedrohlich ist das. Ist ein Patient bewusstseinsgetrübt, dass er uns nicht mehr richtig antworten kann oder gar nicht mehr richtig atmet. Wir schauen, wie wirkt sich das auf den Kreislauf aus, wir schreiben EKG, und wir nehmen bestimmte Blutwerte ab, um zu sehen, ob es wirklich Organschäden gibt. Wir machen also so ein quasi kleinen Rundumcheck, aber das vordergründigste ist, dass wir die Vitalfunktionen einschätzen."

Ist bekannt, womit sich der Patient vergiftet hat, können ihn die Ärzte mit spezifischen Gegengiften behandeln. Deshalb ist es gut, das entsprechende Produkt mitzunehmen. Wenn dies nicht möglich war, versuchen die Ärzte der Rettungsstelle selbst, das Gift zu identifizieren. Das wird dann aus dem Körper geleitet, und zwar in kontrollierter Weise, etwa mit Magenspülung oder Blutwäsche.

Am häufigsten haben es Dr. Somasundaram und seine Kollegen in den Rettungsstellen mit selbst herbeigeführten Vergiftungen zu tun, nicht nur solche mit Medikamenten:

"Zunehmend beobachten wir aber auch in unserem Einzugsgebiet, dass wir natürlich mit solchen Dingen wie Alkohol auch zu tun haben, es hält sich noch in Grenzen, aber jeder Jugendliche ist zuviel."

Oft gehörte Sätze wie "Ach, der ist ja nur besoffen" können fatal sein. Wie gefährlich eine Alkoholvergiftung ist, wissen Laien oft nicht einzuschätzen. Spätestens aber bei Anzeichen wie Hyperventilation, Zittern, Lähmung oder Bewusstseinstrübung muss ärztliche Hilfe herbei gerufen werden. Bis die eintrifft, sollten Anwesende den Betreffenden in die stabile Seitenlage legen, ihn vor Auskühlung schützen und aufpassen, dass er nicht am Erbrochenen erstickt. Hingegen sind Lebensmittelvergiftungen meist nicht lebensbedrohlich. Eine Ausnahme stellen allerdings Pilzvergiftungen dar.

"Pilzvergiftungen insgesamt sind glücklicherweise selten geworden, wobei ich trotzdem nochmal darauf hinweisen möchte, wie gefährlich es sein kann, wirklich Pilze in Unkenntnis eben selbst zu sammeln und diese nicht prüfen zu lassen, und vor allem wenn Pilze frei verkäuflich irgendwo am Straßenrand erworben werden, und auch hier haben wir in den letzen Jahren durchaus Fälle gehabt, die dann wirklich tragisch geendet sind."

Dr. Rajan Somasundaram muss weiter, der nächste Notfall - vielleicht eine Vergiftung. Vergiftungen sind oft vermeidbar, etwa, indem Haushaltschemikalien so aufbewahrt werden, dass Kinder nicht daran kommen. Trotzdem kann es zu unvorhersehbaren Unfällen kommen. Deshalb sollten die Telefonnummern des örtlichen Giftnotrufs und des Notfallwagens immer griffbereit sein.

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