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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Vitamin D16.10.2012

Radiolexikon: Vitamin D

Es ist ein Hormon, obwohl man es "Vitamin" nennt. Die Vorstufen des aus historischen Gründen sogenannten Vitamins D werden vom menschlichen Organismus produziert. Allerdings braucht er dazu Sonnenlicht. Täglich 15 Minuten Aufenthalt im Freien reichen. Dennoch leiden viele an Vitamin-D-Mangel.

Von Justin Westhoff

Sonne und Licht helfen bei der Produktion von Vitamin D: Also raus an die Luft - selbst bei verhangenem Himmel! (AP)
Sonne und Licht helfen bei der Produktion von Vitamin D: Also raus an die Luft - selbst bei verhangenem Himmel! (AP)

"Es liegt im Wesentlichen daran, dass wir vorwiegend von der Sonnenscheindauer abhängig sind und von der Energie, die auftritt. Und die ist nur im Sommer gegeben, nicht im Winter, sodass wir im Jahresdurchschnitt zu wenig Vitamin D entwickeln können."

Erläutert Professor Dieter Felsenberg, Leiter des Zentrums für Muskel- und Knochenforschung an der Charité Berlin. Vitamin D reguliert den Kalziumspiegel und ist deswegen insbesondere für gesunde Knochen unerlässlich. Ein Mangel kann auf Dauer bei kleinen Kindern zur Rachitis führen, weshalb allgemein empfohlen wird, Säuglingen im ersten Lebensjahr eine kleine Vitamin-D-Menge zu verabreichen. Bei Erwachsenen kann der Mangel zur Osteomalazie führen, einer Knochenerweichung, die mit starken Schmerzen verbunden ist. Vitamin D stärkt auch die Muskeln und beugt somit Stürzen insbesondere bei älteren Menschen vor – eine Unterversorgung erhöht also die Gefahr von Knochenbrüchen. Mangelzustände lassen sich mit gesundem Essen so gut wie nicht ausgleichen.

"Um sich ausreichend mit Vitamin D zu versorgen, allein über die Ernährung, müssten sie jeden Tag ungefähr 1,5 kg fetten Seefisch essen, das schafft keiner, kann keiner bezahlen und ist auch nicht sehr schmackhaft auf die Dauer."

Schon bei der Frage jedoch, wie viele Deutsche wirklich zu wenig Vitamin D haben, sind die Fachleute uneins. Dr. Diana Rubin, am Bundesinstitut für Risikoforschung zuständig für Ernährungsrisiken:

"Man muss beachten, dass häufig von einem Vitamin-D-Mangel gesprochen wird, obwohl per definitionem gar kein Vitamin-D-Mangel vorliegt, also insgesamt ist es so, dass Vitamin D im Fettgewebe gespeichert wird, und in der Regel reichen die Speicher, die im Sommer gebildet werden, aus, um über den Winter zu kommen."

Immerhin aber ist die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 2012 von ihrer alten Regel abgewichen, die da lautet, bei vernünftiger Ernährung müsse man überhaupt keine Vitamine oder Spurenelemente zusätzlich schlucken. Für ältere Menschen empfiehlt die Gesellschaft nunmehr durchaus die Einnahme eines entsprechenden Präparats, wobei die Menge in Multivitaminpräparaten nicht ausreicht. Etwa 1000 sogenannte internationale Einheiten sollten es schon sein. Professor Felsenberg stimmt dem voll und ganz zu.

"Ich würde dringlichst empfehlen, Menschen jenseits der 60 Vitamin D zu nehmen, ich würde auf jeden Fall Patienten das Vitamin D empfehlen, wenn die ein Knochenstoffwechsel-Problem haben, natürlich ist es eine Pflicht bei den Osteoporosepatienten, Menschen, die zu wenig Vitamin D haben, haben ein höheres Risiko zu stürzen, höheres Risiko zu stürzen bedeutet aber auch gleichzeitig ein höheres Risiko für Frakturen."

Dr. Rubin fasst das noch etwas genauer:

"Bei Menschen, die wenig in die Sonne gehen, das sind vor allem pflegebedürftige ältere Menschen, die wenig rauskommen, ist es dann notwendig, Tabletten zu geben mit Vitamin D, allerdings muss es nicht grundsätzlich bei Personen ab einem bestimmten Alter sein. Also durchaus können Personen über 65, die aktiv sind und regelmäßig in die Sonne gehen, ausreichend Vitamin D selbst herstellen."

Wie immer stellt sich die Frage, ob die Einnahme von zusätzlichen Stoffen auch Risiken birgt.

"Es sind unerwünschte Wirkungen bekannt, und daher hat die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde auch einen Höchstwert für die tägliche Aufnahme von 2000 internationalen Einheiten Vitamin D pro Tag festgelegt. Und diese Menge sollte nicht überschritten werden, weil es ansonsten zu einem erhöhten Kalziumspiegel im Blut kommen kann, und dieser kann langfristig zu Organverkalkungen führen, beispielsweise in den Nieren oder in den Gefäßen."

Bei Tabletten mit üblichen Vitamin-D-Dosen ist die Gefahr somit in der Regel zu vernachlässigen.

"Allerdings sollte man sehr vorsichtig damit sein, wenn man für alle Bevölkerungsgruppen ein Vitamin in künstlicher Form empfiehlt."

Der Grund: Viel zu oft schon wurde das Blaue vom Himmel versprochen, um den Verkauf von Vitaminen und ähnlichen Stoffen anzukurbeln. So sieht es auch der Charité-Experte.

"Es wird vieles pharmagesteuert, auch von anderen Firmen, die Nahrungsergänzung anbieten, zum Beispiel Vitamin E, wenn man darüber nachdenkt, was da alles für ein Zauber gemacht worden ist, obwohl es gar keine Studien dazu gab. Das ist mit dem Vitamin D völlig anders, und ich denke, auch die größten Kritiker müssen hierzu einsehen, dieser kleine Hype, den wir da mit dem Vitamin D haben, ist durchaus wissenschaftlich begründbar."

Aber worauf darf sich der "Hype" beziehen? Über die Anwendung bei sturzgefährdeten älteren Menschen hinaus gab es in den letzten Jahren immer wieder Meldungen, dass ein Mangel am "Sonnenhormon" alle möglichen Krankheiten begünstige. Krebs, Rheuma, Herz- und Gefäßleiden, Diabetes oder Multiple Sklerose – all das soll damit zusammenhängen. Das geht auf sogenannte Beobachtungsstudien zurück. Diese zeigten, dass etwa Menschen mit entzündlichem Rheuma fast alle zu wenig Vitamin D haben. Nur ist damit nicht erklärt, was Henne und was Ei ist, sprich: Ist der Mangel Ursache oder Folge der jeweiligen Krankheit? Das ließe sich nur in großen epidemiologischen – also bevölkerungsbezogenen – Untersuchungen herausfinden sowie durch Intervention, das heißt, indem man einen Teil zum Beispiel der Krebs- oder Zuckerkranken mit Vitamin D behandelt und schaut, ob sich der Zustand dadurch bessert. Bis heute kann Dr. Diana Rubin vom Bundesinstitut für Risikoforschung nur sagen:

"Die Vermutungen konnten bisher in den großen epidemiologischen Studien und auch Interventionsstudien nicht bestätigt werden."

Prof. Dieter Felsenberg räumt ebenfalls ein:

"Man darf jetzt nicht daraus machen, dass das Vitamin D sozusagen ein Wundermittel für alles ist oder für alles eine Erklärung liefert. Also Vitamin D ist unter anderem beteiligt und man kann zumindest das Risiko für die Entwicklung mancher Erkrankung reduzieren, aber nicht verhindern."

Gesichert ist die positive Wirkung jedenfalls, wie gesagt, für die Knochengesundheit. Allerdings wird empfohlen, zunächst durch einen Labortest beim Arzt klären zu lassen, ob wirklich ein Vitamin-D-Mangel vorliegt. Und:

"Genauso wie bei allen anderen Vitaminen und Mineralstoffen, die wir zu uns nehmen, muss man nicht akribisch darauf achten, dass man jeden Tag die geforderte Menge aufnimmt, sondern man kann durchaus auch einen längeren Zeitraum von den Speichern zehren."

Fazit: Auch Vitamin D ist keine Wunderpille, kann jedoch in bestimmten Fällen helfen. Aber viele Menschen dürften sich die Einnahme einer weiteren Arznei durch etwas Bewegung im Freien ersparen können – was ja ohnehin in jeder Hinsicht gut tut.

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