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StartseiteSport am WochenendeEin Fossil auf der Holzbahn27.12.2014

RadsportEin Fossil auf der Holzbahn

Die traditionellen Sechstagerennen gab es früher mal an vielen Orten in Deutschland. Übrig geblieben sind nur zwei. Entsprechend wenige Fahrer gibt es noch, die in dieser Nische ihr Geld verdienen – Leif Lampeter etwa.

Von Tim Farin

Leif Lampater (Deutschland), Andreas Mueller (Österreich), Luke Roberts und Nils Schomber (v.l.n.r.) beim Sechs-Tage-Rennen in Berlin im Januar 2014.
Leif Lampater (l.) und Kollegen beim Sechstagerennen in Berlin im Januar 2014

Dieser Arbeitstag beginnt für Leif Lampater um vier Uhr nachmittags. Noch dazu in der Horizontalen. Die Hände seines Soigneurs (Betreuers) reiben über die geölte Haut seiner rasierten Schenkel. Der 32 Jahre alten Radsportler aus dem bayerischen Schechen liegt unter Neonlicht in einem großen Wohncontainer, in einer kleinen Einzelkabine knetet ihm der Betreuer die Beine durch. Hier, in der flämischen Universitätsstadt Gent, schlägt für viele das Herz der Sechstagerennen, eine Nische des Radsports.

Leif Lampater lebt seit bald einem Jahrzehnt in dieser Nische und bestreitet hier seinen Unterhalt. In Deutschland ist er damit ein Fossil. Zwischen Oktober und Februar tourt er durch die Velodrome Europas. Amsterdam, Gent, Zürich – im Januar dann auch die beiden deutschen Rennen in Bremen und Berlin.

Hier in Gent bestreitet Lampater sein 73. Sechstagerennen – nur wenige Fahrer haben so viel Erfahrung in dieser Spezialdisziplin. Lampater fuhr einst, in den Hochzeiten des Radsports in Deutschland, als Team zusammen mit Erik Zabel in München. Zabel ist längst des Dopings überführt. Der Boom verkehrte sich ins Gegenteil. Das Münchner Rennen gibt es heute ebenso wenig wie jene in Stuttgart, Dortmund oder Köln. Aber Leif Lampater ist immer noch dabei. Warum?

"Ja, es ist irgendwie grundsätzlich ein cooles Leben, wenn man sein Hobby zum Beruf gemacht hat."

Viele Vorurteile

Natürlich kennt er die Vorurteile, Sechstagerennen seien reine Show, kein echter Sport:

"Es geht definitiv ums Gewinnen, es geht ums Vornesein. Natürlich im Endeffekt gehört, dass die Leute hier ein Bier trinken, und dass Musik laut ist – das gehört dazu und ich find das auch gut so. Zum Sport alleine setzen sich die Leute nicht fünf oder sechs Stunden, oder stehen oder setzen sich in die Halle. Da gehört einfach ein bisschen Atmosphäre dazu, und die ist hier definitiv gegeben."

Um 20 Uhr hat sich die alte Halle mit der 166 Meter kurzen Bahn gefüllt. Sie ist, wie jeden Abend in Gent, ausverkauft – 8.000 Leute passen ins T'Kuipke. Im Innenraum ist es schon eng, Männer balancieren Plastikbecher vom Tresen zu ihren Freunden. Auf der Bahn rollt das gesamte Peloton gute 20 Minuten gegen den Urzeigersinn, die Zweierteams werden vorgestellt.

Sechstagerennen mischen verschiedene Disziplinen des Bahnradsports. An diesem Abend in Gent gibt es 13 verschiedene Wettkämpfe: Von der 45-Minuten-Jagd bis zum Zeitfahren über nur eine Runde. So soll das Publikum kurzweilig unterhalten werden. Vom ersten bis zum letzten Tag zieht sich die eigentliche Wertung durch: Das Zweierteam, das im Laufe dieser Zeit die längste Distanz hinter sich gebracht hat, gewinnt den Titel. Für die Zuschauer wichtig sind aber auch prominente Namen auf der Bahn, Show-Acts, Mitgröhlmusik und ein gut organisierter Ausschank.

Es gibt unterschiedliche Typen von Sechstagerennen, das sieht man auch bei den beiden in Deutschland verbliebenen Veranstaltungen, sagt Leif Lampater:

"Aber da, finde ich, hat eben jede Stadt, jede Veranstaltung ihren eigenen Charme. Berlin ist ein bisschen mehr Sport, Bremen – da hat der Show Act teilweise eine Stunde, wo natürlich extreme Party teilweise abgeht. Ist für uns auch was Schönes, dann können wir uns das auch ein bisschen angucken. In Berlin auf der langen Bahn haben wir es wieder ein bisschen schwerer, müssen wir wieder mehr arbeiten."

Eine Viertelstunde Trance

Für Lampater verlaufen die Abende immer gleich. Direkt unterhalb der Bahn steht im Innenraum eine Holzkabine mit Liege, in der er sitzt, wenn er gerade nicht im Einsatz ist. Der Vorhang geht nur zu, wenn die Athleten einmal Wasser lassen müssen – dafür steht ein Plastikeimer in der  Ecke. Kommt Lampater verschwitzt von der Bahn, zieht ihm ein Betreuer sofort das Trikot aus, zieht ihm ein neues über und wäscht und trocknet das andere in einer Campingtrommel. Die Betreuer sorgen für Getränkenachschub und Kohlenhydrate. Sehr beliebt ist etwa Dosen-Milchreis.

Zu den Höhepunkten gehören die Derny-Rennen. Die Fahrer rasen im Windschatten hinter motorisierten Derny-Rädern, das ist ein Hingucker. Lampater hat gerade Pause. Es ist nach Mitternacht, und er liegt mit leerem Blick in der Kabine. Sieben Wettkämpfe hat Lampater zu diesem Zeitpunkt hinter sich, und an der Theke hinter seiner Kabine wird immer noch mit Hochdruck gezapft. Ist es ihm auch mal langweilig in diesen Nächten?

"Ein Trancezustand, würde ich es fast beschreiben. Wenn du hier unten sitzt, die Rennfahrer siehst du da oben vorbeifahren, du weißt, du hast noch eine Viertelstunde Zeit, Trance, einfach an nichts denken. Angenehm sein, Entspannung, den Körper fallen lassen."

Nach dieser Pause hat Lampater noch zwei Auftritte. Das letzte Rennen endet um kurz vor zwei Uhr nachts. Erst da leert sich der Innenraum. Massenweise Plastikbecher am Boden, grölende junge Männer torkeln zum Ausgang. Der dritte Renntag in Gent liegt hinter Lampater, drei folgen noch. Nach einem Zehnstundentag in der Halle geht er nun zurück zum Hotel.

"Ich geh jetzt runter, umziehen, ein bisschen neu verbinden. Und dann ab ins Hotel und noch ein bisschen mit dem Handy spielen, und dann irgendwie abnicken und einschlafen."

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