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Seit 07:30 Uhr Nachrichten
StartseiteHintergrundFaustpfand für die Stasi 06.06.2015

RAF-Terroristin Susanne AlbrechtFaustpfand für die Stasi

Susanne Albrecht schleuste 1977 ihre RAF-Komplizen in das Privathaus von Jürgen Ponto, dem Chef der Dresdener Bank. Der Bankier wurde daraufhin ermordet. Später tauchte sie mit falscher Identität mithilfe der Stasi in der DDR unter. Mit der Wende flog ihre Tarnung auf - vor 25 Jahren wurde sie festgenommen.

Von Monika Dittrich

RAF-Terroristin Suanne Albrecht tauchte in einem Wohnblock der Trabantenstadt Mahrzahn in Ost-Berlin unter. (dpa / picture alliance / ADN)
RAF-Terroristin Suanne Albrecht tauchte in einem Wohnblock der Trabantenstadt Mahrzahn in Ost-Berlin unter. (dpa / picture alliance / ADN)
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Berlin-Marzahn: Plattenbauten ragen in den Himmel, graue Wohntürme mit vielen Geschossen. Es ist der 6. Juni 1990, ein sommerlicher Tag. In der Rosenbecker Straße Nummer 3 klingeln mehrere Beamte der Volkspolizei. Sie verhaften eine Frau - und lüften eines der am besten gehüteten Geheimnisse der DDR-Staatssicherheit.

"Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der 'Tagesschau': Guten Abend, meine Damen und Herren. Die mutmaßliche RAF-Terroristin Susanne Albrecht, eine der meistgesuchten Personen in der Bundesrepublik, ist in der DDR verhaftet worden." -"Susanne Albrecht ist mit einer verkehrten Identität, also mit einem anderen Namen, 1980 in die DDR eingereist." - "Seit 13 Jahren war nach ihr mit Steckbrief gefahndet worden." - "Sie heiratete, hat ein Kind, arbeitete als Chemielaborantin." - "Die Festnahme von Susanne Albrecht ist der größte Fahndungserfolg der Polizei seit über vier Jahren." - "Gestern Nachmittag schließlich wurde sie in Ost-Berlin gefasst."

"Hier in Ost-Berlin führte sie ein relativ normales, sozialistisches, kleinbürgerliches Leben, wenn Sie so wollen. Ihre oberste Devise, die die Stasi ihr mitgegeben hatte, war, nicht aufzufallen", erzählt Tobias Wunschik.

Ort der Festnahme, ein Ort der Anonymität

Der Historiker erforscht seit vielen Jahren die Verbindungen zwischen DDR-Staatssicherheit und der RAF, der linksterroristischen Roten-Armee-Fraktion. Sein Arbeitsplatz ist eigentlich ein winziges Büro in der Stasi-Unterlagenbehörde, bis zur Decke möbliert mit vollgestopften Bücherregalen. Doch heute ist er mit der S-Bahn rausgefahren bis Ahrensfelde, und dann die paar hundert Meter in die Rosenbecker Straße gelaufen, um noch einmal zu sehen und zu zeigen, wo Susanne Albrecht vor 25 Jahren festgenommen wurde. Die vielspurigen Straßen und die Plattenbauten sind längst saniert. Doch Berlin-Marzahn ist noch immer ein Ort allergrößter Anonymität - genau wie damals:

"Die Maßgabe der Staatssicherheit dabei war, solche Wohnorte zu wählen, die möglichst weit weg von den Transitwegen waren, auf dass möglichst wenig Bundesbürger ihrer gewahr werden würden, und eine gewisse Größe zumindest aufweisen mussten, auf dass die Betreffenden nicht gleich stadtbekannt werden würden."

Biederes DDR-Leben hinter dem Eisernen Vorhang

Insgesamt zehn kampfesmüde Terroristen der RAF hatte die Stasi seit Anfang der 80er-Jahre in der DDR aufgenommen und versteckt, hatte sie mit neuen Identitäten und Pässen ausgestattet, ihnen Wohnungen und Arbeitsstellen beschafft und damit ein von westdeutschen Fahndern unbehelligtes Leben ermöglicht. In der Bundesrepublik waren sie allesamt gesuchte Terroristen, die man für zahlreiche Anschläge, Entführungen und Morde verantwortlich machte. In jedem westdeutschen Postamt hingen die Fahndungsplakate mit ihren Porträts; der Verfolgungsdruck war enorm. Was im Westen niemand ahnte: Hinter dem Eisernen Vorhang lebten die RAF-Aussteiger ein biederes, ja spießiges DDR-Leben.

"Die ehemaligen RAF-Angehörigen wurden zunächst instruiert, sich einen neuen, fingierten Lebenslauf zu ersinnen, einen neuen Namen, darin waren sie geübt. Sie hatten ja schließlich jahrelang im Untergrund gelebt, waren mit falschen Pässen gereist. Jetzt musste aber ein Lebensweg ersonnen werden, der westdeutschen Diensten oder westeuropäischen Geheimdiensten möglichst wenig Ansatzpunkt zur Recherche geben würde."

Mord an Jürgen Ponto 1977

Mit einem Schweigemarsch durch die Frankfurter Innenstadt gedenken am 4. August 1977 etwa 3000 Bankangestellte des ermordeten Vorstandssprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto.Jürgen Ponto war am 30. Juli 1977 in seinem Haus in Oberursel bei Frankfurt von RAF-Terroristen erschossen worden. 3000 Bank-Angestellten gedachten ihm in der Frankfurter Innenstadt.

 Susanne Albrecht tauchte in der DDR als Ingrid Jäger auf, heiratete dort einen nichts ahnenden Physiker, nahm seinen Nachnamen Becker an und bekam mit ihm einen Sohn, Felix. Als ihre falsche Identität einmal aufzufliegen drohte, verhalf die Stasi ihrem Mann zu einer Arbeitsstelle in der Sowjetunion, sodass die Familie kurzerhand verschwinden konnte. Der Legende nach war sie in Madrid geboren, ihre Eltern seien nach Kanada ausgewandert, der Kontakt sei längst abgebrochen. In Wahrheit aber ist Susanne Albrecht die Tochter einer wohlhabenden Hamburger Juristenfamilie. Und das Verbrechen, das sie begangen hatte, schockierte 1977 die Nation und wirkt noch heute besonders niederträchtig. Sie ermöglichte den Mord an Jürgen Ponto, dem Chef der Dresdner Bank. Sie schleuste ihre RAF-Komplizen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt in das Privathaus der Pontos im hessischen Oberursel ein. Das war eine Leichtigkeit für sie - denn ihre Eltern waren gut befreundet mit den Pontos. Die Väter kannten sich seit Studienzeiten, sie hatten sich gegenseitig zu Paten ihrer Kinder gemacht. Dass sich Susanne Albrecht von der Hausbesetzerszene bis hinein in die Kommandoebene der RAF bewegt hatte, davon ahnten die Pontos nichts, als Susanne sich am 30. Juli 1977 bei ihnen zum Tee anmeldete. Es war gegen fünf Uhr am Nachmittag, als sie mit ihren beiden Begleitern bei den Pontos klingelte.

"Susanne Albrecht brachte einen Strauß Rosen mit, und sie begrüßte den hinzutretenden Jürgen Ponto mit den Worten, ich wollte mich mal sehen lassen." - "Sie überreicht einen Blumenstrauß, dann fallen die Schüsse." - "Die Ehefrau hat dann gegen 17 Uhr zehn Schüsse gehört, lief nach unten, sah dort ihren Mann verletzt liegen und sah die drei Personen flüchten."

Der Tatort mit den zugedeckten Leichen von Siegfried Buback (rechts hinten) und seines Fahrers (links) sowie der Dienstwagen des Generalbundesanwaltes in Karlsruhe  (picture-alliance/ dpa - Heinz Wieseler)Der Tatort mit den zugedeckten Leichen von Siegfried Buback (rechts hinten) und seines Fahrers (links) sowie der Dienstwagen des Generalbundesanwaltes in Karlsruhe (picture-alliance/ dpa - Heinz Wieseler)

Ponto sollte eigentlich entführt werden. Doch er widersetzte sich, woraufhin Klar und Mohnhaupt ihn mit mehreren Schüssen niederstreckten. Der Mord an dem Bankier gehört zur blutigen Anschlagsserie der RAF im Jahr 1977. Einige Wochen zuvor hatten Terroristen der RAF Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschossen, später entführten und ermordeten sie den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, im Oktober des Jahres dann die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut". All das gehörte zur Aktion "Big Raushole": Die zweite Generation der RAF wollte die in Stuttgart Stammheim einsitzende erste RAF-Generation um Andreas Baader und Gudrun Ensslin sowie andere Gesinnungsgenossen freipressen.

"Null Uhr 38, hier ist der Deutschlandfunk mit einer wichtigen Nachricht. Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing entführten 86 Geiseln sind glücklich befreit worden. Dies bestätigte ..."

"Big Raushole" scheiterte und die Stammheimer Häftlinge nahmen sich das Leben. Eine frustrierende Niederlage für die Genossen im Untergrund, auch für Susanne Albrecht. Doch noch wollte sie weitermachen: Sie kämpfte um das Ansehen in der Gruppe, beteiligte sich 1979 am Anschlag auf den NATO-Oberbefehlshaber Alexander Haig, den dieser aber unverletzt überlebte. Danach war der Zustand der RAF desolat, wie es später im Urteil gegen Susanne Albrecht heißen sollte: "Zweifel und Resignation regten sich". Sie und andere hielten den Untergrund-Kampf für sinnlos, wollten aussteigen.

Unterschlupf in der DDR

Wo aber hin mit den kampfesmüden Terroristen, die den aktiven Genossen lästig wurden? - Man dachte an einen Unterschlupf in einem linksrevolutionären Land, in Angola etwa, Mosambik oder auf den Kapverdischen Inseln. In Ost-Berlin, beim Ministerium für Staatssicherheit, baten die RAF-Kader um Unterstützung: Die Stasi möge doch bitte helfen bei der Kontaktaufnahme zu einem dieser Länder.

"Und es ist dann die Stasi, die ihrerseits anbietet, die Betreffenden doch nach Ost-Deutschland zu bringen. Schließlich lassen sich Weiße mit deutscher Muttersprache in der DDR doch noch etwas leichter verstecken als in einem schwarzafrikanischen Staat."

Aktenschränke in einem Gebäude des früheren Archivs der DDR-Staatssicherheit, aufgenommen am 13.07.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)Für die DDR waren die RAF-Terroristen ein willkommenes Faustpfand gegenüber dem Westen. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)

Es war die Hauptabteilung XXII im Ministerium für Staatssicherheit, zuständig für "Terrorabwehr", die den Kontakt zur RAF pflegte. Auch aktive RAF-Leute kamen Anfang der 80er-Jahre regelmäßig in die DDR, um sich vom permanenten Fahndungsdruck einige Tage oder Wochen zu erholen und etwa an Schießübungen und militärischen Trainings teilzunehmen. All das tat die Stasi nicht ohne Kalkül. Sie wollte Informationen abschöpfen und erfahren, welche Anschläge die Terroristen planten. Die in der DDR versteckten Aussteiger waren für die Stasi obendrein ein kostbares Faustpfand, sagt Historiker Tobias Wunschik:

"Die große Geheimpolizei der DDR fürchtete diesen winzig kleinen Haufen wild entschlossener Täter der RAF. Man befürchtete, die Linksterroristen, die über Jahre der westdeutschen Polizei immer wieder entkommen konnten, dass sie ihre Gewalt in irgendeiner Weise auch gegen die DDR richten würden. Und da schien es ein probates Mittel zu sein, ehemalige Kämpfer dieser Gruppe aufzunehmen und dafür einzukalkulieren, dass sich die im Westen weiterhin aktiven Täter niemals gegen die DDR wenden würden."

Mit der Wende brach die Zusammenarbeit zwischen DDR und RAF ab

Was sie ja auch nicht taten - aber wohl auch niemals geplant hatten, wie Wunschik hinzufügt. Die geheime Zusammenarbeit zwischen RAF und Stasi funktionierte über Jahre hinweg reibungslos - bis zur Wende. Als 1989 die Mauer fiel, da brach auch dieses Lügengebäude in sich zusammen. Und Susanne Albrecht war so etwas wie der erste Dominostein, der nun umfiel.

"Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der 'Tagesschau': Guten Abend, meine Damen und Herren. Wenige Tage noch Susanne Albrecht ist in der DDR auch die seit 15 Jahren als Terroristin gesuchte Inge Viett festgenommen worden." - "Den DDR-Behörden ist ein weiteres, mutmaßliches Mitglied der Rote-Armee-Fraktion ins Netz gegangen."

Innerhalb von zwei Wochen wurden auch die anderen RAF-Aussteiger in der DDR verhaftet.

"Sigrid Sternebeck wurde gestern in Schwedt an der Oder festgenommen." - "Silke Maier-Witt und Henning Beer wurden unabhängig voneinander in Neubrandenburg vorläufig festgenommen." - "In Senftenberg gingen der Polizei Werner Lotze und Christine Dümlein ins Netz."

Peter-Michael Diestel brachte Verhaftungswelle ins Rollen

Der Mann, der die Verhaftungswelle vor 25 Jahren ins Rollen brachte, ist Peter-Michael Diestel. Der Rechtsanwalt unterhält eine Kanzlei an zwei Standorten, einer davon in Potsdam, in einer stattlichen Villa mit weichen Teppichen und kostbaren Möbeln. Der Jurist sitzt an einem schweren Holztisch in seinem Büro, ein muskulöser Mann, das gestreifte Hemd spannt über der Brust. Im Gesicht sommerliche Bräune, dunkle, runde Brille, das nackenlange Haar ist zurückgekämmt.

Vorderseite des Faltblattes "Dringend gesuchte Terroristen", das das Bundeskriminalamt Wiesbaden im Zusammenhang mit dem Mord an Generalbundesanwalt Buback und zwei seiner Begleiter, dem Mord an Jürgen Ponto und dem vierfachen Mord und der Entführung von Hanns-Martin Schleyer herausgab. Erste Reihe v. l.-r.: Susanne Albrecht, Elisabeth von Dyck, Friederike Krabbe, Silke Maier-Witt, zweite Reihe v. l.-r.: Juliane Plambeck, Adelheid Schulz, dritte Reihe v. l.-r.: Angelika Speitel, Sigrid Sternebeck, Inge Viett. (undatierte Aufnahme) (dpa / Bundeskriminalamt Wiesbaden)Susanne Albrecht gehörte Ende der 70er-Jahre zu den "Dringend gesuchten Terroristen" (dpa / Bundeskriminalamt Wiesbaden)"Ich heiße Peter-Michael Diestel, bin 63 Jahre alt, ich sehe wesentlich jünger aus, bin fleißig, zahle Steuern, liebe deutsche Finanzämter und deutsche Zahnärztinnen. Reicht das?"

Diestel strahlt ein fröhliches Selbstbewusstsein aus. 174 Tage lang war er Innenminister der ersten frei gewählten und damit auch letzten Regierung der DDR, von April 1990 bis zur Wiedervereinigung im Oktober. Als Politiker war er damals nicht unumstritten: Er habe die Vernichtung von Stasi-Akten gutgeheißen, warfen ihm Kritiker vor. Dass er die RAF-Aussteiger in der DDR verhaften ließ, gehört wohl zu den größten Errungenschaften seiner Amtszeit. Ein Mitarbeiter des Zentralen Kriminalamtes der DDR hatte ihm ein Dossier zugespielt, denkbar kurz, nur eine Seite lang, wie Diestel sich erinnert. So habe er davon erfahren, dass im Westen gesuchte RAF-Terroristen in der DDR leben und arbeiten: Er habe es kaum fassen können.

"Ich bin dann sofort nach Bonn gefahren und habe mich mit Schäuble getroffen, der damals Bundesinnenminister war. Und muss einfach sagen, diese Geheimdienstgeschichten, die empfand ich als unappetitlich, als säuisch, als zerstörerisch."

Wolfgang Schäuble schickte Berater nach Ost-Berlin: Gemeinsam mit Diestel sollten sie eine juristische und politische Lösung austüfteln, wie die gefassten RAF-Leute an die Bundesrepublik überstellt werden können. Auch Schäuble sei von dieser Nachricht völlig überrascht worden, sagt Diestel.

"Niemand wusste etwas, und alles, was heute erzählt wird, dass es Vermutungen gegeben hat, beim BND oder beim BKA, das ist alles Lüge, um die eigene Hilflosigkeit zu übertünchen. Diese kriminelle Energie hat man dem DDR-Geheimdienst nicht zugetraut."

Auch in der DDR wusste nur ein handverlesener Kreis um Stasi-Chef Erich Mielke von der Unterstützung für die RAF. Die Führungsriege allerdings dürfte im Bilde gewesen sein. Tobias Wunschik:

 

"Nun, es ist ganz klar, dass eine politisch derart brisante Angelegenheit natürlich nur mit Rückendeckung der Stellvertreter Mielkes und Mielkes selber geschehen konnte, diese Informationsstränge lassen sich klar rekonstruieren. Und auch bei Mielke ist eigentlich nicht anzunehmen, dass er sich eines solchen Projektes annahm, ohne sich seinerseits politische Rückendeckung bei Honecker zu holen."

Doch der abgesetzte DDR-Staatschef bestritt alles - er habe erst aus dem Fernsehen erfahren, dass RAF-Aussteiger in der DDR lebten, ließ Erich Honecker erklären. 1991 sagte er einem Fernsehreporter im Moskauer Exil:

"Das weiß ich nicht, da ist man jetzt dabei es herauszufinden. - Und Sie hätten das unterbunden, wenn Sie es gewusst hätten? - Auf alle Fälle, auf alle Fälle."

"Die DDR hat sich zweifelsfrei mit Terroristen, mit Mördern, Brandschatzern eingelassen, was völkerrechtlich und moralisch, humanistisch nicht zulässig ist."

Und obendrein sei es einer der größten politischen Fehler der DDR gewesen, ist der ehemalige Minister Peter-Michael Diestel überzeugt. Für ihn sei damals gleich klar gewesen, dass die Verhafteten vor Gericht gehören - und zwar im Westen, dort wo sie ihre Verbrechen begangen hatten. Damit habe er sich aber nicht nur beliebt gemacht, sagt der Christdemokrat:

"Ich habe ja sehr viele Freunde bei den Linken. Wie teuflisch und aggressiv die über mich hergefallen sind, weil ich das getan habe! Dieser unterschwellige Hass auf diesen Reichtum der Bundesrepublik mündete darin, dass man diese Verbrecher für sympathisch hielt. Auch mein Freund Gregor Gysi: Wie kannst Du das machen! Ich sage, Gregor, das ist eine Selbstverständlichkeit, heute ist es auch für ihn mit Sicherheit eine Selbstverständlichkeit."

Zusammenarbeit der RAF-Aussteiger und der Stasi

Acht der festgenommenen RAF-Aussteiger wurden später zu Haftstrafen verurteilt, bei zwei weiteren war der Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung bereits verjährt. Susanne Becker, geborene Albrecht, wurde 1991 vom Oberlandesgericht Stuttgart zu zwölf Jahren Haft verurteilt. In ihrem Prozess trat sie als Kronzeugin gegen die RAF auf, sie distanzierte sich von ihren Gewalttaten und den Verbrechen der Gruppe. Nach sechs Jahren kam sie vorzeitig frei. Heute lebt sie in Norddeutschland, äußert sich allerdings nicht zu ihrer Vergangenheit und gibt keine Interviews. Zu fragen bliebe, wie genau die Zusammenarbeit mit der DDR-Staatssicherheit funktionierte. Dass die Stasi die RAF-Aussteiger nicht nur bespitzelte, sondern sie wohl auch allesamt als Inoffizielle Mitarbeiter führte, ist allerdings wenig überraschend.

"Die sind alle verpflichtet worden, aber das ist ja normal, die haben sich in die Fänge eines Geheimdienstes begeben und wenn die das nicht gemacht hätten, hätte man die wieder irgendwo abgegeben, oder eben irgendwo beerdigt. Die mussten konstruktiv sein. Und wenn einer von denen eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hat, das muss man menschlich verstehen, das geht gar nicht anders."

DDR-Asyl wie ein Resozialisierungsprogramm?

Mutmaßliche Terroristen zu verstecken und vor Verfolgung zu schützen - das ist ebenfalls strafbar. Juristen sprechen von Strafvereitelung. Die zuständigen Stasi-Leute blieben nach der Wende allerdings unbelangt. Drei von ihnen wurden zwar vor dem Berliner Landgericht angeklagt. Der Bundesgerichtshof hob die Schuldsprüche allerdings wieder auf: Die Angeklagten hätten auf Befehl gehandelt, das Unrecht sei ihnen womöglich nicht bewusst gewesen. Immerhin, so muss man sagen, lösten sich die RAF-Aussteiger in der DDR vom Terrorismus. Man könne geradezu von einem Resozialisierungsprogramm sprechen, sagt Historiker Tobias Wunschik.

"Konzipiert war es freilich als Täterschutzprogramm. Aber de facto ist es natürlich so, dass die RAF-Aussteiger auch in eine neue generative Lebensphase eintraten, auch Susanne Albrecht ja einen Sohn in die Welt setzte, da blieb natürlich genug Zeit, über die eigenen Taten weiter zu reflektieren, sie auch in ihrer moralischen Tragweite zu erfassen und tatsächlich so etwas wie Reue und Schuld gegenüber den Opfern ihrer Taten zu empfinden."

Dazu passe auch, dass keiner der RAF-Aussteiger versucht hatte, der Verhaftung zu entgehen. Sie wussten, dass ihre Tarnung aufgeflogen war - und doch suchten sie nicht nach einem neuen Unterschlupf. Sie ergaben sich in ihr Schicksal.

"Es gab für sie keinen anderen Lebensweg und sie hatten sich in den Jahren ihres DDR-Asyls natürlich auch weltanschaulich entfernt und erwarteten insofern die Verhaftung, wahrscheinlich vielleicht auch, um einen Schlussstrich endlich ziehen zu können."

Die Rote-Armee-Fraktion aber zog noch keinen Schlussstrich. Eine dritte Generation kämpfte und mordete mittlerweile im Untergrund. Erst im Frühjahr 1998 erklärte die RAF ihre Auflösung.

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