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StartseiteBüchermarktIdentitätskrise des Mannes20.05.2015

Ralf BöntIdentitätskrise des Mannes

Mit der Schrift "Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann" erregte der studierte Physiker Ralf Bönt Aufsehen. Nun widmet er der von ihm diagnostizierten Krise der Männlichkeit einen ganzen Roman: In "Das kurze Leben des Ray Müller" ist der Geschlechterkampf ein Rückzugsgefecht geworden.

Von Ursula März

Die Symbole für das männliche und weibliche Geschlecht sind im LWL-Museum für Naturkunde in Münster (Nordrhein-Westfalen) in der Ausstellung "Sex und Evolution" zu sehen. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)
In dem Roman befindet sich der Mann in unterlegener Position. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)

Sie heißen Lycile und Nadja, Vivian und Nelly, Frau Doktor Berg und Frau Doktor Senke - die Frauen, welche die männliche Hauptfigur dieses Romans weniger umgeben denn umzingeln. Eine lieblose Mutter und eine zeitlebens bevorzugte Schwester komplettieren das Bild weiblicher Übermacht. Omnipräsenter als in Ralf Bönts neuem Roman "Das kurze Leben des Ray Müller" trat das weibliche Geschlecht selten in der Literatur auf. Der Begriff Geschlechterkampf trifft auf die Romangeschichte nicht ganz zu, denn dieser Begriff assoziiert das Bild zweier Parteien, die sich in den Kampf begeben.

Der Mann aber, von dem Ralf Bönt erzählt, befindet sich in einer so eindeutig unterlegenen Position, dass seine Geschichte eher einem aussichtslosen Rückzugsgefecht ähnelt. Er heißt Marko Kindler, hat eine wechselvolle berufliche Laufbahn vom Juristen zum Übersetzer und zum Bestsellerautor eines Krimis hinter sich, sowie eine gescheiterte Ehe. Vor allem aber leidet er an körperlichen Krankheitssymptomen, deren Vielzahl und medizinisch kaum diagnostizierbare Vermengung dieser modernen männlichen Märtyrerfigur fast eine Tendenz ins Komische verleiht.

Er leidet an einer rätselhaften Dysfunktion der Schilddrüse und an Allergien, an Schlaflosigkeit, Schwermut und Wahrnehmungsstörungen, an medikamentös gestützten, wechselnden Zuständen von Ermattung und Euphorie. Wer einen Beweis sucht, dass das männliche Geschlecht zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer heftigen Identitätskrise steckt, findet ihn in diesem Ich-Erzähler.

Niederschrift des Lebensberichts

Marko Kindler ist ein Gefangener - er ist es buchstäblich, denn er sitzt zum Zeitpunkt der Niederschrift seines Lebensberichts in einer Zelle, wartet auf das nächste Verhör und den Termin beim Gerichtspsychiater. Marko Kindler hat ein Verbrechen begangen. Um welches Verbrechen es sich handelt, das erfährt der Leser erst am Ende des Romans, der sich mit dieser Rahmenhandlung jenes Quantum Spannung verschafft, das der etwas redundante Leidensbericht auch benötigt. Das Verbrechen muss, so viel lassen die Andeutungen erahnen, in Zusammenhang stehen mit dem Baby, das in der ersten Romanszene auf die Welt kommt. Es ist ein Junge, er heißt Ray. Und dass die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern grundtief gestört sind, auch dies lässt sich bald erahnen.

Denn so emphatisch und gut informiert der werdende Vater Marko Kindler am Geburtsvorgang auch teilnimmt, so wenig lässt sich übersehen, dass er die enge biologische Bindung der Mutter an den Neugeborenen mit Eifersucht verfolgt. Sie kann das Kind stillen, wenn es hungrig ist, sie kann es beruhigen, wenn es schreit - er steht als Zweitplatzierter im Wettbewerb um die Gunst des Kindes nur daneben. Er steht offensichtlich immer nur als Zuschauer seines eigenen, ihm entgleitenden Lebens daneben; ein Mann, der Versprechen nicht einlöst, Erwartungen mit passiver Aggression beantwortet, loyale Liebe, wie er sie selbst ersehnt, kaum zu geben vermag, wie in der Freundschaft mit der exzentrischen, todessüchtigen Amerikanerin Nelly, deren Geschichte ein großer Teil der Binnenerzählung gewidmet ist. Die Nachricht ihres Freitodes fällt mit Rays Geburt fast zusammen.

Nöte und Misslichkeiten eines zeitgenössischen Mannes

Ralf Bönts Roman über die Nöte und Misslichkeiten eines zeitgenössischen Mannes liegt unter schwarzen Schatten. Er ist ein Leidensbericht, der unwillkürlich ins Larmoyante gleitet und am Ende in eine etwas überforcierte Kriminalgeschichte abbiegt. Denn Marko Kindler entführt den kleinen Ray, tritt mit dem Baby eine Odyssee durch Norddeutschland an und erstickt das Kind schließlich, als ein Hubschrauber ihn aus einem Boot auf der stürmischen Nordsee rettet. Man könnte meinen, Ralf Bönt habe auf keine narrativ dramatische Wendung verzichten wollen, um das Rollendrama eines heutigen Mannes zu illustrieren. Aber die Überzeichnung steht seiner Intention eher im Weg. Die Ansammlung an Tragödien verschiebt Handlung und Hauptfigur ins Irreale.

Ralf Bönt: "Das kurze Leben des Ray Müller", Roman, DVA 2015, 331 Seiten, 19,99 Euro.

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