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StartseiteBüchermarktRandgebiete des Alltags13.12.2004

Randgebiete des Alltags

Lili Fischer: "Hexenplatz”

Im Sauerland, genauer gesagt im Wald in der Nähe von Schmallenberg – Oberkirchen, findet sich ein in alten Quellen verbürgter Hexenplatz. Hier sollen die Hexen getanzt haben zu Beginn des 17. Jahrhunderts und dort sind sie auch verhört und verfolgt worden. Solche Orte gibt es auch anderswo, doch dieser ist zugleich Bestandteil des Waldskulpturenwegs, der die Städte Schmallenberg und Bad Berleburg über den Kamm des Rothaargebirges hinweg miteinander verbinden soll. Namhafte Künstler wurden eingeladen, hier Wegmarken zu setzen, die Eigenart dieser Landschaft und ihrer Geschichte zu betonen. Den Hexenplatz hat Lili Fischer gestaltet. Wer auch sonst hätte es machen sollen.

Von Joachim Büthe

Hexe (AP)
Hexe (AP)

Ich bin seit Jahren zugange in Sachen Feldforschung und Performance über bestimmte Randgebiete des Alltags. Ob das jetzt Inseln sind oder die Geheimnisse des Staubes und die damit verbundenen Besentänze oder die Geheimnisse von Pflanzen im Zusammenhang mit Pflanzenkonferenzen. Da hat sich seit den Achtzigern bei mir ganz viel angehäuft... Und in meinen früheren ethnologischen Studien habe ich schon immer auch mit den Hexenkünsten beschäftigt. Und so war das alles ganz einfach.

Wetterkochen, gleich zu Beginn des Bandes kann man Lili Fischer bei dieser Aktion aus dem Jahr 1987 zusehen und den Schluss bildet ihr Hexenregister, das ihre Skulptur, ihre Installation, einbettet in ihre Besentänze, Dreckschweinfeste, Gewürzpredigten für Pfeffersäcke und Geheimapotheken. Sie hat über Animation promoviert. Mit Zeichentrickfilmen oder mit Touristeninfantilisierung hat das nichts zu tun. Es ist eher ein Erforschen und Erspüren der Seele von Orten und Lebewesen. Das ist der Hexenplatz. Er kann sprechen.

Ich kam im letzten Herbst hier an und war sofort vom Platz begeistert: der Schnitt, die Senke, der Bach ... alles spricht und stimuliert ... Ich sah die Hexen im Tal tanzen... Es ging dann alles ganz schnell: die Hexen brauchten Ofenrohre, um aus ihren unterirdischen Behausungen aufzusteigen; sie brauchten Tore aus ihren Ofen- oder Heugabeln als Zugang zum Platz... Ihr Pferd musste als Wetterfahne dabei sein... Im Tal durfte sonst nichts sein, da sie ja hier tanzen ... Ja und natürlich brauchten sie noch eine Küche, eine Hexenküche ... Sie müssen ja nachts brauen mit Kräutern und Kröten... Die kommen nachts aus den Büchern ... Das sind ja ihre Hilfsgeister! Und was am nächsten Tag geschah, das finden Sie auf der Rückseite von dem Platz ... Da ist der Verhörplatz mit den Protokollen ...

Am Verhörplatz stehen 13 Tafeln mit historischen Dokumenten, eingebrannt in wetterfestes Steingut: Verhör- und Folterprotokolle und eine Kostenberechnung, die belegt, dass auch die übelsten Torturen nicht umsonst zu haben waren und von den Angehörigen beglichen werden mussten. Das ist die bittere Folge des munteren, tatsächlichen oder gedachten, Treibens in der Hexenküche, in der die gezeichneten Hexentiere auf ihren Buchtafeln über den Kessel wachen und in ihn fahren. Was mit den historischen Hexen geschehen ist, kann man nachlesen, was sie getan haben, nur erahnen. Es waren ja ihre Peiniger, die Buch geführt haben.

Waren sie Anhängerinnen eines heidnischen Kultes, die sich nachts zu orgiastischen Festen und Tänzen zusammenfanden, Rebellinnen gegen eine männerdominierte Welt, also so sehen wir das heute. Oder praktizierten sie schlicht Formen bäuerlichen Aberglaubens zur Bewältigung alltäglicher Probleme, wie Krankheiten und soziale Konflikte? Waren sie weise, heilkundige Frauen, die man um Rat und Hilfe bat, die aber auch leicht in Verdacht geraten konnten, wenn ein Unheil eingetreten war? Wir wissen es nicht. Es ist im Grunde genommen ein Stichwort, wo ganz viele Sachen zusammenfließen, menschliche, soziale, religiöse. Die Bücher sind immer so dick und hinterher steht da: Wir wissen es nicht. (Gelächter...)

So bewegt sich Lili Fischers Installation, ihre Bespielung des historischen Hexenplatzes zwischen Rekonstruktion und die Mythen und Bilder aufnehmender Neuerfindung. Eine Bespielung im wörtlichen Sinn hat es zur Eröffnung dieser Waldskulptur auch gegeben: die Performance ist im Buch dokumentiert. Sie bildet, gemeinsam mit dem Ensemble vor Ort und den dazugehörigen Zeichnungen, das Gesamtkunstwerk Hexenplatz. Wer ins Sauerland kommt, möge es sich ansehen und das schöne Künstlerbuch danach erwerben. Wer es nicht in die Gegend schafft, der nehme es als Trost. Denn es tut den Augen wohl, man kann seine Lehren aus ihm ziehen und, wer weiß, sogar noch anderes aus ihm herausschlagen.

Fremden Kühen das Euter leer zu melken: eine Axt in den Türpfosten schlagen und die Milch aus dem Axtgriff melken... Das kommt in ganz viel in Abbildungen vor. Die eine hat irgendeinen Gegenstand in der Hand und holt da was raus. Also irgendwie ist das so ideal! (Gelächter...)

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