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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteCorso"Wenn man die Leute zu Opfern macht, werden sie zu Schlächtern"27.02.2015

Rapper Jo Dalton"Wenn man die Leute zu Opfern macht, werden sie zu Schlächtern"

Der französische Rapper Jo Dalton alias Jérémie Muradas Nado kannte die Attentäter, die am 7. Januar den Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübten. Im DLF sagte er, was für Menschen die Attentäter waren und woher die Wut der jungen Menschen kommt.

Jo Dalton im Gespräch mit Martina Zimmermann

Weiterführende Information

Neue Ausgabe "Charlie Hebdo" - Die Last des Symbols
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 25.02.2015)

Martina Zimmermann: Jérémie alias Jo Dalton, seit dem Attentat sind fast zwei Monate vergangen, gerade ist die zweite Charlie-Nummer der Überlebenden erschienen. Wie empfinden Sie Frankreich derzeit?

Jo Dalton: Frankreich ist noch in Trauer. Die Menschen stehen noch unter Schock. Frankreich, das Land der Menschenrechte, wurde mitten ins Herz getroffen. Dieses Attentat ist das Ergebnis mangelnder Anerkennung, die schon lange andauert. Die jungen Leute sind ohne Orientierung und ohne Identität. Ich finde die Stimmung traurig, mies und erschreckend. Sogar in unseren Vierteln gibt es weniger Kommunikation als vor dem Attentat. Jeder verkriecht sich, ich sehe die Leute nicht mehr wie vor dem Attentat auf der Straße, in den Eingangshallen oder den Läden. Wir sind wie Maulwürfe, die nur aus ihrem Loch kriechen, um Nahrung zu holen.

Zimmermann: Sie sprechen von Orientierungslosigkeit. Sie haben den Attentäter Coulibaly gekannt und einer der beiden Kouachi-Brüder hat bei Ihnen einen Workshop mitgemacht?

Dalton: Als ich den jungen Kouachi auf Bildern als Rapper sah, erinnerte ich mich, dass ich bereits mit ihm und seinen Werken zu tun hatte. Der junge Coulibaly stammt aus Grigny, auch sein Gesicht war mir vertraut. Wir sind alle anfällig für eine Radikalisierung, weil wir uns ständig in Revolte befinden. Gott sei Dank schaffen es viele wie ich auch, nicht in den Strudel der Gewalt zu geraten. Aber wenn die Republik ihren Kindern gegenüber keine Gefühle zeigt, suchen diese Kinder woanders Orientierung.

Zimmermann: Welche Rolle spielt der Rap bei diesem Thema? Ist Rap ein gemeinsames Thema? Kann Rap Botschaften bringen, die Respekt und Zusammenleben ermöglichen?

Dalton: Der Rap heute ist vulgär, predigt Gewalt und Sex. Er repräsentiert nicht mehr das Volk und dessen Alltag. Am Anfang war Rap die Botschaft, die Meinungsfreiheit! Die Rapper waren die ersten Journalisten der Vororte, die Lebensbedingungen dort anprangerten und das System. Wenn die jungen Leute Rap machen, bringen sie ihre Revolte zum Ausdruck, erzählen der Republik von ihrem Unbehagen. Aber ihre Botschaft wird nicht gehört. Man spricht in Frankreich von Meinungsfreiheit wenn es um Charlie Hebdo geht, aber man spricht nicht davon, was dieser junge Coulibaly erlebt hat. Auch ich war mal im Gefängnis und hätte Coulibaly oder Kouachi werden können. Ich wurde für Verbrechen verurteilt, die ich nicht begangen hatte. Coulibaly hatte einen Kumpel, der von Polizisten auf dem Rücksitz eines Autos erschossen wurde. Die Republik hätte diesen jungen Mann begleiten müssen, damit er nicht einen Ausweg in der Radikalisierung sucht.

Die jungen Leute haben heute Internet und können selbst nach der Wahrheit suchen. Und die Wahrheit ist manchmal sehr schwierig. Nehmen Sie meinen Fall: Meine Eltern waren in Zentralafrika Intellektuelle, mein Vater war Abgeordneter, mein Großvater war ein Chef in der Armee, meine Onkel zogen für Frankreich in die Kriege. Der Traum von Frankreich war für meine Familie absolut, ihre Kinder mussten unbedingt in Frankreich studieren. In Zentralafrika wurden Menschen von einem Diktator ermordet. Für mich war der ungebildete Afrikaner das Problem, der sich für einen König hält und Menschen ermordet. Es handelte sich um Bokassa. Das Problem war für mich in Afrika. Aber als ich dann als Jugendlicher sah, was in Frankreich passiert, ethnisch motivierte Polizeikontrollen, willkürliche Verhaftungen ... Ich wuchs mit Ungerechtigkeiten auf und bekam eine Haftstrafe. Dann stellte ich fest, dass der Diktator Bokassa mit Hilfe Frankreichs an die Macht gekommen war! Heute kennen wir unsere Geschichte und wissen wer für unsere Probleme verantwortlich ist. Mit der städtischen Kultur und dem Rap haben wir gezeigt, dass das Zusammenleben möglich ist. Vor dem Rap gab es Kämpfe in den Straßen gegen Skinheads und Neonazis. Der Hiphopkultur ist es zu verdanken, dass die verschiedensten Menschen miteinander in Berührung gekommen sind. Aber inzwischen ziehen sich die Leute in ihre Communities zurück, weil die Republik keine Fortschritte gemacht hat.

"Es darf keinen Unterberuf geben und keine Untermenschen"

Zimmermann: Mindestens seit den 90er-Jahren, zeitgleich mit der Entstehung des Rap in Frankreich, gibt es Organisationen und Gruppen die für die Rechte der Minderheiten kämpfen, für ihre Anerkennung, für ihre Repräsentation. Der Musiker Manu Dibango und die Schriftstellerin Calixte Beyala forderten damals im "Kollektiv für Gleichheit", dass Schwarze nicht nur als Sportler und Rapper gezeigt werden, sondern auch als Journalisten und Politiker etc. Dieser Kampf hat ein paar Früchte getragen. Es gibt das Taubira-Gesetz, das den Sklavenhandel als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkennt, Christiane Taubira ist heute Justizministerin. Es gibt doch ein paar Fortschritte.

Dalton: Was Sie da sagen, ist sehr schlimm. Wir schreiben das Jahr 2015 und Sie reden von ein paar Fortschritten! In den Vereinigten Staaten führte die Bürgerrechtsbewegung zu einem schwarzen Präsidenten, es gibt schwarze Senatoren. Es ist sehr schlimm zu sagen, dass im Land der Menschenrechte im 21. Jahrhundert ein paar Fortschritte stattfanden. Es gibt Taubira, es gibt eine oder zwei Persönlichkeiten, aber zur Kolonialzeit, als mein Vater Abgeordneter im Senat in Frankreich war, gab es mehr schwarze Abgeordnete als heute! Wir haben keinen Fortschritt zu verzeichnen, sondern einen Rückschritt. Wir solltenheute nicht dafür kämpfen müssen, dass unser Anderssein anerkannt wird, sondern dafür, das Zusammenleben zu verbessern.

Zimmermann: Das wollte ich sagen, als Sie mich unterbrachen. Wird die Kluft zwischen den Menschen heute nicht immer größer? Die Schwarzen, die Muslime, die Juden, die Homosexuellen, die Frauen... jeder Kampf wird ein Kampf gegen die anderen. Heute ist doch unser Zusammenleben in Gefahr. Müssen wir nicht irgendwann sagen: Wir wollen miteinander leben - auch gegen die, die das nicht wollen. Es gibt nicht wenige, die nicht mit allen zusammenleben wollen!

Dalton: Das ergibt zwei Mannschaften, wie im Sport. Wenn man zwei Mannschaften hat, schafft man eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Es ist keine Lösung, diejenigen die zusammenleben wollen gegen die aufzuhetzen, die das nicht wollen. Denn dann haben wir einen Konflikt. Aktion und Reaktion, das ist wie Linksextreme gegen Rechtsextreme. Die Republik muss Regeln und Gesetze und Reformen einführen, die für jeden gelten, egal aus welcher Schicht er stammt. In amerikanischen Filmen werden Feuerwehrleute oder Arbeiter zu Helden. In Frankreich bringt man den Kindern schon in der Schule bei, dass sie ihr Leben verpfuscht haben, wenn sie nicht Arzt werden oder Ingenieur. Ein Müllmann ist nichts wert. Das Kind wächst mit dieser Neurose auf und will sich an der Gesellschaft rächen. Es will kein Müllmann sein, aber an den Vorteilen der modernen Gesellschaft teilhaben: Ein schönes Auto fahren, viele Euros in der Tasche haben und auf den Champs Elysees einkaufen. Als Müllmann kann es das nicht und gilt außerdem als Niemand, also wird es als junger Mensch Drogen verkaufen. Wenn sein Traum im Gefängnis endet, bleibt nichts mehr, dann ist er ganz unten. Und dann kommt der Weg der Radikalisierung. Es darf keinen Unterberuf geben und keine Untermenschen!

Zimmermann: Sie unterrichten jeden Nachmittag Kinder in Sport oder Rap. Was machen Sie mit denen, um zu vermeiden, dass sie Terroristen werden?

Dalton: Wenn man sie zu Opfern macht, dann macht sie das nur noch zerbrechlicher. Sie müssen sich geliebt fühlen. Das tue ich in meinem Unterricht. Ich gebe Liebe. Alle jungen Leute, die da kommen, werden zu meiner Familie. Ich interessiere mich für sie, sie interessieren sich für mich und wir werden eine große Familie. Dann gibt es keine Kluft mehr zwischen Kulturen oder Religionen. Man sieht nicht mehr, ob der andere Jude ist oder Moslem, ich kann mit meinen Schülern über alles reden, ohne Tabu. Aber wenn man die Leute zu Opfern macht, werden diese zu Schlächtern.

 

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