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Rassenforschung in Südwestafrika

Humboldt-Universität Berlin präsentiert Klangdokumente auf Wachswalzen

Von Frank Hessenland

Rassenforschung war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs akzeptiert.
Rassenforschung war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs akzeptiert. (picture alliance / dpa / epa Nic Bothma)

Die Rassenforschung fand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der westlichen wissenschaftlichen Welt eine breite Basis. Bisher nie übersetzte Tonaufnahmen bilden nun das Zentrum der Ausstellung "Was wir sehen" an der Humboldt Universität in Berlin.

Es sind Stimmen aus einer anderen Zeit, die uns in den Ausstellungsräumen der philosophischen Fakultät der Humboldt Universität entgegen schallen.

"Ja, guten Tag, guten Tag. Ich habe Probleme, aber ich grüße euch! Bitte verschont mich. Ich habe Schwierigkeiten, aber ich lebe. Und ich bin dankbar am Leben zu sein, auch wenn es schwer ist."

Afrikanische Stimmen aus der ehemaligen Kolonie Südwestafrika, aufgenommen von einem rassenkundlichen Reisenden, Hans Lichtenecker, der gar nicht verstand, nicht verstehen wollte, welche Kolonialkritik seine Gegenüber ihm auf die Wachswalze sprachen. Lichtenecker sah in ihnen nur letzte Dokumente aussterbender Völker.

"Ich schreie nur, wie ein Hund im Fangeisen. Die 13 Kühe, die ich hatte, wurden mir mit Gewalt genommen. Die fünf Pferde, die ich hatte, wurden mir weggenommen. Die fünf Stiere, die ich hatte, wurden mir weggenommen. Der Hund, der bei mir war, starb an der Dürre. Jetzt stehe ich da, mit leeren Händen. Ich habe Hunger, ich kann nichts tun"

In zweijähriger Forschungsarbeit hat die Afrikanistin Anette Hoffmann der Universität Kapstadt die Depots der ethnologischen und phonographischen Sammlungen aus Südafrika, Namibia, Berlin und Wien durchforstet. Gestoßen war sie auf Archive eines mit guten Gründen abgestorbenen westlichen Wissenschaftszweiges: der mit rassistischen Annahmen begründeten Völkerkunde. Diese Sammlungen haben heute noch grausige, koloniale Musealien im Bestand: ausgestopfte Menschenköpfe, Skelette von Hingerichteten, konserviert als Beispiele von Typen unterlegener Rassen, dazu triumphierende Tagebücher der Sammler. Hoffmann war von dem Material fasziniert und abgestoßen zugleich. Sie entschied sich dafür, die Sammlung des Reisenden Hans Lichtenecker zu bearbeiten.

"Es sind Massen von anthropometrischen Messmaterialien, Fotografien und Abformungen produziert worden. Die Museen sind voll davon. Genauso, wie sie voll von menschlichen Überresten sind. Es gibt unglaubliche Mengen von rassenkundlichem Material. Das Besondere an dieser Sammlung ist, dass es Tonaufnahmen gibt, wo diejenigen, die abgeformt sind, darüber sprechen. Das haben sie nie."

Lichtenecker, ein Romantiker der Rassenkunde, war 1931 in die ehemalige deutsche Kolonie gefahren und hatte sowohl Gipsabformungen menschlicher Köpfe als auch Tonaufnahmen ihrer Besitzer gemacht. Hoffmanns Ausstellung ["Was wir sehen" in der Humboldt Universität] präsentiert die damalige Technik der Materialaufnahme und kontrastiert sie mit den Übersetzungen der Sprachaufzeichnungen, die durchaus anklagend sind. Sie versucht damit, den Afrikanern ihre individuelle Identität und Geschichte wiederzugeben und hat entsprechend recherchiert. Hoffmann will den Besucher dabei vor der unmittelbaren Konfrontation mit der Wissenschaftsgeschichte bewahren. So, als wäre das Berliner Publikum noch heute anfällig für rassistische Vorurteile, stellt sie nur reproduzierte Fotografien und Tonaufnahmen aus, nicht aber die originalen Gipsmasken etwa.

"Es gibt kein Spektakel, insofern, als dass wir die Gesichtsabformungen und das rassenkundliche Material weggelassen haben. Keine Haarproben in Briefumschlägen. Das Maskenmachen wurde als beleidigend empfunden und es war auch dazu da, Leute als Rassentypen abzubilden und nicht als Individuen. Und ich denke die bilden auch keine Menschen ab, sondern Typen, Rassentypen und die Masken wiederaufzuhängen, ist die Wiederholung davon. Das erste, was passiert, wenn man die Masken wiederaufhängt, ist, dass man zeigt, dass man sie wiederaufhängen kann."


Leider verzichtet die Ausstellung auch auf eine genauere Beschreibung der Lebensumstände der Befragten. Ob sie nun wegen der Hungersnot, wegen der Dürre, der Weltwirtschaftskrise, der ehemaligen deutschen oder der südafrikanischen Kolonisierung klagen, wird nicht diskutiert. Dennoch könnte der Forschungsansatz einen Stein ins Rollen bringen: Annette Hoffmann und ihre Förderer vom Zentrum Moderner Orient in Berlin wünschen sich mehr Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte der rassistischen Depots in Europa. Sie wünschen sich einen internationalen Dialog und dass die Gebeine Verstorbener zurückgegeben werden.

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